Inhalt
Inhalt
1 EINLEITUNG 3
2 BIOGRAPHIE 4
2.1 Kindheit und Jugend 4
2.2 Studium 6
2.3 Weiterer Werdegang 7
2.4 Zweites Studium 11
2.5 Die Arbeit im Kinderhaus 11
2.6 Internationale Handlungen 12
3 DIE ENTWICKLUNG DES KINDES 15
3.1 Der Mensch vor der Geburt 15
3.2 Der geistige Embryo 15
3.3 Der absorbierende Geist 16
3.4 Die sensiblen Perioden 17
18
3.4.1 Die Erste Entwicklungsperiode: null bis sechs Jahre
3.4.1.1 Teilphase: null bis drei Jahre 19
3.4.1.2 Teilphase: drei bis sechs Jahre 20
21
3.4.2 Die zweite Entwicklungsperiode: sechs bis zwölf Jahre
21
3.4.3 Die dritte Entwicklungsperiode: zwölf bis 18 Jahre
22
3.4.4 Die vierte Entwicklungsperiode: 18 bis 24 Jahre
4 GRUNDSÄTZE DER MONTESSORIPÄDAGOGIK 23
4.1 Grundgedanken der Montessoripädagogik 23
4.2 Kosmische Erziehung 24
4.3 Pädagogische Grundprinzipien Maria Montessoris 25
25
4.3.1 Achtung vor dem Kind
26
4.3.2 Die vorbereitete Umgebung
26
4.3.3 Bewegung und Sinnesschulung
4.3.4 Freiarbeit - die freie Wahl 27
29
4.3.5 Der Lehrer als Beobachter
30
4.3.6 Hilfe zur Selbsthilfe
30
4.3.7 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
31
4.3.8 Lernen in altersheterogenen Gruppen
4.4 Das Montessorimaterial 32
33
4.4.1 Anforderungen an das Material
4.4.1.1 Anziehungscharakter 33
4.4.1.2 Anregung zum Handeln 33
4.4.1.3 Fehlerkontrolle 34
4.4.1.4 Begrenzung der Menge 34
4.4.1.5 Einfachheit 35
1
Inhalt
4.4.1.6 Isolierung einer Eigenschaft 35
4.4.1.7 Anpassung an die Entwicklungsstufe 35
36
4.4.2 Materialbereiche
4.4.2.1 Übungen des täglichen Lebens 36
4.4.2.2 Sinnesmaterial 37
4.4.2.3 Mathematikmaterial 37
4.4.2.4 Sprachmaterial 39
4.4.2.5 Materialien zur Kosmischen Erziehung 39
5 DAS ALTLÄNDER VIERTEL 41
5.1 Demographie 41
5.2 Bevölkerungsgruppen 42
6 DIE MONTESSORI GRUNDSCHULE ALTLÄNDER VIERTEL IN STADE 45
6.1 Geschichte der Schule im Altländer Viertel 45
6.2 Der soziokulturelle Hintergrund der Schüler 47
6.3 Organisation 51
51
6.3.1 Grundstruktur des Stundenplanes
51
6.3.2 Die Flure
52
6.3.3 Der Fachunterricht
52
6.3.4 Der Nachmittagsunterricht
53
6.3.5 Der Vertretungsunterricht
54
6.3.6 Die Zeugnisse
6.4 Die Umsetzung der Grundprinzipien der Montessoripädagogik 55
56
6.4.1 Achtung vor dem Kind
56
6.4.2 Die vorbereitete Umgebung
57
6.4.3 Jahrgangsgemischte Klassen
58
6.4.4 Bewegung und Sinnesschulung
59
6.4.5 Freiarbeit - die freie Wahl
62
6.4.6 Der Lehrer als Beobachter
63
6.4.7 Hilfe zur Selbsthilfe
63
6.4.8 Polarisation der Aufmerksamkeit
6.5 Der Umgang mit dem Material 63
7 SCHLUSSBEMERKUNG 68
8 LITERATURVERZEICHNIS 70
9 ABBILDUNGEN 74
2
Einleitung
1 Einleitung
Maria Montessori war eine bedeutende Ärztin und Pädagogin, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine positive Entwicklung der Stellung der Frau und eine Wende in der Erziehungsmethode von Kindern zu verdanken ist.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand der Montessori Grundschule Altländer Viertel, die in einem sozialen Randgebiet der Stadt Stade liegt, zeigen, wie die Kinder aus diesem Stadtteil mit der Montessoripädagogik arbeiten und umgehen. Bedingung für das Verständnis des Unterrichtsgeschehens an dieser Schule ist der Einblick in Maria Montessoris Erziehungsmethode.
Ich werde zunächst auf die Biographie der Reformpädagogin eingehen, denn schon ihre Kindheit ist ein Schlüssel zu ihrer späteren Arbeit. Montessori beschäftigte sich während ihrer Tätigkeit als Medizinerin intensiv mit Kindern und sah sie aus einer ganz neuen Perspektive. Diese Sicht des Kindes und dessen Entwicklungsphasen werde ich im dritten Abschnitt dieses Beitrages beschreiben, denn sie ist Voraussetzung für die Montessoripädagogik. Auf diese werde ich im weiteren Verlauf eingehen.
Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Betrachtung der Umsetzung dieser Erziehungsmethode an der Montessori Grundschule Altländer Viertel. Im sechsten Teil werde ich mich mit der Montessorigrundschule in Stade beschäftigen. Die Schilderung des Schulalltags basiert auf Hospitationen meinerseits an dieser Einrichtung und auf Auskünften der unterrichtenden Lehrkräfte. Da das Altländer Viertel ein soziales Randgebiet und Brennpunkt der Stadt Stade ist, bedarf es wegen der Problematik eine Erläuterung, welche ich im Abschnitt zuvor vornehmen werde.
Im Verlauf der hier vorliegenden Abhandlung werde ich mich mit dem Thema „Montessoripädagogik im Altländer Viertel - Wie gehen Kinder aus sozialen Randgebieten mit ihr um?“ beschäftigen, weil ich in der Methode Maria Montessoris eine gelungene Alternative zur üblichen Erziehungsform sehe. Des Weiteren ist es meiner Meinung nach erforderlich, Menschen aus sozialen Randlagen Hilfe zur Selbsthilfe und zur gesamtgesellschaftlichen Integration anzubieten. Der Grundansatz hierzu liegt in der Erziehung der Kinder.
3
Biographie
2 Biographie
In diesem ersten Kapitel werde ich die Biographie Maria Montessoris wiedergeben, denn sie ist grundlegend für ihre spätere Arbeit und die gesamte Montessoripädagogik. Erst wenn man einen Einblick in das Leben der Reformpädagogin bekommt, kann man die Erstehung ihrer Erziehungsmethode und dessen Grundsätze nachvollziehen. Schon ihre frühe Kindheit und ihr Jugendalter haben sie für ihre spätere Arbeit geprägt.
2.1 Kindheit und Jugend
Maria Montessori wird am 31. August 1870 in Chiaravalle in der italienischen Provinz Ancona geboren. Ihr Vater Alessandro Montessori (1832 - 1915) kommt aus der kleinbürgerlichen Schicht. Sein Denken ist konservativ und seine Haltung soldatisch. Er studiert Arithmetik und Rhetorik, wird Finanzbeamter und arbeitet schließlich als Inspektor für die Abgaben der Salz- und Tabakindustrie in der Finanzverwaltung. Im Jahr 1865 lernt er Renilde Stoppani (1840 - 1912), die Nichte des bekannten Priesterphilosophen und Naturwissenschaftlers Antonio Stoppani, kennen, die er ein Jahr später heiratet. Renilde kommt aus einer Gutsbesitzerfamilie und ist für die damalige Zeit eine sehr gebildete Frau mit liberalen Ideen und Einstellungen. 1
Maria Montessori wird in eine Zeit hineingeboren, in der Armut und ein geringes Bildungsniveau in Italien herrschen, wovon besonders der Süden des Landes betroffen ist. Es ist die Zeit der Entstehung eines neuen Italiens. 2
Im Alter von drei Jahren zieht Maria Montessori mit ihrer Familie nach Florenz. Sie wächst als Einzelkind auf und genießt die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Zu ihrer Mutter verbindet sie eine innige Beziehung. Sie wird schon früh zu Selbstdisziplin, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft erzogen. Maria entwickelt ein starkes Gefühl für persönliche Würde, ist anderen Kindern verbal überlegen und kann Konflikten ihrer Eltern entgegenwirken.
1 Kramer, R. (1983). Maria Montessori - Leben und Werk einer großen Frau; Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuchverlag, S. 24 - 26
2 ebd. S. 24 - 25 & Palmade, Guy(2000). Welt Geschichte - Das bürgerliche Zeitalter. Band 27.
Augsburg: Weltbild, S. 268 - 269
4
Biographie
Als Maria sechs Jahre alt ist, wird ihrem Vater eine Stelle in Rom geboten, die er annimmt und mit seiner Familie in die Hauptstadt zieht. Hier erwarten Maria bessere Bildungschancen als auf dem Land. 3
Mit sechs Jahren wird Maria in die Grundschule in der Via di San Nicolo da Tolentino eingeschult, wo sie überfüllte Klassen und schlecht ausgebildete Lehrer erfährt, die eine Stock- und Paukdidaktik anwenden.
Das Wissen musste ausschließlich passiv aufgenommen werden, Fragen zu stellen war unüblich und selbständiges Denken wurde nicht verlangt. Von den Schülern verlangte man Gehorsam und die Aufnahme von Wissen, welches später in Form von Prüfungen wiedergegeben werden musste. Diese Prüfungen alleine entschieden über Erfolg oder Versagen. Das Erziehungswesen war das finsterste Kapitel in der italienischen Sozialgeschichte.
Es war ein System, wie es gar nicht besser geeignet sein konnte, um Individualität zu unterdrücken, aber die Individualität Marias konnte es nicht zunichte machen. Und als sie ihre Aufmerksamkeit schließlich auf die Erziehung als solche richtete, gab ihr das System
4 ein eindeutiges Beispiel dafür, wie eine Schule nicht sein sollte.
