Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis II
Abk ürzungsverzeichnis III
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung und Zielsetzung. 1
1.2 Aufbau der Arbeit 1
2 Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus 3
2.1 Die Konstruktion der Wirklichkeit 4
2.2 Identität und Rollen 5
2.3 Giddens’ Theorie der Strukturierung. 5
3 (Sozial-)Konstruktivismus in den IB 7
3.1 Konzept, Ansatz, Schule, Theorie oder Metatheorie? 7
3.1.1 Einordnung des Sozialkonstruktivismus innerhalb der IB 7
3.1.2 Diverse Protagonisten Vertretern 8
3.1.3 Sozialkonstruktivismus als metatheoretischer Gegenvorschlag 9
3.2 Realistischer Konstruktivismus nach Wendt. 10
3.2.1 Ideas all the way down? 11
3.2.2 Das Akteur-Struktur Problem - die Konstruktion der Identität 13
3.2.3 Anarchie - Der Staat als Hauptakteur. 19
3.2.4 Die drei Kulturen der Anarchie - Hobbes, Locke oder Kant? 23
3.3 Liberaler Konstruktivismus nach Risse. 27
3.3.1 Das Öffnen der black-box’ und die Rolle Transnationaler Akteure 29
3.3.2 Drei ideale’ Handlungslogiken der Akteure - Reden ist Gold 33
3.3.3 Das Spiralmodell und Transnationale Menschenrechtsnetzwerke 39
4 Würdigung / Abschliessende Bemerkungen 42
4.1 Wendts realistischer Staatskonstruktivismus. 43
4.2 Thomas Risses sozialkonstruktivistischer Institutionalismus. 46
4.3 Abschliessende Bemerkungen 47
Literaturverzeichnis IV
Internetverzeichnis............................................................................................................................ IX
I
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die drei Logiken sozialer Handlungen ...........................................................................38 Abbildung 2: Der „Bumerang-Effekt“ ...................................................................................................40
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Innerstaatliche Strukturen ..................................................................................................30 Tabelle 2: Dominante Akteure und Handlungsmodi ...........................................................................40
II
Abkürzungsverzeichnis
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
bzw. beziehungsweise ca. circa ed. Editor evtl. eventuell f. / ff. und folgende Seite / Seiten Hrsg. Herausgeber IB Internationale Beziehungen INGO Internationale Nichtregierungsorganisation NGO Nichtregierungsorganisation s. siehe S. Seite s.o. Siehe oben STIP Social Theory of International Politics TIP Theory of International Politics usw. und so weiter vgl. Vergleiche ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen
III
Einleitung / Problemstellung und Zielsetzung
1 EINLEITUNG
Vor allem das Ende des Kalten Krieges gilt, wenn nicht als Geburtsstunde, so doch als Hauptgrund für die steigende Popularität der konstruktivistischen Perspektive und generell neuer Ansätze in den Theorien der IB. All diesen Ansätzen, welche oft auch als postmodern, oder post-positivistisch bezeichnet werden, ist gemein, dass sie die mangelnde Erklärungskraft der so genannten rationalistischen Theorien 1 bezüglich des fundamentalen Wandels der internationalen Struktur durch das Ende des Ost-West Konflikts betonen. Der Konstruktivismus bzw. Sozialkonstruktivismus ist heute mit seinen prominenten Vertretern wie Wendt, Kratochwil, Onuf, Ruggie oder Risse wohl eine der populärsten Theorien bzw. Metatheorien, welche einen neuen Ansatz zum Verständnis der IB postulieren.
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
Eine Seminararbeit über den Sozialkonstruktivismus in den IB kann naturgemäss nicht die gesamte Bandbreite der verschiedensten Ideen und Konzepte dieser hochkomplexen und zum Teil sehr philosophischen Theorie abdecken. Ziel dieser Arbeit ist es daher die wesentlichen Merkmale dieser relativ neuen Perspektive in den IB anhand zweier prominenter Vertreter zu erläutern. Ausserdem ist eine klare Abgrenzung zum Konstruktivismus in anderen wissenschaftlichen Disziplinen essentiell, da in anderen Fachbereichen zum Teil ein vollkommen anderes Verständnis des Begriffs existiert. Ein Einbezug des soziologischphilosophischen Begriffs des Konstruktivismus ist jedoch nötig, um die Quelle der Überlegungen in den IB zu verstehen.
