Inhalt
Einleitung 1. 6
Die Entwicklung des modernen Sports 2. 9
2.1. Das Sportsystem 9
2.1.1. Sozialhistorische Entwicklung 10
2.1.1.1. Ursprünge körperlicher Aktivität 10
2.1.1.2. Bewegungskultur und Leibesübungen 11
2.1.1.3. Renaissance - Übergang zum modernen Sport 12
2.1.1.4. Industrielle Revolution 13
2.1.1.5. Das 20. Jahrhundert 15
2.1.2. Die Einheit des modernen Sports 15
2.1.3. Fortschreitender Wandel: Von der Einheit zur Vielfalt 18
2.2. Das (Sport-) Vereinswesen 21
2.2.1. Geschichtliche Entwicklung 23
2.2.1.1. Mittelalter bis zum Beginn der ersten Vereine 23
2.2.1.2. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1945 23
2.2.2. Wandlungsprozesse des modernen Sportvereins 26
Theoretischer Rahmen 3. 28
3.1. Individualisierung 29
3.1.1. Modernisierung 30
3.1.2. Wandel der Sozialstruktur 32
3.1.3. Phasen der Individualisierung 34
3.1.4. Individualisierung und die Folgen für den Sport 39
3.2. Der Sozialkapitalansatz 42
3.2.1. Grundelemente: Vertrauen, Normen, Netzwerke 44
3.2.2. Formen sozialen Kapitals 46
3.2.3. Sozialkapital und (Sport-) Vereine 48
Sportverhalten in Deutschland 4. 51
4.1. Operationalisierungsprobleme 52
4.2. Sportbeteiligung 53
4.2.1. Der Sport als Teil der Freizeit 53
4.2.2. Zuschauersport 55
3
4.2.3. Veränderungen der Aktivenzahlen 56 4.2.4. Sportarten 59
4.2.4.1. Die Erweiterungen traditioneller Sportarten 62 4.2.4.2. Trendsport 66 4.3. Die Sportvereine 70 4.3.1. Ansehen und Aufgaben 70 4.3.2. Probleme der Mitgliedererfassung 71 4.3.3. Die Mitgliederentwicklung 72 4.3.4. Die Krise des Ehrenamtes 75 4.4. Motive im Sport 76 4.5. Der sozialstrukturelle Kontext 79 4.5.1. Vertikale Ungleichheiten und Sportengagement 80 4.5.2. Horizontale Ungleichheiten und Sportengagement 83 4.5.2.1. Alter 84 4.5.2.2. Geschlecht 86
4.5.2.3. Ost-West Differenzen 88 90 5. Resümee
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Pyramidenmodell des Sports 18 Abb. 2: Schalenmodell des Sports 19 Abb. 3: Das ‘Drei-Welten-Modell’ des Sports 19 Abb. 4: Systemtheoretisches Sportmodell 20 Abb. 5: Säulenmodell des Sports 21 Abb. 6: Individualisierungsphasen und Ausmaß an Restriktionen 36 Abb. 7: Sporttreibende in Westdeutschland 57 Abb. 8: Sporttreibende in Ostdeutschland 58 Abb. 9: Sporttreibende in Gesamtdeutschland 58
Abb. 10: Die Entwicklung der Sportarten 60
Abb. 11: Die Erweiterung des Skisports 63
Abb. 12: Die Erweiterung des Radsports 64
Abb. 13: Die Erweiterung des Turnens 65
Abb. 14: Die Entwicklung der Mitgliedszahlen im DSB 74
Abb. 15: Die Entwicklung der Vereinszahlen im DSB 74
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Merkmale des modernen Sports 16 Tab. 2: Teilprozesse der Modernisierung 31 Tab. 3: Individualisierungsmodell 35 Tab. 4: Typologie der Formen kollektiver Aktion 49 Tab. 5: Verschiedene Typen von Vereinigungen 49 Tab. 6: Auswahl diverser Trendsportarten 67 Tab. 7: Klassifizierung der Motive im Sport 77
5
1. Einleitung
Das Sportjahr 2004 mit seinen Großveranstaltungen Olympia und Fußballeuropameisterschaft ist gerade vorüber, da wird schon das UNO-Sportjahr 2005 eingeläutet. Die in diesem Jahr statt findenden World Games in Deutschland (mit Duisburg als Hauptausrichterstadt) stellen das nächste gigantische Sportereignis in Deutschland mit großer Anziehungskraft dar, bevor das Land 2006 die Fußball Weltmeisterschaft ausrichtet. Daneben finden regelmäßig unzählige Welt- und Europameisterschaften in weit über 100 Sportarten statt. Der Sport ist laut Bundeskanzler Gerhard Schröder mehr als nur körperliche Bewegung; er ist „eine Säule der modernen Zivil- und Bürgergesellschaft“ (vgl. Deutscher Sportbund, 2000, S. 9). Neben dieser Zuschreibung erhält der Sport immer wieder Lob von höchsten Vertretern der Kirchen, Parteien und Staaten und wird im Alltäglichen funktional überlastet. „Er soll der Volksgesundheit, Moral und Disziplin, der Erziehung und Charakterbildung, dem Sozialverhalten, Nationalstolz und Kommerz dienen; er soll Familie und Krankenstationen ersetzen und, weil das im nötigen Umfang bislang fehlt, bei der Altenbetreuung helfen“ (vgl. Weis, 2000, S. 366). Anhand dieser Aussagen läßt sich der Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft erahnen. Der Sport in der Moderne hat sich zu einem aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenkenden sozialen Teilbereich entwickelt. Er zeigt sich als „typisches Produkt dieser Gesellschaft: Sie prägt ihn und spiegelt sich in ihm“ (Weis, 2000, S. 367).
Im Zentrum dieser Arbeit steht der Sport, wie er vom Gros der Bevölkerung ausgeübt wird. Der Untersuchungsfokus liegt auf der Frage, inwieweit sich das Sportverhalten der deutschen
Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten verändert hat. 1 Hintergrund dieses Ansatzes bilden dabei gesamtgesellschaftliche Veränderungen, die als Prozesse fortschreitender Industrialisierung, Technologisierung, Bürokratisierung und Urbanisierung beschrieben werden (vgl. Zapf, 2000). Sie finden ihren sozialwissenschaftlichen Ausdruck in Gegenwartsdiagnosen und -konzepten wie die der „postindustriellen Gesellschaft“ (Bell, 1975), der „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze, 1995) der „Multioptionsgesellschaft“ (Gross, 1994) oder der „Risikogesellschaft“ (Beck, 1986). Diese Konzepte zeigen, daß sich ein weitreichender gesellschaftlicher Wandel vollzogen hat, der letztlich seine Wirkung auch im Sport zeigt.