Maria zeigt anfangs keinerlei Ehrgeiz und Interesse am Lernen, aber ihre Mutter wünscht für ihre Tochter eine hoch qualifizierte. Sie bringt Maria dazu, Bücher zu lesen. Etwa mit ihrem zehnten Lebensjahr fängt Maria an, sich für Mathematik und Naturwissenschaften zu interessieren.
Es gab schon damals die Schulpflicht in Italien. Alle Schüler lernten im gleichen Tempo mit den gleichen Materialien. Nur wer am Prüfungstag gut war kam weiter.
Nach ihrer Grundschulzeit besucht Maria die Regia Scuola Tecnica Michelangelo Buonarotti, eine naturwissenschaftlich-technische Sekundarschule, dessen Abschluss zu einem Hochschulstudium berechtigt. Für Mädchen ist der Besuch dieser Schule äußerst ungewöhnlich. Auch hier wird sie mit den gleichen Lehr- und Lernmethoden konfrontiert. Im Frühjahr 1886 schließt Maria diese Schule erfolgreich ab. Noch im selben Jahr erfolgt ihre Aufnahme an dem technischen Institut Regio Instituto Tecnico Leonardo da Vinci und sie interessiert sich hauptsächlich für die
3 Kramer, R., 1983, S. 29
4 ebd., S. 38
5
Biographie
Naturwissenschaften. Ihr anfänglicher Wunsch, den Beruf des Ingenieurs zu erlernen, ändert sich und sie ist besessen von der Idee, Medizin zu studieren. Dieses scheint in der damaligen Zeit gänzlich unmöglich, denn der Beruf des Arztes ist alleine dem Mann vorbehalten. Trotzdem bewirbt sich Maria nach ihrem Abschluss im Jahr 1890 an der Universität Rom für ein Medizinstudium. Ihr Antrag wird abgelehnt, was Maria nicht von ihrem Entschluss abbringen kann, Ärztin zu werden. 5
2.2 Studium
Im Herbst 1890 beginnt Maria Montessori mit ihrem Studium der Physik, der Mathematik und der Naturwissenschaften an der Universität Rom, welches sie im Frühjahr 1892 erfolgreich abschließt. Dieser Abschluss berechtigt sie trotz Proteste zu einem Medizinstudium. Dieses kann sie schließlich mit Unterstützung des Papstes Leo ΧΙΙΙ. beginnen. Maria Montessori ist die erste Frau, die in Italien das Studium der Medizin aufnimmt. 6
In den neunziger Jahren, als Maria Montessori Studentin der Universität Rom war, entstand in dieser Institution das marxistische Denken. Der als Gründervater des italienischen Marxismus geltende Antonio Labriola war Philosophieprofessor an der römischen Universität. Viele Ärzte 7 , Professoren und auch Studenten unterstützten den Sozialismus. 8
Auch an der Universität erfährt Maria immer noch das auswendig Lernen aus Lehrbüchern. Lehrplan und Prüfungen werden durch offizielle Vorschriften der Regierung festgelegt. Um eine Prüfung zu bestehen reicht es, den Inhalt der Vorlesungen auswendig zu können. Sekundärliteratur wird nicht verlangt und ist auch nicht notwendig.
Während ihres gesamten Studiums und trotz Schwierigkeiten erfährt Maria hilfreiche Unterstützung von Seiten ihrer Mutter im Gegensatz zu ihrem Vater, welcher von Anfang an das Studieren seiner Tochter ablehnte. Sein Wunsch war es, dass sie Lehrerin würde. Maria studiert selbstbewusst, selbstsicher und kompetent. Im Juni
5 Kramer, R., 1983, S. 37 - 41 & Standing, E. M. (1959). Maria Montessori - Leben und Werk.
Stuttgart: Ernst Klett, S. 20
6 Kramer, R., 1983, S. 42
7 Um einen besseren Lesefluss zu gewährleisten, werde ich in der vorliegenden Arbeit immer die
maskuline Form verwenden, auch wenn selbstverständlich die feminine eingeschlossen ist.
8 Molyneux J., (o.J.). Marxismus und die Partei. http://www.marxists.de/party/molyde/6-gramsci.htm
05.05.2002
6
Biographie
1894 gewinnt Maria den beliebten Rolli-Preis und gleichzeitig das mit ihm in Verbindung stehende Stipendium. Im darauf folgenden Jahr erhält sie eine klinische Assistentenstelle, wo sie schon sehr früh praktische Erfahrungen sammelt. Sie arbeitet im Frauenkrankenhaus San Salvatore al Laterno und im Männerkrankenhaus Ospetale 9 Santo Spirito in Sassa, sowie auf der Unfallstation der Ambulanz des römischen Kinderkrankenhauses. Ihr Studium spezialisiert sie auf Kinderkrankheiten und die Psychiatrie. Im letzten Jahr ihrer Hochschulzeit muss Maria Montessori, wie jeder andere Student, einen öffentlichen Vortrag halten, bei welchem viele in der Hoffnung auf einen Skandal erscheinen. Selbst ihr Vater, der seine Tochter mittlerweile vollkommen ignoriert, ist bei dieser Vorlesung anwesend. Ein Freund konnte ihn dazu überreden. Die Veranstaltung ist wider erwarten ein großer Erfolg. Alessandro Montessori wird zu seiner Tochter beglückwünscht und die Entfremdung zwischen ihnen löst sich in dieser dramatischen Szene. 10
Im Frühling 1896 reicht Maria ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Contributo clinico allo studio delle Allucinazioni a contenuto antagonistico “11 ein, welche 96 handschriftliche Seiten umfasst. Noch im selben Jahr erhält sie als erste Frau ihr mit der Hand auf die weibliche Form angepasstes Diplom. Trotz der vielen Ärzte in Italien sind ihre Berufsaussichten hervorragend. Maria Montessori ist inzwischen aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer Leistungen hoch angesehen.
