Inhalt
1. Einleitung: Ziele und Methoden meiner Arbeit
2. Die zentrale Argumentation
a. Stichwehs Argumente
b. Kritische Prüfung
3. Weitere desintegrative Elemente
a. Nation
b. Kulturelle Vielfalt
4. Gelingt die Stärkung der Theorie der Weltgesellschaft?
5. Fazit
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1. Einleitung: Ziele und Methoden meiner Arbeit
Rudolf Stichwehs These, dass es nur noch eine abgeschlossene Gesellschaft, die Weltgesellschaft, gibt, ist in Zeiten der Globalisierung von Wirtschaft und Kommunikation zunächst einleuchtend. Bei näherer Betrachtung erscheinen jedoch zahlreiche desintegrative Elemente, wie die Institution des Nationalstaats und die Vielfalt der Kulturen, welche die Theorie der Weltgesellscha ft angreifen. Stichweh verfolgt nun das Ziel, zu zeigen, dass die scheinbar desintegrativen Tendenzen nur scheinbar gegen die Weltgesellschaft wirken, jedoch so umgeformt werken können, dass sie als ihr Produkt erscheinen. Ich werde im Folgenden die Argume nte Stichwehs darstellen, ihre Gültigkeit untersuchen versuchen zu ermitteln, auf welche Weise er vorgeht. Hierbei werde ich darauf verzichten, die Systemtheorie anzugreifen und mir einzig das Ziel setzen, aufzuzeigen, wieweit seine Argumentation schlüssig ist und an welchen Stellen seine Argumente falsch oder zumindest zu schwach sind, um seine gewagte Theorie zu stützen. Dabei werde ich weniger die von ihm vorausgesetzte Konklusion, sondern in der Hauptsache seine Prämissen und die Folgerungen, die er aus ihnen zieht, untersuchen.
Sollte mir mein Unternehmen gelingen, werde ich am Ende also nicht zu dem Resultat kommen, dass seine These richtig oder falsch ist, da der Rahmen für eine gründliche Falsifikation nicht ausreicht, sondern nur aufzeigen, ob Stic hweh dazu beitragen kann, die These für wahr zu halten.
Ich werde im Folgenden versuchen, Stichwehs Argumentationsschema aufzudecken, es kritisch zu prüfen und zu zeigen, ob seine Argumente gültig sind und wenn sie das sind, ob sie stark genug sind, um die umstrittene Theorie der Weltgesellschaft zu stärken.
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2. Die zentrale Argumentation 2.a Stichwehs Argumente
Die erste Hürde bei seinem Versuch, die Theorie der Weltgesellschaft zu verteidigen, stellt die Bestimmung des Gesellschaftsbegriffs dar. Stichweh nennt zunächst die Möglichkeiten der Bindung des Gesellschafts- an den Kulturbegriff sowie an den Staat. Beide Möglichkeiten hält er jedoch für ausgeschlossen, da die Soziologie hierdurch einmal zu einer Teildisziplin der Sozialanthropologie, einmal zu einer Disziplin der Politikwissenschaft degradiert würde und folgert hieraus in Anlehnung an Talcott Parsons, „Gesellschaft sei [...] das Sozialsystem höchster Ordnung, das ein Ordnungsniveau in der Weise etabliere, dass innerhalb eines Gesellscha ftssystems alle Strukturen und Prozesse, an denen ein Analytiker sozialer Systeme interessiert sein könne, eine relativ vollständige und stabile Entwicklung finden.“(S.11/12) 1 Durch diesen umfassenden Inklusivismus ist der einzig mögliche Gesellschaftsbegr iff der einer Weltgesellschaft. Einen weiteren Kritikpunkt gegen seine Theorie führt Stichweh an, um ihn zu entkräften, und zwar das Kriterium der Einheitlichkeit der Lebensbedingungen, welches von einer globalen Gesellschaft nicht erfüllt werden kann. Er stimmt diesem Vorwurf zu, entgegnet jedoch, dass auch auf der Ebene von Nationalstaaten diese Einheitlichkeit nicht vorliegt und somit nur die Familie als Gesellschaft übrig bliebe. Um jedoch den diversen Inhomogenitäten Rechnung zu tragen, ist es notwendig, diese „Unterschiede im System der Weltgesellschaft als interne Differenzierung dieses Systems zu erweisen“(S.13)², was Stichweh sich zunächst zum Ziel macht. Hierbei will er zeigen, dass diese Unterschiede nicht nur historisch bedingt oder ein gleichzeitiges Vorkommen verschiedener Entwicklungsstufen, sondern Effekte der Weltgesellschaft sind und dabei deutlich machen, dass die Inhomogenitäten bezüglich des Entwicklungsniveaus durch diese genutzt werden. Zuvor nennt Stichweh jedoch ein letztes Inhomogenitätsproblem, welches ein Problem für seine Theorie darstellt. Dieses ist die nur partielle Partizipation an globaler Kommunikation, da den meisten Menschen keine Medien zur überregionalen Kommunikation zur Verfügung stehen.
