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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Homo oeconomicus, homo sociologicus und das North’sche Individuum 4
2.1 Das Konzept des homo oeconomicus 5
2.2 Erweit erungen des ökonomischen Modells 6
2.3 Das soziologische Modell 7
2.4 Das North’sche Individuum 8
3. Norths Verständnis von Institutionen und Organisationen 11
3.1 Informelle und formelle Institutionen 11
3.2 Organisationen 14
4. Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels 15
5. Brückenbau zwischen ökonomischem und soziologischem Institutionalismus? 19
6. Schlussfolgerungen 22
7. Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
Im Jahr 1993 beschloss das Nobelpreiskomitee, Douglass Cecil North den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zu verleihen und es begründete seine Entscheidung mit folgenden Worten: „For having renewed research in economic history by applying economic theory and quantitative methods in order to explain economic and institutional change.“ 1 Aus dieser Entsche idung wird zweierlei deutlich: Zum einen spiegelt sie den Aufschwung in der Beschäftigung mit Institutionen wider, der die wissenschaftliche Landschaft seit Mitte der 1980er prägt; zum anderen veranschaulicht sie auf eindrucksvolle Weise, dass North mit seinen Werken einen wichtigen Beitrag zur Institutionentheorie geliefert hat.
Der Wahlspruch „Institutions matter!“ ist in vielen Arbeiten der Neuen Institutionenökonomik zu lesen, dennoch sind die Definitionen des Begriffs ebenso unterschiedlich wie die Erklärungsansätze zu ihrer Entstehung, ihrer Stabilität oder ihrem Wandel. Es gibt evolutionäre, spieltheoretische und vertragstheoretische Entstehungstheorien; Ansätze, die ausschließlich Rational-choice-Modelle verwenden und solche, die den sozialen Kontext der Akteure stärker einbeziehen. Da sich darüber hinaus nicht nur Ökonomen mit Institutionen und ihrer Bedeutung für das menschliche Zusammenleben befassen, sondern insbesondere auch Anthropologen und Soziologen, existieren heute zahlreiche Theorien, die aus verschiedenen Blickwinkeln heraus versuchen, befriedigende Antworten auf die Fragen der Entwicklung und Wirkung von Institutionen einerseits sowie ihrer Stabilität und ihres Wandels andererseits zu finden. Selten nur arbeiten die Wissenschaftler der unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam an den geteilten Fragestellungen; so wird oftmals festgestellt, dass beispielsweise „das Verhältnis zwischen Soziologie und Ökonomie durch Brüche und Ambivalenzen, gewollte und ungewollte Missverständnisse sowie durch die wechselseitige Unkenntnis der theoretisch-empirischen Vorhaben belastet ist“ 2 .
Die vorliegende Arbeit möchte Douglass Norths Verständnis von Institutionen und von institutione llem Wandel darlegen und wird hierfür zunächst einige für seinen Ansatz wesentliche Grundlagen ökonomischer Modelle erläutern. Dabei wird ebenfalls versucht, mögliche Einflüsse soziologischen Gedankenguts zu thematisieren. Abschließend soll untersucht werden, ob Norths Theorie des institutione llen Wandels als Bindeglied zwischen soziologischen und ökonomischen Institutionentheorien fungieren kann.
