Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hartmanns Artusromane als Modell sozialer Identitätsbildung 2
3. Zur heilsgeschichtlichen Struktur im Iwein 3
4. Symbolische Signalisierungen 5
4.1. Bezüge zur geistlichen Naturdeutung 7
4.2. Biblische Referenzen 10
5. Löwe ohne Ende 14
6. Bibliographie 16
1. Einleitung
„Die Kunst ist in ihrer Auffassung und Richtung von der Zeit abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert (…).“ (Huelsenbeck 1984: 31) Mit diesen Sätzen beginnt ein wichtiges Dokument des 20. Jahrhunderts, das Dadaistische Manifest von 1918. Den Dadaisten ging es darum, mit sämtlichen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gestaltend in das als überkommen und verkommen erlebte Klima während des ersten Weltkrieges und später der Weimarer Republik einzugreifen und die Haltung der Menschen grundlegend zu verändern. 1 Die in Metamorphose begriffene Welt sollte in ihren Augen durch Zersetzung weiter getrieben werden, auf daß nach der Notwendigkeit des Untergangs, nach der Götter- und Götzendämmerung die Kunst gleichsam wie ein Phönix aus der Asche stiege. Dieser Anarchismus oder, um mit Richard Huelsenbeck (1984: 13ff) zu sprechen, dieser „schöpferische Irrationalismus“ diente also nicht so sehr der Legitimation dadaistischer Destruktivität, sondern vielmehr der Begründung avantgardistischer „neuer Kunst“ und der damit verbundenen Utopie eines „neuen Lebens“. 2 Die Dadaisten, die sich als Avantgarde, als Vorhut und Vorkämpfer einer neuen Kunst und eines neuen Lebens verstanden, haben damit in nuce das formuliert, was Hartmann gut 800 Jahre zuvor mit seinen Werken verfolgte: Durch das Zerbrechen oberflächlicher Tugendvorstellungen eine Erweiterung des Daseins herbeizuführen. 3 Freilich, die Situation der sich auf der Flucht oder im Exil befindlichen Dadaisten kann nicht so ohne weiteres mit den lebensweltlichen Situation Hartmanns von Aue verglichen werden; fest steht, daß in beiden Fällen die politischen und soziokulturellen Lebensumstände in der Dichtung ihren Niederschlag gefunden haben. Fest steht aber auch, daß umgekehrt ihre Dichtung utopische und lebenspraktische Modelle liefert zur Veränderung und Umgestaltung des Bestehenden. Dieser dialektische Aspekt ist zu beachten, wenn im folgenden auf die Entstehung des Artusromans und die damit einhergehenden Leitbilder und Kanones eingegangen werden soll. Weiters ist zu klären, inwiefern in Hartmanns Iwein die mittelalterliche Welt- und Geschichtsauffassung zum Ausdruck kommt. An welchen Wegmarken, an welchen Motiven
1 Dieser radikal politische Impetus gilt besonders für den Berliner Dadaismus, wenngleich sich einzelne Vertreter des dadaistischen Projekts, bspw. Jean Arp, weniger mit der äußeren, sie umgebenden Welt befaßten als mit ihrer inneren, unterbewußten Traumwelt.
2 Cf. „Dada und der Sinn im Chaos“. In: Huelsenbeck 1984: 11-27.
3 „Nicht Idealisierung, sondern Destruktion und tiefer fordernder Neuaufbau der höfischen Wirklichkeit, der ersten weltlichen Ethik für den abendländischen Menschen, macht die Größe der höfischen Dichtung aus. Und Hartmann hat seinen besonderen Teil an ihr.“ (Kuhn 1973: 79)
2
läßt sich diese erschließen? Wie ist im Lichte dieser Weltsicht und im Kontext des Artusromans die Figur des Löwen zu sehen? Der Löwe mag bei der erstmaligen Lektüre neben all den anderen fabelhaften Figuren (Waldmensch, Drache und Riesen) nicht sonderlich hervorstechen, und doch kommt ihm eine immense Bedeutung zu in Hinblick auf die Selbstwerdung des Titelhelden. Ist er ein „bloß auszeichnendes Attribut, eine Verkörperung von Gerechtigkeit, Treue und Erbarmen oder ein Hinweis auf Christus“ (Wehrli 1984: 22)? Hat der Löwen symbolische Funktion? Wie steht es um die Ein-Deutigkeit dieser Figur? In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, die Sinndimensionen des Löwen für den Protagonisten offenzulegen.
