1. Die Reise nach Jerusalem beginnt 1
1.1. Erläuterungen der zentralen Begriffe 5
1.1.1. Definition des Familienbegriffs. 5
1.1.2. Verschiedene Kulturen und was sich damit verbinden lässt 6
1.1.3. Therapeutische Elemente. 8
1.1.4. Ambulante Familienhilfe 9
2. Kreative Ansätze in der sozialpädagogischen Praxis 10
2.1. Die systemische Betrachtungsweise der Welt 11
2.1.1. Die künstlich erzeugte Wirklichkeit. 13
2.1.2. Konstruktionen verändern 15
2.1.3. Die Selbstreflexion stets im Hinterkopf. 17
2.2. Lösungsorientierung leicht gemacht. 18
2.2.1. Fokussierung der Ausnahmen und Wunder 21
2.2.2. Die Komplimente und der „Clou“ 24
2.2.3. Möglichkeiten und Grenzen lösungsorientierter Techniken. 26
3. Besondere Stolpersteine im bikulturellen Familienalltag. 28
3.1. Die Zahlen und Fakten zum Thema binational. 29
3.1.1. Binationale Ehen. 30
3.1.2. Kinder aus binationalen Ehen 32
3.2. Rechtliche Hürden für das bikulturelle Zusammensein. 33
3.2.1. Rechtliche Rahmenbedingungen bei einer binationalen Heirat. 35
3.2.1.1. In Deutschland. 35
3.2.1.2. In Dänemark. 36
3.2.1.3. Im Heimatland des ausländischen Partners. 37
3.2.2. Familiennachzug. 37
3.2.3. Verdachtsmoment „Scheinehe“ 38
3.2.4. Die rechtliche Abhängigkeit des ausländischen Partners 40
1
3.3. Die Einflussfaktoren Ethnozentrismus und Rassismus 42
3.3.1. Eine Annäherung an beide Begriffe. 43
3.3.2. Rassistische Gedanken bei Freunden und in der Familie. 46
3.3.3. Diskriminierende Haltungen der Umwelt 48
3.3.3.1. Arbeit finden, Geld verdienen - aber wie? 50
3.3.3.2. Auswirkungen der schwierigen Arbeitsmarktsituation auf die
Familie. 51
3.4. Gesagt, getan und warum manchmal einfach gar nichts passiert 53
3.4.1. Die Entstehung der Welt durch sprachliches Symbolisieren 54
3.4.2. Interkulturelle Kommunikationsprobleme aufgrund der
Sprache 56
3.4.3. Nonverbale Kommunikation. 57
3.5. Kulturelle Missverständnisse im Alltag 59
3.5.1. Kulturspezifische Rollenzuweisungen und Ehe- und
Familienkonzepte 60
3.5.2. Kulturell bedingtes Zeiterleben. 62
3.5.3. Unterschiedliche Konfliktbewältigungsstrategien 65
3.6. Kinder zwischen zwei Welten. 66
3.6.1. Kollektivismus vs. Individualismus - zwei Gesellschaftsformen,
die prägen 68
3.6.2. Auf der Suche nach den Wurzeln. 70
4. Die Anlieferung des Methodenkoffers in heimischen Gefilden. 73
4.1. Die sozialpädagogische Familienhilfe im bikulturellen Kontext. 74
4.1.1. Verhandlungssache Hilfeform. 76
4.1.2. Die Adressaten. 77
4.1.3. Die Ziele der Arbeit 78
2
4.2. Systemische Methoden in der bikulturellen Praxis. 80
4.2.1. Die Motivation der Familie zu Beginn 82
4.2.2. Die Sprache als Botschafter bzw. gemeinsamer Nenner 83
4.2.3. Die Familie als Kulturenexperte. 86
4.2.4. Systemische Hypothesen sinnvoll eingesetzt 87
4.2.5. Zirkuläre Fragen führen weiter ins unbekannte Gebiet 88
4.2.6. Genogrammarbeit. 91
4.2.7. Kulturgegenstände und Skulpturen machen sehend 93
4.2.8. Bewusstwerdung eigener Werte und Normen. 95
4.3. Das Bild der Partner verändert sich. 97
5. Die Ankunft auf unbekanntem Boden 100
6. Literatur. 103
7. Nützliche Adressen 109
3
1. Die Reise nach Jerusalem beginnt
Wenn man den Weg verliert,
lernt man ihn kennen. (Tansanisches Sprichwort)
Dank der zunehmenden Globalisierung sind bikulturelle Partnerschaften und Familien keine Seltenheit mehr und werden in Zukunft immer häufiger zu finden sein. In dem aktuellsten und gerade erst Anfang diesen Jahres erschienenen Ratgeber: „Binational? Genial!“ wird sogar kühn folgendes darüber gesagt: „Binationale Partnerschaften sind die Beziehungsform von
morgen.“ 1 Dabei spielt es erst einmal keine große Rolle, welche Nationen und Kulturen genau sich hier treffen. Da kann ein Chinese sich in eine Amerikanerin verlieben oder ein Däne trifft seine Traumfrau aus dem Kongo - egal!
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in diesen Konstellationen spezifische Problemfelder finden lassen, die aus einer fremden Religion, fremden Sprache, fremden Mimik, fremden Essgewohnheit, aus fremden Verständigungsregeln oder einem fremden Aussehen resultieren. Natürlich wird man sich im Laufe einer Partnerschaft näher kommen, vieles kennen lernen und plötzlich wird das Fremde vertraut sein. Doch bleibt immer die Schwierigkeit, ständig neu zu definieren, wo genau man steht und immer wieder etwas Unbekanntes treffen zu können und sich darauf einstellen zu müssen. So lebt man oft zwischen zwei Kulturen, mit verschiedenen Vorstellungen, Erwartungen, Erfahrungen, Denkmustern und Hintergründen, deren Annäherung doch schwer fällt und langsam passiert. Jedoch findet dieses komplexe Thema bis heute keine ausreichende Reflektion in der wissenschaftlichen sozialpädagogischen Literatur und es existiert kaum Material über spezielle Arbeitsansätze im expandierenden bikulturellen Bereich.
