Gliederung
I. Theoretischer Teil
1. Einleitung 6
2. Heranführung an das Thema. 7
2.1 Begriffsbestimmungen. 7
2.1.1 Suizid und Suizidversuch 7
2.2.2 Weitere Begriffe. 10
2.2 Zahlen und Fakten zum Suizid. 11
2.3 Das Todesbewusstsein von Kindern. 14
2.3.1 Das Wissen über den Tod bei Kindern im Alter zwischen
0 und 14 Jahren. 14
2.3.2 Der Einfluss der kognitiven Entwicklung nach PIAGET auf die
Entwicklung des Todesbewusstseins. 15
2.3.2.1 Die Phase der sensumotorischen Entwicklung. 16
2.3.2.2 Die Phase des voroperatorischen Denkens. 16
2.3.2.3 Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen. 17
2.3.2.4 Die Phase des formal- operatorischen Denkens. 17
2.3.3 Welchen Einfluss hat das Todesbewusstsein auf die geringen
Kindersuizide ? 18
2.4 Geschichtliche und philosophische Betrachtungen des Suizids. 19
2.5 Der Suizid in der Rechtsprechung. 21
3. Die Kindheitsphase und das Jugendalter im Vergleich. 22
4. Theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von Suizidalität. 24
4.1 Die soziologische Suizidtheorie nach DURKHEIM (1897) 24
4.1.1 Die vier Grundtypen des Suizids. 24
4.1.2 Die soziologische Suizidtheorie bezogen auf Jugendliche. 26
4.2 Die psychoanalytische Suizidtheorie nach FREUD (1917) 26
4.3 Können Suizide das Ergebnis von Imitationshandlungen sein? 27
4.4 Suizid- eine Frage der Vererbung? 30
2
5. Belastungen und Bewältigungsverhalten. 31
5.1 Belastungen. 31
5.1.1 Die kritischen Lebensereignisse. 32
5.1.2 Die Daily hassles’ 32
5.1.3 Die Krise. 32
5.2 Bewältigung von Belastungen. 33
5.3 Belastungen und Bewältigungsverhalten im Jugendalter. 35
6. Resiliente Jugendliche. 37
6.1 Protektive Faktoren. 38
6.1.1 Personale Schutzfaktoren. 38
6.1.2 Soziale Schutzfaktoren. 38
6.1.2.1 Das soziale Netzwerk. 39
6.1.2.2 Die soziale Unterstützung. 39
6.1.2.3 Freundschaftsbeziehungen. 40
6.2 Resiliente Jugendliche im Vergleich zu suizidalen Jugendlichen. 41
6.2.1 Unterschiede in der Wahrnehmung von Belastungen. 41
6.2.2 Unterschiede hinsichtlich der Schutzfaktoren. 42
6.2.3 Unterschiede im Bewältigungsverhalten. 42
7. Ursachen und Auslöser für suizidales Verhalten im Kindes- und Jugendalter. 44
7.1 Der Belastungsfaktor Schule und sein Einfluss auf die Entstehung suizidalen
Verhaltens.............................................................................................................. 45
7.2 Der Zusammenhang zwischen Suiziden und Depressionen. 47
7.3 Die Rolle der Familie in der Suizidproblematik von Kindern
und Jugendlichen. 49
7.3.1 Die broken- home’- Situation. 49
7.3.2 Das Vorliegen suizidaler Tendenzen bei einem Elternteil. 50
7.3.3 Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigung innerhalb
der Familie. 50
7.3.4 Die Viel- Problem- Familie. 51
7.3.5 Die tödliche Botschaft. 51
7.3.6 Zerstörende Symbiosen. 52
8. Die Wahl der Suizidmethoden. 55
3
9. Diagnostik der Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen. 59
9.1 Das präsuizidale Syndrom nach RINGEL (1953) 59
9.1.1 Die Symptome des präsuizidalen Syndroms. 59
9.1.1.1 Einengung. 59
9.1.1.2 Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggressionen. 60
9.1.1.3 Suizidfantasien. 60
9.1.2 Das präsuizidale Syndrom bezogen auf Kinder und Jugendliche. 61
9.2 Entwicklungsstadien der Suizidhandlung nach PÖLDINGER (1968) 63
9.3 Weitere Alarmzeichen für eine Suizidgefährdung. 64
10. Abschiedsbriefe. 67
11. Suizidforen im Internet- Gefahr oder Hilfe für suizidgefährdete Jugendliche? 69
12. Suizidprävention und Therapie. 71
12.1 Suizidprävention. 71
12.1.1 Suizidprävention nach RINGEL. 71
12.1.2 Suizidprävention nach CAPLAN. 72
12.1.3 Suizidprävention in der Schule. 75
12.2 Mögliche Therapien nach einer suizidalen Handlung. 76
13. Schlusswort. 78
II. Empirische Studie: „Übereinstimmungen und Abweichungen der theoretischen
Grundlagen über Suizide von Jugendlichen im Bezug auf einen realen Fall“
1. Einleitung. 79
2. Die Auswahl des Probanden. 80
3. Die Vorgehensweise der Untersuchung. 81
4. Der Aufbau des Interviewleitfadens. 82
4.1 Kategorie I: Formelle Klärungen. 82
4.2 Kategorie II: Fragen zur Person. 82
4.3 Kategorie III: Konkrete Fragen zu dem Suizidversuch. 83
4.4 Kategorie IV: Die Reaktionen des Umfeldes. 85
4.5 Kategorie V: Die Behandlung nach dem Suizidversuch. 86
4.6 Kategorie VI: Ausblick. 86
4
5. Die Ergebnisse des Interviews und ihre Auswertung. 87
5.1 Die Ergebnisse der Kategorie I. 87
5.2 Die Ergebnisse der Kategorie II und ihre Auswertung. 87
5.3 Die Ergebnisse der Kategorie III und ihre Auswertung. 89
5.4 Die Ergebnisse der Kategorie IV und ihre Auswertung. 91
5.5 Die Ergebnisse der Kategorie V und ihre Auswertung. 92
5.6 Die Ergebnisse der Kategorie VI und ihre Auswertung. 93
6. Zusammenfassung der Ergebnisse. 95
Literaturverzeichnis. 96
Internetquellen................................................................................................................. 99
III. Anhang
Anhang A: Interviewleitfaden I
Anhang B: Niederschrift des Interviews vom 28. 11. 2005 III
5
I. Theoretischer Teil
1. Einleitung
Angeleitet durch ein Seminar im Rahmen meines Studiums entschied ich mich, meine schriftliche Hausarbeit über den Suizid von jungen Menschen zu schreiben. Es interessierte mich, aus welchen Gründen ein junger Mensch, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, sein Leben scheinbar plötzlich selbst beendet. Da Suizid besonders im Jugendalter keine Seltenheit ist (im Jahr 2003 starben 267 junge Menschen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren an den Folgen eines Suizides) 1 , sehe ich hierin die Rechtfertigung meiner Themenwahl. Obwohl Suizide von Kindern unter zehn Jahren sehr selten sind, entschied ich mich, auch sie in meine theoretischen Untersuchungen mit einzubeziehen.