1.2 Aufbau der Arbeit
Daher beginnt diese Arbeit mit einer kurzen Illustration des Konstruktivismus im Bereich der Soziologie und Philosophie. Damit soll der Hintergrund und die elementaren Grundsätze des Konstruktivismus transparenter und verständlicher gemacht werden. Es soll und kann in dieser Arbeit selbstverständlich nur eine rudimentäre und vereinfachte Darstellung erfolgen.
Im Hauptteil der Arbeit geht es dann um den Sozialkonstruktivismus als (Meta-)Theorie der IB. In einem ersten kurzen Abschnitt soll ein kleiner Eindruck der vielfältigen sozialkonstruktivistischen Gedanken in den IB gegeben werden. Der Umfang einer Seminararbeit lässt hingegen lediglich eine ausführlichere Darstellung von zwei Hauptprotagonisten zu. Als erstes soll das konstruktivistische Modell von Alexander Wendt skizziert werden. Obwohl er von einigen ‚radikaleren’ Konstruktivisten aufs heftigste kritisiert und zum Teil auch nicht als wahrer Konstruktivist anerkannt wird, gilt er in der Fachwelt nichtsdestotrotz als einer der prominentesten Vertreter des Konstruktivismus (oder zumindest der amerikanischen Schule). Zentral bei Wendt ist seine Auseinandersetzung mit dem Neorealismus nach Waltz, welcher mit seinem Buch Theory of International Politics (TIP), wohl eines der
1 Darunter versteht man vor allem die neoliberalen und -realistischen Ansätze, welche auf der (Me-ta-)Theorie des Rational Choice beruhen.
1
Einleitung / Aufbau der Arbeit
meistzitierten Lehrbücher der IB verfasst hat. 2 Wie Waltz bewegt sich Wendt auf der systemischen Ebene und integriert einige der Kernpunkte des Rationalismus bzw. Neorealismus in seinen Ansatz. Obwohl Wendt nicht als repräsentativ für die gesamte Bandbreite konstruktivistischer Ansätze betrachtet werden kann, bieten seine Ansätze eine gute Analyse konstruktivistischer Fragen und ermöglichen einen relativ einfachen Einstieg in die ansonsten häufig sehr komplexen und hochphilosophischen ‚Ergüsse’ des Konstruktivismus.
Als Gegenpart wird als Zweites eine alternative konstruktivistische Analyse der IB erörtert, welche als Hauptvertreter Thomas Risse(-Kappen) zeigt. Nicht zuletzt als Direktor des Center for Transatlantic Foreign and Security Policy der Freien Universität Berlin 3 , hat er in den vergangenen Jahren entscheidende Beiträge zur Weiterentwicklung der konstruktivistischen Perspektive (in Deutschland) geleistet, wobei er vor allem die Rolle von transnationalen Akteuren in den IB betont. 4 Risse gilt als einer der Hauptvertreter eines so genannten liberal-institutionalistischen Konstruktivismus - oder auch soziologisch-institutionalistische Perspektive, wie er es selbst lieber bezeichnet 5 - der sich vor allem in Deutschland grösserer Popularität erfreut.
Im letzten Teil erfolgt eine Würdigung der beiden diskutierten Autoren und einige abschliessende Bemerkungen zum Sozialkonstruktivismus in den IB.
2 Vgl. Waltz (1979). Wie sehr Wendts Überlegungen sich erst durch die Auseinandersetzung mit Waltz’ Werk konkretisierten und gewachsen sind, wird am Titel seines zu seiner Zeit lange erwarteten Buches deutlich: Social Theory of International Politics. Vgl. Wendt (1999).