Beschreibungen sozialpädagogischer Arbeitsmethoden für den interkulturellen Kontext existieren größtenteils zum Thema Migration und ihre
1 Urech, Christian / Schiess, Isabelle / Stucki, Valentin: Binational? Genial! Der Ratgeber für binationale Paare mit Kindern. Zürich, Schweiz: Atlantis, pro juventute 2005, S. 52 [Im Folgenden zitiert als: Urech / Schiess / Stucki 2005]
Auswirkungen und dort wird dann davon ausgegangen, dass die gesamte Familie eine gemeinsame Migrationsgeschichte erzählen kann. Bei bikulturellen Familien dürfte dies selten der Fall sein. Daher war es mir ein persönlich wichtiges Anliegen, speziell für diesen Adressatenkreis mit der vorliegenden Arbeit ein erhöhtes Verständnis durch einen umfassenden Einblick in die spezifischen Problemfelder zu ermöglichen und auf dessen Grundlage praktische Handlungsanleitungen für die Soziale Arbeit in bikulturellen Familien geben zu können. In Berlin wird bereits jede vierte Ehe zwischen einem ausländischen und
einem deutschen Partner geschlossen. 2 Gerade in der ambulanten Familienhilfe sollte man also, wenn es um bikulturelle Verbindungen geht, mit speziellen Kenntnissen und Methoden aufwarten können, will man mit der Entwicklung und den Anforderungen der Klienten in Zukunft Schritt halten können.
„Binationale Paare und Familien müssen sich mit besonderen rechtlichen, interkulturellen, psycho-sozialen und ökonomischen Aspekten auseinandersetzen und mit ihnen gemeinsam auch die Beratungsstellen, an die sie sich wenden.“ 3
Da Kultur allein (vgl. auch Kapitel 1.1.) nichts über Staatsangehörigkeiten auszusagen vermag, werde ich mich hauptsächlich auf Familien konzentrieren, in denen doch wenigstens einer der Partner die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und in dieser Kultur zu Hause ist. Diese Eingrenzung ist zwingend notwendig, um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen.
Viele Vereine und Verbände, wie der „Iaf“ - Verband binationaler Familien und Partnerschaften, befassen sich hauptsächlich mit den rechtlichen Fragen, da bikulturelle Paare häufig unter erschwerten Bedingungen in Deutschland zusammen leben, die zusätzliche Probleme zwischen den Partnern schaffen können. Rechtliche Fragen sollen in dieser Arbeit nur eine
2 Vgl. Emmerich, Marlies: Jede vierte Ehe in Berlin ist binational. Niedrige Scheidungsrate. In: Berliner Zeitung, 05.06.1998, S. 18 [Im Folgenden zitiert als: Emmerich 1998]
3 Iaf - Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V. (Hg.): Wissen woran man ist. Leitfaden für binationale Paare, Familien und ihre Berater/innen in Krisen- und Trennungssituationen. Eine Informationsbroschüre. Dezember 2004. 2. aktualisierte Auflage, S. 9 [Im Folgenden zitiert als: Iaf - Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V. 2004]
untergeordnete Rolle spielen. Das Hauptaugenmerk wird auf die sozialen und interkulturellen Probleme gerichtet sein, da Kenntnisse darüber die Basis für eine zielgerichtete sozialpädagogische Intervention bilden können.
Im ersten Kapitel werde ich die therapeutischen Ansätze erläutern, die der Arbeit zu Grunde liegen. Systemisch ist inzwischen ja alles, was aus familientherapeutischer Sicht etwas auf sich hält und ergänzt werden kann dies noch durch Konzepte der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, die Lösungen statt Probleme fokussiert und sich mit kleinen Schritten langsam, aber bestimmt auf ein Ziel zubewegt.
Danach folgt ein spannender und sehr langer Ausflug in das Leben bikultureller Familien. Zahlen und Fakten finden genauso ihre Erwähnung wie rechtliche Hürden, die Phänomene Rassismus und Ethnozentrismus, interkulturelle Kommunikation, Alltagsprobleme und die Erziehung der Kinder. Diese Stolpersteine werden betrachtet, da sie es sind, die das Leben gerade für bikulturelle Familien schwieriger machen und letztlich sogar gravierende Probleme verursachen können, die am Ende vielleicht ein Hinzuziehen von sozialpädagogischer Unterstützung notwendig machen. Die Arbeitsmethoden bekommen im Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe im nächsten Kapitel ihren rechtmäßigen Platz, denn an irgendeiner Stelle muss man ja auch mal konkret werden können. Möglichkeiten gibt es genügend und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Doch zu Anfang braucht man eben etwas Bodenständiges an die Hand, will man nicht völlig orientierungslos durch den bikulturellen Raum treiben.
Diese Arbeit allein ist durch ihre schriftliche Form, die keinen direkten Austausch zulässt, ans zweidimensionale gebunden. Somit wird es sich zeitweilig wohl schwierig gestalten, multidimensionale Betrachtungsweisen und nonlineare Vorgehensweisen exakt und einleuchtend beschreiben zu können. Das bitte ich zu beachten. Die Grenzen liegen hierbei nicht im eigenen Denken und auch nicht in einer Begrenzung der Handlungsmöglichkeiten selbst, sondern an einer starren Formgebundenheit der schriftlichen Aussage.
Ganz am Schluss finden sich schließlich Worte zusammen, die der Ganzen Arbeit den nötigen Pfiff dadurch geben, dass sie noch einmal resümieren, rekapitulieren und einfach kurz aussagen, was ca. einhundert Seiten vorher nicht treffend geschafft haben.
Eine Warnung zum Schluss: Dies ist eine rein theoretische Abhandlung zum Thema, der es an bildreichen Beispielen aus der Praxis wirklich fehlen wird, da diese auch nicht von Nöten sind, um Problemfelder und Handlungskonzepte in diesem Bereich klar darzustellen.
Und noch ein Hinweis, der mir persönliche Sicherheit verschaffen soll: In dieser Arbeit finden sich fast alle Begriffe und Berufsbezeichnungen in männlicher Form, was keinesfalls bedeutet, dass ich die weiblichen Formen nicht kennen und schätzen würde! Jedoch ist es mir von Natur aus leider nicht gegeben, mich kurz und knapp zu fassen, so dass eine zusätzliche ständige Ausführung beider möglicher Geschlechterbezeichnungen eine erhöhte Schwierigkeitsstufe bezüglich des zur Verfügung stehenden Platzes dargestellt hätte, auf die ich gerne verzichte. Ganz konkret bedeutet dies: Jede männliche Bezeichnung kann in Gedanken getrost durch eine weibliche ersetzt werden, ohne das der Sinn des Textes dadurch Schaden nimmt.