1 Der Spitzensport kann in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden, da nach Schätzungen nicht mehr als
1% der Sportler Hochleistungssportler sind (vgl. Heinemann, 1998). Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß der Bereich den Spitzensports teilweise schon als völlig entbehrlich angesehen (Schimank, 2001).
6
Die Sportwissenschaft - und speziell die Sportsoziologie - beschäftigte sich in der jüngeren Vergangenheit mit dem Wandel des Sportsystems. Als kleinster gemeinsamer Nenner zahlreicher Schriften zum Thema können die Thesen einer „Versportlichung der Kultur“ (vgl. Digel, 1990) und einer „Entsportlichung des Sports“ (Bette, 1989, S. 27) genannt werden. Die Versportlichung bezieht sich auf drei eng verknüpfte Sachverhalte: die größer werdende Zahl sportlich Aktiver, die Vervielfältigung des Sportangebots und die Ausweitung des Sportbegriffs auf Bewegungsformen, die früher nicht als Sport bezeichnet wurden (bspw. Walking). Dadurch kommt es zur Entsportlichung, da der Sport nicht mehr eindeutig abzugrenzen ist und seine Einheitlichkeit verloren geht. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch nehmen Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit zu und bilden das eigentliche Kennzeichen einer neuen Sportkultur (vgl. Heinemann, 1993).
Die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und der Sportaktivität wurden allerdings nie systematisch untersucht. Entweder beziehen sich die Forschungen auf die institutionelle Organisation des Sports (Vereine, Verbände, kommerzielle Sportanbieter) (Schlagenhauf, 1977; Timm 1979; Digel, 1988; Dietrich, Heinemann & Schubert, 1990; Heinemann & Schubert, 1994; Baur & Braun, 2000), auf die Dimension des Werte- und Motivwandels (Hein, 1995; Gabler, 2002), auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen bzw. soziale Ungleichheitsrelationen (Baur & Brettschneider, 1994; Brinkhoff, 1992; Nagel, 2003) oder auf ausgewählte Bereiche des Sports (Breuer & Michels, 2003). Keine der Arbeiten bezieht sich dabei auf mehr oder weniger langfristige Veränderungen. Ausnahme hierbei bildet die Untersuchung von Wopp (1995), der die Entwicklungen des Freizeitsports von 1959 an nachzeichnet, allerdings den Fokus auf die Organisation dieses Sportbereichs legt und über ausgeübte Sportarten nur am Rande spricht.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die Veränderungen des Sportengagements der deutschen Bevölkerung seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu untersuchen. Als leitende Forschungsfragen seien folgende genannt:
1) Wie hat sich das Sportengagement der deutschen Bevölkerung seit der Nachkriegszeit entwickelt?
2) Welche Sportarten werden bevorzugt? Welche Veränderungen treten bezüglich einzelner Sportarten auf ?
7
3) Welchen Wirkungen haben die Veränderungen auf die Sportvereine?
Die Antworten auf diese Fragen sollen ergänzt werden durch Differenzierungen hinsichtlich sozial relevanter Merkmale. Der Sport zeigt sich gegenüber Alter, Geschlecht, Schicht als auch der Beteiligung im Ost- und Westteil des Landes gegenüber als selektierend. Die Frage nach dem sozialstrukturellen Kontext ist besonders aus sportsoziologischer Sicht interessant. Bisherige Untersuchungen (zusammenfassend Voigt, 1992) zur sozialen Ungleichheit im Sport weisen recht eindeutig darauf hin, daß sich Frauen und Männer, Jüngere und Ältere sowie Personen, die aufgrund ihres Bildungs-, Berufs- und Einkommensstatus sozialstrukturell unterschiedlich verortet sind, auch hinsichtlich ihres Sportengagements deutlich unterscheiden. Daher muß auch geprüft werden, ob diese Befunde auch weiterhin unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten ist.
Um Veränderungen in den letzten ca. 50 Jahren zu verstehen, soll zu Beginn der Untersuchung die sozialhistorische Entwicklung des Sports und der Sportvereine nachgezeichnet werden. Durch das Prinzip sozialer Differenzierung als ‚Motor’ der Modernisierung entsteht erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts das, was man heute als den modernen Sport bezeichnet. Gleichzeitig soll durch die Darstellung der Ursprünge körperlicher Aktivität deutlich werden, welchen Veränderungen der Begriff des Sports unterliegt und welche Modelle die Elastizität des Begriffs einzufangen versuchen.
Daran anschließend (Kap. 3) wird der theoretische Rahmen der Arbeit entfaltet. Als für die Untersuchung leitenden Erklärungen bietet sich dabei die Individualisierungsthese an, wie sie vor allen von Beck (1983, 1986) dargelegt wurde. Dieser theoretische Ansatz dient zur Erklärung sowohl der Veränderungen hinsichtlich des Sportengagements insgesamt als auch der Verteilung des Sports auf verschiedene Sportarten. Die Frage nach der Beteiligung in Sportvereinen soll unter Zuhilfenahme der Ausführungen von Robert Putnam (1993, 2000) erfolgen.
Die eigentliche Überprüfung der Thesen bzw. die Beantwortung der Forschungsfragen folgt im Anschluß daran (Kap. 4). Grundlage der Untersuchung bilden dabei die Ergebnisse verschiedener Erhebungen zum Sportverhalten der deutschen Bevölkerung. Es finden sich bedauerlicherweise kaum durchgängigen Daten, die regelmäßig und unter Verwendung gleicher Fragestellungen die Sportaktivität einfangen. Eine Ausnahme bilden hier die Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach, die relativ regelmäßig und häufig
8
das sportliche Engagement erfragen. Die Untersuchung der ersten beiden Forschungsfragen stützt sich deshalb im wesentlichen darauf.
