Diplomarbeit
Ausgeführt zum Zweck der Erlangung des akademischen Grades Mag. (FH) für wirtschaftswissenschaftliche Berufe am Fachhochschul-Diplomstudiengang Medienmanagement St. Pölten
DAS WESEN DES DOKUMENTARFILMS
Möglichkeiten der Dramaturgie und Gestaltung
von Monika Grassl
2005
Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Dokumentarfilm als ein Kommunikations- und Ausdrucksmittel der heutigen Zeit. Laut Definitionen in Fachbüchern und Lexika soll der Dokumentarfilm die Realität in seiner „vorgefundenen Ursprünglichkeit“ wiedergeben. Daher wird in der Arbeit der Frage nachgegangen, ob und wie eine vorgefundene Realität dokumentarisch dargestellt werden kann, sodass das Dargestellte einen authentischen Charakter aufweist und einem Wahrheitsanspruch genügt. Durch die besonderen Umstände während der oft extremen Drehbedingungen, der subjektiven Sicht des/der FilmemacherIn und der Wahrnehmung des/der ZuseherIn entsteht aus einer vorgefundenen Wirklichkeit eine neue dokumentarfilmische Realität. Um diese zu beschreiben, werden in der vorliegenden Arbeit auch die Einflussfaktoren während der Herstellungsphasen eines Dokumentarfilms thematisiert. Die Möglichkeiten der dokumentarischen Umsetzung einer vorgefunden Realität werden auf vier verschiedenen Ebenen des Dokumentarfilms diskutiert:
Gleichzeitig wird der Versuch unternommen, das schwer zu kategorisierende Genre „Dokumentarfilm“ wissenschaftlich zu fassen. Dazu wurde als Methode das qualitative Experteninterview gewählt. Anhand der Ergebnisse der Interviews wird der Frage nachgegangen, was einen „guten“ Dokumentarfilm ausmacht. Für die Verfasserin wird ein Dokumentarfilm in einer ersten Betrachtung als „gut“ erachtet, wenn er sich als informativ, wahr, glaubwürdig, differenziert und unterhaltend erweist und der Film sowie seine Botschaft von einem Publikum verstanden werden. Gleichzeitig soll sich der „gute“ Dokumentarfilm durch einen künstlerischen Anspruch des/der FilmemacherIn auszeichnen und genügend Raum für Interpretationen des/der ZuseherIn bieten. Die vorliegende Arbeit erhebt jedoch nicht den Anspruch, ein allgemeingültiges Rezept für das dokumentarische Genre gefunden zu haben, das automatisch zum Erfolg und zur Anerkennung eines Dokumentarfilms beim Publikum führt.
Abstract
The following thesis deals with documentary film as a means of communication and expression in the present time. According to definitions provided by specialist books and encyclopaedias, the major aim of the documentary film is to reflect reality in its “natural originalness”.
Hence, this work raises the question whether and how reality can be displayed in a way that enables the documentary film to hold an authentic character and illustrates reality in a truthful way.
Due to hard conditions during the production, the subjective view of the filmmaker, and the viewer’s perception, a new reality that is created in the documentary film originates out of the substantial reality.
To describe this process, the following work will also discuss the factors that influence a documentary film during the production. The possibilities of a conversion of reality into a documentary can be classified on four levels:
At the same time, the work reflects an attempt to classify the category of “documentary film” and its difficult scientifical categorization. For that, the author has chosen the empirical method “qualitative Expert Interview”. On the basis of the results of the interviews, the following question is focused: “What reflects a good documentary film?” For the author, a good documentary film is considered to be informative, true, convincing, differentiated and entertaining as well as understandable for the audience. At the same time a “good” documentary film should be based on an artistical demand of the filmmaker and should offer enough room for individual interpretation of the viewer. The following thesis does not claim to offer a general rule for describing the category of documentary film that automatically leads to a success and recognition of a documentary film for a potential audience.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG ... 7
