Universität Hamburg, Institut für Politische Wissenschaft
HS: Politik der Europäisierung
SoSe 2005, 9. Semester
Europäische Identität - Ist die europäische Identität als
Grundlage des Zugehörigkeitsbewusstseins und der
Legitimation der Europäischen Union notwendig und
wenn ja, wie könnte und müsste der Identitätsbegriff
dann inhaltlich ausgefüllt sein?
von: Michel Massing
Gliederung
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSBESTIMMUNG IDENTITÄT
2.1. Individuelle Identität - Kollektive Identität
2.2. Kollektive Identität - Politische Identität
2.3. Politische Identität – Nationale Identität
3. EUROPÄISCHE GEGENWART
3.1. Der Wandel des Nationalstaates unter dem Druck der Globalisierung und Europäisierung
4. EUROPÄISCHE IDENTITÄT
4.1. Historische Quellen der Identität Europas
4.2. Kulturelle Identität Europas
5. POLITISCHE IDENTITÄT EUROPAS
5.1. Staatsbürgerschaft und Unionsbürgerschaft
5.1.1. Staatsbürgerschaft
5.1.2. Unionsbürgerschaft
5.2. Konstruktion einer Europäischen Identität – Identitätsbildung
6. SCHLUSSBETRACHTUNG
7. LITERATURVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG
Die öffentliche Diskussion wird gegenwärtig von dem allseits geteilten Bewusstsein geprägt, dass wir uns unter den Bedingungen der Globalisierung und der Europäisierung in einem tiefgreifenden Umbruch des gesellschaftlichen Lebens befinden. Die wirtschaftliche und politische Einigung Europas schreitet im Ausbau des Binnenmarktes und in der Verlagerung politischer Entscheidungskompetenzen auf die Ebene der Europäischen Union in wachsendem Tempo voran (vgl. Münch 1999: 223). Doch scheint sich das politische Europa in Gestalt der Europäischen Union in einer Sinn- und Legitimitätskrise zu befinden (vgl. Michels 2003: 14). Eine Antwort auf die Frage nach der gemeinsamen europäischen Identität wird gesucht. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein politische System und seine Handlungsfähigkeit einen Rahmen benötigt, auf den sich die Begründungen für Werte, Normen und Entscheidungen beziehen. Hintergrund dieser Annahme ist die Überzeugung, dass in jedem nationalstaatlichem politischen System die politische Auseinandersetzung des Tages auf den gemeinsamen historischen Erfahrungshorizont zurückgreift. Von dort bezieht die Politik die Argumentationshilfe, wenn es um die Erklärung ihrer Maßnahmen geht. Wie ein solcher Bezugsrahmen in Form eines elementaren Konsenses sowie gemeinsamer Interessen und Perspektiven auf europäischer Ebene aussehen soll, ist dabei die zentrale Frage. Europa kann auf die Ressource einer von allen geteilten Selbstwahrnehmung nur sehr begrenzt zurückgreifen. Zudem ist die Geschichte Europas durchzogen von Machtkämpfen, die auf sich widersprechenden nationalstaatlichen Interessen beruhen. Für Pomian (1992: 144) ist Europas „schlimmster Feind“ auf dem Weg zur tatsächlichen Einigung deswegen „der nationale, staatliche und ideologische Partikularismus, das heißt die selbstgewählte Autarkie oder der Hegemonialanspruch, wie immer er gerechtfertigt werden mag“. „Somit erweist sich die schwache Identität als die eigentliche Achillesferse der Europäischen Union“ (Weidenfeld 2002: 16).
Aber hat die Europäische Union nicht seit ihrer Gründung eine umfassende Erfolgsgeschichte absolviert, ganz „ohne großes Aufheben“ (Meyer 2004: 10) wegen der Frage ihrer Identität zu machen? Und sind die Nationalstaaten nicht vielleicht besser beraten, sich auf ihre eigene Kultur und Geschichte zu besinnen, anstatt unnötige Energie in die Suche nach einer europäischen Identität zu investieren? Ist die europäische Einigung nicht auch ohne identitären Charakter möglich? Braucht das gegenwärtige Europa, das ein „de facto multikultureller Organismus“ (Koscielniak 2003: 113) ist, Fixpunkte, die sich in einer eigenen Identität vereinigen? Ist die Europäische Identität mit der oft zitierten Vielfalt der Kulturen überhaupt zu fassen, da sich diese in einer Art Selbstregulierungsprozess doch immer wieder verändert? Sind dann Fixpunkte an Regeln, Normen und Gemeinsamkeiten überhaupt möglich? (vgl. Schulze 1995: 37 ff.)