Als ich während der Anfertigung meiner Arbeit anderen Personen von meinem Thema erzählte, stieß ich auf recht viel Unverständnis für Suizidenten im Allgemeinen und auf Unwissenheit über das Thema ‚Suizid’, was vermutlich an der anhaltenden Tabuisierung dieses Themas in unserer Gesellschaft liegt. Mit Hilfe dieser Arbeit möchte ich deshalb mit Vorurteilen hinsichtlich des Suizides aufräumen und u. a. darstellen, was für ein komplexes Geschehen Suizid eigentlich ist.
Um die psychologische Hausarbeit abzurunden, habe ich beschlossen, zusätzlich zu meinem Theorieteil eine empirische Studie durchzuführen, in der ich innerhalb einer Einzelfallstudie das Suizidverhalten eines 17- jährigen Jugendlichen beleuchten und analysieren will. Zusätzlich möchte ich aufzeigen, in welchem Maße sich die theoretischen Erklärungen für Suizid von Jugendlichen auf einen realen Fall übertragen lassen.
1 Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.
6
2. Heranführung an das Thema
Im Folgenden möchte ich den Leser an die Thematik meiner Hausarbeit heranführen. Dabei ist dieser Teil noch etwas allgemeiner gehalten und noch nicht direkt auf Kinder und Jugendliche spezialisiert.
2.1 Begriffsbestimmungen
Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid bemerkt man sehr schnell, dass bestimmte Begriffe und Wendungen näher abgegrenzt und erläutert werden müssen. Dies werde ich im Folgenden tun, damit der Leser nicht durch die zahlreichen von mir verwendeten Begriffe den Überblick verliert.
2.1.1 Suizid und Suizidversuch
Der Begriff „Suizid“ wird vom Lateinischen „sui caedere“ abgeleitet und bedeutet übersetzt ‚sich töten’ 2 oder genauer: „[…] Der Suizid ist eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung mit tödlichem Ausgang. […]“ 3 , wobei es allerdings nicht entscheidend ist, ob der Betroffene seinen Tod auch wirklich beabsichtigt hat oder nicht. Derjenige, der einen Suizid durchführt oder auszuführen versucht hat, ist laut dem DUDEN der ‚Suizident’ 4 und nicht ‚Suizidant’, wie es in vielen Büchern falsch geschrieben steht. Die so genannte ‚Suizidalität’ ist die Neigung einer Person zum Suizid oder auch anders gesagt, die Suizidgefährdung einer Person. 5
Der Begriff des Suizids wird in der Literatur sowie im alltäglichen Sprachgebrauch oftmals durch die Worte ‚Freitod’ oder ‚Selbstmord’ ersetzt. Diese Bezeichnungen bewerten den Akt des Suizids jedoch moralisch, denn der Begriff des ‚Selbstmords’ „[…] suggeriert die Vorstellung des ‚Sich- Mordens’ und damit eine ethisch zu verurteilende Handlung […]“ 6 ; außerdem geht es beim Suizid, wie im Verlauf der Arbeit noch deutlich werden soll, nicht darum, das eigene Selbst tatsächlich zu töten 7 . Der Begriff des ‚Freitods’, der von Schopenhauer geprägt wurde, heroisiert die Tat der Selbsttötung und assoziiert, dass Suizid eine Entscheidung aus freiem Willen heraus sei 8 , was aber in keinem Fall der Realität entspricht. Aus diesen Gründen spricht sich der Großteil der Autoren gegen die Verwendung der Begriffe ‚Freitod’ und ‚Selbstmord’ und für den Gebrauch der Begriffe ‚Selbsttötung’
2 Vgl. Schütz 1994, S. 11.
3 Hömmen 1994, S. 18.
4 Vgl. Drosdowski et al. 1996; unter ‚Suizident’.
5 Vgl. Bründel 1993, S. 131.
6 Ebd., S. 24.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. Noob 1998, S. 12.
7
oder eben ‚Suizid’ aus, da deren Bedeutung am neutralsten seien, weshalb ich mich in dieser Arbeit ebenfalls an diesen Begriffen orientieren will.
Insgesamt stellt der Suizid eine „[…] extreme Form der Problembewältigung […]“ 9 dar, die der Suizident dann in Erwägung zieht, wenn seine augenblickliche Lage so unerträglich geworden ist, dass er mit ihr nicht mehr zurechtkommt und „[…] andere Lösungsmechanismen keinen Erfolg mehr versprechen […]“ 10 . Der Suizident flieht demnach im Prinzip vor seinen Problemen, da er keinen anderen Ausweg mehr aus seiner misslichen Lage sieht.
Wie schon zu Beginn erwähnt, endet ein Suizid tödlich. Im Gegensatz dazu steht der Suizidversuch oder, nach STENGEL, auch ‚Parasuizid’ 11 genannt. Wie der Begriff des ‚Suizidversuchs’ schon vermuten lässt, bleibt es bei ihm nur bei dem Versuch des Betroffenen, sein Leben selbst zu beenden. Der Suizidforscher Erwin RINGEL definierte den Begriff des Suizidversuches folgendermaßen: „[…] Der Selbstmordversuch ist eine absichtliche Selbstschädigung, die mit mehr oder minder klarer Selbsttötungstendenz durchgeführt wird, aber keinen tödlichen Ausgang hat […]“. 12 Nach FEUERLEIN lassen sich Suizidversuche je nach den Motiven des Suizidenten in drei unterschiedliche Kategorien einteilen: In die ‚parasuizidale Pause’, ‚parasuizidale Geste’ und ‚parasuizidale Handlung mit ausgesprochener Autoaggression’. 13
Bei der parasuizidalen Pause ist der größte Wunsch des Betroffenen der nach einer Pause vom Leben. Durch die Einnahme einer Überdosis Tabletten o. Ä. hofft er, etwas Ruhe vor seinen Problemen zu bekommen. Dabei sehnt er den Tod zwar nicht herbei, nimmt ihn jedoch in Kauf. 14
Im Mittelpunkt der parasuizidalen Geste steht der Appell des Betroffenen an seine Mitmenschen. Die parasuizidale Geste ist im Prinzip als Suizidhandlung zu verstehen, die bewusst als Suizidversuch angelegt wird, da der Betroffene sein Suizidmittel und den Ort seiner Selbsttötung so auswählt, dass die Möglichkeit gerettet zu werden kaum auszuschließen ist. 15 Problematisch bei dieser Variante ist jedoch, dass der Betroffene nie sicher wissen kann, ob sein Suizidmittel nicht durch gewisse Umstände doch zu seinem Tod
9 Bründel 1993, S. 23.
10 Ebd.
11 Vgl. Erwin Stengel: Selbstmord und Selbstmordversuch. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1969; zit. n.