Und nun wünsche ich dem geneigten Leser (zur Probe in Gedanken: der geneigten Leserin) interessante Lektürestunden und ein gutes Durchhaltevermögen!
1.1. Erläuterungen der zentralen Begriffe
Grundlegend möchte ich an dieser Stelle zentrale Begriffe dieser Arbeit ausführlich darstellen. Jedes Wort für sich ist dabei als wichtiger Botschaftsträger anzusehen, der eine ganz bestimmte Funktion zu erfüllen hat.
1.1.1. Definition des Familienbegriffs
Den Familienbegriff selbst zu definieren erscheint weit hergeholt, denn ein jeder bringt eine eigene Familiengeschichte mit sich. In dieser Arbeit stellt die Familie die zentrale soziale Einheit dar. Da jeder vom Begriff Familie ein ganz eigenes Bild hat, basierend auf seiner eigenen Erfahrungswelt und der persönlichen Sozialisation, ist es erforderlich, diesen Begriff hier genauer zu definieren.
Familien an sich werden häufig als System bezeichnet, da ein bestimmter Zusammenhang zwischen den einzelnen Mitgliedern eindeutig ausgemacht werden kann.
„Mikroperspektivisch gilt die Familie als gesellschaftliches Teilsystem oder als eine Gruppe besonderer Art, die gekennzeichnet ist durch eine genau festgelegte Rollenstruktur und durch spezifische
Interaktionsbeziehungen zwischen ihren Mitgliedern.“ 4
Es lassen sich grobe Unterscheidungen von z.B. Klein-, Kern- und Großfamilie treffen.
In dieser Arbeit sind mit diesem Begriff Familie mindestens zwei Personen gemeint, die sich in einer Gemeinschaft zusammen gefunden haben, den Alltag gemeinsam zu bestreiten. Die Art der gemeinsamen Lebensform - ob mit oder ohne Trauschein, ob in gemeinsamer oder getrennter Wohnung - ist hierbei unerheblich Es geht viel mehr um die Ausrichtung auf gemeinsame Ziele, die Gestaltung eines regelmäßigen Kontaktes und wechselseitiger Kommunikation. Natürlich umfasst der Familienbegriff auch Beziehungen, in denen ein Kind oder Kinder vorhanden sind.
4 Nave-Herz, Rosemarie: Familie und Verwandtschaft. In: Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Hrsg. v. Bernhard Schäfers u. Wolfgang Zapf. Bonn: Leske + Budrich 1998, S. 201 [Im Folgenden zitiert als: Nave-Herz 1998]
Alleinerziehende werden in dieser Arbeit nur im Falle eines regelmäßigen Umgangs mit dem anderen Elternteil Berücksichtigung finden können, da nur hier von bikulturellen Einflüssen auf das Kind gesprochen werden kann.
1.1.2. Verschiedene Kulturen und was sich damit verbinden lässt
Zur Definition des Begriffes Kultur gibt es unendlich viele Unternehmungen aus allen wissenschaftlichen Richtungen, wobei festzustellen ist, dass sich jeder mit der Erfassung der Dimensionen einer Kulturbeschreibung schwer zu tun scheint. Jeder von uns benutzt den Begriff „Kultur“ von Zeit zu Zeit und ist sich sicher, von etwas zu sprechen, das allgemein verständlich ist. Mit Kultur meinen wir den Theaterbesuch ebenso wie die entsprechenden Tischmanieren. Multi-Kulti, das friedlich-bunte Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft. ist in aller Munde. Kultur ist in allen Bereichen der Gesellschaft zu finden. Doch was meint Kultur nun ganz genau?
Kultur kann lediglich als konstruierte Erklärungsgrundlage für Verhaltensmuster, Gedanken und Gefühle einer Person angesehen werden, die eventuell einen bestimmten Rahmen umfasst.
„Einzelne Individuen leben in Gesellschaften, bzw. in Gruppen organisiert zusammen, wobei die gemeinsame Kultur als das verbindende und strukturierende Merkmal gelten kann.“ 5
Dabei ist Kultur selbstverständlich nicht durch Ländergrenzen festzulegen. Kaum einer möchte schließlich als absolut in der deutschen Kultur verwurzelt gelten, nur weil er in diesem Land geboren und aufgewachsen ist. Und „typisch deutsch“, was soll das sein? Genauso wenig lässt sich die „typisch türkische“ Familie finden, auch wenn wir mit kulturellen Vorurteilen meist schnell zur Stelle sind, da wir bestimmte Unterscheidungen durch Vergleiche mit der eigenen Kultur ohne große Probleme treffen können und fremde Kulturen oft lediglich über dieses Verfahren definieren. Bikulturell, so ist an dieser Stelle festzustellen, ist also keineswegs mit binational gleichzusetzen, denn die Staatsbürgerschaft allein entscheidet
5 Gómez Tutor, Claudia: Bikulturelle Ehen in Deutschland. Pädagogische Perspektiven und Maßnahmen. Frankfurt am Main: IKO - Verlag für interkulturelle Kommunikation 1995, S. 45 [Im Folgenden zitiert als: Gómez Tutor 1995]
wohl kaum über den kulturellen Hintergrund. Aber woran lässt sich Kultur denn festmachen?
„Die ‚Kultur’ (...) umfasst die besondere oder distinkte Lebensweise einer Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind.“ 6
Kultur kann also kurz auch als Sinnkonstitution und Identitätsbildungsfaktor
für den Einzelnen und für die Gruppe gesehen werden 7 , da sie mehrere Individuen in einem sinnvoll geregelten Zusammenleben verbindet. Apropos sinnvoll: Bestimmte Handlungsstrategien machen natürlich nur vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund einen Sinn. Begibt man sich z.B. mit einem “Regentanz“ ernsthaft in eine deutsche Kleinstadt, wird man bestenfalls müde belächelt werden.
