1. Inhalt
2. Einleitung 3
3. Forschungsüberblick 5
4. Mensch-Tier-Kommunikation 8
4.1 Die Soziologische Systemtheorie 8 4.1.1 Systeme 9 4.1.2 Soziale Systeme 14
4.2 Psychologische Interpretation des Kommunikationsbegriffs 15
4.2.1 Anschlusskommunikation 17 4.2.2 Beispiel 18 4.2.3 Kritik 20
4.3 Bewusstsein als Voraussetzung für Kommunikation 23
4.4 Kommunikation ohne Subjekte 27 4.4.1 Soziale Adresse 28 4.4.2 Krisenfälle 35 4.4.3 Fazit 40
4.5 Humanistische Tradition und soziale Systemtheorie 42
5. Resümee 45
6. Literatur 49
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2. Einleitung
Mensch-Tier-Beziehungen sind in der Soziologie ein bisher vernachlässigtes Forschungsgebiet. Dies hängt unter anderem mit einer Anthropolisierung der Soziologie zusammen, die zu einer Ausklammerung anderer Lebewesen führt. Man kann jedoch nicht leugnen, dass Mensch-Tier-Beziehungen in der Gesellschaft eine zunehmende Rolle spielen. Während im Mittelalter die Mensch-Tier-Beziehung hauptsächlich von wirtschaftlichem Nutzen geprägt war, haben sich Haustiere mittlerweile mehr und mehr in private Haushalte gedrängt. Es gestaltet sich eine anders geartete ‚Variante’ von Zusammenleben, von sozialen Beziehungen.
Diese Arbeit im Rahmen des ersten Staatsexamens für das Lehramt der Sekundarstufe I soll einen Beitrag zur Analyse von Mensch-Tier-Beziehung leisten, und zwar mit einem Zugriff über Kommunikation.
Zunächst soll ein Forschungsüberblick zeigen welche Art von Untersuchungen es bisher zu diesem Thema bereits gibt.
Die Fragestellung der Arbeit beinhaltet eine äußerst vorsichtige Formulierung, welche die Beteiligung von Mensch und Tier an Kommunikation betrifft. Der Grund dafür liegt in der von NIKLAS LUHMANN 1 geprägten soziologischen Systemtheorie. Daher wird sich ein großer Abschnitt dieser Arbeit mit einem Überblick über die Systemtheorie beschäftigen.
1 Vgl. als theoretische Grundlage LUHMANN 1984.
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Dabei wird u. a. auch der Frage nachgegangen, wie soziale Systeme (also auch die Soziologie als Wissenschaft) beobachten, um eine Antwort auf die Fragestellung zu entwickeln.
Der theoretische Hintergrund soll einen Überblick verschaffen, um den Begriff der ‚Kommunikation’ einzuordnen, da dieser im darauf folgenden Teil der Arbeit erläutert werden soll. Es werden verschiedene Interpretationen des LUHMANN’schen Kommunikationsbegriffs vorgestellt, um die Problematik, die mit der ‚subjektlosen’ Kommunikation einhergehen, aufzuzeigen. Dabei soll sich herausstellen, in wieweit man von ‚Mensch’ und ‚Tier’ als Kommunikationsbeteiligte sprechen kann, und welche Rolle das Bewusstsein für Kommunikation spielt. Vor allem wird dabei untersucht, ob Tiere als Teilnehmer an Kommunikation überhaupt in Frage kommen, und welche Probleme dabei auftauchen.
Wenn Kommunikation zwischen Mensch und Tier möglich sein sollte, dann wäre die nächste Frage, was dieses für soziale Systeme bedeutet. Gehören Tiere zum jeweiligen System dazu, oder eben nicht weil sie keine Menschen sind? Zusammenhänge dieser Art sollen ebenfalls durchleuchtet werden.
Aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen wird ein kurzer Vergleich zu anderen (älteren) soziologischen Theorien hergestellt, um nach Veränderungen zu suchen. Zu welchen Ergebnissen gelangt man bei der Untersuchung von Mensch-Tier-Kommunikation, wenn man diese mit der Soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann betrachtet? Wie stellen sich andere Theorien im Gegensatz dazu dar?
Letztlich wird ein zusammenfassender Überblick vorgelegt, der die Antwort auf die Fragestellung dieser Arbeit beinhalten soll.
