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Aber warum dann das große Kampfgeheul, wenn der Berliner GMD der „Deutschen Oper“, Christan Thielemann, sich für dieses vergessene Werk einsetzt, den "Palestrina" dirigiert und den Namen Pfitzner häufiger auf seinen Konzertprogramm auftauchen läßt? Warum nicht einfach den Dirigenten das Wagnis unternehmen lassen, sich die Hörner abstoßen oder eben doch ... eine Renaissance herbeiführen lassen? Schließlich gab es solche Renaissancen durchaus schon, die Opern Schrekers, Zemlinskys, ja sogar Siegfried Wagners hatten ihren zweiten Frühling, warum also nicht auch Pfitzner — ist der Spielplan doch durchaus übersichtlich genug und jede Variation bei der allgegenwärtigen Anhäufung von altbekanntem und oft totinterpretierten Repertoire nur angenehme Abwechslung! Doch so einfach ist die Ange legenheit nicht, Pfitzner ist nämlich politisch bedenklich. Eine genaue Aufarbeitung seiner persönlichen politischen Zeitumstände steht noch aus, bis dahin ist Pfitzner heftig umkämpfter Spielball zweier Gruppen: Einer fast schon militant zu nennenden Geme inde von Pfitznerianern und persönlichen Freunden des Meisters, welche die Fama vom politisch Verfolgten im Dritten Reich aufrecht hält und auch nicht davor zurückschreckt, nur ordentlich gefiltertes, quasi politisch gereinigtes Material über den Meister freizugeben (Anekdoten, Anekdötchen und aus dem Sinnzusammenhang gerissene Bruchstücke von Briefen etc.), andererseits eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen die Nazisuche zur eigentlichen Existenz geworden ist und die nun einseitig belastendes Material zusammenkarren, welches Pfitzner ihrer Meinung nach „eindeutig“ überführt. Und da kommt etwas zusammen: Ein Krankenbesuch Hitlers bei Pfitzner, freundschaftliche Kontakte mit dem „Polenschlächter“ Hans Frank und anderen Nazigrößen, die Eingliederung der Hans Pfitzner-Gesellschaft in Rosenbergs Nationalsozialistische Kulturgemeinde, demonstrative Aufführungen des "Palestrina" im frisch eroberten Paris als chauvinistische Siegerpose, Preisverleihungen und Ehrungen en masse.
Auf diese Weise läßt sich billig und anscheinend trefflich argumentieren; wer eine solche Auflistung vor Augen hat, dem ist die Lust auf Pfitzner-Opern, die noch dazu als schwer zugänglich gelten, meist schnell vergangen...
Ins Abseits gerät dabei neben dem Werk selbst auch die Person Pfitzners, seine näheren Lebensumstände, die Ambivalenz des über ihn existierenden Materials, welche eben eine Argumentation in beide Richtungen ermöglicht. Es gibt gleichermaßen philo- und antisemitische, nationalistische und liberale, treudeutsche und regimekri tische Äußerungen Pfitzners, für jede Beweisführung findet sich ein Gegenbeweis, je tiefer man gräbt, um so bessere Argumente finden sich für beide Ansätze, das Wesen Pfitzners zu begreifen.
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Kann es wirklich sein, daß jemand einerseits 1919, als die Weimarer Republik sich in Weltoffenheit gefiel und die Theaterszene in einen wahren Taumel von Glanz, Tempo und Experimentierfreudigkeit pulsierte, die Säbel wetzte gegen den „jüdisch-internationalen Geist, der dem Deutschen den ihm ganz fremden Wahnsinn des Nie derreißens und Zertrümmerns einpflanzt“ 2 und andererseits zu Beginn des Dritten Reiches einem Künstler harmlos schrieb: „Gott sei Dank kennen sie mich schlecht, wenn Sie glauben, daß Bedenken von meiner Seite vorliegen, meine Lieder von Ihnen gesungen zu wissen, weil Sie Jude sind. Ich möchte Ihnen hier nicht ausführlich schreiben, wie ich über Judenverfolgungen in Deutschland denke, denn ich liebe die Dachauer Gegend nicht besonders.“ 3
Oder andersherum: Obwohl Pfitzner zwischen den Kriegen noch befand „Der Antisemitismus schlechthin und als Hassgefühl ist durchaus abzulehnen.“ 4 , rühmte er dennoch nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges devot den „größten Feldherren“ (und Antisemiten) aller Zeiten: „Es hat wohl selten oder niemals der Führer eines Volkes und eines Heeres eine größere und furchtbarere Verantwortung auf sich genommen als Adolf Hitler, da er nach dem verlorenen Weltkrieg das Schicksal des deutschen Volkes in seine Hand nahm. Wer hätte 1918 gedacht, daß Deutschland sich noch einmal erheben könne, und wie steht es jetzt da!“ 5 Ja, wie stand es da.
Die politische Einordnung Pfitzners, des selbsternannten „Deutschesten“ aller zeitgenössischen Komponisten, des Antisemiten und Judenfreundes, des glänzenden Alleinunterhalters und grimmigen Grüblers, des t reusorgenden Familienvaters und üblen
Tyrannen seiner Kinder, Schreiber von bitterbösen, bierernsten Beleidigungsbriefen und witzigen Bonmots und Parodien ist ein kompliziertes Unterfangen.
