I. Einleitung 3
II. Die ideologischen Ursprünge 4
1. Die Action française 4
2. Die Werte der Nationalen Revolution 5
3. Sammelsurium weltanschaulicher Konzeptionen 6
4. Das „neue Frankreich“ 8
III. Die Nationale Revolution 9
1. Die Gründung des État français 9
2. „Frankreich den Franzosen“ 10
a) Staatlicher Antisemitismus 11
b) Verbot von „Geheimgesellschaften“ 12
c) Der Ausländer als Sündenbock 13
3. Schaffung einer Gemeinschaft der Franzosen 14
a) Travail 14
b) Famille 15
c) Patrie 16
4. Formung der Jugend 17
a) Schulpolitik 17
b) Chantiers de la jeunesse 18
c) Eine Vielzahl Jugendorganisationen 19
5. Die Kirche 19
6. Wirtschaftspolitik 20
a) Die Bürde des Waffenstillstands 20
b) Eine dirigistische Kriegswirtschaft 21
7. Die Staatsverwaltung 22
8. Die Justiz 23
9. Repressionsmaßnahmen 24
a) Ein Polizeistaat 24
b) Meinungskontrolle 25
IV. Schluss 26
V. Literaturverzeichnis 28
2
I. Einleitung
Die schnelle Niederlage im Krieg mit Deutschland im Mai und Juni 1940 hatte Frankreich zutiefst erschüttert. Die Ursache für das militärische Debakel war schnell gefunden: die Dritte Republik. Marschall Philippe Pétain, der hoch-dekorierte Veteran des Ersten Weltkriegs und schon bald die mit umfangreichen Kompetenzen 1 ausgestattete Zentralfigur des Vichy-Regimes, tat offen seine Meinung über diese Republik und seiner linken Regierung kund, als er sie als „verdorben, zu erneuern, abgenutzt und schon vor der Geburt veraltet“ 2 bezeichnete. 3 Die Lösung war der politische als auch ideologische Gegenentwurf des État français, der mittels einer „Révolution nationale“, einer „Nationalen Revolution“ 4 errichtet werden und der ganz im Zeichen rechter und autoritärer Regime stehen sollte, von denen es in Europa immer mehr gab und die E rfolg auf Erfolg für sich verbuchen konnten. 5 Doch was waren die Bestandteile dieser „Kulturrevolution“, mit der der Sieger von Verdun die Franzosen wieder „moralisch und intellektuell“ 6 erstarken lassen wollte und woher nahm sie ihre Werte?
Um diese Fragen zu klären, werden in der Arbeit zuerst die Ursprünge der Ideologie des État français beschrieben, um daraufhin die Umsetzung dieser
1 Nach den Erinnerungen von Pétains Kabinettschef Henri du Moulin de Labarthète war der
Marschall nicht wenig stolz, „mehr Macht auf sich zu vereinen, als Ludwig XIV. je gehabt
hatte“; vgl. JÄCKEL, Frankreich in Hitlers Europa, S. 85.
2 Pétain zit. nach BARUCH, Das Vichy-Regime, S. 28.
3 Paul Baudouin, Außenminister von Vichy bis Oktober 1940, argumentierte in einem Artikel in
Le Temps am 19. Juli 1940 in ähnlicher Weise: „Die totale Revolution in Frankreich wurde
vorbereitet durch zwanzig Jahre der Unsicherheit, Unzufriedenheit, Abscheu und latenter
Empörung [...] Der Krieg hat den Abszess aufgebrochen.“; übers. und zit. nach PAXTON,
Vichy France, S. 136.
4 Pétain bevorzugte jedoch die Bezeichnung „Kurswechsel“ oder „Erneuerung“; vgl. AZÉMA, Le
régime de Vichy, S. 160.
5 Vgl. dazu die Argumentation von Eric Hobsbawm, der die liberalen Institutionen in der
Zwischenkriegszeit ausschließlich von der politischen Rechten bedroht sah; in HOBSBAWM,
Das Zeitalter der Extreme, S. 146-147.