Oder ist der Diskurs der „Europäische Identität“ in seiner Dimension eher ein Zeichen einer zunächst mehr instinktiven Befindlichkeit, die europäische Integration nicht nur „technokratisch“, „legalistisch“ und „funktionalistisch“ zu begreifen? (vgl. Wessels 1995: 102) Sind die Übergänge zwischen sozialer, kultureller und politischer Identität nicht zumeist fließend und unbestimmt, so als beinhalte der Begriff der Identität sie ohnehin alle „irgendwie, besonders“ (Meyer 2004: 7), wenn von Europa die Rede ist? Und ist der Begriff europäische Identität somit nur „eine Modeerscheinung“ (Wessels 1995: 101), um bekannte Beobachtungen neu zu etikettieren, ohne einen Erkenntnisgewinn davon zu tragen? Oder ist die europäische Identität gar die Lösung für das allseits beklagte Demokratiedefizit und stellt somit die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union auf neue Beine? Das Thema europäische Identität stellt sich somit als weites Feld, interdisziplinär und umstritten dar. In dieser Arbeit soll der Begriff der europäischen Identität unter politikwissenschaftlicher Perspektive ausgeleuchtet werden. Nachdem zunächst eine Begriffsdefinierung im Kapitel zwei erfolgt, begeben wir uns in die europäische Gegenwart der Lage der Nationalstaaten. Der Wandel des Nationalstaates unter Bezugnahme der Europäisierung und Globalisierung soll dabei im Kapitel drei die Grundlage für das Entstehen einer Diskussion über europäische Identität beleuchten. Nach der Suche der Gemeinsamkeiten der europäischen Staaten in der Geschichte Europas im vierten Kapitel, führt der Diskurs zur staatsrechtlichen und politikwissenschaftlichen Ebene des Themas europäische Identität. Die Ausgangsfrage, die bei der Erstellung der einzelnen Kapitel richtungsweisend war und die Grundlage für die Schlussbetrachtung liefert, lautet wie folgt: Ist die europäische Identität als Grundlage des Zugehörigkeitsbewusstseins und der Legitimation der Europäischen Union notwendig und wenn ja, wie könnte und müsste der Identitätsbegriff dann inhaltlich ausgefüllt sein?
2. BEGRIFFSBESTIMMUNG IDENTITÄT
2.1 Individuelle Identität - Kollektive Identität
Der Begriff Identität bedeutet Wesensgleichheit (vgl. Ohlendorf 1998: 1), vollkommene Gleichheit (von lat. Identitas). Spricht man von der Identität eines Individuums, dann ist der Begriff Identität als Ausbildung eines klar umrissenen „Ich“ innerhalb der sozialen Realität gemeint, welches sich in der Dauerhaftigkeit grundlegender Verhaltensmuster und Selbstdeutungen eines Individuums darstellt (vgl. Holtmann 2000: 253). Der Begriff Identität beschreibt dabei nicht einen abgeschlossenen Zustand, sondern ein abstraktes, dynamisches Gebilde, das sich in einem fortlaufenden Konflikt- und Differenzierungsprozess zwischen sozialer Erwartung und personaler Einzigartigkeit immer wieder neu akzentuiert (vgl. Loth 2002: 4). Ist von der kollektiven Identität die Rede, ist die zeit- und generationenübergreifende Beständigkeit von Institutionen, Symbolen, Werthaltungen und Zielen einer Gruppe oder staatlich verfassten Gesellschaft gemeint, wie sie z.B. im „Nationalbewusstsein“ präsent gehalten wird (vgl. Holtmann 2000: 253).
Die kollektive Identität von Großgruppen (Interessensgruppen, Religionsgemeinschaften, Ethnien, Nationen) zeigt sich also in gemeinsamer Kultur, Werten, Überzeugungen und Interessen (vgl. Nohlen 1999). Das politikwissenschaftliche Verständnis von kollektiver Identität bezeichnet die Konstanz von Institutionen und Symbolen staatlich verfasster Großgesellschaften (Nohlen 1992: 348). Genau wie die individuelle Identität werden auch die Identitäten von Gemeinwesen nicht als statisch angesehen; auch sie befinden sich in einem permanenten Wandlungsprozess. „Sie basieren auf kollektiven Erfahrungen und ihrer Deutung in einem dialektischen Prozess: Individuell erlebte Wirklichkeiten werden im Licht kollektiver Wirklichkeitsmodelle und Wissensbestände gedeutet und tragen damit zur Verstärkung und Verstetigung dieser kollektiven Deutungen bei; gleichzeitig identifizieren sich die Individuen mit dem Kollektiv und bilden Loyalitäten zu ihm aus“ (vgl. Loth 2002: 5).
2.2 Kollektive Identität - Politische Identität
[...]
Arbeit zitieren:
Michel Massing, 2005, Europäische Identität , München, GRIN Verlag GmbH
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