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3. Forschungsüberblick
Bisher waren Mensch-Tier-Beziehungen ein vernachlässigter Bereich der Soziologie. Nur wenige Wissenschaftler publizierten bisher zu diesem Thema.
1931 wurde „Das Tier als Geselliges Subjekt“ von T. GEIGER 2 veröffentlicht. Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage nach echten interspezifischen Sozialbeziehungen zwischen Mensch und Tier. Das Ergebnis GEIGERS lautet, dass die praktische Voraussetzung für interspezifische Sozialbeziehungen generell möglich sind, allerdings ist „die praktische Voraussetzung für ihr wirksam werden (...), dass die Partner einander gegenseitig als Du evident seien.“ 3 G. TEUTSCH 4 publizierte 1975 den Aufsatz „Soziologie und Ethik der Lebewesen“ der als Vorschlag diente, nicht in Bereiche wie Human-, Tier- und Pflanzenwelt zu unterteilen, sondern die Beziehung aller Arten zu betrachten. R. E. WIEDEMANN ist Autor des Buches „Die Tiere der Gesellschaft“. 5 Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen tierethische Aspekte des Zivilisationsprozesses. Der Titel seines zweiten Buches zu diesem Themenkomplex lautet: „Tiere, Moral und Gesellschaft. Grundzüge einer soziologischen Theorie der Mensch-Tier-Beziehung.“ 6 Eine Nachfrage beim Verlag ergab jedoch, dass das Erscheinungsdatum des Buches bis dato unbekannt ist.
Zum Thema der Mensch-Tier Beziehung innerhalb der Soziologie hat B. MÜTHERICH 7 im Rahmen der Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik eine Studie verfasst, die sich mit der Problematik des Themas befasst. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Frage, warum Mensch-Tier-Beziehungen in der klassischen Soziologie so nahezu gar nicht vorkommen, dabei setzt sie sich mit MAX WEBER, KARL MARX und der Frankfurter Schule auseinander.
2 Vgl. GEIGER 1931.
3 GEIGER 1931, S. 283.
4 Vgl. TEUTSCH 1975.
5 Vgl. WIEDEMANN 2002.
6 Das Buch soll unter folgendem Titel im VS Verlag erscheinen: WIEDEMANN, REINER E.: Tiere, Moral und Gesellschaft. Grundzüge einer soziologischen Theorie der Mensch-Tier-Beziehung.
7 Vgl. MÜTHERICH 2004.
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Die Frage ist vor dem Hintergrund interessant, da die Soziologie mit dem Verzicht der Beschäftigung mit dem aufschlussreichen Sozialleben anderer Lebewesen eine fachliche Abschottung vollzogen hat.
MÜTHERICH fasst zusammen, dass sich die Soziologie seit ihrer Frühphase allenfalls mit Wiederspiegelungen des Phänomens Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt, sie jedoch keinesfalls als eigenständiges soziales Phänomen begreift. 8 MÜTHERICH führt aus, dass die Soziologie damit eine ursprünglich theologische Vorstellung verwissenschaftlicht, nämlich die der prinzipiellen Kluft zwischen Menschen und anderen Lebewesen. 9 Auch die Theorien MARX und WEBERS bieten für Mensch-Tier-Beziehungen keinen Zugang, sie untersuchen ausschließlich innerhumane Kontexte. 10
Die Frankfurter Schule beschäftigt sich mit Mensch-Tier-Beziehungen vor allem unter dem Aspekt der „ ...Erforschung und Kritik inhumaner Herrschaftsstrukturen...“ in der Verbindung „ ...mit der Analyse des gesellschaftlichen Gewaltverhältnisses gegenüber Tieren und der Beherrschung der Natur.“ 11 Zudem liefert MÜTHERICH in ihrem Buch auch ideen- und kulturgeschichtliche Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung.
Von den o.g. Autoren haben sich zwar alle mit einer Soziologie der Mensch-Tier-Beziehung befasst, aber niemand hat sich explizit mit Mensch-Tier-Kommunikation auseinandergesetzt. Bei Nachforschungen zu diesem speziellen Thema stößt man nur auf einen Namen; D. JANSHEN. Sie ist Direktorin des Kollegs für Geschlechterforschung der Universität - GH Essen, und hat laut Forschungsbericht der Universität an einer Untersuchung zum Thema „Mensch-Tier-Kommunikation in der modernen Zivilisation“ 12 gearbeitet. Es sollten auf der Grundlage einer qualitativen Erhebung die Vielfalt der Beziehungsaspekte von Mensch und Tier analysiert werden.