3 Vgl. Center for Transatlantic Foreign and Security Policy, Online im Internet.
4 Vgl. Risse, Jetschke und Schmitz (2002).
5 Vgl. Risse (1999a), S. 39f.
2
Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus / Aufbau der Arbeit
2 SOZIALPHILOSOPHISCHER URSPRUNG DES KONSTRUKTIVISMUS
Der Begriff des Konstruktivismus begegnet uns heute in so unterschiedlichen Gebieten wie der Literatur, Malerei, Architektur, Mathematik, Philosophie, Soziologie, Pädagogik oder auch der Psychologie. Im Rahmen dieser Arbeit interessiert uns was für eine Bedeutung der Konstruktivismus im Rahmen der Theorien der IB (der so genannte Sozialkonstruktivismus) hat. Dazu ist eine kurze Einführung über den Ursprung dieser Richtung in den IB unabdingbar. Vertreter des Sozialkonstruktivismus in den IB wurden unter anderem durch die Arbeiten von Berger und Luckmann 6 und Anthony Giddens 7 aus der Soziologie inspiriert. Ein wirkliches Verständnis des Sozialkonstruktivismus als ‚Theorie’ der IB ist daher nur möglich, wenn zuvor der Hintergrund bzw. der Grundgedanke des Konstruktivismus in der Soziologie bzw. Philosophie zumindest in Grundzügen dargestellt wurde. Berger, Luckmann und Giddens gehören zu den Autoren, welche am häufigsten von Konstruktivisten in den IB zitiert werden. 8 Es bietet sich daher vor allem im Rahmen einer Seminararbeit an, sich auf die Darstellung der Konzepte und Überlegungen dieser Autoren zu konzentrieren. Es gibt auch naturwissenschaftliche Quellen des Konstruktivismus, welche vor allem auf den biologisch-kognitiven Konstruktivismus von Maturana und Valera 9 zurückgehen und in seiner extremen Form bis zur vollkommenen Negation einer Wirklichkeit ausserhalb bzw. unabhängig von unserer Wahrnehmung geht. Die Grundthese kann folgendermassen zusammengefasst werden: Selbst wenn eine objektive Realität existieren würde, ist es für uns nicht möglich diese direkt zu erkennen. Was wir erkennen ist lediglich unsere Konstruktion der Wirklichkeit, welche mehr oder weniger mit der realen Wirklichkeit übereinstimmen kann. 10 Valera und Maturana geht es darum zu betonen, dass ‚unsere’ Welt nur in unserem Gehirn existiert. Mit dem Akt des Erkennens erzeugen wir eine eigene Welt, da unsere Sinnesorgane keine Abbildung der Realität sondern vielmehr eine eigenen Realität konstruieren, um dem Organismus als Ganzem Handlungsfähigkeit zu geben. 11 Nun gehen aber Valera und Maturana nicht soweit, dass sie die Existenz aller Realität ausserhalb der eigenen Existenz verneinen, sondern sie anerkennen eine Umwelt mit der die Individuen in irgendeiner Form kommunizieren. Diese Kommunikation bzw. wie erfolgreich (Valera wählt hierbei den Begriff viabel) diese ist, bestimmt die Konstruktion unserer Wirklichkeit. Wir konstruieren unsere Wirklichkeit also gemeinsam mit anderen. 12 Eine solch radikale Anwendung des konstruktivistischen Konzepts wäre für die IB wohl nicht ‚alltagstauglich’. Die Wurzeln des Sozialkonstruktivismus als Theorie der IB gehen daher weniger auf die ‚naturwissenschaftliche’ Perspektive von Maturana und Valera zurück, sondern auf die Anwendung dieser neuen Perspektive in der Soziologie.
6 Vgl. Berger und Luckmann (1990).
7 Vgl. Giddens (1979); vgl. Giddens (1984).
8 Vgl. Wendt (1999), S. 76, 165, 180; Vgl. Ruggie (1998), S. 11, 13, 26, 99, 133, 153f, 178; vgl. Eyre und Suchmann (1996), S. 94f; vgl. Kowert und Legro, (1996), S. 487; vgl. Ulbert (2003), S. 392.