Kulturellen Eigenheiten sind für Menschen selbstverständlich und
existieren, ohne dass man weiter über sie nachdenken wird. 8 Unterschiedliche kulturelle Ausprägungen werden auch durch das Zusammenleben des Einzelnen und seiner Umwelt bedingt. Entscheidende Faktoren hierbei sind: der Lebensraum selbst (Land oder Stadt), eine bestimmte Familienorganisation, Sprache, Religion, Erziehung, Ausbildung, sexuelle Orientierung, Alter, Geschlecht, wirtschaftlicher und gesell-
schaftlicher Status, Hautfarbe, sowie die politische Ausrichtung etc.. 9 Kultur ist dabei nicht als homogenes statisches Gebilde zu betrachten, sondern sie ist reflexiv. Menschen werden von der Gesellschaft, Geschichte und Kultur geformt und formen gleichzeitig selbige.
6 Kalpaka, Annita: Über den Umgang mit „Kultur“ in der Beratung. In: Therapie und Beratung von Migranten. Systemisch-interkulturell denken und handeln. Hrsg. v. Janine Radice von Wogau, Hanna Eimmermacher u. Andrea Lanfranchi. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 2004, S. 34 [Im Folgenden zitiert als: Kalpaka 2004]
7 Ebd., S. 34
8 Vgl. Maletzke, Gerhard: Interkulturelle Kommunikation. Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S. 42 [Im Folgenden zitiert als: Maletzke 1996]
9 Vgl. Hegemann, Thomas: Interkulturelle Kompetenz in Beratung und Therapie. In: Therapie und Beratung von Migranten. Systemisch-interkulturell denken und handeln. Hrsg. v. Janine Radice von Wogau, Hanna Eimmermacher u. Andrea Lanfranchi. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 2004, S. 79 [Im Folgenden zitiert als: Hegemann 2004]
„Das Verhältnis zwischen dem Individuum und seiner Kultur ist als ein
komplexes System von Wechselbeziehungen zu verstehen.“ 10 Kultur hat so einen Doppelcharakter: Einerseits dient sie der Stabilisierung und auf der anderen Seite ist sie von der Veränderung gekennzeichnet. Da es hier um bikulturelle Familien gehen soll, kann dieser Versuch der Kulturbegriffsdefinition dieser Arbeit getrost zu Grunde gelegt werden. Wenn man ganz genau sein wollte, so kann im Grunde jede Familie als bikulturell bezeichnet werden, da sich Unterscheidungen in den Einfluss-faktoren und Ausprägungen immer finden lassen werden. Keiner wächst unter den gleichen Bedingungen und mit denselben Einflüssen auf, selbst wenn man Tür an Tür wohnen sollte.
In dieser Arbeit geht es jedoch um bikulturell in dem Sinne, als dass gravierende Unterscheidungen bei beiden Partnern getroffen werden können, seien sie religiöser, sprachlicher und/ oder ethnischer Natur.
1.1.3. Therapeutische Elemente
Es geht im Folgenden also systemisch-lösungsorientiert zu, doch was heißt das überhaupt?
Der Begriff ‚systemisch’ geht auf Gregory Bateson und seine Theorien zurück. Diese Theorien wurden jedoch inzwischen wieder und wieder überarbeitet, so dass man heute kurz feststellen kann: „Was ist eigentlich ein System? Auf diese Frage gibt es nicht eine Antwort, sondern mindestens
ein Dutzend.“ 11
Verschiedene Schulen haben also verschiedene Sichtweisen und daraus resultierend diverse Vorgehensweisen in der therapeutischen Arbeit entwickelt. Im Großen und Ganzen aber vereint sich in allen Ansätzen eine grundlegende Aussage: „Es besteht ein Unterschied zwischen der ‚Welt’
(was immer das eigentlich ist) und unserer Erfahrung von ihr.“ 12
10 Maletzke 1996, S. 22
11 Pfeifer-Schaupp, Hans-Ulrich: Jenseits der Familientherapie. Systemische Konzepte in der Sozialen Arbeit. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag 1997, S. 69 [Im Folgenden zitiert als Pfeifer-Schaupp 1997]
12 Schlippe, Arist von: Familientherapie im Überblick. Basiskonzepte, Formen, Anwendungsmöglichkeiten. Erschienen in der Reihe: Integrative Therapie. Beiheft 6. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung 1995, S. 78 [Im Folgenden zitiert als Schlippe 1995]
So kann man feststellen, dass in der systemischen Sichtweise der individuelle Blick auf die Welt im Grunde konstruiertes Material ist und somit keine Allgemeingültigkeit ausgemacht werden kann. Auch Probleme werden auf diese Weise von Einzelnen bzw. von „Problemsystemen“ selbst konstruiert und am Leben erhalten, was es zu erkennen gilt. Im Ansatz der Lösungsorientierung wird darauf gesetzt, dass der Klient selbst der Experte seiner Probleme und genauso deren Lösungen ist, die er zusammen mit dem Therapeuten entdecken kann.
Diese therapeutischen Ansätze können gut auf die sozialarbeiterische Praxis zugeschnitten werden. Es sollte idealer Weise ein Austausch zwischen Helfer und Klient stattfinden, (...) mit dem Ziel, Lösungs- und Bewältigungsmuster zu entwickeln, die zur Person und zum Kontext des
Klienten passen.“ 13 Und alternative Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten zu suchen, die an die Stelle des bisherigen Problems treten können. 14
1.1.4. Ambulante Familienhilfe
So spricht schon „mittendrin“ dafür, dass wir uns hier aktiv bewegen werden und uns IN eine Situation begeben, was natürlich bedeutet, dass wir den reinen Beobachterstatus verlassen werden. Diese Aussage wird konkretisiert durch die spezifische Arbeit in der Familie. Dabei weist beides in diesem Zusammenhang auf die aufsuchende Sozialarbeit bzw. die ambulante Familienhilfe hin. Die ambulante Familienhilfe besticht durch
ihre „Geh-Struktur“ 15 . Das heißt, die Arbeit findet hier direkt in der Familie und im häuslichen Umfeld statt.
In der ambulanten Familientherapie lassen sich die systemisch-lösungs-orientierten Techniken mit einigen kreativen Umgestaltungen gut einsetzen, obwohl der therapeutische Rahmen ursprünglich anders geplant bzw. ein anderes Setting vorgesehen ist.