Um die gewonnenen Ergebnisse zu prüfen, werden weitere Befunde anderer Institute (B.A.T. Freizeitforschungsinstitut, EMNID) sowie Ergebnisse von Einzelstudien verwandt. Grundlage der Beantwortung der Frage nach der Veränderungen des Vereinsengagements bilden die Erhebungen des Deutschen Sportbundes, die mit weiteren Untersuchungen verglichen werden. Um schließlich das Sportverhalten der Bundesbürger zu differenzieren, werden im Anschluß daran Befunde zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Sportengagement aufgegriffen. Dazu werden horizontale und auch vertikale Merkmale als Einflußgrößen auf sportliche Aktivitäten herangezogen.
2. Die Entwicklung des modernen Sports
2.1. Das Sportsystem
Gesamtgesellschaftlich betrachtet stellt der moderne Sport ein eigenständiges soziales Teilsystem dar, das sich „neben den alten Basisinstitutionen der Familie, Religion, Wirtschaft und des Staates zu einer modernen und national und international einflußreich vernetzten sozialen Institution (...)“ (Weis, 2000, S. 364f.) entwickelt hat. Um diese Entwicklung bis zur Gegenwart verstehen zu können, erscheint es notwendig, die sozialhistorische Genese des Sports zu erläutern und in ihren verschiedenen Stadien zu deuten. Dazu wird hier die Entwicklung chronologisch beschrieben und gleichsam in Verbindung mit sozialgeschichtlichen Veränderungsprozessen erklärt. Dadurch läßt sich gleichzeitig herausstellen, wie sich der moderne Sport von anderen körperlichen Bewegungsformen unterscheidet und welche formal-strukturellen Merkmale ihn kennzeichnen. Den Hintergrund für die soziologische Sichtweise bildet die zunehmende soziale Differenzierung der Gesellschaft. Diese bezeichnet den Prozeß und das Ergebnis der Aufteilung gesellschaftlicher Aufgaben, die vorher gleichzeitig von einer einzigen sozialen Einheit erfüllt wurden, auf mehrere soziale Einheiten (vgl. Hondrich, 2000; Heinemann & Horch, 1981). Diese Einheiten sind durch innere Gesetzmäßigkeiten von anderen abgegrenzt und auf die Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgaben spezialisiert. Während sich die frühesten (archaischen) Gesellschaften durch segmentäre Differenzierung auszeichnen, in denen gleichartige soziale Einheiten nebeneinander stehen, haben stratifizierte Gesellschaften einen
9
höheren Grad an Differenzierung aufzuweisen, wobei eine vertikale Gliederung der sozialen Einheiten bestimmend ist (vgl. Runkel, 1990). Fortgeschrittene, moderne Gesellschaften sind durch funktionale Differenzierung der Einheiten geprägt, wobei verschiedene Funktionen der gesellschaftlichen Bereiche (Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Freizeit etc.) von einer Vielzahl von Institutionen erfüllt werden, die sich aus der Umklammerung umfassender sozialer Beziehungen gelöst haben und nun „nach eigenen Zwecken sinnhaft geordnet sind und damit zunehmend eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen“ (Heinemann & Horch, 1981, S. 127). Erst die soziale Differenzierung versetzt den Einzelnen in einen Komplex verschiedener Rollenbezüge, die gesellschaftlich nicht mehr zusammengebunden sind, sondern von Person zu Person in ihrer Kombination wechseln. Aus jeder dieser Rollen erwachsen eigene Interessenslagen, und erst damit ergibt sich die Vielzahl von Motiven und Zielen. Der Einzelne wird an den Schnittpunkt verschiedener Kreise gestellt, wodurch Individualität entsteht und ein Bewußtsein für alternative Handlungsoptionen geschaffen wird.
2.1.1. Sozialhistorische Entwicklung
2.1.1.1. Ursprünge körperlicher Aktivität
Sport ist ein Phänomen, das mit körperlicher Anstrengung und Bewegung zu tun hat. Diese Aktivität, für die der menschliche Körper mit seiner Muskulatur und seinem Bewegungsapparat gebaut ist, war für die Menschen lange Zeit hindurch - ca. 1 bis 2 Millionen Jahre - ‚gesichert’ (vgl. Norden & Schulz, 1988). Menschen der Frühzeit waren gewohnt, Langstrecken zu laufen, um ihr Überleben durch Jagen von Tieren und Sammeln von Holz und eßbaren Pflanzen zu sichern. Nomadengesellschaften wohnte der ‚Zwang zur Beweglichkeit’ inne. Wegen saisonal schwankender Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen (Wasser, Früchte) und der Ausschöpfbarkeit der Subsistenzmittel, welche die natürliche Umgebung bereitstellte (Holz, Tiere etc.), waren Nomaden auf lange, kräftezehrende Wanderungen angewiesen.
Mit der Seßhaftwerdung des Menschen fiel diese Art der Mobilität zwar weg, die entstehenden Gartenbau- und Agrargesellschaften waren allerdings auch zu körperlich anstrengender Arbeit angehalten, was die Menschen auch weiterhin durch die Notwendigkeit zu intensiver Bewegung leistungsfähig erhielt. Aufgrund der Seßhaftigkeit ließ sich nun allerdings gesellschaftlichen Konflikten weniger einfach aus dem Wege gehen, weswegen Kriege, Kämpfe und körperliche Aggressionen zunahmen. Insgesamt erforderten diese Gesellschaften ein besonders hohes Maß an Muskelkraft und Kampfvermögen. In dieser Zeit
10
gaben sich die Menschen auch Spielen, Festen und entlastenden Bewegungen hin, um sich den Limitationen der Umwelt zu entziehen (vgl. Runkel, 1990). Da die körperliche Bewegung nicht von anderen Lebensbereichen differenziert ist, läßt sich hier sinnvollerweise noch nicht von Sport, sondern vielmehr von lebensnotwendiger körperlicher Aktivität sprechen.
2.1.1.2. Bewegungskultur und Leibesübungen
Auch in Gesellschaften mit Stratifikation als primärem Differenzierungsprinzip läßt sich bei der Ausübung körperlicher Bewegung noch nicht von Sport sprechen, sondern aufgrund ihrer spezifischen Sinnrichtungen von Bewegungskultur bzw. Leibesübungen (vgl. Cachay & Thiel, 2000).