9 Vgl. Maturana and Valera (1987).
10 Vgl. Glasersfeld (1995), S. 23.
11 Vgl. Maturana and Valera (1987), S. 28-31.
12 Vgl. Valera (1990), S. 109-111.
3
Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus / Die Konstruktion der Wirklichkeit
2.1 Die Konstruktion der Wirklichkeit
Der Sozialkonstruktivismus in der Soziologie geht zu einem grossen Teil auf Peter Berger und Thomas Luckmann zurück. Die beiden Soziologen interpretieren den Konstruktivismus auf gesellschaftlicher Ebene, als Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft. In ihrem Buch Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit beginnen sie mit einer Analyse der Alltagswelt. Das Ziel ihrer Analyse bildet die Konstruktion der Wirklichkeit, wie wir sie jeden Tag erleben, erfassbar und begreiflich zu machen. 13 Berger und Luckmann entwickeln ihre Gedanken basierend auf der Soziologisierung des Menschen. Der Mensch, obschon zum Teil genetisch determiniert, entwickelt sich zum Individuum erst durch die Wechselwirkung mit seiner Umwelt. Er wird einerseits durch die Gesellschaft (und die Natur) geprägt und prägt diese andererseits durch seine eigenen Handlungen (Interaktion mit anderen Individuen, Kindern). Somit produziert sich der Mensch als soziales Wesen selbst und damit die Gesellschaft in der er lebt. Mensch und Gesellschaft sind untrennbar miteinander verbunden und können nicht losgelöst voneinander betrachtet oder untersucht werden. 14
Gesellschaft ist aber nicht nur eine Ansammlung von Menschen, sondern wird vor allem durch gemeinsame Regeln konstituiert, welche ihre Geltungskraft durch die kollektive Befolgung dieser Regeln durch die Individuen erhalten. Regeln sind für die Menschen von immenser Bedeutung, denn sie geben ihrer Existenz Stabilität und Berechenbarkeit. Dabei sollen unter Regeln nicht nur Gesetze, sondern alle Formen von Routinen und informellen Verhaltensregeln verstanden werden. Ohne diese Regeln ständen wir in jeder Situation unendlich vielen Möglichkeiten des Verhaltens gegenüber. Diese so genannte Habitualisierung ermöglicht die Spezialisierung und Richtungsgebung derjenigen Handlungen, welche dem Menschen nicht genetisch-biologisch vorgegeben sind. 15
Die Institutionalisierung dieser Handelsroutinen ergibt die eigentliche gesellschaftliche Stabilität, indem diese Regeln als verbindlich festgeschrieben und bei Nichteinhaltung sanktioniert werden. Anhand des Beispiels einer Familienbildung erläutern Berger und Luckmann diesen Prozess. Zwei Menschen begegnen sich und sind sich zunächst fremd. Durch Kommunikation und Interaktion beginnen sie die Handelsroutinen des Gegenübers zu internalisieren und die Fremdartigkeit nimmt ab und es entstehen gemeinsame Handelsroutinen. Dies begründet aber noch keine Gesellschaft, denn diese entsteht erst wenn eine dritte Partei, das Kind, hinzukommt. Für das Kind sind die Handelsroutinen objektive Tatbestände, welche als Bestandteil der restlichen ‚realen’ Welt betrachtet werden. Die Wechselwirkung mit dem Kind führt zu einer Verfestigung der bestehenden Strukturen und konstruiert damit diese ‚Gesellschaft’ weiter. 16 Die Folge dieses Prozesses auf gesellschaftlicher Ebene ist eine ‚Illusion’ objektiver naturgegebener Tatsachen, welche aber durch die Menschen selbst produziert sind.
13 Vgl. Berger und Luckmann (1990), S. 21-25.
14 Vgl. Berger und Luckmann (1990), S. 54.
15 Vgl. Berger und Luckmann (1990), S. 57.
16 Vgl. Berger und Luckmann (1990), S. 63.
4
Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus / Identität und Rollen
2.2 Identität und Rollen
Das Wissen eines Menschen über die soziale Welt die ihn umgibt setzt sich aus persönlicher Erfahrung, überliefertem Wissen und Erinnerung zusammen. Die grundlegendste Erfahrung bildet nach Berger und Luckmann die so genannte vis-a-vis Situation, in der sich zwei Individuen in direktem Kontakt austauschen. Dabei spielen Typisierungen eine wichtige Rolle. Jede Aussage, Mimik oder Gestik des Gegenübers wird interpretiert und entsprechend eingeordnet. Im Alltag behilft sich das Individuum mit Typisierungen um seine soziale Interaktion erfolgreich zu gestalten. Man ‚schubladisiert’ die Umwelt gewissermassen, um sich selbst besser orientieren und andere besser erfassen und entsprechend behandeln zu können. Diese Form der Typisierung endet aber nicht in der vis-a-vis