13 Hesse, Joachim: Einführung. In: Systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie. Hg. Joachim Hesse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 10 [Im Folgenden zitiert als Hesse 1997]
14 Vgl. Ebd., S. 12
15 Vgl. Arbeitsgemeinschaft nach § 78 SGB VIII ambulanter Hilfen zur Erziehung (Hrsg.): Standards zur Sozialpädagogischen Familienhilfe. Beschlussfassung im Jugendhilfeausschuss der Stadt Frankfurt am Main, 14.01.2003, S. 3 [Im Folgenden zitiert als: . Arbeitsgemeinschaft nach § 78 SGB VIII ambulanter Hilfen zur Erziehung 2003]
2. Kreative Ansätze in der sozialpädagogischen Praxis
Wir haben zwei Ohren, aber nur einen Mund,
damit wir mehr zuhören als plaudern. (Chinesisches Sprichwort)
Im Folgenden werden die beiden Schlüsselbegriffe ‚systemisch’ und ‚lösungsorientiert’ näher erläutert. Vorher ist es mir jedoch ein wichtiges Anliegen zu erklären, dass beide Ansätze zwar einen therapeutischen Hintergrund haben, diese Modelle hier jedoch lediglich als ein Betrachtungsansatz zum Tragen kommen, da eben die bloße Sozialarbeit nicht automatisch mit therapeutischen Fähigkeiten, aber vor allem mit Kompetenzen gleich zu setzen ist.
Besonders bei Pfeifer-Schaupp finden sich elementare Gedanken dazu ganz ausführlich wieder:
„Die Konzentration auf therapeutische Beratungsarbeit ist oft verbunden mit einer unproduktiven und überflüssigen Konkurrenz mit anderen Berufsgruppen und einer starken Orientierung am Berufsbild von PsychologInnen, deren Ausbildung, Prestige, Bezahlung und Arbeitsmöglichkeiten damit für SozialarbeiterInnen zur ‚Meßlatte’ werden.“ 16
Es soll davor gewarnt werden, sich ein therapeutisches Gewand überzustreifen, was gar nicht richtig zum Arbeitsort eines Sozialpädagogen passt und ihn dort eher zum „Paradiesvogel“ werden lässt, der wohl am Ende Federn lassen muss.
Stattdessen sollte man sich auf einen sinnvollen Einsatz von therapeutischen Mitteln und Betrachtungsweisen konzentrieren bzw. spezialisieren. Dazu ist natürlich erst einmal die Kenntnis von selbigen und deren Einsatzmöglichkeiten am realen Arbeitsplatz von Nöten.
Pfeifer-Schaupp fordert dazu eine andere, neue Theorie, die sich stärker am beruflichen Alltag von Sozialarbeitern orientiert, ihnen gerade im Bezug auf die konkrete Arbeit mit den Klienten etwas in die Hand gibt und zudem
16 Pfeifer-Schaupp 1997, S. 36
‚genießbarer’ vermittelt werden sollte, so dass man der weit verbreiteten
Theoriefeindlichkeit endlich etwas entgegen zu setzen vermag. 17 Die hier genannten Handlungsansätze aus dem therapeutischen Feld sind daher praxisbezogen ausgerichtet und werden dem entsprechend auch
erläutert werden. 18
2.1. Die systemische Betrachtungsweise der Welt
Wir alle leben in Systemen, die sich in komplexer Weise organisieren und verändern. Jeder Einzelne kann nicht einzeln betrachtet werden, denn verändert sich seine Welt, in der er lebt, so verändert auch er sich. Damit jedoch nicht genug, denn das Ganze funktioniert wechselseitig. Verändert sich also der Einzelne selbst, so wird sich auch die Welt bzw. das System um ihn herum verändern.
„Menschen bilden mit Anderen größere Systeme, z.B. Paare, Familien, Nachbarschaft, Vereine, Institutionen, Staaten, Völkergemeinschaften. Jedes umschriebene System ist immer Bestandteil mehrerer noch größerer Systeme, die in Wechselwirkung mit einander treten und Auswirkungen auf einander haben.“ 19
Es wäre also in der praktischen Arbeit in einer Familie unter dieser Betrachtungsweise sinnvoll, diese als Ganzes zu begreifen und zu betrachten. Auf einzelne Familienmitglieder wird man sich zwangsläufig zeitweise konzentrieren, doch der Blick auf das System im kleinen Rahmen sollte dabei nicht aus den Augen verloren werden.
Würde man den systemischen Gedanken frei weiter verfolgen, so findet man sich schlussendlich in einer Sackgasse wieder, denn wo genau beginnen eigentlich Systeme und wo enden sie? Übers Makrosystem mit Umwegen
übers Mesosystem hin zum Mikrosystem, ja sogar bis zum Zellsystem? 20
17 Pfeifer-Schaupp 1997
18 Zum tieferen Eindringen in diesen Bereich empfiehlt sich die Lektüre der entsprechenden Standardwerke z.B. von DeShazer (lösungsorientierte Kurzzeittherapie) oder von Schlippe (systemische Beratung und Therapie).
19 Oestereich, Cornelia: Systemische Therapie an den Grenzen unterschiedlicher kultureller Wirklichkeiten. In: Transkulturelle Psychotherapie. Hilfen im ärztlichen und therapeutischen Umgang mit ausländischen Mitbürgern. Hg. Thomas Heise. Berlin: VWB, Verlag für Wissenschaft und Bildung 1998, S. 146 [Im Folgenden zitiert als: Oestereich 1998]
20 Vgl. Schlippe 1995, S. 28
Die Existenz der verschiedenen, sich bedingenden und zeitweilig überlagernden Systeme sollte man sich wohl bewusst machen, jedoch darf man der Versuchung nicht erliegen, sich darin zu verlieren. Natürlich umfassen höher geordnete Systeme wie die Gesellschaft andere Subsysteme wie die Familie. Eine Familie wiederum stellt gleichsam auch ein übergeordnetes System dar, wenn beispielweise mehrere Kinder existieren und somit ein geschwisterliches Subsystem vorhanden ist. Selbst ein Helfer oder Therapeut wird als „beteiligter Beobachter“ Teil des ihm als Arbeits-grundlage dienenden Systems werden. 21
Deshalb wird eine zeitweilige Eingrenzung des Rahmens in der praktischen Arbeit unabdingbar. Die Konzentration wird erst einmal auf den Kern, also die Klienten-Familie selbst, fallen. Danach wird man in der nächsten Betrachtung die weiteren, der Familie sehr nahe stehenden Personen wie z.B. Großeltern, Freunde und eventuelle andere Helfer fokussieren. Auch die Umgebung wie Arbeitsplatz, Schule und Nachbarschaft werden Beachtung finden.