Bründel 1993, S. 41.
12 Ringel 1987, S. 27.
13 Vgl. Wilhelm Feuerlein: Selbstmordversuch oder parasuicidale Handlung? Tendenzen suicidalen Verhaltens.
In: Der Nervenarzt 3. (1971). S. 127 - 130; zit. n. Bronisch 2002, S. 12f.
14 Vgl. Bronisch 2002, S. 13.
15 Vgl. Bründel 1993, S. 42.
8
führt oder ob er wirklich rechtzeitig gefunden wird. Dies wird in der Literatur auch ‚Gottesurteilsfunktion’ 16 genannt; dabei lässt der Betroffene sozusagen Gott über den Ausgang der suizidalen Handlung entscheiden.
Die parasuizidale Handlung mit ausgesprochener Autoaggression ist gleichzusetzen mit einem ‚missglückten Suizid’. Der Betroffene hat hier im Gegenteil zur parasuizidalen Geste wirklich die Intention, sein Leben zu beenden. 17 So ist die Wahl seines ‚Suizidmittels’ sowie der Ort, an dem er seinen Suizid durchführen will, von ihm so gewählt, dass die Möglichkeit einer Rettung von außen so klein wie möglich ist, allerdings wird er durch einen Zufall dann aber doch gefunden und gerettet. 18
An diesen drei unterschiedlichen Arten von Suizidversuchen lässt sich erkennen, dass „[…] der Ausgang einer Suizidhandlung … oftmals nur vom Zufall abhängig (ist) […]“ 19 , woraus resultiert, dass man in keinem Fall von ‚ernsthaften’ oder ‚nicht ernsthaften’ Absichten des Betroffenen sprechen kann, da er sich zu jeder Zeit im Klaren darüber ist, bei der suizidalen Handlung auch sterben zu können, und dies von ihm auch in Kauf genommen wird. In jedem Fall hat ein Suizidversuch starken Appellcharakter, mit dem der Betroffene seine Umwelt zum Handeln auffordern und durch den er auf seine unerträgliche Situation aufmerksam machen will. 20 Damit wird besonders deutlich, dass Suizidversuche in den meisten Fällen von stark ambivalenten Tendenzen geprägt sind, denn einerseits will der Betroffene sein Leben wirklich beenden, weil er unter seinen jetzigen Lebensbedingungen nicht weiterleben möchte, andererseits hofft er trotzdem, dem Tod entgehen zu können, indem er Bezugspersonen auf seine aus seiner Sicht auswegslose Lage aufmerksam macht. STENGEL beschreibt dieses Phänomen der Ambivalenz so: „[…] Die meisten Menschen, die Selbstmordhandlungen begehen, benehmen sich so, als ob sie nicht entweder sterben oder leben wollten, sondern beides gleichzeitig, aber meistens das eine mehr als das andere. […]“. 21 So sendet der Betroffene also ‚Hilferufe’ an seine Umwelt aus, um dem Tod entgehen zu können, die aber aufgrund ihrer Unterschwelligkeit oft von den Angehörigen, Freunden oder anderen Bezugspersonen überhört bzw. nicht ernst genommen werden. Kommt es so schlussendlich tatsächlich zu einem Parasuizid, so löst dieser bei den Bezugspersonen des Betroffenen oft Reue aus, sich nicht genügend um die Person gekümmert
16 Vgl. Bründel 1993, S. 42.
17 Vgl. Bronisch 2002, S. 14.
18 Vgl. ebd.
19 Bründel 1993, S. 43.
20 Vgl. ebd., S. 41.
21 Erwin Stengel: Grundsätzliches zum Selbstmordproblem. In: Erwin Ringel (Hrsg.): Selbstmordverhütung [4.
Auflage] Eschborn bei Frankfurt am Main: Fachbuchhandlung für Psychologie 1987, S. 9 - 50; zit. n. Gerisch
1996, S. 70.
9
zu haben, woraus dann kurzfristig die Bereitschaft entsteht, das eigene Verhalten zu ändern, um dem Suizidenten ein besseres Leben zu ermöglichen. 22 Allerdings hält dieser gute Vorsatz in den wenigsten Fällen lange an 23 , wodurch der Betroffene wieder in die Gefahr gerät, einen erneuten Suizidversuch zu unternehmen. So ist es auch zu erklären, dass 25 % der Personen, die einen misslungenen Suizidversuch hinter sich haben, die suizidale Handlung wiederholen 24 , wobei erneute Versuche der betroffenen Personen fast immer eine Steigerung in der Wahl der angewandten Suizidmethode erkennen lassen 25 .
2.1.2 Weitere Begriffe
Neben den Begriffen Suizid und Suizidversuch gibt es noch einige andere Begriffe, die bestimmte Formen suizidalen Verhaltens beschreiben können. Zum einen wäre da der von MENNINGER geprägte Begriff des so genannten ‚Suizids auf Raten’ oder auch ‚verzögerte Selbsttötung’ genannt 26 , wobei der Betroffene durch starke Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, Magersucht und Ähnliches auf Dauer seinen Körper schädigt 27 . Sportarten wie z. B. Bergsteigen, Drachen fliegen oder Bungeejumping, bei denen sich die den Sport ausübende Person einem extrem hohen Risiko aussetzt, gehören ebenfalls dazu. 28
Zum anderen ist auch der Begriff der ‚Suizidideen’ interessant. Suizidideen sind Gedanken über den selbst herbeigeführten Tod oder Todeswünsche. 29
Ebenfalls erwähnenswert ist der Begriff des ‚maskierten’ Suizids. Vermutlich gehören viele Verkehrstote in diese Kategorie, da man bei Unfällen oftmals nicht ausmachen kann, ob der Fahrer absichtlich einen Unfall provozierte oder nicht. 30 Wahrscheinlich gehören ebenfalls viele Drogentote, die sich den ‚Goldenen Schuss’ gesetzt haben, in diese Kategorie, aber auch hier ist es schwer, einen Unfall von einer absichtlichen Tat zu unterscheiden 31 , es sei denn, ein Abschiedsbrief liegt vor.
