1. Teil: Johan Daisne
Über den Autor, seine Einflüsse, Motivationen, Theorien und Moralanschauungen
Herman Thierry, so der richtige Name, war unter dem Pseudonym Johan Daisne tätig, um von seiner adligen Herkunft abzulenken. Er wurde 1912 in Gent geboren und verstarb 1978 in Brüssel. Daisne war ein von unterschiedlichen Einflüssen geprägter Filmemacher, Poet, Denker und Schriftsteller. Seine postnatalen Einflüsse stammen aus einem christlichen Elternhaus. Seine Eltern waren beide Lehrer, sein Vater, ein dichterischer Idealist und Naturgelehrter, publizierte zudem pädagogische und wissenschaftliche Schriften. Von seinem Vater ist außerdem bekannt, daß er russisch studierte, um die entsprechenden Meister in der Originalsprache lesen zu können. Ein Bezug zu Osteuropa ist bei Johan Daisne auch vorhanden. Er promoviert 1936 in slawischer Ökonomie und beginnt danach mit der Veröffentlichung russischer Erzählungen. Hierbei ist sein geliebtes klassisches Vorbild der ewig junge Poesjkin. (Bemerkung: Val, der junge Student berichtet von der Lebensanschauung Katajews). In den Jugendjahren (1927) liegt Daisnes Hauptaugenmerk jedoch beim Film. Er beginnt Filmbeurteilungen zu schreiben und Fotos zu sammeln, die er später als Grundlage für sein „filmographisches Lexikon“ nutzt. Die cinematographische Kunst dient Daisne richtungsweisend als Vorlage für seine magisch-realistischen Erzählungen. Filmproduktion und Filmtechnik boten sich ihm als Inspiration: „Er schrieb Bücher als wären es Filme und die Filme, die er nach seinen Romanen schuf, machen einen durchgehend natürlichen Eindruck; sie bestehen, genauso wie die verfilmten Romane, aus stets schnellen, aufeinanderfolgenden, wechselnden Szenen.“ (van Severen, aus: Boraewijk u.a.. Biografie, Bibliografie, Beschouwingen. Manteau. Brüssel. 1974; Übersetzung: der Autor).
Johan Daisnes künstlerischer Ausdruck wird zu einem großen Teil durch biographische Krisen motiviert. Der Tod seines Vaters oder seiner Tochter, sowie eigene schwere Krankheiten, veranlassen ihn zu schreiben. Daisne selbst betrachtet das Schreiben denn auch als Selbstreinigung. Ferner: „(Schreiben) ist sich heranführen an das Urbild das man von sich selbst in sich trägt.“ (Boraewijk u.a.. Biografie, Bibliografie, Beschouwingen. Manteau. Brüssel. 1974; Übersetzung: der Autor). Bei dieser Auffassung
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kommt Daisne der Psychologie bzw. der Psychoanalyse sehr nahe, die sich in des Autors moralischen und lebensbetrachtenden Konzeptionen an den Archetypen C.G. Jungs orientiert und durch Platos Paradeigmata beeinflußt wird.
Johan Daisnes schriftstellerische Darstellungsweise wird dem magischen Realismus zugeordnet. Der magische Realismus war jedoch für ihn weder eine Stilform noch eine Kompositionsanleitung. „Es sei vielmehr das Lebensgefühl, das heimliche Wissen um ein Wirklichkeit, die hinter der wahrnehmbaren Realität verborgen liegt und den Glauben an Wunder zuläßt,“ so Daisnes Selbsteinschätzung. (Boraewijk u.a.. Biografie, Bibliografie, Beschouwingen. Manteau. Brüssel. 1974; Übersetzung: der Autor). Folglich eine sehr mystische Betrachtung. Johan Daisnes Stil charakterisiert sich über die Erweiterung des Romantischen: Dichtung und Wahrheit wird zur Dichtung um Wahrheit im magisch-realistischen Gebrauch. Die romantische und klassische Komponente in seinen Werken findet ihre literaturwissenschaftliche Verknüpfung mit dem magischen Realismus durch den Einfluß von Goethes Entwicklungsroman „Wilhelm Meister“ und Novalis „Anti-Meister“ -, „Heinrich von Ofterdingen“.