6 AZEMA, Le régime de Vichy, S. 160.
3
Werte innerhalb der Nationalen Revolution darzustellen. Im einze lnen stellt die Arbeit die als am bedeutsamsten erachteten Bereiche dieser antizipierten Umformung der französischen Gesellschaft dar, ohne aber auf Teilgebiete detaillierter einzugehen, da das Ziel ein deskriptiver Überblick über die Thematik ist. Obgleich sich die Forschung der Nachkriegszeit zunächst hauptsächlich auf das für Frankreich rühmlichere Kapitel des Widerstandes konzentrierte, schaffte der amerikanische Historiker Robert O. Paxton 1972 mit seinem Werk „Vichy France - Old Guard and New Order“ einen Durchbruch hinsichtlich einer von der breiteren Öffentlichkeit in Frankreich rezipierten kritischeren Interpretation des Vichy-Regimes. 7 Paxtons Werk liefert unter anderem umfassenden Einblick der Projekte des État français und liegt daher auch d ieser Arbeit zugrunde. Aus der L iteraturliste sind darüber hinaus besonders die Arbeiten von Jean-Pierre Azéma herauszustellen, der zusammen mit François Bédarida, Pascal Ory oder Serge Klarsfeld maßgeblich an der systematischen Aufarbeitung der französischen Historiografie der Vichy-Zeit beteiligt war.
II. Die ideologischen Ursprünge
1. Die Action française
Bevor die Nationale Revolution des Vichy-Regimes näher beleuchtet wird, müssen die Ursprünge dieser ideologisch durchsetzten Erneuerungs bewegung geklärt werden und die zentralen Werten, die dessen Philosophie inspirierten. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Schriftsteller, Journalist und Politiker Charles Maurras. Er war Mitbegründer und Chefideologe 8 der Action francaise 9 , einer nationalistischen und royalistischen
7 ZIELINSKI, Staatskollaboration, S. 13.
8 Pierre Gaxotte schrieb in „L’Agenda de la France Nouvelle“ über Maurras: „Demain on lira
Maurras dans toutes les écoles et les enfants réciteront des pages écrites par lui comme ils
récitent du Racine et du Bossuet. Il restera pour nous le Mâitre qui a retrouvé les grandes lois
qui font les États prospères et puissants. C’est à ces principes [...] que la France demande
aujourd’hui le salut.“ Vgl. WORMSER, Les origines doctrinales de la „Révolution nationale“,
S. 27.
4
Bewegung der extremen Rechten, benannt nach dem gleichlautenden Titel der Zeitschrift, die Maurras herausgab. 1899 gegründet und vor dem Ersten Weltkrieg von großem Einfluss, verlor die Action française nach der Verurteilung durch den Vatikan 1926 10 in Frankreich zugunsten der auf dem rechten polit ischen Flügel neu entstehenden Ligen an Einfluss. Trotzdem hatte die Bewegung eine ganze Reihe von Vertrauten des Staatschefs Pétain beeinflusst 11 , wie zum Beispiel Pétains politischen Mentor Raphaël Alibert oder seinen Berater René Gillouin. Das Ziel dieser Männer war klar: Sie wollten das „neue Frankreich“ 12 nach dem Modell einer ständischen, ländlichen und katholischen Gesellschaft aufbauen. Nach dieser Vorstellung schufen sie eine neue Ordnung, gegründet auf dem Fundament alter Ideale. 13
2. Die Werte der Nationalen Revolution
Das Regime übernahm von der Action und den Ideen Maurras´ die vehemente Ablehnung jedes aufklärerischen, individualistischen und egalitären Gedankenguts. Gegen die Aufklärung war man, da der Intellektualismus zu einer Erziehung auf der Basis der Vernunft führte - so wie die Republik sie begriff. Er wurde als das tödliche Gift angeprangert, an dem Frankreich fast zugrunde gega ngen wäre. Die Kritik wandte sich gegen den Individualismus: „Da er sich hartnäckig gegen alle sozialen Gruppen richtet, in denen der Mensch lebt und wirkt, kann der Individualismus niemals kreativ sein“, sagte Pétain. Im gle ichen Geist wurde der „unnütze Egalitarismus“ als eine rein abstrakte Idee abgelehnt,
9 Zur Genese und Bedeutung der Action francaise um die Jahrhundertwende, siehe COBBAN,
Frankreich von Ludwig XIV. bis de Gaulle, S. 580-585. Zur Ideologie, gesammelt in der
Schrift „Enquête sur la Monarchie“, siehe WORMSER, Les origines doctrinales de la
„Révolution nationale“, S. 31-62.