Coakley (1994) beschreibt verschiedene ‚sportliche’ Bewegungskulturen innerhalb eines Zeitraumes von ca. 1000 v. Chr. bis ins Mittelalter. Zunächst nennt er die antiken olympischen Spiele der Griechen, die auf einer umfassenden Mythologie und Religiosität beruhen. Einflußreiche und wohlhabende griechische Familien stellen zumeist ihre Männer zu den Wettkämpfen auf, die einen kriegerischen Hintergrund haben (Ringen, Boxen, Speer- und Diskuswerfen, Weitsprung etc.). Gewalt und ernsthafte Verletzungen sind dabei die Regel. Die großen Spektakel für die Volksmassen der Gladiatoren im römischen Reich zwischen 100 v. Chr. und 500 n. Chr. zielt noch mehr auf die Ausbildung der Athleten zu gehorsamen Soldaten. Dies um so mehr, je mächtiger und einflußreicher das römische Reich wird. Aufgrund schlechter wirtschaftlicher Lage werden die Gladiatorenrennen durch Ereignisse wie Boxkämpfe, Bullenreiten etc. zu einem immens wichtigen Ablenkungs- und Zerstreuungsfaktor für die Massen erweitert. Auch hier spielen Brutalität und Gewalt eine entscheidende Rolle.
Im Mittelalter (500 bis 1300 Jh.) werden die griechischen und römischen Großereignisse durch Turniere der feudalen Aristokratie ersetzt. Beeinflußt durch regionale Bräuche und die römisch-katholische Kirche entstehen Wettkämpfe, die wiederum militärischen Zwecken und auch der Unterhaltung der Oberschicht dienen. Reitturniere sind in dieser Zeit weit verbreitet. Daneben entstehen auch erste Ballspiele, die von ehemaligen römischen Soldaten während ihrer weiten Reisen durch Europa als Erholungsspiele praktiziert und von der bäuerlichen Bevölkerung nachgeahmt werden (vgl. Guttmann, 2000). Aber auch diese Spiele sind von extremer Härte und vielen Verletzungen unter den Beteiligten geprägt. Im Mittelalter finden sich darüber hinaus eine Vielzahl von Disziplinen, darunter Laufen, Springen, Stein- und Stangenstoßen, Ringen und Fechten, Schießen sowie tänzerische Bewegung.
11
Insgesamt haben die Leibesübungen der Griechen, Römer sowie des Adels und der Bauern im Mittelalter wenig mit dem modernen Sport gemein. Zum einen sind sie als Nebenprodukt anderer gesellschaftlicher Bereiche zu sehen. Sie sind mit religiösen Inhalten aufgeladen, entspringen einer weitreichenden traditionellen Mythologie und sind der Ehre der Götter bestimmt. Zum anderen fehlt ihnen die komplexe organisatorische Struktur; Regeln sind nur begrenzt vorhanden. Darüber hinaus gibt es keine Gleichheit der Zugangschancen, da die jeweils herrschende Schicht die Beteiligungsmöglichkeiten bestimmt. Schließlich finden sich auch keinerlei genaue Ergebnisse bezüglich des Wettkampfausgangs.
2.1.1.3. Renaissance - Übergang zum modernen Sport
Der Übergang von Mittelalter zur Renaissance (14.-16. Jahrhundert) stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung zum modernen Sport dar. Hier zeigt sich, was Elias (1995) als „Prozeß der Zivilisation“ beschrieben hat: eine sich gesellschaftlich langsam entwickelnde Trieb- und Affektregulierung der Individuen. Während die bisher aufgezeigten Leibesübungen durch eine starke Tendenz zur Gewalt und lockere Organisation gekennzeichnet sind, wandeln sie sich innerhalb von 300 Jahren zu „strictly regulated contests closer to theatrical performances than to pitched battles“ (Guttmann., 2000, S.248). Die Aristokratie gibt passend dazu ein Idealbild der Männer aus, das sich durch soziale Gewandtheit und Sinn für ästhetische Werte auszeichnet (vgl. Baker, 1982). Einerseits ändert sich hier die Art und Weise der Wettkämpfe grundlegend, zum anderen brechen langsam die Barrieren für bisher von Leibesübungen ausgeschlossenen gesellschaftlichen Gruppen auf. Zwar sind weiterhin vornehmlich wohlhabende, obere Schichten aktiv, diese können allerdings nicht mehr so sehr verhindern, daß sich etwa die bäuerlichen Ballspiele weiterentwickeln und auch Frauen gelegentlich an Bowling-, Croquet- oder Tenniswettkämpfen partizipieren (vgl. Coakley, 1994). Die Entwicklung von Gewalt zur Ästhetik sowie die weitere Inklusion bisher ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen stellt eine wesentliche Entwicklung zum modernen Sport dar. Unterschiede bestehen aber weiterhin: einerseits bezüglich der Sinnorientierung der Leibesübungen, die bis mindestens ins 17. Jahrhundert ausschließlich als reiner Zeitvertreib, als Ablenkung und Zerstreuung definiert werden (vgl. ebd.). Andererseits spielt das Ausmaß der Quantifizierung und die Suche nach Rekorden der Leistungen noch keine so herausragende Rolle wie im modernen Sport (vgl. Guttmann, 2000).
12
2.1.1.4. Industrielle Revolution
Durch die industrielle Revolution vollziehen sich ab ca. 1780 sozialgeschichtlich tiefgreifende Veränderungen. Die systematische Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse im Bereich der Güterproduktion ruft gesellschaftlich gravierende Umwälzungen hervor (Urbanisierung, Technologisierung, Übergang zur vom Gegensatz von Kapital und Arbeit geprägten Klassengesellschaft), die ihren Beitrag zur weiteren Ausdifferenzierung des Sports leisten.
