I. Einleitung
Mephistopheles ist mit Sicherheit eine der aufregendsten Figuren, die das deutschsprachige Theater hervorgebracht hat. Er zerstört das Klischee vom "bösen Teufel", ohne dabei Abstriche von seiner gefährlichen Selbstdefinition zu machen, er sei:
"Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft" . 1
Dabei bietet der passionierte Zyniker und lebensfrohe Genießer Mephistopheles immer einen Gegenpol zum chronisch unzufriedenen, oft regelrecht miesepetrigen Faust. Die Wesenszüge dieser Teufelsfigur verbinden das Unmögliche: Die Personifikation des Bösen wird nicht nur sympathisch, sondern im höchsten Maße unterhaltsam . Eine solche Figur kann auf der Opernbühne, die sich so oft an der "großen Schwester" Schauspielbühne orientiert, nicht ohne Wirkung geblieben sein. Mephistos Spuren im Musiktheater zu verfolgen, ist die Intention dieser Arbeit. Nach dem Versuch einer konzisen Charakteristik des Goetheschen "Mephistos" sollen dabei zuerst einige ausgewählte Mephistos in "Faust"
- Opern zur Betrachtung herangezogen werden. Die daraus hervorgegangenen Informationen werden zur Kennzeichnung mephistophelischer Opernfiguren herangezogen. So sollen Definitionskriterien erarbeitet werden, die dann an mehreren mephistophelischen Figuren erprobt werden.
II. Mephistopheles in Goethes Faust
Schon vor Goethe gibt es in verschiedenen "Faust" - Stoffen Teufelsfiguren, doch wird in Goethes "Urfaust" zum ersten Male der Name Mephistopheles verwendet. Um also Mephistopheles und seinen Nachfahren im Musiktheater auf die Spur zu kommen, wird es nötig sein, sich seine wichtigsten Charakteristika aus Goethes Faust - Dramen in Erinnerung zu rufen.
II. 1. Name und Herkunft
Die Namensfindung "Mephistopheles" ist bisher nicht erklärt. Es soll sich dabei um eine Verballhornung griechischer oder aramäischer Silben, die im 16. Jahrhundert entstanden sein muß handeln. Man vermutet auch, daß der Name Mephistopheles eine Anspielung auf Melanchthon sein könnte. Zum Ort seiner Herkunft gibt uns Mephisto selbst Auskunft:
"So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt, Mein eigentliches Element". 2
1 Goethe: Faust, S. 107
2 Goethe: Faust, S. 109
2
Er ist also ein Geschöpf der Hölle, verzeichnet als solches das Feuer als sein ureigenes Element. Freilich ist er nicht der Höllenfürst selbst, sondern vielmehr nur:
"Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse". 3
Dazu vermerkt Erich Trunz:
"Der Mensch kann seinem Wesen nach das Geisterreich nicht überblicken. Deswegen erscheint in dem ganzen Drama Mephistopheles als der zu Faust passende Teufel, aber nicht als ein Unterteufel, der sich seine Befehle von Satanas holt, auch nicht als der Teufel schlechthin, der für alles Böse in der Welt zuständig ist." 4
Es handelt sich also bei Mephistopheles um den vom Erdgeist in der Szene "Nacht" angekündigten Geist, der Faust gleicht und den er so begreifen kann - eine ähnliche Wirkung erzeugt dieser vermenschlichte Teufel sicher auch beim Rezipienten.
Geklärt wäre somit Mephistos Stellung in der Höllenhierarchie: Es handelt sich bei ihm um einen untergeordneten, aber selbständig auf das Böse hinarbeitenden und mit Zauberkünsten sowie eigenständigen Machtbefugnissen ausgestatteten Teufel. 5 Diese durchaus eigene Position, die ihn sowohl vom biblischen Satan wie vom dummen Teufel des Märchens und der Sage abgrenzt, wird man bei der Spurensuche mephistophelischer Wirkung in der Oper beachten müssen.