22 Vgl. Bründel 1993, S. 42.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. Christine Swientek: Trennung, Einsamkeit, Partnerverlust. Den Selbstmord überwinden, mit der Ich-
Katastrophe leben. In: Hans- Werner Carlhoff/Peter Wittemann (Hrsg.): Festhalten und Loslassen. Junge
Menschen zwischen Bindung und Bindungslosigkeit. Stuttgart: Landesarbeitsstelle Baden- Württemberg 1989,
S. 83 - 92; zit. n. Knapp 1995, S. 27.
25 Vgl. Bründel 1993, S. 43.
26 Vgl. Karl- Augustus Menninger: Selbstzerstörung (Man against himself, dt.). Psychoanalyse des Selbstmords.
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974; zit. n. Bronisch 2002, S. 12.
27 Vgl. Bronisch 2002, S. 12.
28 Vgl. ebd.
29 Vgl. ebd.
30 Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 359.
31 Vgl. ebd.
10
Des Weiteren wird in der Literatur noch auf den Begriff der ‚Panikhandlung aus nichtigen Anlässen’ eingegangen. Dieser wurde von Suizidforschern bei Jugendlichen festgestellt, die kleinere Diebstähle verübt oder einen Unfall verursacht hatten. 32 Dabei war den Jugendlichen ihre Tat so peinlich, „[…] dass sie sich aus einer Kurzschlusshandlung heraus das Leben nahmen […]“ 33 .
Ferner existiert in der Literatur das Schlagwort des ‚Bilanz- Suizids’. Nach einer genauen Abwägung aller Aspekte hat sich der Betroffene für den Tod und gegen das Leben entschieden. 34 Der Bilanzsuizid ist gründlich geplant und vorbereitet und wird in den meisten Fällen von älteren Menschen bei schweren unheilbaren Krankheiten angewendet. 35
2.2 Zahlen und Fakten zum Suizid
Anhand der Tabelle 1 36 lässt sich erkennen, dass im Jahr 2003 in Deutschland 11.150 Menschen an den Folgen eines Suizids starben, von denen 8179 männlichen Geschlechts und 2971 weiblichen Geschlechts waren. Geht man davon aus, dass diese Zahlen über die Jahre hinweg einigermaßen konstant bleiben, nehmen sich demnach täglich ca. 30 Menschen in Deutschland das Leben. Weltweit liegt die Zahl der täglichen Suizide nach Schätzungen der World Health Organization (WHO) täglich bei ungefähr 1000 Menschen. 37
Die hohe Anzahl der Suizide in Deutschland wird aber von den meisten gar nicht wahrgenommen und oftmals kommen anderen Todesursachen wie Tod im Straßenverkehr, Tod durch Drogen oder Tod durch HIV viel mehr Beachtung zu, obwohl ihre Zahl, wie aus der Tabelle 2 38 ersichtlich wird, beträchtlich niedriger ist als die Zahl der Personen die durch Suizid sterben.
32 Vgl. Schütz 1994, S. 26.
33 Ebd.
34 Vgl. Giernalczyk 2003, S. 49.
35 Vgl. ebd.
36 Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.
37 Vgl. Wellhöfer 1981, S. 7.
38 Vgl. Statistisches Bundesamt.
11
Obwohl die Zahlen der Suizidtoten schon recht hoch ist, muss beachtet werden, dass sie vermutlich eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer an Suiziden nicht mit einbeziehen, da man, wie schon in Punkt 2.1.2 erwähnt, davon ausgeht, dass viele Suizide in die Kategorie des ‚maskierten Suizids’ gehören und somit nicht eindeutig als Suizide identifiziert werden können, woraus wiederum resultiert, dass sie auch nicht in die Statistiken aufgenommen werden können.
Über die Anzahl der Suizidversuche in der BRD gibt es keine verlässlichen Zahlen, da über Suizidversuche seit 1963 keine amtlichen Statistiken mehr geführt werden. 39 Folglich weisen von Forschern und Statistischen Ämtern geführte Statistiken über Suizidversuche ebenfalls eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer auf, da nur ein geringer Teil der Suizidversuche in Krankenhäusern behandelt werden muss und dadurch in die Statistiken einfließt. 40 Man schätzt jedoch, dass Suizidversuche über alle Altersklassen hinweg ca. 10-mal so häufig sind wie Suizide 41 , woraus sich für Deutschland eine tägliche Anzahl von ungefähr 300 Suizidversuchen ergeben würde.
Im Geschlechtervergleich stellt sich heraus, dass ungefähr zwei Drittel aller Suizide von Personen des männlichen Geschlechts begangen werden, wohingegen Suizidversuche zu ca. zwei Dritteln von Frauen begangen werden. 42
In der Gruppe der jungen Menschen, die Personen zwischen 0 und 25 Jahren einschließt, ist der Suizid neben Unfällen und Tumoren die dritthäufigste Todesursache, bei jungen Männern um die 20 sogar die zweithäufigste. 43
Im Jahr 2003 starben in Deutschland 715 junge Menschen zwischen 0 und 25 Jahren an den Folgen eines Suizids (vgl. Tab. 1). Geht man davon aus, dass diese Zahlen über die Jahre einigermaßen konstant bleiben, ergibt sich, dass in Deutschland täglich ca. ein bis zwei junge Menschen durch Suizid sterben.
39 Vgl. Bründel 1993, S. 27.
40 Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.
41 Vgl. ebd.
42 Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 359.
43 Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.