2. WAHL DES FORSCHUNGSGEGENSTANDES ... 8
2.1 ZIELSETZUNG ... 8
2.2 FORSCHUNGSMETHODE ... 9
2.2.1 Forschungsleitende Fragestellungen ... 9
2.2.2 Das qualitative Interview ... 10
3. BESCHREIBUNG DES GENRES ... 12
3.1 STELLUNG VON AUDIOVISUELLEN MEDIEN ... 12
3.2 DAS MEDIUM FILM ... 14
3.3 DAS DOKUMENTARISCHE GENRE ... 16
3.3.1 Mögliche Definitionen des Genres ... 16
3.3.2 Abgrenzung zum fiktionalen Film ... 19
3.3.3 Abgrenzung zum dokumentarischen Journalismus ... 22
3.3.3.1 Die Meldung ... 23
3.3.3.2 Der Bericht ... 23
3.3.3.3 Die Reportage ... 24
3.3.3.4 Das Feature ... 24
3.3.3.5 Magazinbeiträge ... 25
3.3.4 Besondere Formen des dokumentarischen Films ... 26
3.3.4.1 Das Dokudrama ... 27
3.3.4.2 Der Filmessay ... 28
3.3.4.3 Dokutainment ... 28
3.3.4.4 „Reality-TV ... 29
3.3.4.5 „Pseudo-Dokus“ ... 30
3.3.4.6 Die TV-Dokumentation ... 31
3.3.4.7 Der Dokumentarfilm ... 32
3.3.5 Vertriebskanäle ... 34
3.3.5.1 Das Kino ... 35
3.3.5.2 Das Fernsehen ... 36
3.4 SCHLUSSFOLGERUNGEN ... 40
4. KOMMUNIKATIONSMITTEL DOKUMENTARFILM ... 41
4.1 THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ... 41
4.1.1 Der Begriff Kommunikation ... 41
4.1.2 Filmtheoretische Überlegungen ... 43
4.1.3 Semiotische Betrachtungsweise ... 44
4.1.3.1 Zeichen ... 45
4.1.3.2 System ... 46
4.1.3.3 Die Sprache der Bilder ... 46
4.2 SCHLUSSFOLGERUNG ... 48
4.3 ERSTE FILMISCHE EBENE: INHALT UND THEMA ... 50
5. ZWEITE FILMISCHE EBENE: DIE ERZÄHLUNG ... 53
5.1 DIE NARRATION ... 53
5.1.1 Interdisziplinäre Betrachtung von Erzählung ... 55
5.1.1.1 Ansätze aus der Histographie ... 55
5.1.1.2 Ansätze aus der Literaturwissenschaft ... 56
5.1.1.3 Sprachwissenschaft und Linguistik ... 56
5.1.2 Narrative Modelle ... 57
5.1.2.1 Narratives Modell von Thorndyke ... 58
5.1.2.2 Modell Labov und Waletzky ... 59
5.1.2.3 Das strukturale Modell ... 60
5.1.2.4 Am Handlungsverlauf orientierte Modelle ... 62
5.1.3 Das narrative System ... 63
5.1.3.1 Wahrnehmungspsychologische Voraussetzung ... 63
5.1.3.2 Bedeutung der narrativen Form ... 64
5.1.3.3 Merkmale einer Erzählung ... 65
5.1.3.4 Die narrative Struktur ... 66
5.2 ERZÄHLEN IM DOKUMENTARFILM ... 67
5.2.1 Bedeutung von narrativen Elementen für den Dokumentarfilm ... 67
5.2.1.1 Kritik an der Narrativität ... 69
5.2.1.2 Kritik an der Kritik ... 70
5.2.2 Der narrative Aufbau im Dokumentarfilm ... 73
5.2.2.1 Die Stimme im Dokumentarfilm – „wer spricht?“ ... 74
5.2.2.2 Modus – „wer sieht?“ ... 78
5.2.2.3 Organisation der Zeit ... 81
5.2.2.4 dramaturgische Regeln im Dokumentarfilm ... 87
5.3 SCHLUSSFOLGERUNG ... 92
6. DRITTE FILMISCHE EBENE: KINEMATOGRAPHISCHE UMSETZUNG IM DOKUMENTARFILM ... 93
6.1 STILMITTEL DER INTRADIEGETISCHEN EBENE ... 94
6.1.1 Kommentarstimmen im „ON ... 94
6.1.1.1 Der intradiegetisch-heterodiegetische Erzähler ... 95
6.1.1.2 Darstellung der „Talking Heads“ ... 96
6.1.1.3 Das Interview ... 97
6.1.2 Das Filmbild ... 98
6.1.3 Originalton (O-Ton) ... 100
6.1.4 Montage und Bildschnitt ... 101
6.2 ELEMENTE DER EXTRADIEGETISCHEN EBENE ... 102
6.2.1 Der Kommentar aus dem „OFF ... 103
6.2.1.1 Der extradiegetisch-heterodiegetische Erzähler ... 104
6.2.1.2 Der Intradiegetisch-homodiegetische Erzähler ... 105
6.2.2 fremdsprachige Übersetzungen ... 106
6.2.3 ohne Worte ... 107