10 Papst Pius XI., bemüht um internationale Versöhnung, wollte gegen die Bewegung vorgehen,
der er Antisemitismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit vorwarf und die für ihn ein Ver-
hinderer französisch-deutscher Entspannung war; vgl. COBBAN, Frankreich von Ludwig XIV.
bis de Gaulle, S. 627.
11 Vgl. HOFFMANN, Decline or renewal?, S. 10-13.
12 „La France nouvelle“: Auch der Buchtitel einer Sammlung wichtiger Mitteilungen Marschall
Pétains, die 1941 in Frankreich erschien; vgl. AZÉMA, Le régime de Vichy, S. 155.
13 BARUCH, Das Vichy-Regime, S. 44-45.
5
da es „nicht mehr länger reicht, Stimmen zu zählen, da manche Stimmen mehr wiegen müssen als andere“ 14 . Er sei ohne Verbindung zur natürlichen Ordnung, die nach Führern verlange, und diese sollten durch rigorose Auswahl innerhalb der Eliten hervorgehen. Mit dem Egalitarismus wurde in Vichy auch das aus der Aufklärung stammende Politikmodell verteufelt, das auf der Idee der Vertretung des souveränen Volkes durch in allgemeinen Wahlen gewählte Abgeordnete gründete. Im Rahmen der Umsetzung der Nationalen Revolution sollte das Regime diese „falsche Gleichheit“ 15 kritisieren sowie seine verfassungsmäßige Umsetzung, den Parlamentarismus anprangern, der zugleich als Diktatur der Masse auf Kosten der natürlichen Eliten und als Triumph der Einzelinteressen über das Allgemeinwohl dargestellt wurde. Die Vorstellungen Maurras’ fanden sich in Vichy auch in der Auffassung vom nationalen Territorium wieder, das auf den beiden Gegensatzpaaren Verwurzelung im Heimatboden gegenüber der korrumpierenden Stadt bzw. „kleines Vaterland“ gegenüber dem Pariser Zentralismus gründete. Daher rührte die immer wiederkehrende Verherrlichung des Landlebens in den Reden Pétains: die Metapher der vom Hagel verwüsteten Ernte, die Hervorhebung der ewigen Ordnung der Felder oder die Huldigung an die sich regenerierende Erde. 16
3. Sammelsurium weltanschaulicher Konzeptionen
Die Nationale Revolution griff nicht allein auf die Action francaise als ideologische Quelle zurück, obgleich viele Autoren versucht haben, Vichy auf importiertem Nazismus oder der Ideologie Maurras’ zu reduzieren. Tatsächlich flossen unterschiedlichste Einflüsse und viele widersprüchliche Ideen von zahlreichen Gruppen 17 , die in der zweiten Jahreshälfte 1940 Zugang zur Macht bekamen, in die Ideologie Vichys, dem sogenannten „Pétainismus“, mit ein. Die
14 Pétain übers. und zit. nach AZÉMA, De Munich à la liberation, S. 79.
15 Pétain übers. und zit. nach AZÉMA, Le régime de Vichy, S. 166.
16 Ibid., S. 160-168.
17 Wie der „Croix de Feu“, der „Feuerkreuzverband“ von Colonel La Rocque oder das sozial
engagierte Christentum; vgl. HOBSBAWM, Das Zeitalter der Extreme, S. 164.