12
Suizidversuche sind in der Gruppe der jungen Menschen häufiger als in allen anderen Altersklassen. Man vermutet, dass die Anzahl der Suizidversuche in dieser Altersgruppe 20 -30- mal höher sind als die Zahl Suizide 44 , woraus eine tägliche Anzahl von ungefähr 50 Suizidversuchen in der Gruppe der jungen Menschen resultieren würde. Dabei werden sie am häufigsten von jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren begangen. 45 Besonders in der Gruppe der jungen Menschen muss damit gerechnet werden, dass die Zahlen der Statistiken eine beträchtliche Dunkelziffer aufweisen. Einerseits kann in dieser Altersklasse ebenfalls der ‚maskierte Suizid’ auftreten, und andererseits werden gerade suizidale Handlungen bei Kindern und Jugendlichen oftmals von Angehörigen als Unfall o. Ä. vertuscht, um der Schande, dem Scham und einer moralischen Verurteilung durch die Gesellschaft zu entgehen. 46
Die Zahl der Kinder unter zehn Jahren, die Suizid begehen, ist, wie man an der Tabelle 1 erkennen kann, sehr niedrig. Allerdings muss man auch hier von einer gewissen Dunkelziffer ausgehen, da Suizide von jüngeren Kindern oft für einen Unfall gehalten werden. 47
Im Laufe der Zeit haben sich hinsichtlich des Suizids einige Vorurteile und Falschannahmen in den Köpfen der Menschen verfestigt, auf die ich nun zur Richtigstellung kurz eingehen möchte.
Die erste Annahme lautet: ‚Derjenige der über Suizid spricht, führt ihn letztendlich nicht aus’. Diese Aussage ist falsch, denn 80 bis 90 % aller Suizidenten kündigen ihren Suizid vorher mehr oder weniger offensichtlich an. 48 Damit wollen sie Bezugspersonen auf ihre Lage aufmerksam machen; jedoch werden diese Signale, wie schon weiter oben erwähnt, oft überhört. Als suizidgefährdet wird zwar jeder bezeichnet, der von Suizid als Mittel zur Lösung seiner Probleme spricht, allerdings bedeutet dies natürlich nicht, dass auch wirklich jeder, der darüber redet, auch Suizid verübt. 49
Die zweite Annahme ist, dass ‚wer den Suizid überlebt, gar nicht wirklich sterben wollte’. Das Problem hinter dieser Annahme ist die ambivalente Einstellung fast jedes Suizidenten zum Tod. Einerseits will er wirklich sterben, weil er mit seiner derzeitigen Lage nicht zurechtkommt, andererseits will er aber auch weiterleben. 50
44 Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.
45 Vgl. Vgl. Hans- Jürgen Möller: Suizidalität erkennen und behandeln. Eine Herausforderung für den
Allgemeinarzt. - http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de/forschung/publikation/0240_i.pdf.
46 Vgl. Bründel 1993, S. 27.
47 Vgl. Orbach 1990, S. 29.
48 Vgl. Hömmen 1994, S. 63.
49 Vgl. ebd., S. 67.
50 Vgl. Hömmen 1994, S. 69.
13
Die dritte Falschannahme über Suizid ist, dass ‚wer einmal zum Selbstmord neigt, es immer wieder tun wird’. Einerseits ist ein Suizidversuch zwar ein starkes Zeichen für einen weiteren Suizidversuch, vorausgesetzt es hat sich an der belastenden Situation des Suizidenten nichts geändert, andererseits kann durch die Beseitigung der Probleme des Suizidenten durch Bezugspersonen dieses Risiko gemindert werden. 51
2.3 Das Todesbewusstsein von Kindern
Bevor man sich mit der Frage beschäftigt, warum Kinder und Jugendliche überhaupt Suizid begehen, muss man sich zunächst im Klaren darüber werden, ab welchem Alter Kinder überhaupt ein konkretes Vorstellungsvermögen über den Tod besitzen. Im Folgenden werde ich die Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern näher beschreiben und auf die Frage eingehen, inwieweit die Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern mit der relativ niedrigen Suizidrate bei Kindern unter zehn Jahren zusammenhängt.
Dabei muss man allerdings beachten, dass sich Kinder in ihrem Entwicklungstempo unterscheiden und somit die von mir gemachten Angaben nur als eine ungefähre Richtlinie gelten können. Außerdem spielt bei der Entwicklung des Todesbewusstseins eines Kindes eine große Rolle, ob das Kind schon eigene Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat, da Kinder, die schon frühzeitig mit dem Tod konfrontiert worden sind, eine ganz andere Einstellung zum Tod haben als Kinder in ihrem Alter, die noch keine Erfahrung mit dem Tod haben.
2.3.1 Das Wissen über den Tod bei Kindern im Alter zwischen 0 und 14 Jahren Die frühesten kindlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Tod finden im Allgemeinen bereits im Alter von ca. zwei Jahren statt und sind durch eine sachliche und emotionslose Einstellung dem Tod gegenüber gekennzeichnet. 52
Vom dritten bis zum fünften Lebensjahr hält diese emotionslose Einstellung dem Tod gegenüber an. Dazu kommt, dass das Kind in dieser Zeit der Meinung ist, dass der Tod kein endgültiger Vorgang, sondern jederzeit beliebig rückgängig zu machen ist. 53 Es ist der
51 Vgl. Hömmen 1994, S. 88f.
52 Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1038f.
53 Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 106.
14
Auffassung, dass Personen, die gestorben sind, nur ‚fortgegangen’ seien 54 und dass es sich bei der Trennung von der Person nur um eine Trennung auf Zeit handele 55 . Mit ungefähr dem fünften Lebensjahr erkennt das Kind die physischen Aspekte des Todes, wie z. B. die Bewegungsunfähigkeit eines Toten, und begreift so zunehmend, dass Tod etwas anderes als Lebendigkeit sein muss. 56
Im Alter zwischen sechs und sieben Jahren beginnt das Kind reges Interesse am Tod und ein stärkeres Bewusstsein über den Tod und seine Konsequenzen zu zeigen. 57 Es beginnt, emotional auf den Tod zu reagieren und reagiert auf die Vorstellung, Angehörige könnten sterben, beunruhigt. 58 Es begreift nun zwar, dass der Tod etwas Endgültiges ist, meint aber trotzdem, dass es sich ihm z. B. durch Verstecken entziehen könne. 59 Es entwickelt ein starkes Interesse an Todesursachen sowie an den Ritualen, die mit dem Tod einhergehen. 60 Ungefähr im Alter von acht Jahren begreift das Kind erst, dass jeder Mensch, auch es selbst, irgendwann einmal sterben muss. 61
Im Alter von ungefähr neun Jahren wird das Verständnis über den Tod durch die Entwicklung des abstrakten Denkens immer klarer. 62
Im Alter von ca. zehn Jahren entwickelt das Kind die Angst vor dem eigenen Tod und es beginnt, ein philosophisches Interesse am Tod zu entwickeln. 63 Im Alter zwischen 12 und 14 ist das abstrakte und logische Denken des Kindes vollkommen entwickelt, wodurch es entsprechend über eine ausgereifte Kenntnis des Begriffs ‚Tod’ verfügt. 64
2.3.2 Der Einfluss der kognitiven Entwicklung nach PIAGET auf die Entwicklung des Todesbewusstseins
Zwar wurde im Punkt 2.3.1 dargelegt, über welches Wissen Kinder im Alter zwischen 0 und 14 Jahren über den Tod verfügen, allerdings wurde noch nicht erklärt, welche Faktoren für die Entwicklung des Todesbewusstseins entscheidend sind. Laut ORBACH hängt dies eng mit der allgemeinen kognitiven Entwicklung nach PIAGET zusammen. 65 Dieser unterscheidet
54 Vgl. Bründel 1993, S. 40.
55 Vgl. Orbach 1990, S. 102.
56 Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 106.