Ein entscheidender Unterschied zur Renaissance läßt sich nach Guttmann (2000) an der Trennung von ‚Maß’ und ‚Messen’ festmachen. Waren die geregelten Spiele bis zum 17. Jahrhundert durch Balance, Proportion, eben einem gewissen ästhetischen Maß, wie es sich heute noch beim Dressurreiten findet, gekennzeichnet, so zeigt sich ausgehend von der englischen Leidenschaft zu Pferderennen und unter Benutzung von Stoppuhren eine qualitative Weiterentwicklung des Sports hin zu genauem, numerisch geordnetem Spiel (vgl. Eichberg, 1980). Im Zuge dessen wird die Regeldichte stetig größer, und gleichzeitig gründen sich die Institutionen, die der Einhaltung dieser Regeln dienen: die Vereine und Verbände. Erst der massive Ausbau von Transport- und Kommunikationswegen läßt diese Institutionen ihre Kontroll- und Koordinationsaufgaben angemessen wahrnehmen. Hinzu kommen die im Zuge der Industrialisierung gemachten technischen Innovationen, ohne die viele Sportarten undenkbar wären. Ein besonders anschauliches Beispiel stellt das Radfahren dar. 1817 entwickelt Karl Freiherr von Drais das Velociped, welches nach mehrmaligem Umbau (bspw. durch die Entwicklung luftgefüllter Reifen von John Dunlop 1888) heute als Fahrrad eines der populärsten Fortbewegungsmittel ist und den Radrennsport erst ermöglichte. Neben diesen Entwicklungen beginnen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts umfassende Erweiterungsprozesse in der Medizin und im Bildungsbereich (vgl. Cachay & Thiel, 2000; Shorter, 1993). Die Medizin weitet ihre Themen und Adressaten aus, Gesundheit wird zum öffentlichen Gut, das privat durch Leibesübungen und staatlicherseits durch Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge gesichert werden soll. Auch das Bildungssystem erkennt den Wert des Einzelnen für einen prosperierenden Staat. Körperliche Erziehung wird als Teil der Vervollkommnung des Menschen angesehen und in sich schnell entwickelnde pädagogische Konzepte eingebaut.
Aufgrund des „geschichtlichen Gleichklangs“ (Krockow, 1980, S. 14) von Industrialisierung und der Entfaltung des modernen Sports wird häufig die These vertreten (Rigauer, 1969; Rittner, 1976; Wohl, 1973; Habermas, 1958), der Sport sei eine logische Konsequenz kapitalistischer Produktionsweise. Grundlage dieser These ist die berechtigte Feststellung, daß
13
der moderne Sport seinen Ausgangspunkt an dem Ort hat, wo auch die kapitalistische
Produktionsweise am weitesten fortgeschritten ist, nämlich in England. 2 Die Verbindung zwischen Kapitalismus und Sport wird dann als funktional wechselseitig ausgegeben. Die Industrialisierung bringe den Sport in seiner neuen Dimension durch Verstädterung und technische Entwicklungen erst hervor, gleichzeitig werden ihm adäquate Fähigkeiten hinsichtlich der Bereitstellung von Arbeitskraft zugeschrieben. Diese erfordere physische Gesundheit, handwerkliches Geschick sowie politische Folgsamkeit. Der Sport könne genau diese Qualifikationen in unterschiedlicher Weise (körperliche Bewegung im Freien, regelmäßiges Training, Ablenkung durch Zuschauersport) bereitstellen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß diese Vermutungen so generalisiert nicht stimmen. Wie Waddington (2000) zeigt, trägt Sport nur unter sehr begrenzten Bedingungen wirklich zur Gesundheit bei. Jene manuellen Fähigkeiten, die im Produktionsprozeß von Nutzen sind, werden in wenigen Sportarten tatsächlich ausgebildet, am wenigsten sicherlich im von der Arbeiterschaft dominierten Fußball. Ob dies beim Wettkampfsport der Fall ist, bei dem der Erfolg häufig über Fairplay und Regelkonformität steht, muß angesichts der Dopingproblematik ebenfalls bezweifelt werden. Empirische Untersuchungen (Lüschen, 1976; Opaschowski, 1987) zeigen zudem eine besonders geringe Sportbeteiligung von Arbeiterschichten, die gemäß der These auffällig viel Sport treiben müßten. Guttmann (2000) bietet hingegen unter Berufung auf den Philosophen Whitehead eine alternative Erklärung für die Entstehung des modernen Sports an. Demnach hat vielmehr die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts eine empirisch-experimentellmathematische Weltanschauung hervorgebracht, die nicht nur den Sport, sondern auch die kapitalistische Produktionsweise gleichermaßen beeinflußte. Der Sport und die kapitalistische Produktionsweise erhalten somit ähnliche formal-strukturelle Merkmale, in beiden kommt eine instrumentelle Rationalität zutage, wie sie Max Weber begrifflich faßte. Der Sport ist heute ein weltweites Phänomen, allerdings ist er dort am wenigsten ausgeprägt, wo die Zurückhaltung gegenüber der modernen Wissenschaft am größten ist, bspw. in der islamischen Welt (vgl. ebd., 2000).
2 Der englische Sport (auch die Vielzahl von Sportarten) der adeligen Oberschicht („leisure class“) spielt in der Tat eine herausragende Rolle bei der Entfaltung des Sports. Jedoch sind nach Strohmeyer (1998) zwei weitere geographische Wurzeln des modernen Sports zu nennen. Zum einen die von Pehr Henrik Ling (1776-1839) begründete schwedische Gymnastik, die nach medizinischen Gesichtspunkten auf Körper- und Haltungsformen zielte. Zum zweiten das von ‚Turnvater’ Jahn ins Leben gerufene deutsche Turnen, welches der Volkserziehung dienen sollte.
14
2.1.1.5. Das 20. Jahrhundert
Zu Beginn des 20. Jahrhundert beschleunigt sich der Entwicklungsprozeß des Sports nochmals, jedoch ohne ihn qualitativ grundlegend zu verändern. Die Messung der Aktivitäten der Sportler wird immer präziser, die Sportausrüstung immer umfangreicher, die Sportstätten immer größer. Durch den Bau riesiger Stadien, Arenen und Sporthallen kann der Sport praktisch zu allen Jahreszeiten betrieben werden und von Tausenden Zuschauern direkt verfolgt werden. Darüber hinaus haben weitere technologische Innovationen neue Sportarten entstehen lassen. Dem Fahrrad folgen motorbetriebene Fahrzeuge (Motorrad, Auto, Rennboote etc.), die als Sportgeräte genutzt werden. Aufgrund dieser Entwicklungen kommt es Mitte des Jahrhunderts zur Professionalisierung des Sports. Angesichts eines enormen Marktwertes bestimmter Sportarten können viele Spitzen- und Hochleistungssportler ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Hinzu kommt, daß der Sport als politische Repräsentation entdeckt wird, wie dies in besonderem Maße in den ehemaligen Ostblockländern der Fall ist. Neben der Etablierung des Spitzensports unternimmt der Deutsche Sportbund allerdings auch vielfältige Anstrengungen, um die Vereine zu stärken und den Breitensport weiter zu fördern. Dabei zeigt sich der Sport als einheitliches und von bestimmten Werten und Handlungsregeln geprägtes soziales Feld. Erst ab den 1980er Jahren beginnt diese Einheit sich allmählich aufzulösen.