2.3 Weiterer Werdegang
Im selben Jahr, als Maria Montessori ihr Abschlussexamen der Medizin machte, stürzte die Regierung das konservative Regime Crispi, das mit Unterbrechungen seit 1887 andauerte. Seine Politik der Eroberungen in Afrika wurde abgelehnt. Man solle den sozialen und wirtschaftlichen Problemen im eigenen Land größere Beachtung schenken. 12
Die Löhne der Arbeiter Italiens waren viel zu niedrig. Frauen verdienten ein Drittel bis die Hälfte dessen, was Männer für die gleiche Arbeit bekamen. Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig. Rom vergrößerte sich ständig, es
9 übersetzt: Krankenhaus (für die Übersetzungen in diesem Text stand mir das Online-Wörterbucht
unter http://infoportal-deutschland.aus-stade.de/italienisch/italienisch-deutsch.htm 13.06.2005 zur
Verfügung)
10 Standing, E. M., 1959, S. 24 - 25
11 freie Übersetzung nach Kramer 1983, S. 59, “Ein klinischer Beitrag zum Studium des
Verfolgungswahns”
12 Mommsen, Wolfgang J. (2000) (Hrsg.). Welt Geschichte - Das Zeitalter des Imperialismus. Band
28. Augsburg: Weltbild, S. 117 - 118 und 17 - 18
7
Biographie
zählte 1896 bereits knapp eine halbe Million Einwohner. Viele Arme kamen aus der ländlichen Umgebung in die Stadt in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Außer ihnen gab es eine vermögende Oberschicht, der auch viele amerikanische und englische Frauen angehörten, deren Männer italienische Adlige und Akademiker waren. Einige von ihnen befassten sich mit der Erziehung ihrer eigenen sowie mit der der Kinder der armen Bevölkerung. Maria Montessori hatte Kontakt zu vielen solcher Frauen und unterstützte sie in ihren Ideen, an sozialen Projekten zu der Behebung solcher Probleme teilzunehmen. 13
Direkt nach ihrem Studium, im August 1896, nimmt Maria an dem internationalen Frauenkongress in Berlin als Delegierte der Associazione feminile di Roma teil. Sie hält freie Vorträge über die Frauenemanzipation in Italien und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Nach ihrer Rückkehr im November eröffnet Maria Montessori ihre eigene Praxis und übernimmt die Chirurgie am Ospetale Santo Spirito. Außerdem wird sie als Assistenzärztin an das Universitätskrankenhaus San Giovanni berufen, wo sie die psychiatrische Abteilung geistig behinderter Kinder leiten soll. Hier lernt sie ihren Kollegen Dr. Guiseppe Montesano kennen, der ebenfalls Assistenzarzt ist. Sie kümmert sich sorgfältig um ihre Patienten in einer Art und Weise, wie es von keinem Arzt verlangt wird. Aber ihr ist von ihrer Mutter schon sehr früh beigebracht worden, dass man sozial schlechter gestellten Menschen helfen muss. Auf der Kinderstation erfährt sie, dass die Kranken und geistig Verwirrten in einem kühlen und leeren Raum sitzen müssen, in welchem es keinerlei Anregungen für sie gibt. Es ist kein Material vorhanden, welches sie anfassen und mit ihren Sinnen wahrnehmen können. Die Kinder nutzen das Essen zum Spielen, bevor sie es verzehren. Maria erkennt „erschüttert die Vergewaltigung der Kinder, die darin liegt, dass man ihrem Tätigkeitsdrang keine entsprechende Nahrung zugesteht“ 14 . Sie bemerkt, wie sehr die als „schwachsinnig“ bezeichneten Kinder Hilfe brauchen und beschließt sich für diese einzusetzen. 15
13 Kramer, R., 1983, S. 62 - 63
14 Schulz-Benesch, G. (1983). Abenteuer eines Lebens für das Kind. In Oswald, P. & Schulz-
Benesch, G. (1983). Grundgedanken der Montessoripädagogik. Zusammenstellung aus Maria
Montessoris Schrifttum und Wirkkreis, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG, S.174
15 Kramer, R., 1983, S. 63 - 70 & Missmahl-Maurer, S.; (1994). Maria Montessori - Neuere
Untersuchungen zur Aktualität und Modernität ihres pädagogischen Denkens. Frankfurt am Main:
Peter Lang, S. 23 - 24 & Standing, E. M., 1959, S. 25 - 27
8
Biographie
