Vorwort
Vertrauen ist ein alltägliches Phänomen, dass sämtliche Lebensbereiche durchzieht. Was Vertrauen ist, ist nicht leicht zu bestimmen. Einige Aspekte des Vertrauens möchte ich in meiner Arbeit voran stellen. Vertrauen ist ein zweistelliger Operator. Es hat ein Gegenüber und verlangt eine Aktion des Partners. Indem ich vertraue, gehe ich ein Risiko ein. Ich habe die Erwartung, dass der andere mein Vertrauen nicht enttäuscht. Vertrauen kann man nicht verschenken, denn es muss angenommen werden. Vertrauen hat eine Voraussetzung, die z.B. in einer Einschätzung durch (Lebens-) Erfahrung besteht. Vertrauen basiert auf einer Erwartung und ist in die Zukunft gerichtet. Mit dem Wissen aus der Vergangenheit wird eine Einschätzung vorgenommen und dann vertraut. Vertrauen hat mit Zuwendung, Zuneigung zu tun und besitzt folglich eine emotionale Komponente. Es gibt einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt von Vertrauen. Vertrauen ist ein Prozess und Vertrauen hat die Eigenschaft nicht berechenbar zu sein. „Der Wissende kann vollständig auf Vertrauen verzichten. Dem Nichtwissenden hingegen fehlt jegliche Grundlage für Vertrauen.“ 1
Vertrauen ist, nach Simmel 2 eine Mischung aus Wissen und Nichtwissen, die Menschen praktisches Handeln ermöglicht. Vermöge diese Mischung ist Vertrauen in letzter Konsequenz immer unbegründbar. Durch die Alltäglichkeit des Begriffs des Vertrauens und seine nichthinterfragte Selbstverständlichkeit ist eine Bestimmung, die diesem komplexen Begriff gerecht wird, im Rahmen dieser Arbeit, nicht zu leisten. Festzustellen ist, dass Vertrauen ein soziales Phänomen ist und auf gesellschaftlicher Ebene als kulturelle Ressource verstanden werden kann.
Die Arbeit bezieht sich auf den Aspekt des Vertrauens als Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Auf der Grundlage des Buches ‚Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität’ von Niklas Luhmann werde ich zunächst dem Phänomen des Vertrauens in der Literatur nachgehen und den Vertrauensbegriff bei Luhmann darstellen. Im zweiten Schritt expliziere ich soziale Komplexität, untersuche die Formulierung: Vertrauen als Reduktion sozialer Komplexität und wie Luhmann Vertrauen definiert. Der dritte Teil zeigt die Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Reduktion sozialer Komplexität auf, der vierte Abschnitt umfasst die Zusammenfassung und das Fazit.
1 Volken-Reinert, Thomas: Elemente des Vertrauens. Interdiffusion in den Transformationsländern als
Paradigmatest. Bern, 2002. Seite 83
2 Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. München, 1922.
Seite 263
1
INHALTSVERZEICHNIS
1. Vertrauen 3
1.1 Der Vertrauensbegriff in der Literatur 3
1.2 Der Vertrauensbegriff bei Luhmann 4
1.2.1 Der Bezug zur Zeit 4
1.2.2 Vertrautheit 4
1.2.3 Generalisierung von Erwartungen durch Vertrauen 5
1.2.4 Persönliches Vertrauen und Systemvertrauen 6
2. Vertrauen und Komplexität 7
2.1 Komplexität 7
2.2 Vertrauen als Reduktion von Komplexität 9
2.3 Vertrauen nach Luhmann: Versuch einer Definition 10
3. Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Reduktion sozialer
Komplexit ät durch Vertrauen 11
3.1 Möglichkeiten der Reduktion sozialer Komplexität durch Vertrauen 11
3.2 Grenzen und Gefahren der Reduktion sozialer Komplexität durch
Vertrauen 12
4. Schluss 14
4.1 Zusammenfassung 14
4.2 Fazit 16
5. Literaturverzeichnis 17
2
1. Vertrauen
1.1 Der Vertrauensbegriff in der Literatur
In der Literatur über Vertrauen gibt es sehr unterschiedliche Ansätze sich dem Phänomen des Vertrauens zu nähern. Eine entscheidende Differenz bildet die gewählte Perspektive. Die wichtigsten Untersuchungsperspektiven sind die der Soziologie, der Psychologie und der Kommunikationswissenschaft. Darüber hinaus unterscheidet sich die Literatur in der Betrachtung entweder des persönlichen oder des generalisierten, des Systemvertrauens bzw. als Verständnisebene des zwischenmenschlichen und des systemischen Vertrauens. Die Literatur bezieht sich zum Teil auf die Ursachen für das Zu-standekommen von Vertrauen. So meint Schottlaender:
„Vertrauen resultiert aus bisheriger Erfahrung und der Hoffnung auf das Gute im Menschen“. 3
Uwe Laucken stellt die Erwartungs- und Planungssicherheit in den Vordergrund wenn er schreibt, dass es beim Vertrauensbegriff letztlich:
„... um Erwartungs- und Planungssicherheit in (sozialen) Beziehungen in einem riskanten und nichtvorhersehbaren Interaktionsraum...“ 4 geht.