Situation, welche nur einen kleinen Teil des Kontakts mit der Umwelt darstellt. Vielmehr extrapoliert das Individuum und mit ihm die Gesellschaft (welche ja aus Individuen besteht) diese Typisierung auf so genannte Rollen(-bilder) (Polizist, Beamter, Engländer, Juden etc.). Damit hat die Gesellschaft gewisse Typen und somit Handlungs- und Charaktermuster ‚institutionalisiert’ und verbindet damit bestimmte Erwartungshaltungen. Dies beinhaltet nicht nur Rollen von Individuen sondern auch allgemeine Verhaltensregeln, wie Strassenverkehrsverhalten, Tischmanieren etc. Das gesammelte Wissen eines Menschen über diese Rollen und Handlungsmuster wird für ihn zum Wissen und gleichzeitig zu einer objektiven Wahrheit. Das gemeinschaftliche Wissen um diese Rollen und typisierten Verhaltensmuster und die Akzeptanz derselben, bildet die Definition von gesellschaftlicher Institution. Namentlich ein häufig wiederholtes Handlungsmuster in dem die Akteure als Typen interagieren. Rollen sind dabei nichts anderes als allgemein bekannte und institutionalisierte Typen. 17 Jeder Mensch handelt bewusst oder unbewusst zu jeder Zeit innerhalb einer oder mehrerer solcher Rollen und wird sich auch mehr oder weniger damit identifizieren. Die Art wie er seine eigene Rolle versteht und wie diese durch seine Umwelt akzeptiert, respektiert und widerspiegelt wird, prägt sein Verständnis von sich selbst und bildet seine ‚Identität’ oder auch ‚Persönlichkeit’. Nur durch die soziale Welt kann das Individuum sein Selbst definieren, weshalb seine Identität von der Umwelt abhängig ist. 18
2.3 Giddens’ Theorie der Strukturierung
In gewissen Sinne greift Giddens die Überlegungen von Berger und Luckmann auf und entwickelt dabei eine eigene Theorie wie sich die Struktur einer Gesellschaft und die Individuen, welche sie konstituieren, gegenseitig bedingen und demnach ‚konstruieren’. Er wendet sich dabei explizit gegen eine strukturell-funktionale Theorie, in welcher sich das Individuum einer übermächtigen und objektiv vorgegebenen Gesellschaftsstruktur gegenübersieht und seine Handlungen lediglich ein Produkt derselben darstellen. Gleichzeitig erteilt er aber auch übertriebenen hermeneutischen Ansätzen eine Absage, welche die Gesellschaft als durch ihre Mitglieder beliebig formbar betrachten. 19 Er wehrt sich also sowohl gegen einen absoluten Strukturalismus als auch gegen einen übertriebenen Individualismus.
17 Vgl. Berger und Luckmann (1990), S. 68.
18 Vgl. Berger (1966), S. 32-40.
19 Vgl. Treibel (1997), S.236.
5
Sozialphilosophischer Ursprung des Konstruktivismus / Giddens’ Theorie der Strukturierung
Für Giddens spielen die Handelnden also die Akteure oder ‚agents’ eine zentrale Rolle in seiner Theorie. Diesen Akteuren spricht er zwei zentrale Fähigkeiten zu: Reflexionsfähigkeit und Intentionalität. Ihr Wissen um die Struktur der Gesellschaft ist nicht vollständig, sondern beschränkt sich meist auf die alltäglichen Strukturen, also den routinierten Handlungsmustern, in welchen sie sich zurechtfinden. 20 Beabsichtigte (‚intentional’) Handlungen sind dabei ein wichtiges Element bei der Bildung und Weiterentwicklung von sozialen Strukturen. Doch nicht alle Konsequenzen ihres Handelns können von den Akteuren vorausgesehen werden, weshalb sich unerwartete Aspekte und Entwicklungen menschlicher Aktivität und damit der Gesellschaft ergeben. Ein Gesellschaftssystem ist für Giddens nichts anderes, als immer wiederkehrende Handlungen von Akteuren über einen gewissen Zeitraum und ein bestimmtes Gebiet. Er definiert es als ständig reproduzierte Beziehungen zwischen Akteuren (oder Kollektiven), welche institutionalisiert wurden (als reguläre soziale Praktiken) 21 . Giddens Theorie der Strukturierung behauptet, dass die Regeln des sozialen Systems sich auf die Produktion und Reproduktion gesellschaftlichen Handelns durch die Akteure stützen. In und durch ihre Aktivitäten reproduzieren die Akteure die Bedingungen die ihre Handlungen erst ermöglichen. Gemäss der so genannten Dualität der Struktur, sind die strukturellen Eigenschaften sozialer Systeme sowohl Medium als auch Resultat der Praktiken, welche sie rekursiv organisieren und limitieren. 22