Johan Daisnes Konzeption entsteht durch die Herstellung von Polarität. Er sucht nach der Versöhnung von Realität und Traum, von Wissenschaft und Schönheit, von Verstand und Gefühl, von Leben und Tod, von Realismus und Magie bzw. Mystik. Daisnes Figuren suchen nach dem irrationalen Urgrund des Lebens, einem über das ersichtliche Leben erweiterte Ideal, das nicht wie im „Wilhelm Meister“ in der realistisch-bürgerlichen Welt angeordnet ist, sondern in einer übersinnlichen Welt der Träume, Poesie und Mystik, die bei Novalis als „blaue Blume“ bezeichnet wird. Der Zusammenhang mit Transzendenz - dem nach Daisne irrationalen Urgrund - wird durch das Unterbewußtsein des Einzelnen, durch die unfaßbaren Seelenverwandtschaften unter den Protagonisten, in dem magischen Ziel der Natur oder in dem Göttlichen gesucht, das letztendlich zum Bewußtsein des Metaphysischen führt.
Die Figuren bewegen sich in einem ideellen Raum von Lebensweisheit. Sie sind positiv und optimistisch ausgerichtet, besitzen den frommen Glauben an etwas Göttliches und sind reich an Mitgefühl, Liebe und Freundschaft. Durch eine bestimmte Ausstattung mit charakterlichen Eigenschaften erhalten die Figuren eine psychologische Dimension, die bei Daisne nach
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Harmonie, Vertrauen, Menschlichkeit und Wahrheit dürstet. Weiterhin besitzen seine Geschichten ein großes Fundament der Thematik Jugendlichkeit und Lebenskraft, die darüber hinaus durch einen humanen, moralischen und religiösen Lebenssinn einem Ideenroman in symbolischer Verhüllung gleichen. Es läßt sich feststellen, daß gerade die Symbolik bei Daisne ein stiltragendes Mittel darstellt, die sich in den Namen und den Konstellationen seiner Protagonisten, in Träumen, in Musik, im Licht und in den Anspielungen auf Geschehnisse, dem Rezipienten offenbart. Johan Daisne in die Typologie der magisch-realistischen Autoren einzureihen, trifft bei der Novelle „Trein der traagheid“ jedoch nicht zu. Seine Intuition und Intention beruht auf dem Wissen einer transzendentalen Wirkung auf die Wirklichkeit. Er verwendet keine magischen Zustände, die per definitionae eine Wirkung der Irrationalität auf die Wirklichkeit bedeuten, sondern bemüht sich vielmehr um reale und metaphysische Erklärungsansätze, die somit magische Komponenten von Grund auf ausschließen. Möglicherweise liegt das Magische für den Leser in dem mystischen Erfahrungsbereich des Autors.
2. Teil: Die Fahrt ins Jenseits (Originaltitel: Trein der Traagheid)
1. Der Titel
Die Bedeutung des Titels im Original ist die gelungenere Wahl. Dieser steht freilich genauso wie der deutsche in Zusammenhang mit dem Inhalt der Novelle, doch wird der Originaltitel zudem von Daisne im fortlaufenden Text thematisch wieder aufgegriffen (vgl. S. 14 u. 40). Traagheid ins deutsche übersetzt bedeutet Trägheit und ist „physikalisch allgemein die Eigenschaft eines Systems, auf eine äußere Einwirkung verzögert zu reagieren.“ (Meyers Grosses Taschenlexikon. In 24 Bänden. 1995. Eintrag: Trägheit).
Den Zusammenhang zwischen dem Thema und dem Titel strickt die polarisierte Konstellation von Leben und Tod. Die Protagonisten befinden sich bereits im Zwischenzustand von Leben und Tod - im Sterben -, werden
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Arbeit zitieren:
Benjamin Pauwels, 2000, Johan Daisne - 'Die Fahrt ins Jenseits' (Originaltitel 'Trein der Traagheid'), München, GRIN Verlag GmbH
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