Den verschiedenen Vertrauensdefinitionen ist gemein, dass sie vier Aspekte für die Konstituierung des Vertrauens anführen. Erstens den Aspekt des Vorhandenseins eines Risikos, zweitens den Aspekt der Information, drittens die Erwartung und viertens die Zeitperspektive.
Vertrauen ist immer mit einem Risiko behaftet, andernfalls handelt es sich nicht um Vertrauen, sondern um Kontinuitätserwartung, Hoffnung oder Gewohnheit. Vertrauen bietet die Möglichkeit in Austauschbeziehungen mit einem Risiko oder Unsicherheit umzugehen. Es ermöglicht sicheres Entscheiden und Handeln in Situationen, in denen nicht alles bis zum Letzten recherchiert und durchkalkuliert werden kann, da es mehr Informationen gibt als der Mensch verarbeiten kann. Anstelle von konkretem Wissen treten Erwartungen. Ohne Erwartungen gibt es keine Handlungsmotivation und Vertrauen ist eine Handlung. Diese Erwartungen beziehen sich auf etwas, dass in der Zukunft liegt. Somit ist Vertrauen eine Handlung, die ein Risiko eingeht, da auf Information verzichtet wird, die Erwartungen impliziert und in die Zukunft gerichtet ist.
3 Schottlaender, Rudolf: Theorie des Vertrauens. Berlin, 1957. Seite 8
4 Laucken, Uwe: Zwischenmenschliches Vertrauen. Rahmenentwurf und Ideenskizze. Oldenburg, 2001.
Seite 18
3
1.2 Der Vertrauensbegriff bei Luhmann
Luhmann verwendet den Vertrauensbegriff in einer sehr weitreichenden Form, er beinhaltet fast jede Erwartungsbildung, so schreibt er, dass: „Vertrauen im weitesten Sinne eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen [...] ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens.“ 5
ist. Er analysiert das Vertrauen aus der Sicht der Soziologie und auf der Basis der kybernetischen Systemtheorie. Es handelt sich um eine funktionale Theorie des Vertrauens. In diesem Sinne geht es ihm um die Frage wie Handlungssysteme erhalten werden, um ihre Beziehung zwischen System und Umwelt und um die Bedingungen ihrer Ersetzbarkeit. Er stellt seinen Beobachtungen über Vertrauen einige Überlegungen voran.
1.2.1 Der Bezug zur Zeit
Zeit kann bezeichnet werden als die Beobachtung der Wirklichkeit aufgrund der Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart bewegt sich in der Zeit, denn in jedem Augenblick werden Vergangenheit und Zukunft neu geschaffen. Die Gegenwart ist so als Dauer trotz Wechsel beobachtbar, sie ist ein Kontinuum. Vertrauen ist auf die Gegenwart bezogen, es
„...kann nur in der Gegenwart gewonnen und erhalten werden.“ 6 Die Zukunft ist in ihrer Gesamtheit zu komplex um vom Menschen erfasst zu werden, dennoch sind die Menschen gehalten in die Zukunft gerichtet zu handeln. Nach Luhmann ist Vertrauen eine Möglichkeit diese Leistung, der Erfassung und Reduktion von Komplexität, zu erbringen.
1.2.2 Vertrautheit
Der Zusammenhang zwischen Vertrautheit und Vertrauen besteht in der Voraussetzung des Vertrauens durch Vertrautheit. Vertrautheit meint hier die anonyme, latent bleibende und intersubjektive Konstitution von Sinn und Welt. Dabei wird jedermann „... als dasselbe miterlebend vorausgesetzt in der Leerform eines anderen Ichs, als „Man“. 7
Durch diese Konstitution von Sinn und Welt wird die gegebene Komplexität der Welt dem Menschen nicht bewusst. Diese subjektive Ordnung, die vertraute Welt, bezieht sich immer auf die Vergangenheit, in ihr ist die Komplexität der Welt bereits reduziert. Vertrauen jedoch ist eine Handlung, die in die Zukunft gerichtet ist. Durch Vertrauen
5 Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart, 2000. S. 1
6 ebd. Seite 13
7 ebd. Seite 21
4
Arbeit zitieren:
Monika Skolud, 2006, Luhmann: Vertrauen. Eine Methode der Reduktion sozialer Komplexität - Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren dieser Reduktion, München, GRIN Verlag GmbH
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