Inhaltsverzeichnis
1. Einführung S 1
2. Der „Positivismus“ des 19 Jahrhunderts S 2
3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft
3.1 Abgrenzung von den Naturwissenschaften S 3
3.2 Max Webers Konzept einer „verstehenden Soziologie“ S 5
4. Die „neo-positivistische“ These der Einheitsmethodologie
4.1 Die „Degradierung“ des Verstehens S 7
4.2 Das „Hempel-Oppenheim Schema“ S 9
5. Wilhelm von Wrights „praktischer Syllogismus“ S 10
6. Alternative „soziologische Erklärung“
6.1 Verbindung von „subjektivem“ Sinn und „objektiven“ Methoden S 12
6.2 Das Grundmodell der „soziologischen Erklärung“ S 14
7. Zusammenfassung und Ausblick S 16
Literatur S 17
1
1. Einführung
Nach Hartmut Esser verfügte die Soziologie, anders als beispielsweise Teile der Naturwissenschaften, nie über einen einheitlichen, gemeinsam akzeptierten Theoriekern. 1 Es gab (und gibt noch) zahlreiche wissenschaftliche Kontroversen über beispielsweise das Verhältnis zwischen Theorie und wissenschaftlicher Praxis, über das Vorziehen der „erklärenden“ oder „verstehenden“ Methode und damit einhergehend über die Angemessenheit qualitativer und quantitativer Methoden. 2 Viele Soziologen scheinen diesen „multiparadigmatischen“ Charakter des Faches unvermeidlich oder zum Te il sogar wünschenswert zu finden. Andere Wissenschaftler hingegen sind nach Esser der Auffassung, dass die theoretische Vielfalt eher für einen Mangel an Professionalisierung spricht, die in anderen Wissenschaftsdisziplinen gegeben ist. 3
Wie bereits angesprochen, gehört seit über 100 Jahren besonders die Debatte um zwei Haupttraditionen der Sozialwissenschaft zu einem Gebiet von Unstimmigkeiten. Diese beiden Positionen werden von Wilhelm von Wright die „galileische“ und die „aristotelische“ Tradition gena nnt. 4 Bei dieser Kontroverse stehen sich verkürzt die „erklärende“ Sozialwissenschaft mit einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise und die „verstehende“ Sozialwissenschaft mit einer „philosophisch- hermeneutischen“ Herangehensweise gegenüber. Während die „galileische“ Tradition nach einer kausalen, allgemeinen Gesetzen entsprechenden Erklärung des Verhaltens sucht, stellt die „aristotelische“ Tradition die Motive des menschlichen Verhaltens in den Vordergrund. 5
Als Ausgangspunkt dieser „Erklären“-„Verstehen“-Debatte kann u.a. Wilhelm Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ aus dem Jahr 1883 genannt werden. 6 Daraufhin wurden die sich gerade entwickelnden Sozialwissenschaften zum Austragungsort für die Grundsatzdebatte der zwei oben genannten Denktraditionen. 7 Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat die Kontroverse mehrere Phasen durchlaufen, die
1 Vgl.: H. Esser: Alltagshandeln und Verstehen. S. 1.
2 Vgl.: K.-H. Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. S. 550.
3 Vgl.: H. Esser: Alltagshandeln und Verstehen. S. 1.
4 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 17.
5 Vgl.: R. Tuome la: Erklären und Verstehen menschlichen Verhaltens. S. 30. 6 Vgl.: K.-O. Apel: Vorwort. S. 3.
7 Vgl.: N. Konegen: Wissenschaftstheorie für Sozialwissenschaftler. S. 65.
2
im Folgenden untersucht werden sollen. Die Arbeit ist daher chronologisch aufgebaut, um den erhofften „besseren Überblick“ zu erreichen. Dabei wird in diesem Zusammenhang auch auf einige wichtige wissenschaftliche Vertreter der jeweiligen Positionen eingegangen werden. So werden Wilhelm Diltheys und Max Webers Konzepte ebenso Teil der Arbeit sein wie der „Kritische Rationalismus“. Hierbei ist vor allem das sogenannte „Hempel-Oppenheim-Schema“ zu nennen. Außerdem wird Wilhelm von Wrights Veröffentlichung „Erklären und Verstehen“ zur Sprache kommen. Schließlich steht gegen Ende der Untersuchung die Frage, ob mittlerweile doch, beispielsweise durch das Modell der „soziologischen Erklärung“, eine Art „Verknüpfung“ von „Erklären“ und „Verstehen“ in den Sozialwissenschaften möglich ist.