Nach diesem Erlebnis richtet Maria Montessori ihr Interesse auf die Förderung geistig behinderter Kinder und stößt dabei auf die Werke der französischen Ärzte Jean Marc Gaspard Itard (1774 - 1834) und Eduard Séguin (1812 - 1880). Sie haben didaktische Materialien zur Schulung der motorischen Fähigkeiten und der sinnlichen Wahrnehmung wie geometrische Figuren und Gegenstände unterschiedlicher Oberflächenstruktur zur Schulung des Tastsinnes entwickelt. Maria ist von den Erfolgen der beiden Ärzte beeindruckt. Sie bemerkt, dass „das Problem der geistig Zurückgebliebenen eher überwiegend ein pädagogisches als überwiegend ein medizinisches“ 16 sei und dass man diesen Kindern mit Hilfe der richtigen Erziehungsmethode helfen könne. Nun lenkt Maria Montessori zum ersten Mal ihre Aufmerksamkeit auf die Erziehungswissenschaften. Sie besucht in den Jahren 1897 bis 1889 Pädagogikvorlesungen. Ihre Arbeiten sind geprägt von den Theorien Friedrich Wilhelm August Fröbels (1782 - 1852), der das spielende Lernen im Vorschulalter ausgebildet hat 17 , des französisch-schweizerischen Philosophen, Schriftstellers und Pädagogen Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778), der die Lehre von der Gleichheit und Freiheit der Menschen vertrat 18 , und des Schweizer Erziehers und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzis (1746 - 1827), welcher die Volksbildung, auch die der unteren Gesellschaftsschichten, verbreitete 19 . Später nimmt Maria Montessori die Ideen dieser drei Pädagogen auf und erweitert sie. Maria Montessori spricht 1897 auf einem nationalen Ärztekongress in Turin über die Ursachen von Kriminalität in Zusammenhang mit Verbrechen, sozialer Not und fehlender Schulreform. Sie äußert die Bedeutung und Notwendigkeit der Einrichtung spezieller Schulen für geistig behinderte Kinder. Es sei die Pflicht des Staates und der Gesellschaft, Sonderschulen oder Sonderklassen für diese Kinder und für schwere Fälle eigene medizinisch-pädagogische Institute zu schaffen. 20
16 Montessori, Maria (1984). Die Entdeckung des Kindes. Hrsg. von Oswald, P. & Schulz-Benesch,
G., Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG, S. 26
17 F.A. Brockhaus GmbH, Mannheim und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
(1992) (Hrsg.). dtv Lexikon, Band 6, Fli - Gev. Nördlingen: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 141
18 F.A. Brockhaus GmbH, Mannheim und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
(1992) (Hrsg.). dtv Lexikon, Band 15, Que - Sah. Nördlingen: Deutscher Taschenbuch Verlag, S.
267
19 F.A. Brockhaus GmbH, Mannheim und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
(1992) (Hrsg.). dtv Lexikon, Band 14, Pas - Qua. Nördlingen: Deutscher Taschenbuch Verlag, S.
69 - 70
20 Missmahl-Maurer: Maria Montessori - Neuere Untersuchungen zur Aktualität und Modernität ihres
pädagogischen Denkens, Frankfurt am Main 1994, S. 26 & Kramer, 1983, S. 89 & Standing, 1959,
S. 27
9
Biographie
Sie hält weitere Vorträge auf Kongressen und ihre Ideen und Gedanken werden in pädagogischen Zeitschriften veröffentlicht. Maria spricht über eine neue Erziehungsmethode für geistig zurückgebliebene Kinder und begeistert damit die Öffentlichkeit. 21
Ende 1898 wird die Lega nazionale per la educazione die fanciulli deficienti 22 gegründet, in der Maria Montessori als aktives Mitglied partizipiert. Der Intellekt dieser Kinder soll durch eine Schulung der Sinne gefördert werden. Maria wird erst Dozentin, später Direktorin des im Frühling 1900 von der Liga gegründeten medizinisch-pädagogischen Instituts Scola Magistrale Ortofrencia zur Ausbildung der Lehrer für die Betreuung geistesschwacher Kinder. Endlich kann sie ihre eigenen Vorstellungen in die Praxis umsetzen. Sie entwickelt eine Reihe von Lernmaterialien, die der Schulung der Motorik und Wahrnehmung dienen, basierend auf den Lehrmaterialien von Itard und Séguin. Es bildet die Grundlage des später erschaffenen Montessorimaterials für „normale“ Kinder. Während der Arbeit an diesem Institut erlangt Maria die Erkenntnis, 23 „dass jedes Kind zur Organisation
seiner inneren Persönlichkeit das Bedürfnis nach Aktivität und Selbständigkeit hat und für seine geistige Entwicklung Nahrung in Form einer anregenden Erfahrungsumwelt braucht“ 24 .