Für Giddens basiert also die Stabilität der Gesellschaft (bzw. die ‚Reproduktion’ derselben) auf menschlicher Praxis. Doch die oben erwähnten unbeabsichtigten und unerwarteten Konsequenzen und Aspekte dieses Handelns können durch so genannte kausale Feedbackschlaufen (‚causal feedback loops’) neue Bedingungen bzw. Strukturen für zukünftige Handlungen erzeugen. Für Giddens stellt die Gesellschaft somit ein soziales System im Sinne von gegenseitiger zirkulärer Kausalität dar, und er wehrt sich damit gegen jede Form des Reduktionismus. 23 Der Mensch ist ein soziales Wesen, welches durch die Gesellschaft geformt wird, während er selbst dieselbe Gesellschaft durch gesellschaftliches Handeln formt. Der Mensch ist somit zugleich Schöpfer und Schöpfung der Gesellschaft, was Giddens mit der so genannten Dualität der Struktur beschreibt. Der Mensch ist: „a social, self-conscious, creative, reflective, cultural, symbols- and language-using, active natural, laboring, producing, objective, corporeal, living, real, sensuous, anticipating, visionary, imaginative, designing, cooperative, wishful, hopeful being that makes its own his-tory and can strive toward freedom and autonomy.” 24
Die fortwährende Entwicklung, bzw. Transformation und Wiedererschaffung der Gesellschaft wird durch eben diesen Menschen vorangetrieben. Sowohl die beabsichtigten als auch unbeabsichtigten Konsequenzen seines Handelns verändern und erhalten die Struktur der Gesellschaft unaufhörlich. Diese Transformationen besitzen aber keine mechanistische Unabwendbarkeit. Die Geschichte sei vielmehr
20 Vgl. Walgenbach (1995), S. 762-768.
21 Vgl. Giddens (1984), S. 25.
22 Vgl. Fuchs (2002), S. 12.
23 Vgl. Giddens (1984), S. 26-28, 375f.
24 Fuchs (2002), S. 16.
6
(Sozial-)Konstruktivismus in den IB / Konzept, Ansatz, Schule, Theorie oder Metatheorie?
„the structuration of events in time and space through the continual interplay of agency and structure: the interconnection of the mundane nature of day-to-day life with institutional forms stretching over immense spans of time and space” 25
Dabei können die gleichen Ergebnisse unterschiedliche Ursachen haben und umgekehrt. Es gibt also nach Giddens keine universellen Gesetze der Gesellschaft unabhängig von Raum und Zeit. Alle Gesetze existieren nur in ihrem historischen Kontext und die Geschichte wird immer durch die menschliche Kreativität und Selbsttransformation neu bestimmt. Giddens beschreibt dieses Konzept als ‚Conjunctures’, welche immer an einen bestimmten Ort und an eine bestimmte Zeit gebunden sind und den gesellschaftlichen Wandel entscheidend beeinflussen. 26 Giddens erteilt damit jeglichem Determinismus in den Sozialwissenschaften eine Absage und hinterfragt und kritisiert das Konzept der mechanistischen Kausalität.
3 (SOZIAL-)KONSTRUKTIVISMUS IN DEN IB
Der Sozialkonstruktivismus in den IB wird heute meist unter die verschiedenen Strömungen des so genannten Postpositivismus und damit der Dritten grossen Debatte der IB subsumiert. 27 Andere sprechen vom Sozialkonstruktivismus sogar als Teil der Vierten Debatte, mit eigenständiger Rolle in den IB. 28 Wo auch immer der Sozialkonstruktivismus im komplexen Geflecht der diversen Theorien der IB zu verorten ist, kann und soll in dieser Arbeit aber auch nicht näher erörtert werden. Zeigt es sich doch, dass unter dem Begriff selbst wiederum die unterschiedlichsten Ansätze subsumiert werden und er von seinen Protagonisten zum Teil sehr unterschiedlich angewendet bzw. interpretiert wird. Klar scheint, dass der Sozialkonstruktivismus seinen Eingang in die Theorien der IB einerseits durch die zunehmend kritischen Prüfung, der bis zu den 80er Jahren dominanten, positivistischen bzw. szientistischen Schulen des Rationalismus (Neorealismus/Neoliberalismus) gefunden hat und andererseits dem verstärkten Einfluss konstruktivistischer Ideen und Theorien aus der Soziologie zu verdanken hat. Den Durchbruch bzw. grosse Popularität erfuhr der Sozialkonstruktivismus in den IB schliesslich durch das postulierte Unvermögen der rationalistischen Theorien, den Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges vorauszusehen bzw. zufrieden stellend beschreiben geschweige denn erklären zu können. 29
25 Giddens (1984), S. 362f.
26 Vgl. Giddens (1981), S. 167, zit. in Fuchs (2002), S. 25,
27 Vgl. Schieder und Spindler (2003), S. 9, 21.
28 Vgl. Menzel (2001), S. 217.
29 Vgl. Katzenstein (1996), S. 3-4; vgl. Ulbert (2003), S. 393-394; vgl. Risse (1999a), S. 33; s. auch Koslowski und Kratochwil (1994).