2.1.2. Die Einheit des modernen Sports
Der Sport hat sich immer mehr von anderen sozialen Bereichen abgelöst. Er hat sich zunehmend von der Arbeit, der Religion, der Erziehung sowie der Medizin differenziert. Durch die Öffnungen für prinzipiell alle gesellschaftlichen Gruppen verlieren die gesellschaftlichen (Ober-)Schichten ihre bisher dominierende Rolle. Die Erweiterung der Disziplinen ermöglicht eine Spezialisierung auf bestimmte Sportarten und zeugt von der Eigenständigkeit eines Sportsystems. Es kommen diejenigen Prinzipien zur Geltung, die auch die Gesamtgesellschaft prägen und dadurch den Differenzierungsprozeß ausmachen. Guttmann (1979) zeigt die wesentlichen Kennzeichen des modernen Sports im Vergleich zu Bewegungskulturen der Vergangenheit (Tab. 1). So, wie das soziale Differenzierungsprinzip stufenlos abfolgt, sind auch die Unterschiede hinsichtlich der Merkmale graduell.
15
Tab. 1: Merkmale des modernen Sports nach Guttmann (1979), modifizierte Darstellung
- Weltlichkeit: Der moderne Sport gilt als säkularisiert, d.h. er steht nicht mehr in direkter Verbindung zu religiösem Glauben oder religiösen Ritualen. Er dient mehr der alltäglichen Unterhaltung als der Anbetung. Es ist nicht sein Anliegen, die materielle Welt zu transzendieren. Vielmehr verkörpert er das Unmittelbare und die Werte der materiellen Welt.
- Gleichheit: Der moderne Sport basiert auf der Idee gleicher Ausgangsbedingungen sowie gleichberechtigten Zugangs zum Sport überhaupt. Unabhängig von geographischer, ethnischer oder sozialer Herkunft sollte prinzipiell jeder bei gleicher Ausgangslage partizipieren können.
- Spezialisierung: Folge fortlaufender Differenzierungsprozesse ist eine Konzentration sowohl der Sportler als auch der Zuschauer auf bestimmte Disziplinen und Ereignisse. Der Sport heute erfordert spezielle Talente, Trainingsmethoden, Einstellungen und Ausrüstungen.
- Rationalisierung: Der moderne Sport ist gekennzeichnet von einem komplexen Regelsystem. Reguliert werden Zugang zu Disziplinen, Ausrüstung, Spieldauer, Zählweise etc. Technik und Taktik des Spiels erfordern ausgefeilte Strategien und entsprechende Vorbereitung auf Grundlage rationaler Erwägungen.
16
- Bürokratisierung: Der Sport wird von einem ebenso komplexen Verwaltungs- und Trägerapparat organisiert. Ereignisse werden langfristig geplant, Spieler mit Pässen ausgestattet und in entsprechenden Fällen sanktioniert.
- Quantifizierung: Die möglichst genaue Messung von Zeiten, Weiten, Höhen, Punkten und Toren kennzeichnet den modernen Sport. Dieses Vorgehen ermöglicht ein hohes Maß an Vergleichbarkeit und schafft die Möglichkeit, Leistungen stetig zu steigern.
- Suche nach Rekorden: Die Suche nach Bestleistungen bestimmt den gegenwärtigen Sport. Diese werden stets aufgezeichnet und teilweise als Zielvorgaben eingesetzt.
Bei den Vorläufern des modernen Sports zeigen sich diese Merkmale nur vereinzelt. Erst der moderne Sport vereint alle beschriebenen Charakteristika. Sie bilden die Grundlage für weitere Entwicklungen im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts. Die genannten Merkmale des modernen Sports lassen den Sport Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem relativ autonomen gesellschaftlichen Teilsystem werden. Die formalstrukturellen Merkmale des modernen Sports münden in ein Sportverständnis, welchem Heinemann (1998, S. 34) folgende vier Konstruktionselemente zuschreibt:
- Körperliche Bewegung: der spezifische Umgang mit dem Körper und den dafür notwendigen Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen.
- Wettkampf: Leistungsvergleich, bei dem die Teilnehmer zu Beginn als gleich und am Ende entsprechend der Ergebnisse als ungleich definiert werden.
- Sportartspezifisches Regelwerk: die spezifisch sozial organisierte Form des Umgangs mit dem Körper nach Regeln.
- Unproduktivität: Der Sport dient keinem weiteren Zweck als sich selbst. Er schafft keine Produkte (wie bei der Arbeit) oder Werke (wie in der Kunst).
Damit einhergehend weist der Sport (besonders durch seine Vereinsorganisation) eine Wertestruktur auf, die Rittner (1994) so beschreibt: (1) Die Tradition der Selbsthilfe, wie sie in der Idee der Ehrenamtlichkeit zum Ausdruck kommt, (2) die Idee des Amateurs, der weitestgehend unentgeltlich Sport treibt, (3) die Idee der Askese und Selbstbegrenzung, wonach die Gebundenheit an den Sport als Zensur über andere Bedürfnisbefriedigungen wirkt, und (4) die Orientierung am Gebrauchswert der Sportkleidung und -geräte, die ohne jeden ästhetischen Ehrgeiz getragen und genutzt werden.