II. 2. Äußeres
Das Äußere, das Goethe sich für Mephisto vorstellte, l äßt sich wiederum aus einigen Textzitaten erschließen:
Fausts Forderungen "Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen!" 6 und "Wälze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum" 7 mögen das Äußere Mephistos auf den ersten Blick als "teuflisch" beschreiben. Doch man muß natürlich beachten, daß Faust seinen Begleiter so nur im Moment höchster Wut schmäht. Frau Marthe hingegen findet Mephistopheles ja immerhin anziehend genug, daß sie nichts gegen eine Bindung mit ihm hätte - spricht das nicht für ein normales, wenn nicht sogar attraktives Äußeres? Doch es gilt auch, Gretchens Antipathie gegen ihn zu beachten. Daß ihr "der Mensch" nämlich
3 Goethe: Faust S. 112
4 Trunz: S. 568 5 Morris weist darüberhinaus zumindest für die Entstehungszeit der Goetheschen Faustbearbeitung eine hierarchische Ableitung aus dem Swedenborgischen Geisterreich nach. Somit wäre dann der erste Geist, der sich Faust im Zeichen des Makrokosmos offenbart, ein Vertreter der "All - Geister", der Erdgeist würde das "Geisterreich der Erde" und Mephistopheles selbst also den "persönlichen" Geist Fausts darstellen. Im Gegensatz zu Swedenborgs derartigen Geistern ist er allerdings individualisiert. Vgl. dazu Morris, S. 150 ff 6 Goethe: Faust, S. 205 7 Goethe: Faust, S. 204
3
"in tiefer innrer Seel verhaßt" 8 ist, dürfte bestätigen, daß Mephistos Maske als Biedermann nicht so perfekt ist, wie man denken könnte.
Obwohl er sich aber ohne Scheu selbst ständig als "Teufel" benennt 9 , fehlen ihm doch die meisten traditionellen Teufelsmerkmale. Er entbehrt offenbar Schwanz, Hörner, Pferdefuß und Teufelsfratze genauso wie die rote Gesichtsfarbe und seine ihn begleitenden Raben, die nur in "Faust" II erwähnt werden. Als das Fehlen einiger dieser Attribute in der Hexenküchenszene bemängelt wird, gibt Mephistopheles auch eine Erklärung dazu ab: Ein Zugeständnis an die Kultur war es, das ihn dazu bewog, sein Äußeres zu verändern.
Einige Merkmale haben sich allerdings erhalten:
Der Pferdefuß ist ja nur mittels einer falschen Wade kaschiert. Auch die Bekleidungsteile "rotes Wams" und "Hahnenfeder" haben sich erhalten. Allerdings hat Mephisto die Möglichkeit, sein Äußeres vollkommen zu verwandeln - zum Beispiel in den Pudel oder in den reisenden Scholaren. Die Anlehnung an den Volksteufel bleibt also eher gering. Sie äußert sich nur noch in der Abscheu vor Christentum, Kirche und Kreuz. Eventuell ist auch Gretchens "Es ist so schwül, so dumpfig hie" 10 als ein Verweis auf den Schwefelgeruch, den der Teufel nach seinem Erscheinen traditionell hinterlassen soll. Dennoch ist Mephistopheles eine zivilisierte, aktualisierte Version des Teufels - man wird im Vergleich mit verwandten Figuren im Musiktheater darauf Rücksicht nehmen müssen.
II. 3. Charakter und Handlungsmotivation
Mephistopheles´ Charakter läßt sich naturgemäß nicht knapp umreißen - zu vielschichtig ist seine Persönlichkeit. R. Bach sieht in "Leben mit Goethe" in ihm ganz richtig Merkmale verschiedener Charaktere:
“Hund, Scholar, Kavalier, Narr, Zauberer, maître de plaisirs, antikischer Unhold, Kriegsmann und zuletzt geflügelter, geschwänzter Teufel desVolksbuches." 11
Zudem kann man Mephistopheles sicher als Fausts alter ego begreifen, wie dies auch Adolphe Appia in seinem Inszenierungskonzept 12 von 1929 vorschlägt.