Während ihrer Arbeit am pädagogisch-medizinischen Institut tritt sie in engeren Kontakt mit dem derzeitigen Direktor des römischen Irrenhauses Manicomio di Roma Dr. Guiseppe Montesano, welcher zum zweiten Schulleiter ernannt wird. Im Jahre 1901 verlässt Maria Montessori das Institut wahrscheinlich aus persönlichen Gründen. Während ihrer hiesigen Zeit ist sie mit Guiseppe Montesano eine innige Beziehung eingegangen und hat einen gemeinsamen Sohn Mario Montessori zur Welt gebracht. Laut seiner Aussage sei er am 31.03.1898 geboren worden. Er sei vor aller Welt geheim gehalten worden und bei seinen Großeltern auf dem Land aufgewachsen. Zu der damaligen Zeit war es eine Schande und das Ende der beruflichen Karriere einer Frau, ein uneheliches Kind zu gebären. Marios Mutter habe ihn in regelmäßigen Abständen besucht, aber er habe nicht gewusst, wer diese Frau sei. 25
21 Kramer, R., 1983, S. 89 - 96
22 übersetzt: nationale Liga für die Erziehung behinderter Kinder
23 Kramer, R., 1983, S. 106 - 109
24 Missmahl-Maurer, S., 1994, S. 27
25 Kramer, R., 1983, S. 114 - 116
10
Biographie
2.4 Zweites Studium
Nach diesem Schicksalsschlag entschließt Maria Montessori im Alter von 30 Jahren, sich einer neuen Herausforderung zuzuwenden. Sie schreibt sich erneut an der Universität Rom ein, diesmal für Anthropologie, Psychologie und
Erziehungsphilosophie. Da sie die Erziehung ihres eigenen Sohnes vermisst, wendet sie sich Möglichkeiten zu, den Bedürfnissen anderer Kinder gerecht zu werden. Während ihres Studiums besucht sie regelmäßig Volksschulen und setzt sich in die Klassenräume, um mitzuerleben, wie die Lehrer in der Praxis unterrichten und wie die Schüler lernen. Maria ist entsetzt über die angewandten Unterrichtsmethoden und die hygienischen Zustände der Schulen. Sie veröffentlicht Artikel über diese Umstände, in denen sie für eine bessere Gesundheitsfürsorge plädiert. Nach ihrem Studium 1904 erhält sie einen Lehrauftrag an der Universität Rom, wo sie vier Jahre Vorlesungen für pädagogische Anthropologie hält, die später schriftlich veröffentlicht werden. 26
2.5 Die Arbeit im Kinderhaus
Das Instituto romano di beni stabili 27 eröffnete am 06.01.1907 das erste Kinderhaus Italiens im römischen Stadtviertel San Lorenzo, welches von der Presse wegen seiner heruntergewirtschafteten, baufälligen Gebäude und der sozialen Misslage seiner Bewohner als der „Schandfleck Italiens“ 28 bezeichnet wurde. Maria Montessori bekommt das Angebot, in der ersten Casa dei Bambini 29 die Betreuung der zwei- bis sechsjährigen Kinder in der Via die Marsi 58 tagsüber zu übernehmen. Zum ersten Mal wendet Maria ihre Vorstellungen an Kindern an, die nicht geistig behindert, sondern sozial benachteiligt sind. Sie beobachtet das Interesse der Kinder an dem didaktischen Material. Diese Kinder aus San Lorenzo beginnen selbstständig mit den hölzernen Gegenständen zu arbeiten. Im Gegensatz zu den geistig behinderten Kindern muss sie ihnen keinen Anstoß zur Konzentration geben, sie bearbeiten eigenständig eine Aufgabe, bis diese abgeschlossen ist. Maria Montessori erkennt, „dass sogar kleine Kinder im Alter von drei Jahren … zu einer außergewöhnlichen anhaltenden Konzentration fähig sind, wenn sie Gelegenheit haben, sich in freier Wahl mit einem ihrem jeweiligen Entwicklungsstand
26 Kramer, R., 1983, S. 120 - 128 & Standing, E. M., 1959, S. 32
27 übersetzt: römisches Institut für gutes Bauen
28 Kramer, R., 1983, S. 134
29 übersetzt: Kinderhaus
11
Biographie