7
(Sozial-)Konstruktivismus in den IB / Konzept, Ansatz, Schule, Theorie oder Metatheorie?
3.1.2 Diverse Protagonisten Vertretern
Obschon im Rahmen dieser Arbeit keine umfassende Darstellung der vielfältigen zum Teil sehr divergierenden Ansätze des Konstruktivismus erfolgen kann, soll an dieser Stelle ein kleiner Eindruck der Diversität und Breite des Konstruktivismus in den IB gegeben werden. Antje Wiener positioniert den Konstruktivismus wie Checkel 30 als Brückenstation zwischen Rationalismus und Reflektivismus (Hermeneutik bzw. interpretative klassische Analyse, s.o.). Während sich der Konstruktivismus einerseits von beiden Positionen abgrenze, zeigen Konstruktivisten gleichzeitig grundsätzliche Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit mit beiden Polen, wobei vor allem ontologische Differenzen diskutiert werden. 31 Der Sozialkonstruktivismus positioniert sich nach Menzel speziell gegen die Gruppe der Rational-choice Theorien 32 und dabei vor allem gegen ihre prominentesten Vertreter den Neorealismus und Neoliberalismus bzw. liberalen Institutionalismus. Gemein sei diesen beiden Ansätzen die Annahme, dass Staaten rational ihre Interessen verfolgen und damit nachvollziehbar und kalkulierbar gemäss dem Modell des Homo oeconomicus handeln. 33 Dagegen postuliere der Sozialkonstruktivismus eine gesellschaftliche Rolle des Staats und sehe ihn eher als Homo sociologicus. Während Rationalisten die internationale Politik durch materielle (und damit quantifizierbare) Strukturen 34 , welche den Akteuren ein bestimmtes Verhalten aufzwingen, bestimmt sehen, vertreten Sozialkonstruktivisten die Ansicht, dass (zumindest) nicht nur materielle Strukturen die IB bestimmen, sondern, dass viele (oder sogar alle) bislang fundamentalen Annahmen der IB lediglich Konstrukte darstellen. Die gesellschaftliche Realität sei eine Konstruktion der Akteure, welche sich aus der Interaktion in den transnationalen Beziehungen und ihren zugrunde liegenden Normen, Ideen und Identitäten ergebe. 35
John Ruggie, ein weiterer prominenter Vertreter des Sozialkonstruktivismus bezeichnet den Sozialkonstruktivismus als ein Projekt 36 , welches fast so viele Varianten wie Vertreter kenne. Seiner Meinung nach glauben Konstruktivisten:
„that the building blocks of international reality are ideational as well as material; that ideational factors have normative as well as instrumental dimensions; that they express not
30 Vgl. Checkel (1998).
31 Vgl. Wiener (2003), S. 134, 138ff; Vgl. Risse und Wiener (1999).
32 In der Literatur wird zwischen Rationalismus und Positivismus zum Teil unterschieden, obwohl die Rational-choice Gruppe bezüglich ihrer Methodologie klar dem positivistischen Weltbild folgt. Vgl. Mayer (2003); Vgl. Fearon und Wendt (2002), S. 54. Grundsätzlich kann der Rationalismus (zumindest in den IB) wohl als ein Teil der positivistischen Ansätze betrachtet werden.
33 Vgl. Menzel (2001), S. 217.
34 Strukturen beziehen sich dabei sowohl auf Machtverteilung (militärisch, ökonomisch etc.), Anarchie, das Sicherheitsdilemma im internationalen System, als auch auf konkrete Institutionen, Organisationen oder Regime (WTO, NATO etc.). Vgl. Menzel (2001), S. 217.
35 Menzel (2001), S. 219.
36 Vgl. Ruggie (1998), S. 28ff.
8
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Kelnor Panglung, 2005, Konstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
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