Nicht näher eingehen möchte ich auf motiv- und stoffgeschichtlichen Traditionen, an die das Motiv vom „dankbaren Löwen“ anknüpft. Ein seit der Antike bekanntes Motiv, das sich beispielsweise bei Seneca, Elianus und Aulus Gellius findet; George Bernhard Shaws Märchenspiel Androcles and the lion sowie Jakob Streits Jugendbuch Milon und der Löwe stellen Bearbeitungen dieses Topos´ jüngeren Datums dar. Eine stoffgeschichtliche und komparatistische Analyse scheint mir insofern nicht sinnvoll, als die Details in Motivparallelen kaum Entscheidendes zur Erklärung des Romans beitragen würden. Das literarische Motiv des „dankbaren Löwen“ kann in seinem aktuellen Sinn nur aus der Einfügung in den neuen Zusammenhang - vor allem seiner Funktionalität für den Heldenbestimmt werden; denn die Rückbezüglichkeit der Ereignisse auf den Helden ist geradezu konstitutiv für den höfischen Roman und unterscheidet ihn somit grundsätzlich von Helden-oder Geschichtsdichtung. (vgl. Wehrli 1973: 501)
2. Hartmanns Artusromane als Modell sozialer Identitätsbildung
Man muß sich der Tatsache bewußt sein, daß es keine eigenständige Entwicklung der deutschen Literatur im Mittelalter gibt, sondern daß diese sehr eng mit der französischen Literatur verflochten ist. So sind die chansons de geste, die romans antiques und die romans courtois Vorbilder und Ideenspender für die hochhöfischen deutschen Epen. (cf. Bumke 1997: 120-137) Der deutsche Artusroman ist also nicht aus dem Nichts entstanden, sondern hat seine historischen Vorläufer, die sich jedoch in einem ganz wesentlichen Punkt unterscheiden: Die chronikalische Ausgestaltung der Artussage durch Geoffrey von Monmouth und Wace sowie die Romane Chrétiens erfolgten unter dem Signum des Aufbaus eines historischen Herrschermythos. Sie schließen somit stofflich an ein starkes historischideologisches Interesse an. (cf. Cormeau / Störmer 1993: 218-226) Anderes der deutsche Artusroman: Da kaum Verknüpfungspunkte zum eigenen Geschichtsbild gegeben sind, richtete sich das Interesse vornehmlich auf das hier formulierte adelige Leitbild. Inauguriert
3
durch den dienstman zOuwe 4 ist die Historie um König Artus also für die Romane der Raum, „in einer utopisch-ideal gesehenen Vergangenheit Orientierungsmuster für die Gegenwart des Publikums zu diskutieren“. (220)
Der utopische Charakter des Leitbilds wird an der thematischen Beschränkung deutlich: êre, maze, stæte, sælde, triuwe, güete. Diese Abstrakta finden als zentrale Wert- und Tugendbegriffe in der höfischen Dichtung (und also im Iwein) ihren Niederschlag. Im Iwein- Prolog(Vs. 1-3) und in leicht abgewandelter Form als eine Art Klammer im Epilog (Vs. 8166) ist der „Grundgedanke“ (Cramer 1973: 430) dieses höfischen Romans formuliert, der die zentrale Frage nach usurpiertem und verdientem Ansehen als ethische Substanz enthält:
Swer an rehte güete
Wendet sîn gmeüete, dem volget sælde und êre. (Vs. 1-3)
Mit rehte[r] güete soll sich der Zustand von sælde und êre ergeben. Die Übersetzung bereitet Schwierigkeiten, da sich von den Begriffen sælde und êre (aus heutiger Sicht) keine genaue Definition geben läßt. 5 Wapnewski kommt der eigentlichen Bedeutung, denke ich, relativ nahe, wenn er den Satz wie folgt übersetzt: „Wer mit aller Kraft des Herzens nach dem trachtet, was wahrhaft gut ist, der wird Gnade finden vor Gott und die Liebe der Menschen“. (zit. nach Cramer 1973: 427) In der Indifferenz und Unbestimmtheit der noch jungen Sprache, die mindestens im Abstraktbereich noch kein spezialisiertes Vokabular ausgebildet hat, liegt allerdings eine Chance. So weist Wehrli mit Recht darauf hin, daß „die Not ja auch eine Tugend sein [kann]: wenn es dem Dichter darum geht, ritterliche und geistliche Normen einander anzunähern, die rohe, dualistische Trennung von Weltlich und Geistlich aufzuheben oder doch die Grenzen durchlässig zu machen“. 6
3. Zur heilsgeschichtlichen Struktur im Iwein
Grundthema des Iwein ist der Weg zu einem integrierten Selbst. Das Leben als ein Weg zu sich selbst ist ein zentrales christliches Thema; man denke nur an die religiösen Selbsterforschungen Augustins im zehnten Buch seiner Confessiones. Innerhalb des geistlichen Wegs der Mystik begibt sich Bernhard von Clairvaux mittels des Begriffs