8 Ausnahmen bilden die erwähnten Texte von GEIGER 1931 und TEUTSCH 1975.
9 Vgl. MÜTHERICH 2004, S. 210.
10 Vgl. MÜTHERICH 2004, S. 211-215.
11 MÜTHERICH 2004, S. 217.
12 Vgl. UNIVERSITÄT - GH ESSEN (o. J.)
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Eine Veröffentlichung der Ergebnisse war für Ende 1999 vorgesehen, doch eine Nachfrage am Kolleg hat ergeben, dass die Ergebnisse bis heute nicht veröffentlicht wurden.
Probleme anderer Art gab es mit einem Aufsatz von JANSHEN 13 , der in der Zeitschrift „Animal“ erschienen ist. Eine Zeitschrift dieses Namens war auch mit Hilfe der Universität - GH Essen nicht mehr aufzufinden.
Ein weiterer Aufsatz von JANSHEN 14 liegt allerdings vor: „Frauen, Männer und dann auch noch Tiere. Zur kulturellen Integration des „Animalischen“.“ Darin beschäftigt die Autorin sich mit dem Gesichtspunkt der Reintegration von Körperlichkeit und Geschlechtsidentität im Bezug auf Mensch-Tier-Kommunikation, sowie der kulturellen Bedeutung des industriegesellschaftlichen Umgangs mit Tieren. D. h., dass JANSHEN sich mit ihren Untersuchungen in einem Rahmen bewegt, der die Entwicklung und Veränderung kultureller Sinn- und Wertesysteme erfasst. Die vorliegende Arbeit soll sich jedoch mit der Kommunikation selbst, also ihrer ‚Produktion’ und ihrem elementaren Zusammenhang mit sozialen Systemen beschäftigen. Darum ist die Beschäftigung mit der LUHMANN’schen Systemtheorie unerlässlich. Erst dann kann, von ihr ausgehend, von der Kommunikation auf die ‚Teilnehmer’ geschlossen werden. In diesem systemtheoretischen Zusammenhang tauchen bei P. FUCHS 15 Tiere als kommunikative Adressen auf, dies jedoch auch nur beispielhaft am Rande seiner Arbeiten.
13 Der Literaturangabe des Aufsatzes lautet: JANSHEN, DORIS: Mensch-Tier-Kommunikation. Zur Vergesellschaftung des Tieres. In: Animal, H. 7, München, 1996.
14 Vgl. JANSHEN 1996.
15 Vgl. FUCHS 1996, S. 117 und 1997, S. 68.
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4. Mensch-Tier-Kommunikation
Dieses Kapitel soll zunächst einen Überblick über die soziale Systemtheorie von N. LUHMANN darstellen. Dazu werden als erstes die drei für die Systemsoziologie relevanten Arten von Systemen vorgestellt. Im Anschluss wird dann der Schwerpunkt auf die Besonderheiten des sozialen Systems gelegt.
Danach wird Kommunikation mit verschiedenen Analyseansätzen im Mittelpunkt, um die Komplexität, aber auch die Problematik des Begriffs zu erläutern. Dabei soll sich auch das Verhältnis von Bewusstsein und Kommunikation klären. Im Anschluss werden die verschiedenen Begrifflichkeiten auf Mensch-Tier-Kommunikation übertragen, dabei wird die Bezeichnung der sozialen Adresse eine umfangreiche Rolle spielen.
Am Ende des Kapitels wird ein Vergleich mit anderen Betrachtungsweisen der Soziologie hergestellt.
4.1 Die Soziologische Systemtheorie
Aufgrund der Komplexität der sozialen Systemtheorie von LUHMANN, kann in diesem Kapitel lediglich ein Theoriegerüst abgezeichnet werden, so dass die folgenden Interpretationen des Kommunikationsbegriffs in einem größeren Zusammenhang eingeordnet werden können, und nicht frei umherschwirren. Denn die Kommunikation, ihre Regeln und Besonderheiten sind auch abhängig davon, in welchem Rahmen sie stattfinden.