entsprechenden Gegenstand manipulativ“ 30 zu beschäftigen. Ihre weitere Arbeit basiert auf dieser Erkenntnis. Sie entwickelt Materialien und ihre eigene Methode für die Erziehung von Kindern. Der Grundstein ihres Erfolges mit der Montessoripädagogik ist damit gelegt. Sie selber sagt später: „Und von nun an war es mein Bestreben, Übungsgegenstände zu suchen, die die Konzentration ermöglichen; und ferner studierte ich gewissenhaft, welche Umgebung die günstigsten äußeren Bedingungen für diese Konzentration bietet. So begann sich meine Methode aufzubauen.“ 31 Die Casa dei Bambini wird zu einem riesigen Erfolg. Besucher aus ganz Italien und sogar aus fernen Ländern kommen nach San Lorenzo, um die Kinder bei ihrer Arbeit anzuschauen. Schon Ende 1907 werden im ganzen Land solche Einrichtungen errichtet. 32
2.6 Internationale Handlungen
Maria Montessori sieht in der Arbeit mit den „normalen“ Kindern und in der Entwicklung ihrer Erziehungsmethode eine neue Lebensaufgabe, so dass sie beschließt, ihre Stelle an der Universität und in ihrer Kinderarztpraxis aufzugeben. Sie widmet sich vollkommen der Verbreitung ihrer Methode auch über Italien hinaus. Im Sommer 1909 organisiert sie in Ciattà di Castello ihren ersten Ausbildungskurs, an dem Lehrerinnen und Studenten teilnehmen. Im Anschluss hieran veröffentlicht sie ihr erstes Buch „Il Metodo della Pedagogia Scientifica sperimemtale applicato al l’educazione infantile nelle Case dei Bambini“ 33 , welches 1913 mit dem Titel „Selbsttätige Erziehung im Kindesalter“ in Deutschland erscheint. Heute ist dieses Buch nach mehrfacher Überarbeitung unter dem Titel „Die Entdeckung des Kindes“ 34 bekannt. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Werkes verbreitet sich ihre Methode nicht nur in Italien, sondern auf der ganzen Welt werden Kinderhäuser errichtet, die die Montessoripädagogik anwenden. Maria Montessori findet schnell weltweit begeisterte Anhänger. Nicht nur eine neue Kindergartenbewegung entsteht, sondern
30 Ludwig, H. (1997) (Hrsg.). Erziehen mit Maria Montessori - Ein reformpädagogisches Konzept in
der Praxis. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG, S.12
31 Montessori, M., (1992). Dem Leben helfen. Kleine Schriften 3. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder
KG, S. 44 - 45
32 Standing, E. M., 1959, S. 36 - 59 & Kramer, R., 1983, S. 135 - 176
33 übersetzt: Die Methode der wissenschaftlichen Pädagogik, experimentell eingesetzt in der
Kindererziehung im Kinderhaus
34 Montessori, M. (1969). Die Entdeckung des Kindes. Hrsg. von Oswald, P. & Schulz-Benesch, G.,
Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG
12
Biographie
auch die Einführung ihrer Pädagogik in Schulen. Auf der ganzen Welt werden Montessorigesellschaften eingerichtet. 35
Am 20.12.1912 erleidet Maria einen großen Verlust, denn es ist der Todestag Renilde Montessoris. Maria trauert sehr um ihre verstorbene Mutter und trägt nur noch schwarze Kleidung. Aber ihre Arbeit leidet nicht darunter. Nach dem Tode ihrer Mutter nimmt Maria ihren Sohn Mario zu sich.
Die mittlerweile weltbekannte Pädagogin unternimmt in den Folgejahren mehrere ausgedehnte Fahrten nach Amerika, um hier, wie auch in Teilen Europas und der Welt, Vorträge zu halten, Ausbildungskurse durchzuführen und
Montessorigesellschaften zu gründen, die in der Regel begeisternde Unterstützung erfahren. In den USA weitet sie ihre Methode auf die ersten Elementarklassen aus und entwickelt neue Materialien für den Mathematikunterricht mit der Folge, dass mehr und mehr Schulen ihre Methode anwenden. Kritische Äußerungen und Veröffentlichungen gegenüber der Montessoripädagogik führen dazu, dass die in den Vereinigten Staaten gegründeten Montessorigesellschaften wieder schließen, weil Maria Montessori strikt dagegen ist, irgendetwas an ihren Vorstellungen zu ändern. Sie lebt fortan bis 1936 in Barcelona, kann aber ihre Methode, begleitet durch fortsetzende Reisen mit Vorträgen und Ausbildungskursen, auf der ganzen Welt weiter verbreiten. In Genf spricht sie über Friedenserziehung. Frieden gehöre zu den grundlegendsten Rechten und Bedürfnissen der Menschheit. Die Erziehung zum Frieden habe die Aufgabe, eine Welt des Friedens, der Liebe und der Harmonie aufzubauen.