2. Der „Positivismus“ des 19. Jahrhunderts
Das „große Erwachen“ der Humanwissenschaften im 19. Jahrhundert wird u.a. durch Arbeiten von Ranke und Mommsen in der Geschichtsschreibung, Wilhelm von Humboldt und Jacob Grimm in der Sprachwissenschaft und Tylor in der Sozialanthropologie ausgelöst. Die systematische Erforschung des Menschen mitsamt seiner Geschichte, seiner Sprachen, Sitten und sozialen Institutionen steht im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Zu dieser Zeit haben sich die Naturwissenschaften in der Gesellschaft schon seit der Zeit der Renaissance und des Barock, d.h. seit zwei bis drei Jahrhunderten, etabliert. Aus der Beziehung dieser zwei Hauptzweige empirischer Forschung entwickelt sich eine der zentralen Streitfragen bezüglich Methodologie und Wissenschaftstheorie. Die Position, die sich auf die Naturwissenschaften bezieht und daher von Wilhelm von Wright die „galileische“ Tradition genannt wird, wird hauptsächlich von Auguste Comte und John Stuart Mill repräsentiert. Comte prägt den Begriff „Positivismus“ für die wissenschaftliche Idee einer Einheit aller Wissenschaften trotz der Unterschiedlichkeit des zu untersuchenden Gegenstandes („methodologischer Monismus“). Naturwissenschaftliche Methoden, insbesondere die mathematische Physik, sollen universell auf alle Wissenschaften anwendbar sein, einschließlich der Humanwissenschaften. 8 Jegliche Form der Erklärung soll kausal und mechanistisch
8 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 17f.
3
sein, Erklärungen für den Positivismus bestehen „konkreter gesagt in der Subsumption individueller Sachverhalte unter hypothetisch angenommene allgemeine Naturgesetze, einschließlich Gesetze der ‚menschlichen Natur’“ 9 . Aus empirischen Beobachtungen sollen schließlich allgemeingültige Gesetze gebildet werden. Mit diesen drei charakteristischen Grundannahmen, „Betonung der methodischen Einheit, des mathematischen Idealtypus einer Wissenschaft sowie der Bedeutung allgemeiner Gesetze für Erklärungen“ 10 , steht der Positivismus somit in der von Wilhelm von Wright genannten galileischen Tradition.
3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft
3.1 Abgrenzung von den Naturwissenschaften
Wie bereits zu Beginn des vorangegangenen Kapitels erwähnt, entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine Kontroverse, die sich auf die Beziehung zwischen Natur- und Humanwissenschaften bezieht. Diese Wissenschaftstheorie als Reaktion auf den Positivismus wird gegen Ende des Jahrhunderts populär. Wissenschaftler wie Droysen, Dilthey oder Simmel verwerfen das Konzept der Einheitswissenschaften des Positivismus, den methodologischen Monismus. Außerdem lehnen sie die Auffassung ab, das von den Naturwissenschaften vorgegebene Muster als das einzige Realitätsverständnis anzusehen. Sie stellen den Gegensatz zwischen den Wissenschaften in den Vordergrund, die wie z.B. Physik oder Chemie Generalisierungen über reproduzierbare Phänomene betonen („nomothetisch“), und Wissenschaften wie z.B. Geschichtswissenschaft, die individuelle und spezifische Merkmale erfassen wollen („ideographisch“). Zudem wird die positivistische Auffassung von Erklärung in Frage gestellt. 11 Hierbei sind vor allem Johann Gustav Droysens Werke und Wilhelm Diltheys 1883 veröffentlichte „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ zu nennen. Gemeinsam versuchen sie, die Historie und darüber hinaus alle Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften methodologisch und erkenntnistheoretisch abzugrenzen. Diese Unterscheidung gründen sie auf der methodologischen Dichotomie zwischen dem „Erklären“ aus kausalen Gesetzen, was