57 Vgl. Orbach 1990, S. 101.
58 Vgl. ebd.
59 Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1039.
60 Vgl. Orbach 1990, S. 101.
61 Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1039.
62 Vgl. Orbach 1990, S. 101.
63 Vgl. Bründel 1993, S. 40.
64 Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 107.
65 Vgl. Orbach 1990, S. 104.
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vier Stufen in der kognitiven Entwicklung eines Kindes: Die Phase der ‚sensumotorischen Entwicklung’, des ‚voroperatorischen Denkens’, der ‚konkret- operatorischen Strukturen’ und das ‚formal- operatorische Stadium’. 66
Diese Entwicklungsstufen sollen im Folgenden näher erläutert und ihre Bedeutung für das Begreifen von Tod beschrieben werden.
2.3.2.1 Die Phase der sensumotorischen Entwicklung
Die sensumotorische Entwicklung findet laut PIAGET in den ersten zwei Lebensjahren statt. In dieser Phase liegt das Augenmerk auf der Entwicklung der Motorik, und der Fähigkeit des Kindes, die Umwelt wahrzunehmen. 67
In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, ungefähr ab dem achten Lebensmonat, beginnt sich beim Kind die ‚Objektpermanenz’ zu entwickeln, womit die Fähigkeit des Kindes gemeint ist, zu begreifen, dass ein Gegenstand auch dann noch weiter existiert, wenn es ihn auch nicht mehr sehen kann. 68
Noch früher entwickelt sich beim Kind die so genannte ‚Personpermanenz’. Dabei beginnt das Kind nach dem Verschwinden einer vertrauten Person, besonders nach dem Verschwinden der Mutter, aktiv nach ihr zu suchen. 69 Die Personpermanenz ist für das spätere Verständnis des Todes besonders bedeutungsvoll, um zwischen einfacher Abwesenheit und dem Tod einer Person unterscheiden zu können.
2.3.2.2 Die Phase des voroperatorischen Denkens
Die Merkmale des voroperatorischen, anschaulichen Denkens sind besonders relevant für die Entwicklung des kindlichen Todesbewusstseins.
In dieser Phase denkt das Kind zunächst ‚magisch’, d. h. es ist der Ansicht, dass alles seinem Willen unterlegen ist und nach seinen Wünschen abläuft. 70 Es sieht seine gesamte Umwelt als belebt an, was von PIAGET mit dem Stichwort ‚Animismus’ belegt wurde 71 . Weiterhin ist es der Meinung, dass ‚jemand’ die Berge und andere Naturgegebenheiten ‚gemacht’ habe. PIAGET nennt dies ‚artifizialistische Naturdeutungen’. 72
66 Vgl. Montada 1998, S. 519 - 540.
67 Vgl. Orbach 1990, S. 104.
68 Vgl. Montada 1998, S. 521.
69 Vgl. Rauh 1998, S. 222.
70 Vgl. Orbach 1990, S. 105.
71 Vgl. Montada 1998, S. 524.
72 Vgl. ebd., S. 523.
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Die artifizialistischen und animistischen Erklärungen des Kindes werden von PIAGET mit dem Stichwort ‚Egozentrismus’ 73 belegt. Dazu gehört unter anderem auch, dass das Kind nicht in der Lage ist, sich in die Rolle einer anderen Person hineinzudenken und sich für den Mittelpunkt des Universums hält. 74
In der zweiten Phase des voroperatorischen Stadiums verringert sich dieser Egozentrismus des Kindes, es besitzt jedoch immer noch kein richtiges Zeitverständnis. 75 Fragt man Kinder, die sich in dieser Phase befinden, wann sie ihrer Meinung nach sterben werden, erhält man oft die absurde Antwort ‚In 300 Jahren!’ o. Ä. 76 Hieran zeigt sich besonders gut, dass Kinder in dem Stadium des voroperatorischen Denkens noch über einen unreifen Zeitbegriff verfügen. Deshalb glauben sie in dieser Phase auch noch, dass der Tod zeitlich begrenzt ist 77 , weil sie seine Endgültigkeit noch nicht erfassen können.
Des Weiteren wird durch das ‚beseelen’ von Gegenständen deutlich, dass das Kind noch überhaupt keine Vorstellung davon hat, was der Unterschied zwischen lebenden und leblosen Dingen ist. So kann es auch den Tod als Beendigung des Lebens nicht begreifen.
2.3.2.3 Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen
Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen beginnt ungefähr zwischen dem fünften und dem sechsten Lebensjahr. Das Kind beginnt nun zu klassifizieren und ist in der Lage zweidimensional zu denken. Es ist weniger von den eigenen Sinneswahrnehmungen abhängig und vertraut mehr auf die eigene Vorstellungskraft und Logik. 78
Das Kind beginnt langsam, ein Verständnis von Zeit zu entwickeln und beginnt zu begreifen, dass der Tod die Beendigung des Lebens darstellt, was allerdings noch nicht für das eigene Selbst gilt. 79
2.3.2.4 Die Phase des formal- operatorischen Denkens
In der letzten Phase, der Phase des formal- operatorischen Denkens, die ungefähr mit dem zehnten Lebensjahr beginnt, sind die Gedanken des Kindes objektiv, abstrakt, logisch und hypothetisch und seine Zeitwahrnehmung ist voll ausgebildet 80 , wodurch es sich über die Endgültigkeit des Todes bewusst wird. Da es sich nun über Naturgesetze und teilweise auch
73 Vgl. Montada 1998, S. 524.
74 Vgl. Orbach 1990, S. 105.
75 Vgl. ebd.
76 Vgl. ebd., S. 106.
77 Vgl. ebd.
78 Vgl. ebd., S. 107.
79 Vgl. ebd.
80 Vgl. ebd., S. 109.
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über physikalische und biologische Gesetzmäßigkeiten im Klaren ist, kann es den Tod nun mithilfe biologischer und physikalischer Vorgänge erklären 81 , wodurch es nun auch begreift, dass auch es selbst irgendwann einmal sterben muss.