Im Jahr 1924 wird ihre Methode in den staatlichen italienischen Schulen eingeführt und ihre Pädagogik zur nationalen Erziehungstheorie Italiens. Allerdings kommt es im Laufe des Jahres 1934 zu Schließungen der Montessori-Schulen Italiens, da Maria die eingeführten Regeln wie Tragen einer Schuluniform und der morgendliche faschistische Gruß nicht unterstützt. Diese widersprechen jeglicher Vorstellung Maria Montessoris Erziehungsmethode. In den mathematischen Fächern allerdings wird die Montessorimethode in den Schulen beibehalten. Auch in den anderen europäischen Ländern nimmt der Nationalsozialismus großen Einfluss auf ihre Arbeit. 36 Im Jahr der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 zerstört der Nationalsozialismus die deutsche Montessori-Bewegung. Ihre Bücher und Schriften werden verbrannt. „Montessoris Arbeit der dreißiger Jahre steht unter dem Eindruck der vielfältigen
35 Standing, E. M., 1959, S. 55 - 65 & Kramer, R., 1983, S. 177 - 206 & 211
36 Missmahl-Maurer, S., 1994, S. 31 - 32 & Kramer, R., 1983, S. 324 - 393
13
Biographie
Unsicherheiten, Zerstörungen und Vertreibungen. Ihr Leitmotiv ist eine Erziehung zum Frieden.“ 37
Wegen des einsetzenden Bürgerkrieges 1936 in Spanien, flüchtet sie zusammen mit ihrer Familie aus dem Land und wohnt in den Niederlanden, wo sie ihre Arbeit fortsetzen kann. 38
Als 1939 in Europa der Zweite Weltkrieg ausbricht, geht sie zusammen mit Mario nach Adyar in Indien. Auch hier schafft sie es, die Leute für ihre Methode zu begeistern. Sie gründet Kinderhäuser und Schulen. 39
Als der Krieg in Europa zu Ende ist, kehrt Maria Montessori 1946 zurück in die Niederlande. Am 06. März 1952 stirbt sie im Alter von 81 Jahren in Nordwijk aan Zee und wird dort auf dem katholischen Friedhof beigesetzt, wo man heute noch ihr Grab besuchen kann. 40 Ihr Grabstein trägt die Inschrift:
Io prego i cari bambini, che possono tutto die unirsi a me per la construzione della pace negli uomini e nel mondo. 41
37 Böhm, W. (1969). Maria Montessori - Hintergrund und Prinzipien ihres pädagogischen Denkens.
Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 58
38 Kramer, R., 1983, S. 393 - 404 & Missmahl Maurer, S., 1994, S. 32
39 ebd. S. 404 - 413 & 32 - 33
40 ebd. S. 435 & S. 34 & Standing, E. M., 1959, S. 70
41 übersetzt: Ich bitte die lieben Kinder, die alles können, mit mir zusammen für den Aufbau des
Friedens zwischen den Menschen und in der Welt zu bleiben.
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Die Entwicklung des Kindes
3 Die Entwicklung des Kindes
Maria Montessori hat sich während ihrer Zeit als Medizinerin intensiv mit der Entstehungsgeschichte menschlichen Lebens beschäftigt. Aufgrund der Erfahrungen, welche sie während ihrer Arbeit im Kinderkrankenhaus gesammelt hat, wandte sich Maria Montessori der Pädagogik zu. Sie hat viel Zeit in die genaue Beobachtung von Kindern investiert, um verstehen zu können, was in den kleinen Wesen vor sich geht, wie sie die Welt und die neuen Eindrücke sehen und begreifen lernen. Die Entwicklung des Kindes aus der Sicht Maria Montessoris ist für das Verständnis ihrer Erziehungsmethode eine wichtige Voraussetzung.
3.1 Der Mensch vor der Geburt
Die einzelnen Körperteile entwickeln sich zunächst voneinander unabhängig. Erst später treten sie in Beziehung zueinander. Noch während das ungeborene Kind sich im Leib der Mutter befindet, nimmt es Reize aus der Umwelt wahr. Das Gehör, wie man heutzutage weiß, ist im vierten Schwangerschaftsmonat komplett ausgebildet. Auch der Geschmacksinn entwickelt sich relativ früh. Das neue Lebewesen lernt also schon bevor es das Licht der Welt erblickt. Wenn es sich so weit entwickelt hat, dass es auch außerhalb der Fruchtblase überleben kann, kommt es zur Geburt. Maria Montessori ist streng katholisch und glaubt an ein aktives Seelenleben vor der Geburt. Sie spricht von dem geistigen Embryo. 42 „… Nicht nur die körperliche,
sondern auch die psychische Entwicklung des Kindes scheint dem gleichen Schöpfungsplan der Natur zu folgen. Auch die menschliche Psyche geht vom Nichts aus oder was als Nichts erscheint, wie auch der Körper von der ersten Zelle ausgeht, die sich nicht im geringsten von den anderen Zellen unterscheidet.“ 43
3.2 Der geistige Embryo
Während die meisten Säugetiere gleich nach der Geburt selbstständig sind, braucht das menschliche Neugeborene weiterhin den Schutz der Erwachsenen. Tiere unterscheiden sich vom Menschen insofern, dass sie die Sprache ihrer Art schon seit Beginn ihres Lebens verstehen und sprechen können. Auch weiß man beim Tier, was einmal aus ihm wird, ob es zu einem gefährlichen Raubtier oder einem
42 Hallwachs, Ursula & Seitz, Marielle (2000). Montessori oder Waldorf - Ein Orientierungsbuch für
Eltern und Pädagogen. München: Kösel-Verlag GmbH & Co., S. 22 - 23
43 Montessori, Maria (1975). Das kreative Kind - Der absorbierende Geist. Hrsg. von Oswald, P. &
Schulz-Benesch, G. Freiburg im Breisgau 1975: Verlag Herder KG, S. 46
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Arbeit zitieren:
Saskia Kunert, 2005, Montessoripädagogik im Altländer Viertel - Wie gehen Kinder aus sozialen Randgebieten mit ihr um?, München, GRIN Verlag GmbH
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