4 Hartmann: Der arme Heinrich. Vs. 5.
5 Eine ausführliche Untersuchung über die Bedeutung von sælde und êre und ihre Funktion als Grundgedanke der Dichtung findet sich bei Cramer (1973: 426-449). Er analysiert das Verhältnis von „modellhafter Disposition“ (sælde) und „praktischer Bewährung“ (êre), das auch die Tektonik der aventiuren-Kette bestimmt. (443ff)
6 Nachwort zum Iwein (Hartmann 1988: 539).
Arbeit zitieren:
Kristina Werndl, 2001, Zur Symbolik des Löwen in Hartmanns Iwein, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Höfische Freundschaft: Der Löwe im "Iwein" von Hartmann von ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 19 Seiten
Definition und Bedeutung von Mythen
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Der mittelhochdeutsche Begriff der "êre" und seine Bedeutung...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 20 Seiten
Interpretationsansätze zu Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Kr...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Über einige Schwierigkeiten der Emergenz von Bewusstsein - Das Leib/Se...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 39 Seiten
Der Grenzgang des Wahnsinns in Hartmanns von Aue ,,Iwein’’
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die Zeitanalytik in Heideggers Sein und Zeit
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Brecht: Struktur und Leistung der Parabel am Beispiel des guten Mensch...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Zum Verhalten des Wigalois in unterschiedlichen sozialen Räumen
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 14 Seiten
Eine literaturgeschichtliche Analyse: Heinrich von Kleists "Die M...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 9 Seiten
Zum Frauenbild in Neidharts Winter- und Sommerliedern
Ein Liedvergleich zwischen WL ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Zur Bedeutung des Hörspiels "Träume" von Günther Eich - Ein...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der Werbesprache
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 20 Seiten
Die"verligen" Problematik in Hartmanns von Aue "Erec&qu...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Verlobung unter Ungleichen - Nation, Rasse und Geschlecht in Heinrich ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Clifford Geertz: Die "Dichte Beschreibung" als Methode der I...
Seminararbeit, 15 Seiten
Form und Funktion von Iweins Wahnsinn
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 24 Seiten
Brechts Ostasien - Interkulturalität in Literatur und Bildender Kunst
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 56 Seiten
Wie vereinbart Rousseau in seiner Theorie die Freiheit mit der Einbezi...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Zwischenprüfungsarbeit, 20 Seiten
Von der Medienwirkungsforschung zur konstruktivistischen Rezeptionsfor...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Kristina Werndl hat den Text Zur Symbolik des Löwen in Hartmanns Iwein veröffentlicht
Kristina Werndl hat einen neuen Text hochgeladen
Jubiläumsset: Münchens Weg in die Gegenwart - Von Heinrich dem Löwen z...
Lothar Altmann, Claus Peter Hartmann
Sadakichi Hartmann: Critical Modernist: Collected Art Writings
Sadakichi Hartmann, Jane Calhoun Weaver
"Claude Debussy as I Knew Him" and Other Writings of Arthur Hartmann
Samuel Hsu, Sidney Grolnic, Arthur Hartmann
Hartmann & Kester's Plant Propagation: Principles and Practices
Hudson T. Hartmann, Dale E. Kester, Fred T. , Jr. Davies
Hartmann & Kester's Plant Propagation: Principles and Practices
Hudson T. Hartmann, Dale E. Kester, Fred T. , Jr. Davies
0 Kommentare