1 http://nobelprize.org/economics/laureates/1993/
2 Schmid, M./ Maurer, A. (Hrsg.) (2003): Ökonomischer und soziologischer Institutionalismus. Marburg. S. 7.
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2. Homo oeconomicus, homo sociologicus und das North’sche Individuum
Wie Douglass North mit diesen einleitenden Worten zu seinem Werk Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung deutlich macht, muss eine schlüssige Institutionentheorie seiner Ansicht nach das Individuum als Ausgangspunkt wählen. Die Art und Weise, wie der Mensch die Gegebenheiten und Anreize durch die Umwelt wahrnimmt und verarbeitet, bestimmt die Entscheidungen der Individuen. Somit formen die zu Beginn der Entwicklung einer Theorie getroffenen Verha ltensannahmen auch den am Ende stehenden Institutionenbegriff. 4 Allerdings, so streicht North an anderer Stelle heraus, können reine Rational-choice-Modelle die Existenz von Institutionen nicht befriedigend erklären: „The very existence of institutions as real constraints on choices is a contradiction of simple rational-choice models. Institutions exist to reduce uncertainty in human i nteraction precisely because of the limited information we possess to evaluate the consequences of the actions of others an the limits of the models we possess to explain the world around us.” 5
Die neoklassischen Annahmen vollständiger Information und Rationalität lehnt der Wirtschafts-historiker offensichtlich ab und wie zu einem späteren Zeitpunkt dargelegt werden wird, geht er sogar so weit, die Bedeutung von kulturellem Erbe sowie von Ideologien für den Entscheidungsprozess der Menschen in seine Theorie des institutionellen Wandels zu integrieren. 6 Hieraus lässt sich ableiten, dass das North’sche Individuum wohl kein reiner homo oeconomicus sein kann. Möchte man die Annahmen, die North als Ökonom in bezug auf das menschliche Verha lten trifft, adäquat abbilden, scheint es daher ratsam, nicht nur den evidenten Einfluss verschiedener ökonomischer Modelle zu untersuchen, sondern auch mögliche Übereinstimmungen mit dem soziologischen Handlungskonzept zu thematisieren. Hierfür sollen nun zunächst beide Modelle kurz vorgestellt werden.
3 North, D. (1992): Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung. Tübingen. S. 6.
4 Vgl. Küssner, M. (1995): Gustav Schmollers Institutionenlehre im Lichte der Northschen Theorie des institutionellen Wandels. Diss. Köln. S. 17 f.
5 North, D. (1995): Five Propositions about Institutional Change, in: Knight, J./ Sened, I. (Hrsg.) (1995): Explaining Social Institutions. Michigan. S. 24.
6 Siehe Ausführungen zu Punkt 2.4 der vorliegenden Arbeit.
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2.1 Das Konzept des homo oeconomicus
Das Homo-oeconomicus-Modell ist das innerhalb der Ökonomik gängige Modell zur Untersuchung individuellen Verhaltens, wobei die Ökonomik als diejenige Sozialwissenschaft zu definieren ist, „die menschliches Handeln vor dem Hintergrund auftretender Knappheitsprobleme analysiert.“ 7 Wesentliches Merkmal des ökonomischen Modells ist der methodologische Individualismus, der die Vielfältigkeit der Präferenzen und Ideen der Menschen betont und das Individuum als Ansatzpunkt für eine Theorie sozialer Erscheinungen festlegt. „Das Kollektiv als solches ist nicht länger die Hauptsache“ 8 , denn alle Eigenschaften, die einem sozialen System zugesprochen werden, hängen nach Ansicht der Wirtschaftswissenschaftler letztlich von den Eigenschaften und Anreizsystemen der Individuen ab, die das betrachtete soziale System konstituieren. 9 Hieraus ergibt sich das Individua lprinzip, nach welchem jeder Mensch sein Handeln ausschließlich an den eigenen Interessen orie ntiert. Darüber hinaus ist der homo oeconomicus über alle Handlungsmöglichkeiten und Restriktionen vollständig informiert und ist außerdem dazu in der Lage, allen Möglichkeiten einen Nutzenwert zuzuweisen. Darauf aufbauend kann der Nutzenmaximierer seine Präferenzen in eine logisch kons istente Ordnung bringen und auf Basis eines nüchternen Kosten-Nutzen-Kalküls schließlich diejenige Handlungsalternative auswählen, die ihm den höchsten Nutzen verspricht.