All diese Charaktere hier aufschlüsseln zu wollen, würde jeden Rahmen sprengen und ist wohl für die Suche nach mephistophelischen Opernfiguren auch nicht nötig. Wichtiger ist es, der Handlungsmotivation, durch welche Mephistos Vorgehen bestimmt wird, nachzuspüren. Kernzelle seines Handelns ist die geheime Tragik, die er im ersten Gespräch mit Faust andeutet:
8 Goethe: Faust, S. 175
9 Zum ersten Mal bezeichnet er sich so am Ende des Prologs im Himmel. Auch gegenüber Faust wird seine "Profession" gleich beim ersten Zusammentreffen offenbar.
10 Goethe: Faust, S. 152 11 zit. nach Keller: S. 352 12 vgl. dazu Appia: S. 11
4
Der Sieg des Lichts über die Finsternis, (die das Licht erst ermöglichte!) hat die Machtverteilung seiner Meinung nach ungerecht verschoben. Er sieht also die Hölle als die legitime - weil ältere - Herrschergewalt und kämpft jetzt auf verlorenem Posten um die Restitution früherer Zustände. Er arbeitet konsequent auf sein Ziel hin: Die Verneinung der durch das "Licht" ermöglichten Schöpfung zieht für ihn die Vernichtung derselben und somit auch der Menschen nach sich. Seine beschränkte Macht läßt allerdings für ihn nur die Vernichtung im Kleinen zu. Er kann den einzelnen Menschen "von seinem Urquell" 13 abziehen, nicht aber verhindern, daß sich Welt und Menschheit nach seinen Anschlägen wieder regenerieren: Mephistos gesamtes Handeln ist also eine Art Sisyphusaufgabe. Dennoch handelt er nicht etwa halbherzig (wegen des mangelnden Effekts seines Strebens), sondern verbissen, zielstrebig und grausam. Diese "wilde Grausamkeit" erklärt Fuchs als aus der "seelisch ungerührte[n] berufliche[n] Befriedigung eines Fachmanns der ewigen Qualen" 14 stammend. Doch bei dieser rabenschwarzen Handlungsmotivation bleibt Mephisto doch ein Sympathieträger des Goetheschen "Faust", denn er verkörpert zwei wichtige Eigenschaften: Klugheit und Humor. Dazu meint Morris:
“Der böseste ist zugleich der klügste aller Menschen und Geister. Die Nichtigkeit des zünftigen Wissenschaftsbetriebs, das Element der Charlatanerie, das von der praktischen Ausübung der Medizin so schwer fernzuhalten ist, das weltlich eigennützige Treiben der Kirche, die Trugschlüsse, mit denen der Mensch die Handlungen seiner Lust vor sich selbst rechtfertigt - alles ist ihm durchsichtig, für alles findet er die schärfste, zugleich vernichtende und überzeugende Form." 15
Der Humor, welchen er im Umgang mit den so durchschauten Menschen zeigt, ist sicher beißend und sarkastisch. Wer kann sich ihm aber schon entziehen, wenn er in Frau Marthes Garten den biederen Heiratskandidaten mimt oder sie informiert: "Ihr Mann ist tot und läßt sie grüßen.." 16 ? Bezeichnend für Mephistos Handeln ist auch seine Weltsicht, die alles "aus einem Punkte" 17 kurieren will. Ähnlich wie menschliche Forschung die Tier- und Pflanzenwelt oft auf den Drang zur "Erhaltung der Art" reduziert, sieht er die (für ihn minder entwickelten) Menschen. Erotische, zwischenmenschliche Beziehungen sind für ihn der Motor allen menschlichen Treibens - ein bewußt entsagendes Verhalten, wie Gretchen im Kerker es zeigt, dürfte er dem Menschengeschlecht kaum zugetraut haben. Doch die eigentliche Tragik Mephistos liegt darin, daß diese Niederlage im Kampf gegen die Menschen bzw. Gott vorprogrammiert war: Der allmächtige und allwissende Gott kennt natürlich von Anfang an die inneren Möglichkeiten seiner Menschen und setzt sie also somit nur einer Versuchung aus, von der er weiß, daß sie ihr widerstehen können 18 .