Es geht hierbei nicht um die starre Abarbeitung eines zurechtgelegten Planes, sondern eher darum, seine Augen in alle Richtungen offen zu halten und Ressourcen zu suchen und zu entdecken. Der systemische Ansatz ist dabei recht hilfereich, da er uns in der praktischen Arbeit das ganzheitliche Erfassen und Bearbeiten sozialer Probleme erleichtern kann - besonders im multikulturellen Kontext:
„Nach meinen Erkenntnissen und Erfahrungen ist die systemische Theorie eine nützliche Metatheorie für das Verstehen und Interpretieren verschiedener Weltanschauungen. Dies ist die zentrale Aufgabe bei interkultureller Arbeit, bei der mit einer oder mehreren Kulturen gearbeitet wird, wobei in der Regel eine dabei dominiert.“ 22
21 Vgl. Schmidt, Gunther: Gestaltungsmöglichkeiten systemisch-lösungsorientierter Therapie - Verknüpfungen und Varianten. In: Systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie. Hg. Joachim Hesse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 84 [Im Folgenden zitiert als: Schmidt 1997]
22 Wogau, Janine Radice von (a): Kulturelles Bewusstsein und interkulturelle Kompetenz. In: Beratung Aktuell. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung. Hg. Dr. Rudolf Sanders. Paderborn: Junfermann Verlag. Heft 1, Februar 2004, S. 33 [Im Folgenden zitiert als: Wogau (a) 2004]
2.1.1. Die künstlich erzeugte Wirklichkeit
Die systemische Sichtweise geht also von ständig existenten Wechselwirkungen aus. Hierbei geht es keinesfalls um eine Ursache-Wirkungs-Betrachtung, denn mit dieser Betrachtung nähme man sich selbst die Möglichkeit, dem Einzelnen ein selbstverantwortliches Handeln zu unterstellen. Vielmehr gilt es zu erforschen, welche inneren Bilder und Prämissen, kurz „innere Landkarten“, dem Denken, Erleben und Handeln zu Grunde liegen, um somit herauszufinden, wie eine gemeinsame Wirklichkeit in dem konkreten System Familie erzeugt wird.
„Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen sich permanent in einem Prozess selbst organisierter Bedeutungs-und
Informationserzeugung befinden, also Wirklichkeit konstruieren.“ 23
Das bedeutet natürlich gleichsam, dass sich jedes System auch permanent im Fluss befindet. Diesen Gedanken liegt eine konstruktivistische Sichtweise zu Grunde, welche in neuerer Zeit auch durch die Theorien von Humberto Maturana und Niklas Luhmann einen verbesserten Zugang in die therapeutische Arbeit gefunden hat. Darin wird ausgesagt, dass
„(...) beispielsweise das Gehirn die Umwelt nicht aufgrund von akustischen und optischen Informationen mehr oder weniger genau abbildet, sondern es ‚konstruiert’ daraus und damit seine eigene Wirklichkeit.“ 24
Nimmt man diese These zur Grundlage wird offensichtlich, dass Umwelt nicht als etwas Festes bzw. Statisches bezeichnet werden kann, die von jeder Perspektive betrachtet immer das gleiche Bild wiedergibt, sondern Umwelt etwas ist, dessen Umrisse und Formen erst durch Betrachtung entstehen. Die Hauptfunktionen der Sinnesorgane bestehen nun darin, aus empfangenen Reizen und Informationen auszuwählen. Somit ist am Ende für den Betrachter lediglich wahrnehmbar, was herausgefiltert und als wichtig
erachtet wurde. 25 Für das System ist dieses Festlegen der Grenzen - etwas kommt hinein in das System und der Rest bleibt draußen - existentiell. Systeme definieren sich über diese Grenzziehung. Demnach existiert auch
23 Oestereich 1998, S. 146
24 Pfeifer-Schaupp 1995, S. 85
25 Für die interkulturelle Kommunikation hat dies eine ganz besondere Bedeutung, die in Kapitel 3.6.1. dieser Arbeit näher erläutert werden wird
keine allgemeingültige „Wirklichkeit“ in dem Sinne, sondern die „Wirklichkeit“ ist immer nur eine Spiegelung der eigenen Wahrnehmung und wird von jedem selbst unterschiedlich konstruiert. „Die uns am ehesten bekannte Erscheinungsform dieser Konstruktion von Wirklichkeiten sind die
sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.“ 26 Somit sind ebenso Diagnosen oder Einschätzungen von Fachleuten, die im Zusammenhang mit Krankheiten, Gebrechen oder eben angezeigter Hilfebedürftigkeit getroffen werden, nicht real in dem Sinne einer festen, unumstößlich gesicherten Existenz, sondern sie kreieren ihrerseits selbst eine neue „Wirklichkeit“ oder verfestigen bereits bestehende Verdachtsmomente und Vorannahmen der Klienten und Patienten.
Dies führt leicht dazu, dass sich der Handlungsspielraum auf Helfer- wie auch Klientenseite einengt, da z.B. mit einer Diagnose, welche die „Schizophrenie“ eines Klienten bescheinigt, Hoffnungen auf ein weiteres stetes Vorwärtskommen zumindest teilweise zerstört werden und häufig fortan nur noch im Rahmen der Schizophrenie auf beiden Seiten gedacht wird, was sich z.B. in folgenden Helfer-/ Klienten-Gedanken äußern könnte: „Das kann ich nicht von ihm/ nicht von mir erwarten, schließlich ist er/ bin ich schizophren und somit liegt das außerhalb des Bereiches des Machbaren!“.