6.2.4 Kinematographische Umsetzung der Perspektive ... 108
6.2.4.1 Die Übersicht ... 108
6.2.4.2 Innenperspektive ... 108
6.2.4.3 Außenperspektive ... 109
6.3 SCHLUSSFOLGERUNG ... 109
7. VIERTE EBENE: DIE NEUE REALITÄT IM FILM ... 110
7.1 STELLENWERT DER „NICHTFILMISCHEN REALITÄT ... 111
7.2 BEGRIFFSDEFINITIONEN ... 113
7.3 HISTORISCHE TENDENZEN IM UMGANG MIT REALITÄT ... 114
7.4 THEORIEN ZUR VERMITTLUNG VON REALITÄT ... 118
7.4.1 Erkenntnistheoretischer Ansatz ... 119
7.4.2 Ansätze der Kommunikations- und Medienwissenschaften ... 120
7.5 ZUR PROBLEMATIK DER DARSTELLUNG VON REALITÄT IM DOKUMENTARFILM ... 122
7.5.1 Ebenen der Realität ... 122
7.5.2 Codierung von Realität durch die „Macher“ ... 125
7.5.2.1 Die Subjektivität des Dokumentarfilmers ... 125
7.5.2.2 Präsents der Kamera und des Teams ... 126
7.5.2.3 im Spannungsfeld von Repräsentation und Konstruktion ... 127
7.5.2.4 Finanzielle Einflüsse ... 130
7.5.3 Decodierung von Realität durch die Rezipienten ... 131
7.6 SCHLUSSFOLGERUNG ... 133
8. DAS WESEN DES DOKUMENTARFILMS ... 135
8.1 PERSÖNLICHE ANSICHTEN DER INTERVIEWTEN ... 135
8.2 MERKMALE DES „GUTEN“ DOKUMENTARFILMS ... 137
9. RESÜMEE ... 144
10. AUSBLICK ... 147
ANHANG A: QUELLENVERZEICHNIS ... 150
ANHANG B: GLOSSAR ... 157
ANHANG C: DANKSAGUNG ... 161
1. Einleitung
Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nimmt der Dokumentarfilm eine wichtige wirtschaftliche, bildungs- und gesellschaftspolitische Funktion ein. Ziel dieser Arbeit ist es, einen umfassenden Einblick in das spezielle Wesen des Dokumentarfilms zu geben und in weiterer Folge den Dokumentarfilm von anderen dokumentarischen Formen am audiovisuellen Mediensektor abzugrenzen. Gerade in der heutigen Zeit werden seine Bedeutung und sein Wesen vor allem von ProgrammgestalterInnen, und in weiterer Folge von einem potentiellen Publikum oft ignoriert oder verkannt. Um dem etwas entgegenzusetzen, setzt sich die vorliegende Arbeit mit dem dokumentarischen Genre als eine besondere Kommunikationsform auseinander. In erster Linie wird seine Darstellungs- und Vermittlungsfunktion ins Zentrum der Betrachtung gestellt. Dazu werden verschiedene Erzähltechniken, sowie kinematographische Gestaltungsformen beschrieben, die im Dokumentarfilm Anwendung finden können. In diesem Zusammenhang wird auch dargelegt, warum die Anwendung narratologischer und gestaltungstechnischer Strukturen für den Dokumentarfilm unausweichlich ist. Durch die Besonderheiten des Genres in der Erzählweise und der kinematographischen Umsetzung entsteht eine völlig neue filmische Realität, die es ebenfalls zu diskutieren gilt. Wie die vorliegende Arbeit aufzeigen wird, gibt es vor allem unter den FilmemacherInnen unterschiedliche Ansichten, was ein Dokumentarfilm ist und wie er eine Realität darstellen kann. Daher lässt jede Beschäftigung mit dem Wesen des Dokumentarfilms auch folgende Fragen aufkommen: Wie beeinflusst die Subjektivität des/der FilmemacherIn den Dokumentarfilm? Wie kann im Dokumentarfilm wirklichkeitsnah dargestellt werden? Welche Bedeutung haben ethische Fragen? Kommen versteckte Ideologien zum Einsatz? Welche Wirkung hat das Gefilmte auf den/die RezipientInnen? Um das Wesen des Dokumentarfilms zu begreifen, wäre daher eine umfassende Beschäftigung mit all diesen Bereichen notwendig. Da dies den hier vorgegebenen Rahmen sprengen würde, wurde das Thema der Arbeit auf die Narratologie und die formalen Elemente der kinematographischen Umsetzung fokussiert.
[...]
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Mag. (fh) Monika Grassl, 2005, Das Wesen des Dokumentarfilms - Möglichkeiten der Dramaturgie und Gestaltung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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