13 Goethe: Faust, S. 77
14 Fuchs: S. 351 15 Morris: S. 158 16 Goethe: Faust, S. 1571 17 Gethe: Faust, S. 127 18 Nicht umsonst ist die alttestamentarische Geschichte von Hiob ein direkter Vorläufer der Handlungsexposition.
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Wenn Mephistopheles aber mit dem Allmächtigen zu wetten glaubt, ereilt ihn dabei die gleiche Selbstüberschätzung, die er an Faust tadelt: Auch er selbst ist ein "kleiner Gott" 19 und macht sich die Größe übergeordneter Macht nicht bewußt.
III. Mephisto als Opernfigur
Die Opern, die aus dem "Faust" - Stoff entwickelt wurden, sind so zahlreich, daß sie längst einen eigenen Komplex innerhalb der Operngeschichte bilden. Unzählige Komponisten fühlten sich von Goethes "Faust" angeregt und wollten ihn ganz oder teilweise in Musik setzen. Beethoven, Schumann, Schubert, Liszt, Wagner, und viele andere planten eine Vertonung oder legten Fragmente und Ouvertüren vor. So können hier nur einige exemplarische Werke auf die Gestaltung der Mephistofigur hin untersucht werden. Bühnenmusiken und symphonische Werke müssen ganz außer acht gelassen werden. Grundsätzlich kann man zwei Gruppen von "Faust" - Opern unterscheiden: Die Vertonung des (meist gekürzten) Goetheschen Faust I und/oder II sowie die Bearbeitung des Stoffes.
III. 1. Vertonungen von Faust I und/oder II
Bereits zu Goethes Lebzeiten gab es "Faust" - Vertonungen. Allerdings wurden vor allem die schon vom Dichter für Musik geschriebenen Teile vertont. Fürst Franz Anton von Radziwill, ein Komponist aus Liebhaberei, der die erste Musik zum "Faust" schuf, mußte von Goethe die Kritik entgegennehmen, er habe
“die Selbstgespräche Fausts, welche sich wohl ohne musikalische Beihilfe zur Geltung bringen würden, mit Musik ausgestattet, [...] wodurch das Drama den zwitterhaften Charakter des Melodrams erhalte, welches weder Schauspiel noch Oper, nicht Fisch noch Fleisch sei.” 20
III. 1. 1. "La Damnation de Faust" von Hector Berlioz
Die früheste Opernversion aber, die man noch heute manchmal auf den Spielplänen find et (z. B. in der Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper München 1993), ist "La Damnation de Faust" von Hector Berlioz 21 . Dafür bearbeitete Berlioz selbst mit Gérard de Nerval und Almire Gandonnière Goethes Text. Bezeichnend für diese Opernversion ist eine starke Akzentuierung auf den Zauberer, Betrüger und Teufel Mephistopheles. In Frankreich war zwar schon seit der "Faust" - Übertragung Nervals eine Glorifizierung Gretchens 22 im Gange, Mephisto wurde hier aber dennoch zur tonangebenden Figur. Berlioz' Oper - oder "dramatische Legende", wie er sie nannte - schildert vor allem den Sieg Mephistos.
19 Goethe: Faust, S. 76
20 zitiert nach Fähnrich: S. 15 21 Es handelt sich aber schon um dessen zweites "Faust" - Projekt: 20 Jahre vor der "Damnation" entstanden "Huit scènes de Faust".
22 Nicht umsonst benannte man die wohl populärste franz. "Faust" - Oper von Charles Gounod im deutschsprachigem Raum in "Margarethe" um: Das "Gretchen" wurde für die französischen Bearbeiter oft zur eigentlichen Hauptfigur.
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Quote paper:
Dr. Sabine Busch-Frank, 1995, Goethes Mephistopheles und andere mephistophelische Figuren in der Oper, Munich, GRIN Publishing GmbH
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