17
Durch diese Strukturen kann der Sport ein „traditionelles Wettkampfsportmodell“ 3 (Pyramidenmodell), den „sportlichen Sport“ (Heinemann, 1989; 1998) generieren. Wettkampfbezogene, streng reglementierte Sportarten werden auf unterschiedlichen Leistungsniveaus betrieben (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Pyramidenmodell des Sports
2.1.3. Fortschreitender Wandel: Von der Einheit zur Vielfalt
Im Zuge fortlaufender Differenzierungsprozesse verliert der Sport aber seine Einheitlichkeit. Neben das traditionelle Sportmodell tritt der „nicht-sportliche Sport“ (Heinemann, 1989, S. S.11). Dabei gehen entweder Konstruktionselemente des traditionellen Sports verloren oder es treten neue Sinnbezüge hinzu. Aktuellere Sportmodelle versuchen deshalb, unter anderem auch Freizeit- Gesundheits-, Medien-, Alltags-, Trend- und Showsport zu integrieren und damit dem Wandel der sportlichen Inhalte seit den 1950er Jahren zu begegnen. Trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzung der einzelnen Modelle ist allen die Aussage gemein, der Sport fächere sich organisatorisch, sozial und bewegungskulturell auf. Das Modell von Hägele (2005, zuerst 1982) behält zwar noch die enge Verbindung einzelner Bereiche, weist jedoch schon auf andere Kontexte und Sinnelemente im Sport hin.
3 Das Merkmal des Wettkampfes zeigt sich auch bei verschiedenen Lexikondefinitionen von Sport und in einem der früheren Hauptwerke der Sportsoziologie: „Sport ist „soziales Handeln, das sich in spielerischer Form als Wettkampf zwei oder mehrerer Parteien (oder gegen die Natur) abwickelt und über dessen Ausgang Geschicklichkeit, Taktik und Strategie entscheiden“ (Lüschen &Weis, 1976, S. 9).
18
Abb. 2: Schalenmodell des Sports nach Hägele (2005, zuerst 1982)
Das Drei-Welten-Modell von Grupe und Mieth (1998) zeigt, wie sich die Einheitlichkeit des Sports durch Verselbständigung dreier Sportwelten auflöst.
Abb. 3: Das ‚Drei-Welten-Modell’ des Sports nach Grupe & Mieth (1998)
Eine Erweiterung mit der Schwerpunktsetzung auf die vielfältige Ausdifferenzierung einzelner Bereich bieten systemtheoretische Modelle wie das von Bubeck und Dettling (1999). Es zeigt zunächst die Abgrenzung des Sports von anderen gesellschaftlichen Systemen durch die Codierung Leistung/keine Leistung. Die interne Ausdifferenzierung wird
19
durch die verschiedenen sportlichen Teilbereiche, die wiederum eigene handlungsleitende Codes enthalten, angezeigt.
Abb. 4: Systemtheoretisches Sportmodell nach Bubeck und Dettling (1999)
Burk und Digel (2001) versuchen durch ein Säulenmodell, das dem systemtheoretischen Modell ähnelt, die veränderte Sportwirklichkeit abzubilden. Auch hier zeigen sich getrennte Bereiche innerhalb des Sports, die durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet sind.
20
Abb. 5: Säulenmodell des Sports nach Burk und Digel (2001)
Durch die Modelle wird deutlich, daß der Sport sich intern immer weiter ausdifferenziert und gleichzeitig die Grenzen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen verschwimmen. Die Einheit des Pyramidenmodells wird zunächst in drei (Schalenmodell u. Drei-Welten-Modell) und schließlich in fünf Bereiche (systemtheoretisches Modell und Säulenmodell) untergliedert. Dadurch entstehen Unübersichtlichkeiten und Ambivalenzen bezüglich der Wert- und Handlungsorientierungen. Die Palette an sportlichen Handlungsmustern scheint kontinuierlich zu steigen. Neben den klassischen Wettkampfsport treten Sportbereiche, die geringere Organisation aufweisen (bspw. Kneipenmannschaften, „wilde Ligen“), Sportformen, die auf einem starken Wunsch nach Individualität und Selbstbestimmung fußen (bspw. Jogging) und solche, die straff organisiert und mit viel Planung verbundene sind (bspw. Fitneßstudio). Während der Wunsch nach Selbstständigkeit (freie Zeiteinteilung) wächst, nehmen Bedürfnisse nach Geselligkeit und Sozialkontakten ebenfalls zu.
2.2. Das (Sport-)Vereinswesen
Innerhalb des Sportsystems kommt dem Verein als Organisator sportlicher Aktivität eine besondere Rolle zu, da Deutschland neben einigen kleinen westeuropäischen Demokratien insgesamt als stark vereinsgeprägtes Land gilt. Die Vereine sind hierzulande - anders als etwa
21
in den USA oder Frankreich, wo der Sport stärker staatlich organisiert ist - die hauptsächlichen Träger sportlicher Aktivität.
Vereine sind einerseits ein Produkt der Modernisierung, gleichzeitig aber auch eine Weiterführung mittelalterlicher Traditionen der Selbstorganisation (vgl. Scheuch. 1993). Nach Heinemann und Horch (1981, S. 126) sind Vereine freiwillige Vereinigungen, in denen
a) die Mitgliedschaft nicht selbstverständlich oder angeboren ist, sondern auf einer bewußten Entscheidung des Individuums beruht, in denen
b) nicht diffuse und traditional bestimmte Aufgaben erfüllt, sondern spezifische, von ihren Mitgliedern gesetzte Ziele verfolgt werden und die
c) keine eingepaßten Teilstücke einer kulturell homogenen Gesellschaft sind, sondern autonome Gebilde, die nach eigener Gesetzmäßigkeit und Zweckmäßigkeit intern differenziert sind. Idealtypisch sind Vereine durch 1) Freiwillige Mitgliedschaft 2) Unabhängigkeit vom Staat 3) Orientierung an den Interessen der Mitglieder und 4) Demokratische Entscheidungsstruktur gekennzeichnet (vgl. Heinemann und Horch, 1988).
Wie im Sport allgemein zeigen sich auch hier Prozesse sozialer Differenzierung als Motor der Entwicklung. Die daraus erwachsende Individualität bildet die Grundlage für das Vereinigungswesen, denn erst wenn ein Bewußtsein für alternative Handlungsoptionen besteht, läßt sich sinnvollerweise von Freiwilligkeit sprechen.
Vereine sind nicht nur Produkt sozialer Differenzierung, sondern wenden dieses Prinzip intern selbst an (Arbeitsteilung nach Rollen und Subsystemen) und sorgen durch die Besetzung einzelner thematischer Domänen für fortschreitende Differenzierung. Sie entstehen zunächst in Konkurrenz zu den Organisationsprinzipien des Marktes und der Organisation durch Verwaltungsapparate (vgl. Scheuch, 1993). Diese Formen der Organisation verursachen in und nach der Industrialisierung Probleme sozialer und regionaler Entwurzelung. An dieser Stelle setzen freiwillige Vereinigungen an, indem sie die Aufsplittung von Wert- und Sinnwelten als dauerhafte, Stabilität und Zugehörigkeit vermittelnde soziale Gebilde auffangen. Vereine haben die Fähigkeit, die Pflege traditionaler Normen und Werte mit der allmählichen Einführung neuer sozialer Strukturen zu verbinden (vgl. Siewert, 1978).