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4.1.1 Systeme
Es gibt drei verschiedene Arten von Systemen, die für die Systemsoziologie relevant sind:
• Biologische Systeme
• Soziale Systeme
• Psychische Systeme
Für alle drei trifft zu, dass sie existieren, weil sie operieren. Biologische Systeme operieren, indem sie leben, psychische Systeme führen Bewusstseinsprozesse durch, und soziale Systeme kommunizieren. 16 Auffallend ist an dieser Stelle, dass nicht der ‚Mensch’ als Ganzes als ein System betrachtet wird.
Zum Begriff des Systems ergänzt sich der Begriff ‚Umwelt’. Jedes System besitzt eine eigene Umwelt. Unerheblich davon, ob es biologisches, psychisches oder soziales System ist. Dabei ist für jedes System die Umwelt anders. 17 Da die ‚Welt’ nur als unerreichbarer Horizont gesehen wird, kann sie nur teilweise als ‚Umwelt’ des Systems beobachtet werden. 18
Für eine Makrele (biologisches System) im Meer ist beispielsweise das Wasser, die Strömung, Fangnetze, Futter, andere Fische und vorbeifahrende Schiffe die Umwelt. Das Nashorn in Afrika existiert selbstverständlich in der Welt (am unerreichbaren Horizont), aber sie gehört nicht zur Umwelt der Makrele. Für das psychische System eines Zulu-Kriegers spielt die Fußball-Weltmeisterschaft keine Rolle - zumindest dann nicht, wenn darüber keine Bewusstseinsprozesse durchgeführt werden. Die Weltmeisterschaft gehört also nicht zur Umwelt des Zulu-Kriegers, anders als die Jagd eines Gnus zur Versorgung der Familie. Trotzdem kommt die Weltmeisterschaft
16 Vgl. LUHMANN 1984, S. 16-19.
17 Vgl. LUHMANN 1984, S. 37.
18 Vgl. BERGHAUS 2003, S. 37-38.
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in der Welt vor. Für das soziale System einer Handballmannschaft kommen in der Umwelt unter anderem Bälle, Tore, Zuschauer, Gegner, Sporthallen und Schiedsrichter vor. Alles, worüber kommuniziert wird, wovon sich das System differenziert, weil es in seiner Umwelt eine Rolle spielt, gehört dazu. Es gibt allerdings auch Vorkommnisse in der Welt, die durchaus vorhanden sein können, die aber nicht in die Umwelt der Handballmannschaft gehören, z.B. dass das Zitroneneis in einer Eisdiele in Rom ausverkauft ist.
Es gibt demzufolge eine unzählige Anzahl von Umwelten, für jedes System ist sie anders. Es gibt dabei kein Supersystem, das die Umwelten aller Systeme überblicken könnte, oder sie zu ‚einer Welt’ zusammenfügen könnte. 19 System und Umwelt beziehen sich aufeinander, das eine gäbe es ohne das andere nicht.
Wir halten fest, es gibt verschiedene Formen von Systemen. Jedes System hat seine eigene Umwelt, die es durch die Abgrenzung dazu, also durch ihre Operationen, selber schafft.
Die Makrele als biologisches System operiert, in dem sie lebt. Sie kann aber nicht über ihre Grenzen ‚hinaus leben’. Sie lebt bis in ihre Flossenspitzen hinein, doch wo ihr Körper aufhört, endet auch ihr System. Bezogen auf biologische Systeme ist die Abgrenzung vom System zur Umwelt noch leicht nachvollziehbar. Weniger anschaulich geht es bei psychischen Systemen zu, da sie weniger leicht greifbar sind. Ein psychisches System ist nur das, was auch Bewusstseinsprozesse durchführen kann. Dazu gehört nicht der Körper - er mag Voraussetzung sein, aber kein Teil des Systems, er ist also Umwelt. Soziale Systeme sind ebenso wie psychische Systeme nicht an Subjekte gebunden, sie bestehen aus Kommunikation. Nur Kommunikation zieht die Systemgrenze, differenziert zwischen System und Umwelt.
19 Vgl. FUCHS 1999, S. 22.
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Arbeit zitieren:
Melanie Kosten, 2005, Mensch-Tier-Kommunikation - Wie beobachtet die Soziologie Kommunikation, an der Mensch und Tier beteiligt scheinen?, München, GRIN Verlag GmbH
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