2.3.3 Welchen Einfluss hat das Todesbewusstsein auf die geringe Anzahl von Kindersuiziden?
Warum nehmen sich nun aber Kinder unter zehn Jahren- glücklicherweise- so selten das Leben? Kann dies mit der Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern zusammenhängen? Die Forschung bestätigt diese Meinung. Man geht davon aus, dass die meisten Kinder unter zehn Jahren aufgrund ihres gering ausgeprägten Todesbegriffs die Option des Suizids noch nicht in Erwägung ziehen können. Sie verstehen noch nicht, dass sie ihren eigenen Tod auch selbst herbeiführen können, weil sie den Tod an sich noch nicht begreifen. So stelle Suizid erst „[…] dann eine Handlungsoption dar, wenn die Kinder erkannt haben, daß das Sterben nicht nur ein unabwendbares und alle Menschen gleichermaßen betreffendes Geschehen sei, sondern auch als Handlung begriffen werden könne, die sich bewußt herbeiführen lasse […]“. 82 Dadurch kann eine ‚Problemlösung’ in Form eines Suizids in den meisten Fällen von einem jüngeren Kind erst gar nicht in Erwägung gezogen werden. Dazu kommt, dass Handlungen erst dann als suizidal bezeichnet werden, wenn sie den bewussten Entschluss enthalten, dass Leben aufzugeben. 83 Da Kinder diesen Entschluss jedoch aufgrund ihres unvollständigen Todesbewusstseins noch nicht fassen könnten, müssten somit ihre Handlungen als nicht suizidal bezeichnet werden. Aus diesen beiden Kriterien für einen Suizid, die BRÜNDEL aufstellt, folgt, dass Handlungen von jüngeren Kindern die suizidalen Handlungen ähneln, als ‚Missgeschicke’ seitens des Kindes und nicht als Suizide interpretiert werden müssten.
ORBACH vertritt hingegen eine andere Ansicht. Er meint, dass derartige Handlungen von jüngeren Kindern in keinem Fall als „[…] Spiele mit tragischem Ausgang oder Unfälle ohne Hintergrund […]“ 84 anzusehen sein dürften.
Die Unterschiede in den Aussagen von BRÜNDEL und ORBACH hinsichtlich der Suizide von Kindern liegen in ihren unterschiedlichen Definitionen begründet. Während BRÜNDEL der Ansicht ist, dass die Handlungen eines Kindes erst als suizidal bezeichnet werden könnten, wenn ihm bewusst ist, dass ein vollendeter Suizid das nicht mehr rückgängig zu
81 Vgl. Orbach 1990, S. 109.
82 Bründel 1993, S. 40.
83 Vgl. ebd., S. 40.
84 Orbach 1990, S. 132.
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machende Ende des Lebens darstellt, ist ORBACH der Meinung, dass auch schon Handlungen als suizidal gelten müssten, denen dieses Bewusstsein nicht zugrunde liegt 85 .
2.4 Geschichtliche und philosophische Betrachtungen des Suizids
Im Laufe der Geschichte hat die Einstellung zum Suizid eine große Wandlung erfahren, die ich hier kurz skizzieren möchte.
Der größte Teil der Philosophen der Antike setzte sich rege mit dem Thema Suizid auseinander. Dabei drehte es sich bei ihren Überlegungen vor allem um die Frage, ob Suizid gerechtfertigt und zu billigen sei oder nicht. Ein Teil der Philosophen befürwortete den Suizid, der andere Teil vertrat dem Suizid gegenüber eine eher negative Position. So war der griechische Philosoph Hegesias (3. Jahrhundert v. Chr.) der Ansicht, dass Suizid erlaubt sein müsse, damit sich der Mensch aus dem Elend des menschlichen Daseins befreien könne 86 , während andere Philosophen sich klar gegen Suizid aussprachen. So waren Pythagoras und seine Schüler (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) der Ansicht dass Suizid eine „[…] Auflehnung gegen die Götter […]“ 87 und wegen der von ihnen erwarteten Seelenwanderung sinnlos sei. Plato (427 - 347) und Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) sprachen sich ebenfalls gegen den Suizid aus, da sie der Ansicht waren, dass er unsittlich und verwerflich sei. 88 Sie gestanden jedoch Personen mit „[…] unverbesserlichen verbrecherischen Anlagen, unheilbaren Leiden […]“ 89 oder Personen, die ihre Ehre unwiederbringlich verloren hatten, Suizid zu. Die Stoiker (ca. 300 v. Chr.) und die Cyniker waren ebenfalls Befürworter des Suizids. 90
Die Einstellung des Christentums hinsichtlich des Suizids hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt. Aus der Heiligen Schrift geht abgesehen vom 5. Gebot darüber keine negativ wertende Stellungnahme hervor. 91 So wurde der Suizid im Christentum zunächst als nicht so schwerwiegend empfunden. Es wurde z. B. frommen Christinnen zugestanden, „[…] sich bei drohenden schweren Mißhandlungen selbst zu töten […]“ 92 .
85 Vgl. Orbach 1990, S. 128.
86 Vgl. Wellhöfer 1981, S. 1.
87 Ebd., S. 2.
88 Vgl. ebd.
89 Ebd.
90 Ebd.
91 Vgl. ebd., S. 3.
92 Ebd., S. 4.
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Eine Wende zeichnete sich jedoch seit der Zeit des Augustinus (354 - 430) - einem Mann der Kirche - ab, der Suizid als schweren Verstoß gegen das 5. Gebot ansah 93 . In den darauf folgenden Jahren wandelte sich die Einstellung gegenüber Suizid. So wurde auf dem Konzil von Orleans im Jahr 533 entschieden, Suizidenten das kirchliche Begräbnis zu verweigern 94 und auf der Synode von Braga im Jahr 562 beschloss man, den Suizid mit Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft und einem „[…] diffamierenden Begräbnis […]“ 95 zu bestrafen. Papst Nikolaus I. verkündete um 860, dass Suizid eine Todsünde sei und 1184 wurde diese Wertung der Kirche auf dem Konzil zu Nîmes auch zum Bestandteil des kanonischen Rechts. 96
Diese Einstellung der christlichen Kirche zum Suizid, die auf Augustinus zurückzuführen ist, ist prinzipiell auch heute noch gültig, allerdings mit dem Unterschied, dass dem Suizidenten heutzutage das kirchliche Begräbnis erlaubt ist. 97
Andere Religionen wie z. B. der Islam, bewerten Suizid als eindeutig negativ und belegen dies mit dem Koran, der Suizid scharf verurteilt und dem Suizidenten mit dem ‚Rösten im Höllenfeuer’ droht. 98
Buddhismus und Hinduismus stehen dem Suizid neutral gegenüber, halten ihn aber ähnlich wie Pythagoras und seine Schüler für eine große Dummheit, da der Suizident trotz seines Suizids der von ihnen erwarteten Seelenwanderung nicht entgehen könne. 99
Auch die deutschen Philosophen des späten Mittelalters und der Neuzeit machten sich ihre Gedanken zum Thema Suizid.