Wie jedoch können die begrenzten Ressourcen auf die einzelnen nutzenmaximierenden Individue n verteilt werden? Hierfür entwickelt die Ökonomik das Modell des Tauschs auf Wettbewerbsmärkten, nach welchem die Allokation der Güter „das Resultat frei vereinbarter Tauschbeziehungen zwischen je zwei Tauschinteressierten [ist], die durch Konkurrenz- und Preismechanismus dezentral geregelt werden“ 10 . Die unsichtbare Hand des Marktes führt zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage, wobei zum einen Transaktionskosten völlig vernachlässigt und zum anderen die Existenz einer funktionierenden Eigentumsordnung als gegeben unterstellt werden.
In einer solchen, durch sich automatisch einstellende (Verhaltens-)Gleichgewichte, perfekte Information und allseitige Rationalität gekennzeichneten Welt scheint es keinen Platz für Institutionen zu geben, so resümiert North: „There are no institutions (or if they exist they play no independent role)
7 Erlei, M./ Leschke, M./ Sauerland, D. (1999): Neue Institutionenökonomik. Stuttgart. S. 2.
8 Richter, R./ Furubotn, E. (1999): Neue Institutionenökonomik. Eine Einführung und kritische Würdigung. Tübingen. S. 3.
9 “Only individuals choose and act. Collectivities, as such, neither choose nor act and analysis that proceeds as if they do is not within the accepted scientific canon.” Buchanan, J. (1987): Constitutional Economics, in: Eatwell, J./ Milgate, J./ Newman, P. (Hrsg.) (1987): The new Palgrave. A Dictionary of Economics. Band 1. London. S. 586.
10 Maurer, A./ Schmid, M. (2003), S. 14.
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in the neoclassical world because the instrumental rationality postulate renders them superfluous.“ 11 Die Existenz zahlreicher Institutionen in verschiedensten Gesellschaften verdeutlicht jedoch, dass das neoklassische Modell der Ökonomik die Realität nicht ausreichend abbilden kann. Auch die Wirtschaftswissenschaftler selbst wurden sich der Begrenztheit ihres Konzepts bewusst und entwickelten Alternativen zum artifiziellen Konstrukt des homo oeconomicus, dessen Fähigkeit, sich stets für die optimale Lösung zu entscheiden, nichts mit menschlichem Entscheidungsverhalten in der realen Welt zu tun zu haben scheint. 12
2.2 Erweiterungen des ökonomischen Modells
Für die Neue Insitutionenökonomik (NIÖ) - und somit auch für Douglass North - von wesentlicher Bedeutung sind u.a. die Abwandlungen des neoklassischen Modells durch Simon und Williamson. Während Simon mit seinem Konzept der begrenzten Rationalität (bounded rationality) die Aufgabe der Idealvorstellung eines perfekt informierten, nutzenmaximierenden Individuums zugunsten eines Modells des Satisficing man fordert, erklärt Williamson in seinen Theorien, dass die neoklassische These, nach welcher die Abwicklung von Tauschakten keinerle i Transaktionskosten erfordere, unhaltbar geworden ist.
Simon hält zwar fest: “Everyone agrees that people have reasons for what they do. They have motivations, and they use reason (well or badly) to respond to these motivations and reach their goals.” 13 Allerdings, so Simon, sei eine rein neoklassische Sichtweise unzureichend, um menschliches Verha lten zu erklären, da beispielsweise der Einfluss von Werten auf individuelle Entscheidungen vernachlässigt und nur das am Ende eines Rationalkalküls stehende Ergebnis betrachtet würde: “In economics, rationality is viewed in terms of the choices it produces, in the other social sciences, it is viewed in terms of the processes it employs [Hervorhebung der Verfasserin].” 14 Untersuche man jedoch die Entsche idungsprozesse der Individuen, so würde deutlich, dass jene eben nicht fähig seien, alle möglichen Handlungsalternativen wahrzunehmen und alle Konsequenzen denkbarer Entscheidungen abzuschätzen. Daher könne der Mensch auch keine vollständige und konsistente Bewertung aller Alternativen vornehmen, woraus folgt, dass individuelle Wahrnehmungen die Handlungen beeinflussen: „If ... we accept the proposition that both the knowledge and the computational power of the decision maker are severely limited, then we must distinguish between the real world and the actor’s
11 North, D. (1993): Institutions and Credible Commitment, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 149. S. 15.