Daher bedarf es einer veränderten Betrachtung und somit der Erschaffung einer „neuen Wirklichkeit“, der es möglich sein wird, neue Perspektiven wahrzunehmen. Ziel sollten daher Interventionen sein, die:
„(...) auf der einen Seite mit der inneren Landkarte des Patienten vereinbar sind, auf der anderen Seite jedoch genügend davon abweichen, um eine neue Sichtweise zu ermöglichen. Auf diese Weise werden individuelle Lösungsmuster entwickelt, die unabhängig von normativen Konzepten über beispielsweise „gesunde“ oder „gestörte“ Familien sind.“ 27
26 Watzlawick, Paul: In Systemen denken, handeln und behandeln. Theoretische Grundlagen der systemischen Therapie. In: Systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie. Hg. Joachim Hesse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 34 [Im Folgenden zitiert als: Watzlawick 1997]
27 Hesse 1997, S. 13 f.
2.1.2. Konstruktionen verändern
Wenn Paul Watzlawick, einer der berühmtesten Mitbegründer der systemischen Sichtweise, im Jahr 1976 fragt: „Wie wirklich ist die
Wirklichkeit?“ 28 , so ist das eine Frage, über die sich unsere Klienten mit all ihren Problemen mit Sicherheit erst einmal nicht den Kopf zerbrechen
werden. Für sie spielt es auch keine Rolle, wie, wann und durch wen 29 eventuell ein Problem konstruiert worden ist, das jetzt eigentlich nur dadurch existiert, dass alle Beteiligten es weiter nähren und pflegen, ja es weiter tragen. Was für Klienten zählt, ist eine Auflistung der Möglichkeiten, die ihnen für die Lösung ihrer Probleme zur Verfügung stehen. Diese Möglichkeiten zu erkennen, ist für den „Helfer“ keineswegs immer einfach. Manchmal erscheint sogar die Lage so hoffnungs- und ressourcenlos, dass er schlussendlich meint, den Fall an einen Kollegen abgeben zu müssen. Das kann er natürlich in die Tat umsetzen, jedoch lohnt es sich mit Sicherheit, vorher seinen Betrachtungswinkel zu ändern oder andere Reize auf den Klienten auszusenden.
„Der Klient soll durch die Beratung in die Lage versetzt werden, entweder sein Verhalten oder seine Vorannahmen über die Welt zu ändern. Interventionen zielen darauf, zusammen mit dem Klienten/ Kunden alternative Wirklichkeiten zu konstruieren, auf die sich der Klient einlassen kann, ohne seine Identität gefährdet zu sehen.“ 30
Die Art der Kommunikation, durch welche der Helfer mit dem Klienten in Verbindung tritt, spielt dabei mit Sicherheit eine enorm große Rolle. Kommunikation thematisiert beispielsweise das Problem, mit dem der
28 Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?. Wahn, Täuschung, Verstehen. München: Piper Verlag 2003
29 Probleme sind aus systemische Sicht natürlich nicht „Fehler“, die durch das Tun Einzelner entstehen, sondern werden von allen Beteiligten kreiert und auch vom gesamten System getragen.
30 Butt, Stephan: Eine systemisch-konstruktivistische Sicht auf die Methoden in der Sozialen Arbeit. In: Handlungsmodelle in der Familienhilfe. Zwischen Networking und Beziehungsempowerment. Hg. Max Kreuzer. Neuwied; Kriftel: Luchterhand 2001, S. 70 [Im Folgenden zitiert als: Butt 2001]
Klient zum Berater kommt und schafft somit - wie bereits aufgezeigt wurde - eine bestimmte „Wirklichkeit“ und - will man weitergehen - wird dieses
Problem ausschließlich kommunikativ erzeugt und aufrechterhalten. 31 In einer Beratersituation entsteht sogar ein neues Kommunikationssystem, das auf ganz persönlich kreierte Muster zurückgreift. Grundlegend ist dabei festzustellen, dass Gedanken lediglich die Teilnahme an einer Kommunikation sichern, aber keinesfalls ein Teil von ihr sind.
„Gedanken sind nicht kommunizierbar, und so kann man durch Kommunikation auch nicht herausfinden, was in den Köpfen anderer Leute vor sich geht. Man kann es, genauer gesagt, überhaupt nicht herausfinden.“ 32
Aber man kann Informationen kommunikativ aussenden und somit eine Reaktion beim Gegenüber hervorrufen, die in jener Situation sinnvoll erscheint. Auf diesem Wege wird ein Austausch möglich der, wenn er erfolgreich ist, ein Verstehen nach sich zieht. Dieses Verstehen wiederum muss neuerlich kommuniziert werden, will es an diesem Punkt weiter gehen. Der Berater schafft auf diesem kommunikativen Wege zusammen mit dem Klienten eine, diesem System eigene andere „Wirklichkeit“.
„Daher sehe ich den konstruktivistischen Ansatz in der Systemtherapie darin, daß wir versuchen, in dem System die Wirklichkeitskonstruktion etwas zu verändern, ohne dabei jemals zu glauben, daß wir die Wahrheit mitteilen können.“ 33
Dies kann dadurch gelenkt werden, dass der Berater stets dazu bereit ist, das eine oder andere Detail im Gespräch zu entdecken und herauszufinden, welche Informationen konkret oder welche Art von Informationen der Klient dem Gespräch entnimmt und damit seine Art des Denkens und
Fühlens zu erkennen. 34
Inzwischen besteht unter diesen Gesichtspunkten kein Zweifel mehr darüber, dass Reaktionen nicht durch direkte Anweisungen vom Berater gelenkt werden können, da nicht-triviale Systeme immer unvorhersehbar auf
31 Vgl. Baecker, Dirk: Das wirkliche Problem ist, dass wir keine Probleme haben! In: Zirkuläre Positionen. Band 1. Konstruktivismus als praktische Theorie. Hg. Theodor M. Bardmann. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 1997
32 Butt 2001, S. 71
33 Watzlawick 1997, S. 26 f.
34 Vgl. Ebd., S. 38
Reize reagieren. Dabei kann sicher die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Reaktion berechnet werden, das sagt jedoch keinesfalls etwas über die tatsächlich eintreffende Reaktion aus. Stattdessen kann ein Berater bzw. Therapeut nur nach den logischen Regeln des Kommunikationssystems intervenieren und irritieren, denn: „Der Therapeut begreift sich als Experte
für das Initiieren und Aufrechterhalten von Dialogen.“ 35 Er muss sich dabei ganz auf seine Wahrnehmung verlassen. Zufälle, unvorhersehbare Ereignisse und Sprünge wird es dabei immer geben, da Beratungen dynamisch funktionieren. Der Klient seinerseits sollte die Kommunikation als Intervention wahrnehmen.
„Er muss die Erfahrung machen, dass die Welt aus einem anderen Blickwinkel eine andere ist und dass er die Wahl hat, eine andere Perspektive einzunehmen.“ 36
Dies kann der Klient nur dann erkennen, wenn es sich ihm durch eine gelungene Kommunikation als Information sinnvoll offenbart.