Die idealistische deutsche Philosophie verurteilte den Suizid generell. So war KANT (1724 -1804) der Ansicht, dass der Suizident ‚durch die Zerstörung der eigenen Person die Sittlichkeit vernichtet und damit die Menschheit entwürdigt’. 100 Andere deutsche Philosophen wie Schopenhauer (1788 - 1860) und Nietzsche (1844- 1900) beschrieben „[…] die Selbsttötung als Zeichen menschlicher Freiheit […]“ 101 und bejahten sie. Auch Philosophen aus dem Ausland wie VOLTAIRE (1694 - 1778), ROUSSEAU (1712 -1778), KIERKEGAARD (1813 - 1855) bejahten den Suizid. 102
93 Vgl. Wellhöfer 1981, S. 4.
94 Vgl. Ebd.
95 Ebd.
96 Vgl. ebd.
97 Vgl. ebd., S. 5.
98 Vgl.ebd., S. 3.
99 Vgl. ebd., S. 2.
100 Vgl. ebd., S. 5f.
101 Ebd., S. 6.
102 Vgl. ebd.
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2.5 Der Suizid in der Rechtsprechung
In Deutschland standen Suizidversuche bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unter Strafe, in Großbritannien war ein Suizidversuch sogar noch bis zum Jahre 1961 eine strafbare Handlung. 103 Dabei ging man dort allerdings mit den gesetzlichen Vorschriften nicht immer ganz konsequent um, so dass nur ein geringer Teil der Betroffenen vor Gericht kam und dort mit Gefängnis, einer Geldstrafe oder Bewährung bestraft wurde 104 . In den allermeisten Fällen lautete das Urteil jedoch, dass „[…] das seelische Gleichgewicht des Betroffenen gestört sei […]“ 105 , wodurch die Feststellung eines Verbrechens vermieden werden konnte. Das heutige deutsche Strafrecht bezieht sich mit den § 211ff des StGB hinsichtlich von Tötungen jedweder Art nur auf solche, die eine Person einer anderen zufügt, wodurch Suizid nicht rechtswidrig ist und straflos bleibt. 106 Auch die Verleitung oder die Beihilfe zum Suizid (das Überreden einer Person zum Suizid oder das Beschaffen des Suizidmittels) erfüllen in Deutschland nicht den Straftatbestand, solange „[…] die Tötung auf einer freiverantwortlichen Willensentscheidung beruht […]“. 107 Die gilt allerdings nicht, wenn es sich bei dem Suizidenten um ein Kind, einen zur Eigenverantwortung unfähigen Jugendlichen oder um eine psychisch verwirrte Person handelt, da bei diesen Personengruppen davon auszugehen ist, dass freiverantwortliches Handeln ausgeschlossen werden kann. 108 Des Weiteren ist in Deutschland nach §§ 216 des StGBs die Tötung auf Verlangen sowie nach § 323c die unterlassene Hilfeleistung strafbar. 109
103 Vgl. Otzelberger 1999, S. 18.
104 Vgl. Talmon- Gros 1987, S. 10.
105 Ebd.
106 Vgl. Ehrhardt, S. 30.
107 Talmon- Gros 1987, S. 11.
108 Vgl. ebd.
109 Vgl. ebd.
21
3. Die Kindheitsphase und das Jugendalter im Vergleich
Da meine Arbeit sich sowohl auf Kinder als auch auf Jugendliche bezieht, möchte ich im Folgenden zunächst die Frage klären, wo eigentlich die Grenze zwischen Kind und Jugendlichem liegt und inwieweit sich die beiden Phasen voneinander unterscheiden.
Der Begriff ‚Jugendalter’ meint die Zeitspanne vom 11. bis zum vollendeten 17. Lebensjahr, woraus resultiert, dass die Kindheit ungefähr bis zum vollendeten 10. Lebensjahr andauert. 110 Spreche ich also in meiner Arbeit von ‚Jugendlichen’, meine ich junge Menschen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren.
Jugend ist eine Zwischenposition zwischen Kindheit und Erwachsenenalter und stellt somit große Anforderungen an den jungen Menschen: Er muss Verhaltensformen und Privilegien der Kindheit aufgeben und Kompetenzen erwerben, die Aufgaben, Rollen und Status des Erwachsenen begründen. 111
Vergleicht man die Lebensphase der Kindheit genauer mit der der Jugend, so stellt man fest, dass einige bezeichnende Unterschiede zwischen diesen Phasen bestehen. So kommt es im Jugendalter zum Eintreten der Geschlechtsreife, womit die Pubertät beginnt, die einen tief greifenden Einschnitt in die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen markiert, da es durch die eintretende Geschlechtsreife zu einem plötzlichen Ungleichgewicht in der psychophysischen Struktur der Persönlichkeit kommt. 112 Insgesamt wird durch die anatomischen, physiologischen und hormonellen Veränderungen, die in dieser Phase auftreten, für den jungen Menschen eine Anpassung auf körperlichen, seelischen und sozialen Ebenen notwendig. 113
Natürlich finden auch in der Kindheit psycho- physische und psycho- soziale Veränderungsprozesse statt 114 , allerdings sind Kinder noch nicht in dem Maße eigenständig wie Jugendliche, wodurch sie hinsichtlich von Anforderungen und Herausforderungen auch noch nicht in dem Maße auf sich selbst gestellt sind wie Jugendliche. Während im Kindesalter spezielle Anforderungsleistungen mithilfe der Imitation der Eltern bewältigt werden, wird im Jugendalter die Bewältigung dieser Anforderungen und Herausforderungen nur dadurch möglich, dass sich der Jugendliche von seinen engsten Bezugspersonen löst und eigene
110 Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 312.
111 Vgl. ebd., S. 310.
112 Vgl. Hurrelmann 1995, S. 31.
113 Vgl. ebd.
114 Vgl. ebd., S. 32.
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