12 Vgl. Erlei/ Leschke/ Sauerland (1999), S. 9.
13 Simon, H. (1986): Rationality in Psychology and Economics. In: Journal of Business, 59, n°4. S. 209.
14 Simon (1986), S. 210.
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perception of it and reasoning about it.” 15 Der Mensch ist also nach Simon nicht dazu in der Lage, zu optimieren, „er ist vielmehr ein routine- oder regelgesteuerter Organismus, der sich mit zufriedenstellenden Ergebnissen begnügt” 16 (Satisficing man). Wie später noch zu zeigen sein wird, nimmt North in seiner Institutionentheorie Bezug auf das Simon’sche Konzept der beschränkten Rationalität, denn die limitierten Fähigkeiten der Individuen machen für ihn Institutionen überhaupt erst notwendig.
Williamson verfolgt zwar den neoklassischen Maximierungsansatz prinzipiell weiter, fügt aber einen weiteren für die NIÖ wichtigen Aspekt hinzu, indem er den Menschen opportunistisches Verhalten unterstellt. Es ist für ihn offensichtlich, dass viele Individuen versuchen, unter Anwendung von List (Präferenzverschleierung, Datenfälschung etc.) ihren Nutzen zu maximieren. Dadurch steigt einerseits die Unsicherheit bei Markttransaktionen, andererseits erhöhen sich die ohnehin schon existierenden Transaktionskosten, da die Akteure z.B. vor Vertragsabschluss Informationen über die Tauschpartner sammeln, um ihr Risiko zu mindern, oder weil sie nach der Einigung Überwachungskosten tragen müssen, da sie wegen der Annahme opportunistischen Verhaltens nicht sicher sein können, dass der Vertrag eingehalten wird (Prinzipal-Agent-Problematik). 17 Unter diesen Bedingungen erscheinen Institutionen - entgegen den Annahmen der orthodoxen Ökonomik - als notwendige Einrichtungen zur Koordination menschlicher Interaktion. Sie vermögen es, Uns icherheiten und Transaktionskosten zu verringern, schränken den Opportunismus ein und erleichtern somit das Zusammenleben.
2.3 Das soziologische Modell
Im klassischen soziologischen Modell wird menschliches Handeln durch die Gesellschaft bestimmt, die als ontologische Einheit an den Anfang gestellt wird. Wie Durkheim ausführt, unterliegen folglich diejenigen, die den methodologischen Individualismus verfolgen, einem Trugschluss: „Weil sich aber die Gesellschaft aus Individuen zusammensetzt, so scheint es dem naiven Verstande, dass das soziale Leben keine andere Grundlage als das individuelle Bewusstsein haben könne ... . [...] [Aber] das Leben ... ist im Ganzen, nicht in den Teilen.“ 18
Wesentlich geformt wird der Mensch durch seine gesellschaftliche Umwelt und die Interaktion mit ihr, sein Handeln ist regelgeleitet. Somit ist die individuelle Freiheit einerseits begrenzt, andererseits
15 Simon (1986), S. 211.
16 Erlei/ Leschke/ Sauerland (1999), S. 9.
17 Pies, I./ Leschke, M. (2001): Oliver Williamsons Organisationsökonomik. Tübingen. S. 5 ff.
18 Durkheim, E. (1961): Regeln der soziologischen Methode. Neuwied. S. 93.
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Anna Léa Rosenberger, 2006, Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels im Lichte des ökonomischen und soziologischen Institutionalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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