22
2.2.1. Geschichtliche Entwicklung
2.2.1.1. Mittelalter bis zum Beginn der ersten Vereine
Schon im Mittelalter existieren gesellschaftliche Vereinigungen, die auf den ersten Blick freiwilligen Organisationen ähneln. Die Ständegesellschaft kennt z.B. Zünfte, Gilden, Gesellenvereine und Bauhütten, die allerdings keine partikularen Interessen bündeln, sondern vielmehr den Einzelnen in ein umfassendes soziales Gebilde einschließen, welches verschiedene Funktionsbereiche wie Arbeit, Familie, Nachbarschaft und Kirche integriert und damit eine Lebensgemeinschaft in fachlicher, religiöser und politischer Hinsicht ergibt. Dabei beruht die Mitgliedschaft zwar nicht unbedingt auf Zwang, aber sie ist genausowenig freiwillig. Vielmehr ist sie qua Geburt gegeben oder man wird später automatisch aufgenommen. Aufgrund mangelnder Wahlalternativen läßt sich daher von Freiwilligkeit im modernen Sinne nicht sprechen.
Im Zuge fortschreitender sozialer Differenzierung entstehen Mitte des 18. Jahrhunderts die ersten Vereine, in denen sich nicht selten elitäre Minderheiten in konspirativer Form zusammenfinden, um den Prozeß der Modernisierung zu beschleunigen. Nach der französischen Revolution wird das Bildungsbürgertum Hauptträger der Vereine. Nipperdey (1976) nennt folgende Motive und Zielkomplexe für die Vereinsgründungen: Zunächst sieht er das Bestreben, sich jenseits „der Beschränkungen von Haus, Stand, Beruf und traditionellem Zeremoniell in freier Geselligkeit zu vergnügter Unterhaltung zusammenzufinden“ (ebd., S. 178). Dazu kommt der Wunsch, durch friedfertige gegenseitige Belehrung zum Bau einer neuen und glücklichen Menschheit beizutragen und weiterhin das Gemeinwohl zu fördern: „Die Vereine wollten die allgemeinen, öffentlichen, gesellschaftlichen Zustände verändern und verbessern (ebd., S.179). Darüber hinaus besteht der Wunsch, den Staat zugunsten privater Selbstorganisation zurückzudrängen. Gleichzeitig sind die Vereinsgründungen schlicht als eine Reaktion auf Differenzierungsprozesse zu sehen - „eine Differenzierung nach Lebensbereichen und die damit verbundene Individualisierung der Person“ (Scheuch, 1993, S. 151).
Anfang des 19. Jahrhunderts entstehen dann auch die Vorläufer heutiger Sportvereine.
2.2.1.2. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1945
Der Beginn des 19. Jahrhunderts stellt die historische Keimzelle des Sportsvereins dar. Den Beginn des organisierten Sports in Deutschland datiert Langenfeld (1988) auf das Jahr 1811, als Friedrich Ludwig Jahn, der spätere ‚Turnvater’, in Berlin mit einigen Schülern und
23
Arbeit zitieren:
Martin Beinhauer, 2005, Veränderungen im Sportengagement der Bundesbürger, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Analyse von Lernaufgaben des Deutschunterrichts der Sekundarstufe II
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 49 Seiten
Das Magische Dreieck - Medien, Wirtschaft, Sport
Sport - Sportökonomie, Sportmanagement
Hausarbeit, 29 Seiten
Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Bildung - Humankapitaltheorie
VWL - Mikroökonomie, allgemein
Hausarbeit, 17 Seiten
Didaktische Überlegungen zum Stationenlernen als Form des Offenen Unte...
Examensarbeit, 66 Seiten
Was ist Soziologie? Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 17 Seiten
Zu Norbert Elias': "Prozeß der Zivilisation" (Band I)
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Rezension / Literaturbericht, 15 Seiten
Der Schulweg mit Bus und Bahn – Möglichkeiten einer projektorientierte...
Examensarbeit, 70 Seiten
Norbert Elias' Zivilisationstheorie: Die Prozeß- und Figurationsth...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Joseph v. Eichendorff: "Sehnsucht" - Eine kurze Werkanalyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 21 Seiten
Der postmoderne Sport als Wechselspiel zwischen traditionellem und Tre...
Eine Untersuchung ausgewählter...
Examensarbeit, 103 Seiten
Eichendorff, Joseph von - Aus dem Leben eines Taugenichts - Interpreta...
Hausarbeit, 6 Seiten
Das Sozialisationskonzept von K. Hurrelmann - Zur Bedeutung der Sozial...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 20 Seiten
Gute Aufgaben im Mathematikunterricht der Grundschule
Studie zur Vorgehensweise von ...
Examensarbeit, 72 Seiten
Der Begriff und seine Umsetzun...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Martin Beinhauer hat den Text Veränderungen im Sportengagement der Bundesbürger veröffentlicht
Martin Beinhauer hat einen neuen Text hochgeladen
Sportengagement und Persönlichkeitsentwicklung
Eine längsschnittliche Analyse...
Erin Gerlach
Nachhaltigkeit ist Veränderung
Akteure der Umwelt- und Nachha...
Richard Häusler, Claudia Kerns, Kristin Parlow
Das Herz gesellschaftlicher Veränderung
Wie Sie Ihre Welt entscheidend...
Marshall B. Rosenberg
Veränderungen in der Firma - und was wird aus mir?
Ein Arbeitsbuch zum Selbstcoac...
Jurij Ryschka
Der Bologna-Prozess und die Veränderung der Hochschullandschaft
Georg Bollenbeck, Waltraud Wende
Widerstand gegen Veränderungen in der öffentlichen Verwaltung
Interne Widerstände gegen IT-P...
André Kudra
Veränderungen umsetzen und gestalten
Reflexionen, Methoden, Beispie...
Helga Hofmann, Ingrid Walther, Irmgard Schrems
0 Kommentare