6
Action gehörte lediglich zu den einflussreichsten Bewegungen. Gemeinsam war all diesen Gruppen der Vorrang, den sie der „Ordnung“ einräumten, die bis zum Schluss eine der zentralen Obsessionen des Regimes bleiben sollte, auch wenn sich hinter diesem Wort sehr unterschiedliche Auffassungen verbargen. Alle glaubten an die natürliche Harmonie der Klassen, vorausgesetzt, Agitation dagegen würde verhindert. In einer gewaltsamen Befreiung vom Besatzer sahen sie mehr eine Gefahr als Hoffnung. Die Gemeinsamkeiten ermöglichte es den verschiedenen Richtungen trotz aller Gegensätze zusammenzuarbeiten und sich um die zentralen Punkte des integralen Katholizismus, napoleonischen Zentralismus, konzentriertem Kapitalismus und Zwang zu sammeln. 18
Aus den verschiedenen Quellen entstand letztlich ein Regime, welches dem von Diktator Oliveira de Salazar näher stand als jenem von Mussolini, ein Regime, dessen Vorbilder der Nostalgie für ein vorindustrielles, wohlgeordnetes Frankreich entsprangen, das 1940 bereits nicht mehr existierte. Vichy verehrte den Offizier, der ein Garant für nationalen Charakter sein sollte, den nährenden Bauern und den schaffenden Handwerker, denen man die Unproduktivität des Rentners, das Parasitentum des Beamten und das mechanische Funktionieren des Arbeiters gegenüber stellte. 19 Das Wirtschaftsmodell des État français wandte sich gegen jede Art von „laissez- faire-Kapitalismus“, der als schädliches und importiertes „ausländisches Produkt“ angesehen wurde, gegen den Frankreich sich nunmehr wende. 20 Demnach war Pétainismus vor allem eine Sammlung politisch rechter Ideen der Vergangenheit, gehüllt in ein Kleid entliehen aus den dreißiger Jahren. Sein grundsätzlicher Pessimismus, salbungsvoller Moralismus und anti-demokratischer Elitismus, als auch der Umbau der Gesellschaft mit dem Augenmerk auf Organisiertheit und sein defensiver, nach innen gewandter Nationalismus waren tiefgreifend reaktionär. Pétainismus war eine Mischung verschiedener Ideologien, die am Ende des 19. Jahrhunderts
18 PAXTON, Vichy France, S. 141-142.
19 BARUCH, Das Vichy-Regime, S. 48.
20 Marschall Pétain: „La Politique sociale de l’avenir“ in Le Temps am 20. September 1940;
vgl. PAXTON, Vichy France, S. 141.
7
entstanden und aufgeblüht waren. 21 Aufgrund dieser Tatsachen wird klar, dass trotz aller gegenteiligen Aussagen nach dem Krieg die Nationale Revolution nicht das Projekt Hitlers gewesen war. Die Nationale Revolution sagt vielmehr etwas über Frankreich aus, nicht aber über Deutschland. Sie war der Ausdruck eines tief innewohnenden Wunsches nach Veränderung, Reform und Abrechnung mit der alten Republik, der in den 1930er Jahren aufgekommen war und dessen Ve rwirklichung durch die Niederlage erst möglich wurde. 22
4. Das „neue Frankreich“
Das Gewicht dieser Einflüsse war während der gesamten Dauer der Nationalen Revolution von Bedeutung. Uneinigkeit bestand innerhalb des Regimes darüber, wie die Vision eines neuen Frankreich in die Tat umgesetzt werden sollte. Zwei Pole standen sich gegenüber: Die eine Seite waren Techniker der Überzeugungskunst, die durch Massenaufmärsche, Jugend- und Veteranenbewegungen, Zeremonien und sentimentale Propaganda ihr Ziel erreichen wollten. Auf der anderen Seite standen jene, welche an die Realisierung der Pläne nur mit Hilfe einer verstärkten Polizeimacht und restriktiven Justiz glaubte. Diese gegensätzlichen Ansichten blockierten sich letztlich jedoch nicht, denn trotz der unterschiedlichen Auffassungen hatte man gemeinsame Feinde und Ideale. Zur gleichen Zeit, da man den Staat restaurieren wollte, machte man sich in der Nationalen Revolution daran, das neue Frankreich aufzubauen: ein geeintes Frankreich durch Ausgrenzung der zahlreichen Elemente der Zwietracht, die das R egime ausgemacht hatte. Der von Pétain beschworene „Geist der Genusssucht“ 23 als auch der Klassenkampf und jene, „vom internationalen Kapitalismus und internationalen Sozialismus“ verseuchten Gruppen sollten verschwinden. Die „wahren und natürlichen Hierarchien“ wurden propagiert, die ein in natürlichen G emeinschaften organisiertes
21 AZEMA, De Munich à la liberation, S. 80.
22 PAXTON, Vichy France, S. 143.
23 Pétain in seiner Ansprache an das französische Volk am 20. Juni 1940; AZÉMA, Vichy, S. 224.
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Stefan Meingast, 2003, La Révolution nationale - Werte und Umsetzung der Ideologie des État français, München, GRIN Verlag GmbH
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