Zur Lösung dieses Problems führt Stichweh in die Systemunterscheidungsmöglichkeiten ein, wobei er die Zentrum-Peripherie-Unterscheidung als für sein Vorhaben, die weltweite funktionale Differenzierung zu erklären, nicht nützlich befindet. Er erläutert daraufhin die exklusive Handhabung von Systemebenen als „eine Unterscheidung globaler von regionalen und schließlich lokalen Aspekten der Weltgesellschaft, wobei einzelne Interaktionen jeweils nur einer dieser Dimensionen zugerechnet werden.“(S.15)³ Die inklusive Handhabung von Systemebenen, teilt in Interaktionssysteme, Organisationen und Gesellschaft auf, wobei
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Interaktionen auf mehreren Ebenen gleichzeitig stattfinden können. Durch diese Aufteilung wird Organisationszugehörigkeit, hierin folgt Stichweh nach eigener Aussage Luhmann, zur Bedingung für die Teilnahme an der globalen Kommunikation. Ergänzend führt Stichweh den Zugang zur Telekommunikation als Vorraussetzung zur aktiven Partizipation an der Weltgesellschaft an.
Das Argument Luhmanns für die inklusive Handhabung teilt Stichweh i n zwei Teile auf, einerseits die „Und-so-weiter“-Hypothese“, nach welcher es nicht notwendig ist, dass eine Interaktion in einem großen räumlichen oder zeitlichen Areal wirkt, sondern dass sie nur weitere Interaktionen forcieren oder zumindest ermöglichen und somit zu globaler Wirkung kommen muss, sowie die Dekontextualisierungsthese, welche besagt, dass durch die zunehmende Abstraktion die Auslösung einer Interaktion aus dem Kontext und die Verflechtung mit anderen Kontexten möglich wird.
Hierdurch wird nach Stichweh ein Eindringen globaler Aspekte in lokale Bereiche möglich, da räumlich getrennten Bereichen eine gegenseitige Beeinflussung möglich wird. Im zweiten Kapitel seines Buches versucht der Autor, zu zeigen, „nach welchen Gesichtspunkten [...] die Differenzierung der Weltgesellschaft als Innendifferenzierung eines Systems“ erfolgt.(S.31) 4
Hierzu datiert er die Entstehung des Weltsystems auf den Moment, indem die Identität der Grenzen von Wirtschaft und Politik nicht mehr vorhanden ist. Historische Ungleichheiten werden laut ihm von der Weltgesellschaft reproduziert, es stellt sich die Frage nach der Art dieser Reproduktion.
Er gibt zu, dass die Implikationen des Gesellschaftsbegriffs entscheidend für die Möglichkeit sind, ein weltweites Makrosystem z u denken und nennt erneut Kommunikation als entscheidendes Kriterium, während er den Alternativen der Sympathie oder dem Wertkonsens bescheinigt, dass sie nicht zur Bildung einer Weltgesellschaft führen, da sie auch nicht, wie Kommunikation, beliebiger Differenzierung zugänglich sind. Aufgrund des Fehlens zahlreicher früherer Bedingungen für das Vorhandensein einer Gesellschaft sucht Stichweh im Folgenden nach Mechanismen der Verflechtung und zur Konterkarierung desintegrativer Elemente, wobei er als erstes kosmopolitisch orientierte Gruppen nennt, welche bereits seit mehreren Jahrhunderten integrativ zwischen verschiedenen Kulturen wirken und somit die interkulturelle Vertrauensbildung ermöglichten. Nach der Übernahme dieser Aufgabe durch Kosmopoliten diagnostiziert Stichweh, „dass Staaten [...] auf kosmopolitische Funktionseliten angewiesen sind.“(S.36) 5 Somit wird Integration nicht als „Gemeinsamkeit der Grundlagen, sondern als Interrelation des
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Arbeit zitieren:
Sebastian Müller, 2005, Die Umformung desintegrativer Elemente zur Integration in die Theorie der Weltgesellschaft in Rudolf Stichwehs 'Die Weltgesellschaft', München, GRIN Verlag GmbH
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