Angeblich basiert Stephen King´s Kurzgeschichte “Fall from Innocence: The Body” 1 auf
einem wahren Erlebnis aus seiner Kindheit:
„One hour after I had left home to play with my friend, I came back, pale and
shocked. I couldn´t speak a word. I did not talk about why I hadn´t called or waited until somebody brought me back home; why my friend´s mother had not accompanied me home. Later I was told that my friend had been hit by a train while he was passing the railway tracks or played on them. My mother never found out if I was with him when it happened, if it happened before I met him, or if I ran away after it had happened. As much as I try, I myself cannot remember.” 2
Da Stephen King sich selbst als pathologischen Lügner bezeichnet, weiß man nicht, ob das Zitat wirklich ernst zu nehmen ist. Was das Zitat jedoch schafft, ist es den gleichen Nerv zu treffen wie die Erzählung „The Body“ 3 an sich - über beiden Texten hängt der emotionale Schleier des unfassbar sinnlosen Todes. Der Schauer, den der Leser spürt, wenn er das Bild eines abrupten Aus-dem-Leben-gerissen - Werdens mitgeteilt bekommt, ist bei Zitat und Kurzgeschichte der gleiche.
Im Rahmen dieser Arbeit werde ich den Inhalt der Geschichte zusammenfassen inklusive einer kurzen Beschreibung der Charaktere und auf die Rolle der Erwachsenen al Identifikationsfiguren eingehen. Das Motiv des Erwachsenwerdens werde ich dann anhand ausgewählter Szenen und Symbole beschreiben, die den Übergang von „Childhood“ zum „Fall from Innocence“ meiner Meinung nach am Besten verdeutlichen.
Die Erzählung selbst ist die Geschichte von vier 12jährigen Freunden die am Ende der Sommerferien 1959 auf eine Reise in die Wälder der nächstgelegenen Stadt gehen um die Le iche des gleichaltrigen Ray Brower zu finden, von dem sie im Radio gehört haben. Sie wollen die Leiche finden um als Helden zurückzukehren, doch stattdessen wird ihre Reise ein Reifeprozess, der sie einiges über Leben und Freundschaft lehrt, und ihnen die kindliche Unschuld nimmt.
Der Protagonist Gordie Lachance, der die Geschichte als 35jähriger in Rückblenden erzählt, ist ein sensibler Junge, der alleine aufwachsen muss, da sich seine Eltern nach dem Unfalltod seines älteren Bruders völlig von ihm und der Welt abgeschottet haben. Er ist ein talentierter Geschichtenerzähler und träumt davon eines Tages Schriftsteller zu werden. Sein bester Freund ist Chris Chambers, jüngster Sproß der „no-good - Chambers“ wie sie von den Leuten in ihrer Heimatstadt Castle Rock genannt werden. Mit einem Bruder im
1 Erstmals erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Different Seasons“. New York: Penguin Books USA, 1982. 293-436.
2 www.stephen-king.org/standbymefilm.htm
3 1986 verfilmt als „Stand by me“ mit River Phoenix, Will Wheaton, Kiefer Sutherland und Richard Dreyfus.
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Gefängnis, dem anderen als Teil einer gefürchteten Halbstarken-Gang und einem Alkoholiker als Vater ist Chris von vornherein gesellschaftlich abgestempelt. Doch er ist ein cleverer Junge mit gutem Herzen, ein Streitschlichter der den Ehrgeiz hat nicht so zu werden wie die anderen Männer aus seiner Familie.
Auch die anderen beiden Charaktere, Vern und Teddy, kommen aus sozial schwachen Verhältnissen. Vern´s Vater ist Fabrikarbeiter, Teddy´s Vater leidet unter einem Kriegstrauma seitdem er im Zweiten Weltkrieg an der Normandie gekämpft hat. Im Eifer eines Wutanfalls hielt er Teddy´s Ohren einmal an den heißen Ofen - seitdem fristet er sein Dasein in der nahegelegene n Nervenheilanstalt und Teddy´s Ohren sind auf Lebenszeit deformiert.