2.1.3. Die Selbstreflexion stets im Hinterkopf
Da in jedem therapeutischen Kontext, hier jedoch besonders bewusst, der Berater bzw. Therapeut zum Teil eines bestehenden Systems wird, ist es unabdingbar, über seine eigene Geschichte, Erfahrungen und Gefühle intensiv zu reflektieren. Dabei genügt es nicht, dies lediglich zu Beginn einer Tätigkeit zu tun, sondern diese Reflexion sollte ständig von neuem passieren, da sich immer wieder Emotionen einschleichen werden, deren Ursprung sich dem Berater nicht unbedingt auf Anhieb erschließt.
„Jeder Mensch ist verantwortlich für sein Bild der Welt und für sein Handeln darin. Er ist also auch verantwortlich für seine ethischen und moralischen Konstrukte.“ 37
Im späteren Verlauf der Arbeit wird auf allgemeine Vorurteile und ethnozentristische bzw. rassistische Gedanken im Zusammenhang mit dem Zusammentreffen verschiedenster Kulturen vertiefend eingegangen werden, die jedoch auch hier schon Erwähnung finden müssen, da kein Mensch frei von solchem Gedanken- bzw. Gefühlsgut ist und besonders in dieser Art der
35 Vgl. Hesse 1997, S.15
36 Butt 2001, S. 77
37 Oestereich 1998, S. 147
therapeutischen Arbeit viel von diesen verdeckten Grundeinstellungen mit einfließen können und werden. Um sich aber über jene Teile, die man selbst als Berater bzw. Therapeut auf den Klienten und somit auch auf das gesamte System überträgt bewusst zu werden, bedarf es einer regelmäßigen Supervision, die sich speziell mit diesem Thema beschäftigt und fähig ist, adäquat darauf einzugehen und natürlich einer intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen. Es gilt aufzudecken, welche Bilder seit Jahren bzw. Jahrzehnten in einem selbst friedlich schlummern und teilweise gar nicht entdeckt werden wollen.
„Wenn er (sie) sie (die inneren Bilder - Anmerkung der Verfasserin) kennt, mit ihnen umgehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie mit den Bildern der Menschen, die er (sie) berät, bewusst interferieren.“ 38
Der Blick ist dann erst klar um zu erkennen, nicht um zu erahnen, zu vermuten und sich bereits Gedachtes bestätigen zu lassen. Besonders im bikulturellen Arbeitskontext ist dies von entscheidender Wichtigkeit, da sich immer wieder Bilder aufdrängen werden, die wir sozusagen schon fast mit der Muttermilch völlig unentdeckt aufgesogen haben. Ansonsten kann es schnell passieren, dass von einem Berater ein Charakteristikum auf ein System übertragen wird und dieses System das bereitwillig annimmt, ohne dass dies je von einer Seite bemerkt wurde. Dieses Phänomen ist nicht hilfreich und leider auch nicht selten.
2.2. Lösungsorientierung leicht gemacht
Wessen der Großteil der Klienten in den verschiedensten Problemlagen wirklich bedarf, ist einer raschen Handlungsanleitung, die praktisch angelegt sein sollte. So wie ein Klempner vermutlich bei einem Rohrbruch zu einer Rohrzange greifen wird, um das defekte Stück schnell durch ein Funktionierendes zu ersetzen. Das steht der systemischen
Betrachtungsweise ja zum Glück auch nicht im Weg, denn beide Ansätzesystemisch und lösungsorientiert - können ja friedlich nebeneinander existieren. Der eine Fokus richtet sich an der praktischen Umsetzung aus und sucht konkret nach Lösungen, die dem Klienten erst einmal Ruhe
38 Schlippe 1995, S. 80
verschaffen können, weil sie seine Not in ziemlich kurzer Zeit lindern können. Der andere Fokus dagegen fragt nach Rahmenbedingungen, analysiert und beschreibt diese, um dann jene langsam, aber stetig zu beeinflussen und gemeinsam mit dem Klienten einen Veränderungsprozess herbeizuführen, der zwar nicht schnell vonstatten geht, dafür aber nachhaltig sein wird.
„Lösungsorientierung, so gesehen, muß also immer eine Balance zwischen Problem- und Lösungskompetenz berücksichtigen und dann eine optimale, zieldienliche, in die Systembedingungen hineinpassende Lösungsvision kreieren.“ 39
Die Orientierung auf die „Lösungserarbeitung“ zu richten, kann gerade zu Beginn der Zusammenarbeit ein effektives Mittel sein, denn die Grundidee der Lösungsorientierung ist die Überlegung, wohin die Aufmerksamkeit
eigentlich gelenkt werden soll. 40
Die Theorie der lösungsorientierten Kurzzeittherapie geht auf das Team des Brief Familiy Therapy Centre (BFTC) in Milwaukee (USA), besonders aber auf dessen Leiter Steve de Shazer zurück, der diese Therapieform durch
seine zahlreichen Publikationen zu diesem Thema bekannt gemacht hat. 41 De Shazer orientierte sich stark an den Arbeitsweisen von Milton Erickson. Besonderes Augenmerk fällt hierbei auf die ‚hypnotherapeutische Intervention’, aus der de Shazer bestimmte Teile in seine eigene Arbeit und
Herangehensweise einbezog. 42 Wobei hier nicht der falsche Eindruck entstehen soll, dass de Shazer selbst Hypnose praktiziert. Lediglich die Erfahrung, dass Klienten aus einer Hypnose mit ganz eigenen Lösungskonzepten und neuen Motivationen wieder „zurückkamen“, beeindruckte ihn so sehr, dass er dieses Phänomen untersuchte und es in einem anderen Rahmen zum Einsatz brachte.
39 Vgl. Schmidt 1997, S. 90
40 Vgl. Ebd., S. 78
41 Vgl. Schlippe, Arist von / Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, S. 35 [Im Folgenden zitiert als: Schlippe / Schweitzer 1999]
42 Vgl. De Shazer, Steve: Die Lösungsorientierte Kurztherapie. Ein neuer Akzent der Psychotherapie. In: Systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie. Hg. Joachim Hesse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 55 ff. [Im Folgenden zitiert als: De Shazer 1997]
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Doreen Wild, 2005, Systemisch-lösungsorientierte Arbeit in Familien mit bikulturellem Hintergrund, München, GRIN Verlag GmbH
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