9 Ebd. S. 18.
10 Ebd.
11 Vgl.: Ebd. S. 19.
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die Grundlage der Naturwissenschaften sei, und dem „Verstehen“, was eine Eigenart der Geisteswissenschaften sei. 12 Der Schlüsselsatz von Dilthey lautet: „Die Natur erklären wir, d as Seelenleben verstehen wir“ 13 . Mit dieser Abgrenzung begreift Dilthey erstmalig die Geisteswissenschaft als eigenständige Wissenschaft. 14 Durch ihn wird die sogenannte „Hermeneutik“ 15 , auf deren Begründer Schleiermacher Dilthey sich bezieht, zu einer speziell geisteswissenschaftlichen Methode, die sich stark von der naturwissenschaftlichen abhebt. 16
Hervorgehoben wird von den Antipositivisten auch der psychologische Beiklang des „Verstehens“, da es, im Gegensatz zum naturwissenschaftlichen „Erklären“, eine Form von empathischer Einfühlung beinhaltet. Nach Dilthey soll sich der Forscher durch das „Zusammenwirken aller Gemütskräfte“ in die Lage des Handelnden hineinversetzen und somit dessen Gedanken, Gefühle und Motivationen nachvollziehen. 17 Grundlage dieser Methode ist die Auffassung, dass der Forscher es zwar mit unwiederholbaren und abgeschlossenen Ereignissen zu tun hat, dass aber aufgrund einer gemeinsamen anthropologischen Grundausstattung und durch kulturelle Traditionen Gemeinsamkeiten zwischen Individuen und Kulturen groß genug sind, um aufgrund dieses „Vorverständnisses“ den Schluss von der eigenen Situation auf fremde Situationen zu erlauben. Das „Verstehen“ individueller Handlungen und Gedanken erfolgt somit durch nachempfindendes Hineinversetzen in die Situation des Handelnden und Eingehen auf seine Motive und Ziele sowie durch Rekonstruktion ihrer (historischen) Bedingungen. 18 Eine äußere Beobachtung, wie in den Naturwissenschaften üblich, reicht für die kulturellen Disziplinen nicht aus. Erst das „Verstehen“ als Rückschluss vom Äußeren auf das Innere erschließt laut der antipositivistischen Position den gesellschaftlichen Gegenstand. 19 Dilthey definiert „Verstehen“ daher wie folgt: „Wir nennen den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen s innlich gegeben sind, ein Inneres erkennen:
12 Vgl.: K.-O. Apel: Vorwort. S. 3.
13 W. Dilthey: Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. S. 144.
14 Vgl.: K.-O. Apel: Vorwort. S. 3.
15 Der Begriff „Hermeneutik“ leitet sich vom griechischen „hermeneuein (= aussagen, auslegen, übersehen) ab. Gegenstand der Hermeneutik ist die Auslegung menschlicher Verhaltensäußerungen und Kulturprodukte. Der zentrale Begriff der Hermeneutik ist der des Verstehens, womit das Erfassen von etwas als etwas Menschlichem und von dessen Bedeutung gemeint is t (Vgl.: S. Lamnek: Qualitative Sozialforschung. S. 71f.).
16 Vgl.: Ebd. S. 74.
17 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 19f.
18 Vgl.: W. Fuchs-Heinritz: Lexikon der Soziologie. S. 435.
19 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 19f.
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M.A. Nicole Nieraad, 2005, Erklären und Verstehen in den Sozialwissenschaften, Munich, GRIN Publishing GmbH
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