Interessant an der Geschichte ist vor allem, dass es weder eine weibliche Protagonistin noch erwachsene Identifikationsfiguren gibt. Alle Väter in der Geschichte sowie die nur einmal erwähnte Lehrerin, die als Negativbeispiel eines korrupten Erwachsenen dargestellt wird und der man daher den Respekt verweigert, versagen durchweg in ihrer Rolle als Erziehungsberechtigte und Identifikationsfiguren. Die Väter sind Musterbeispiele für Männer, denen man als Sohn nicht nacheifern sollte: Sei es der Vater von Gordie, der durch den Tod seines ältesten Sohnes derart aus der Bahn geworfen worden ist, dass es für ihn unmöglich ist, die Vaterpflichten seinem jüngsten Sohn gegenüber wahrzunehmen, und der sich in einem permanenten Zustand der Apathie und Lethargie befindet. Soll dieser Vater Gordie beibringen, wie man die schwierigen Seiten des Lebens meistert? Oder Chris´ Vater, den seine Alkoholsucht und Arbeitslosigkeit in Aggressionsausbrüche treib t, die er dann an seinem jüngsten Sohn auslässt, der ihm körperlich unterlegen ist - wie soll er seinen Sohn lehren ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden? Vern Tessios Vater hat als ungelernter Arbeiter in der Fabrik kaum Zeit für die Erziehung seines Sohnes. Soll sich Vern etwa beruflich an seinem Vater orientieren? Und zuletzt Teddys Vater, dessen Kriegstraumata ihn in die Nervenheilanstalt gebracht und seinen Sohn fast getötet hätten. Sind Erwachsene, die es noch nicht einmal schaffen ihr eigenes Leben in geordnete Bahnen zu lenken und die so offensichtliche Zeichen von Schwäche zeigen als Identifikationsfiguren geeignet?
Schon auf den ersten Seiten wird diese Frage mit „Nein“ beantwortet. Die vier Freunde sind auf sich alleine gestellt, es bleibt ihnen nicht anderes übrig als sich an den einzigen Menschen zu orientieren, vor denen sie den Respekt noch nicht verloren haben: ihren Freunden.
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Gleich zu Beginn der Geschichte wird man mit dem „Tree House“ konfrontiert, einem Club mit nur vier Mitgliedern - Gordie, Chris, Vern und Teddy. Obwohl es für den weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei Relevanz hat, übernimmt das Baumhaus sofort eine symbolhafte Wirkung. Alleine das Vorhandensein eines Baumhauses, eines geheimen Platzes zu dem nur aus gewählte Mitglieder Zutritt haben, katapultiert den Leser in Sekundenschnelle in die eigene Kindheit zurück. In eine Kindheit, in der das Gefühl etwas für sich alleine zu haben, an dem nur man selbst entscheiden kann wem man Zutritt gewährt, alles war was man wollte.
Das Baumhaus als Platz für kindliche Autonomie und das Jahr 1959, das das Ende einer Ära und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts verdeutlicht, charakterisiert somit gleich zu Beginn der Geschichte den Entwicklungsstatus der Jungen:
„Besides playing cards, the club was a good place to got and smoke cigarettes and look at girlie books.We built a secret space under the floor to hide magazines and cigarette packets when somebody´s father decided to do the Me and My Son are Best Friends routine and visit us.” 4
Es ist ein Ort und eine Zeit, in der sich unschuldige Kindheit und herannahende Pubertät begegnen, an dem einerseits über Fernsehhelden wie Lone Ranger und Cisco Kid heftigst debattiert wird und andererseits erste Erwachsenenrituale wie Z igarettenrauchen, Poker spielen und das Lesen von Mädchenmagazinen praktiziert werden. Die Helden der Geschichte befinden sich in einem Zwischenstadium, sind hin- und her gerissen zwischen kindlichem Verhalten und ersten Anzeichen eines Reifeprozesses. Das Baumhaus ist auch ein Ort der Entscheidung, an dem Vern seinen Freunden erzählt er hätte durch Zufall erfahren, wo Ray Browers Leiche liegt :
„`So what´s this all about, Vern?´ Teddy asked. He and Chris were still playing cards; I was reaching for a detective magazine. Vern Tessio said:`You guys want to go and see a dead body?´ Everybody stopped.” 5
Die Frage zerstört die unschuldig- naive Atmosphäre des Baumhauses, denn mit dem Gedanken an den Tod, der in dieser Form im Leben von 12jährigen nicht auftaucht, wurde der Zufluchtsort seiner kindlichen Unschuld beraubt. Der Tod als Teil des Lebens schleicht sich in die sorgenfreien Köpfe der vier Helden - und damit hat der erste Reifeprozess schon in einem so frühen Stadium der Geschichte begonnen.
4 King, Stephen: The Body. Penguin Books USA, Inc., 1994.p.2.
5 See: King, p. 5.
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Arbeit zitieren:
M.A. Nicole Gast, 2005, Fall from Innocence: Das Motiv des Erwachsenwerdens in Stephen Kings "The Body", München, GRIN Verlag GmbH
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