Pfitzner hatte im Dritten Reich unstreitige, satte Vorteile in sei ner Eigenschaft als (neben Strauss) führender Kopf der zeitgenössischen „Klassiker“: Er bekleidete die ehrende, aber ansonsten durch keine reale Verantwortung belastende Stellung eines der Reichskultursenaturen, erhielt eine ganze Latte an Auszeichnungen u nd Medaillen, eine Geldprämie aus Goebbels Töpfen, durfte sich besonders im Osten (Generalgouvernement und Reichsgau Wartheland) feiern lassen — nach Kriegsausbruch stand er sogar auf einer Liste der sogenannten „Unsterblichen“, d. h. als so kulturell wichtig angesehenen Personen, daß sie in jedem Fall vom Frontgeschehen ferngehalten werden sollten.
2 Pfitzner, Hans „Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz. Ein Verwesungssymptom?“ wieder veröffentlicht in "Gesammelte Schriften", Band 2, S. 229/230
3 Brief Hans Pfitzner an Hermann Schey vom 28. 9. 1933
4 Pfitzner, Hans [Über den Antisemitismus] in „Gesammelte Schriften“, Band 4, S. 320
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Pfitzner hätte darauf verzichten können, einen schon längst das Rentenalter überschrittenen Mann wie ihn hätten selbst Hitlers gewissenlose Soldatenwerber nicht mehr eingezogen. Überhaupt: hätte Pfitzner nicht auf manche Ehre des NS-Regimes verzichten können? War er nicht schon berühmt und bekannt genug, um sich den Schulterschluß mit den Braunen zu verkneifen?
Andererseits betrachtete sich gerade Pfitzner als einen im Dritten Reich chronisch Vernachlässigten, schrieb lange Litaneien über mangelnde Förderung seiner Person und seines Werkes, wehrte sich gegen die Zurücksetzung seiner Opern in den Berliner Häusern, beschwerte sich über seine aus Altersgründen vollzogene Pensionierung, mangelnde Hilfe nach der Ausbombung seines Münchner Hauses — auch hier wieder: schwer durchschaubare Verwirrung, Ambivalenz.
Die Doppelgesichtigkeit eines Janus weist wiederum zurück auf die Person Pfitzners, einst von Thomas Mann als brüderliches, der Romantik zugewandtes alter ego erkannt, später einen persönlichen Angriff mit dem (anscheinend als zünftig begriffenen) Hitler-Zitat „Ich bin Nationalsozialist und als solcher gewohnt gegen jeden Angriff sofort zurückzuschlagen.“ 6 konternd: Pfitzner schaffte es, einerseits der enge Freund der damals wohl begehrtesten Salonlöwin Alma Mahler zu sein (er, der körperlich kümmerlich anzusehende Mann, wurde von der schönen Wienerin, die eine Auswahl berühmter Männer jener Zeit in ihre Arme zog wie keine zweite, hofiert und angehimmelt, so daß die von ihr erhaltenen Briefe an ihn noch heute nicht veröffentlicht werden dürfen), andererseits schämte er sich nicht, ihren dritten Mann als den „böhmischen Juden Werfel“ 7 abzukanzeln, wenn er es wagte, da mals selten gespielten Opern Verdis zu einer Renaissance zu verhelfen. Doppelgesicht Pfitzner, einerseits sein Werk über alles stellend, in verzweifelte Schaffenskrisen versinkend, wenn seine Opern nicht oder sogar nur nicht seinen Regieanweisungen gemäß aufgeführt wurden, andererseits durch „Denkschriften“, böse Briefe, rücksichtslose Absagen oder überhöhte Gagenforderungen die Intendanten jener Zeit gleich reihenweise vor den Kopf stoßend.
Wen wundert es da noch, daß auch die Werkgeschichte der "Rose vom Liebesgarten" von einer solchen Ambivalenz gekennzeichnet ist? Dieses Werk, kein rechtes Jugendwerk mehr (zweite von nur fünf Pfitznerschen Opern, vollendet im 32. Lebensjahr) war von Anfang an
5 Entwurf Pfitzners für eine Ehrung Adolf Hitlers, Original in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, abgedruckt in Adamy, Bernhard „Hans Pfitzner. Literatur, Philosophie und Zeitgeschehen in seinem Weltbild und Werk“, Tutzing, 1980, S. 333
6 Pfitzner, Hans "Deutsche Opernkunst in Berlin ausge-Rode-t", Manuskript, abgedruckt in „Gesammelte Schriften“, Band 4, S. 313-317, hier S. 313
7 Pfitzner, Hans "Zur Frage der »Volksoper«" wieder abgedruckt in „Gesammelte Schriften“, Band 4, S. 70-78
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Dr. Sabine Busch-Frank, 1999, Kein 'Rosenkavalier' und keine 'Blume von Hawaii'. Pfitzners 'Rose vom Liebesgarten', eine vergessene Oper aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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