Gliederung
1. Einleitung
2. Analyse der Ballszene
2.1 Der Ball bei Rosanette als notwendiger Gegensatz zum bourgeoisen Leben
2.2 Darstellung Rosanettes und ihrer Umgebung
2.3 Darstellung Frédérics
2.4 Darstellung von Politik bzw. politischen Ereignissen
3. Zusammenfassung
4. Bibliographie
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1. Einleitung
„Me voilà maintenant attelé à un roman de mœurs modernes qui se passera à Paris. Je veux faire l’histoire morale de ma génération ; sentimentale serait plus vrai. C’est un livre d’amour, de 1 passion ; mais de passion telle qu’elle peut exister maintenant, c’est-à-dire inactive.“
Unter dieser Prämisse schreibt Gustave Flaubert die Education sentimentale, die Geschichte des jungen Mannes Frédéric Moreau, der zwischen 1840 und 1851 eine lehrreiche „Reise“ durch historische und soziale Ereignisse sowie das Pariser Liebesleben unternimmt, jedoch an seinen Illusionen und Ambitionen scheitert. Seine persönliche Geschichte steht repräsentativ für eine viel allgemeinere Erfahrung, die, in das individuelle Schicksal des Helden verpackt, die Geschichte einer ganzen Generation widerspiegelt. Das Wort Geschichte ist hier wahrhaft zweideutig zu verstehen: Es bezeichnet einerseits die narrative Fiktion aus der Hand Flauberts, andererseits aber auch die wahren Geschehnisse seiner Epoche, die geschickt und realistisch in die Fiktion eingebaut wurden.
Im Roman ist Paris das Zentrum der modernen Gesellschaft und gleichzeitig die Projektionsfläche für Frédérics romantische Sehnsüchte und gesellschaftliche Ambitionen. In Paris lebt seine große Liebe, Marie Arnoux, hierher kommt der Protagonist, um zu studieren und sich um seine Integration in die angesehene Gesellschaft zu bemühen. Dabei stößt er aber auch auf die korrupten Seiten der Gesellschaft, lernt die käufliche Liebe als Opposition zur romantischen Liebe kennen, und nimmt, häufiger als Statist denn als Miteiferer, die politischen Revolten seiner Zeit wahr.
Diese Vielschichtigkeit der Stadt Paris spiegelt sich im Roman unter anderem in der Ballszene zu Beginn des zweiten Teils wider, die in dieser Arbeit näher analysiert werden soll. Zunächst soll untersucht werden, inwieweit der Ball bei Rosanette in Opposition zum bourgeoisen Leben steht und weshalb dieser Gegensatz notwendig für das Fortbestehen des Bürgertums und der damit verbundenen Werte war. Der zweite Punkt der Analyse beschäftigt sich mit der Darstellung der Prostituierten Rosanette und ihrer häuslichen Umgebung, wobei hier vor allem der Aspekt der Käuflichkeit sowie der Gegensatz zur femme honnête im Vordergrund steht. Der dritte Analysepunkt ist dem Protagonisten Frédéric und seiner inaktiven Position auf dem Ball beziehungsweise in der Gesellschaft gewidmet. Zuletzt soll der Ball als Plattform zur maskierten Darstellung von Politik und politischen Ereignissen
1 Ausschnitt eines Briefes von Flaubert an Mlle Leroyer de Chantepie, 6. Oktober 1864.
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untersucht werden, die in den nachfolgenden Teilen des Romans noch einmal, doch diesmal unmaskiert auftauchen.
2. Analyse der Ballszene 2.1 Der Ball bei Rosanette als notwendiger Gegensatz zum bourgeoisen Leben
Dass Frédéric ausgerechnet von Arnoux, dem vermeintlich „guten Bürger“, auf den Vergnügen verheißenden Ball bei Rosanette geführt wird, ist kein Zufall: Gerade die durch die bürgerliche Moral eingeengte Lebensweise eines Pariser Bourgeois zu jener Zeit verlangt nach einer Art Kompensation, um der Ernsthaftigkeit und Strenge des Alltags vorübergehend zu entkommen. Arnoux selbst unterstreicht dies in seinen Äußerungen „Il faut que j’y aille, j’y ai besoin“ (S. 195) 2 . Er verspricht Frédéric „de le conduire dans un endroit où il s’amuserait“ und „ce sera drôle“ (S. 195), was impliziert, dass der Ort, an dem die beiden sich zur Zeit dieser Aussage befindennämlich das Wohnhaus der Familie Arnoux - kein Vergnügen beschert. Selbst Marie Arnoux gibt mit ihrem Wunsch „Amuse-toi!“ (S.195) zu erkennen, dass sie vom außerhäuslichen Vergnügen weiß, das sich mit den von ihr geforderten Tugenden als Ehefrau und Mutter nicht vereinbaren lässt. Marie Arnoux verkörpert Ernsthaftigkeit, Schamhaftigkeit, Reinheit, Ordnung und Sparsamkeit sowie Treue - Tugenden, die mit dem Verständnis von amusement nicht in Einklang zu bringen sind. Insofern steht der Ball bei Rosanette und die mit ihm verbundene Prostitution in einem absoluten, jedoch notwendigen Gegensatz zum normalen bürgerlichen Leben. Erst durch die Existenz der lorette, die Fröhlichkeit, Verschwendungssucht, Durcheinander und Untreue kennzeichnet, wird die einschränkende bürgerliche Moral erträglich: „La lorette vend (cher) au bourgeois un plaisir qu’on juge incompatible avec les vertus exigées de l’épouse mère de famille. (…) La fonction de la lorette est de compenser les frustrations d’une sexualité que le mariage réduit à la procréation : la morale répressive de la société bourgeoise contemporaine, société fondée sur une valeur unique, l’argent, c’est-à-dire une société où tout s’achète, produit nécessairement la lorette comme un complément obligé de la « femme honnête ».“ (Czyba 1983: 199)
Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass gerade durch die Existenz der lorette und des damit verbundenen Amüsements diese morale répressive in ihrem Fortbestehen gesichert wird. Arnoux selbst - und mit ihm die auf dem Ball anwesenden Damen - ist das beste Beispiel hierfür: Als das Enfant de
2 Die Seitenangaben sämtlicher Textzitate entsprechen folgender Ausgabe:
Flaubert, Gustave (2002): L’Education sentimentale, Le Livre de Poche classique, Paris.
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Arbeit zitieren:
Evelyn Glose, 2005, Der Ball bei Rosanette als Schlüsselszene in Flauberts Education sentimentale, München, GRIN Verlag GmbH
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