1. Einleitung
In dem folgenden Bericht soll es darum gehen, welche Folgen und Auswirkungen der Ausbau des Flussnetzes in Deutschland hat. Insbesondere werde ich dabei den Aspekt der Artenvielfalt darstellen und die Bedeutung der Auen näher beleuchten. Im ersten Kapitel möchte ich kurz die theoretischen Grundlagen klären. Was sind Fließgewässer? Wodurch sind sie gekennzeichnet? Im folgenden Abschnitt werde ich die verschiedenen Subhabitate der Fließgewässer vorstellen und spezielle Organismengruppen einordnen. Im 4. Kapitel möchte ich Maßnahmen des Flussausbaus vorstellen, um dann auf Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt, sowie deren Diversität einzugehen. Den Abschluss soll die Vorstellung renaturierender Maßnahmen bilden. Dabei möchte ich einige Regeln aufzeigen, die beachtet werden müssen, um ausgebaute Flüsse wieder in ihren Naturzustand zurückzuführen oder Flüsse naturgemäß auszubauen.
2. Theoretische Grundlagen
Um das Problem des Flussausbaus ausführlich zu erläutern, muss man zunächst klären, was Flüsse bzw. Fließgewässer überhaupt sind. „Ein Fließgewässer ist eine mehr oder weniger lange und tiefe Hohlform, in der regelmäßig, unregelmäßig oder aber auch nur selten Wasser fließt. Sie sind in Bewegung bzw. die fließende Welle ist in Bewegung, wodurch Sohle und Ufer einer Spannung ausgesetzt und ebenfalls bewegt werden. Das Gewässer kommuniziert mit seiner Umgebung und prägt diese mit unterschiedlicher Intensität durch Überflutung, Ausräumung, Ablagerung, durch Erosion und Sedimentation.“ 1 Flüsse entstehen durch oberirdisch abfließendes Wasser, welches durch Lösung des anstehenden Gesteins oder Ausfurchung lockeren Bodens Rinnen erzeugt. Das abfließende Wasser folgt dann der Schwerkraft und somit der Geländeneigung. Dabei kann das Wasser verschiedene Ursprünge haben. Meistens ist es eine Quelle, bei der Grundwasser dauernd oder zeitweilig an die Oberfläche tritt. Hochgebirgsflüsse können auch durch Schmelzwasser der Gletscher gespeist werden. Außerdem kann der Wasserüberschuss von Seen, Sümpfen und Mooren zur Bildung von Fließgewässern führen. 2
Fließgewässer haben zahlreiche ökologische Funktionen. Sowohl für die Pflanzen- als auch die Tierwelt stellen sie Lebensraum vieler Lebensgemeinschaften dar. Dadurch stehen sie
1 Hutter, Claus-Peter (Hrsg.): Quellen, Bäche Flüsse; Stuttgart 1996, S. 9f.
2 Vgl. Schönborn, Wilfried: Fließgewässerbiologie; Stuttgart 1992, S. 16
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auch als Nahrungsgrundlage zur Verfügung. Flüsse stellen einen gewissen Teil des Trinkwassers und lassen sich als heterotrophes System betrachten, welches Biomasse aus der Aue verbraucht.
Auen sind Lebensräume „entlang von Fließgewässern, die periodisch überschwemmt werden“ 3 . Sie stehen in starkem Kontakt mit den Flüssen und bilden mit ihnen eine untrennbare Einheit. Sie haben eine enorme Bedeutung für Insekten, Fische, Amphibien und viele Vögel. Funktion der Auen ist es, Hochwasser zu dämpfen. Sie haben eine starke Reinigungskraft, da zurückfließendes oder absinkendes Wasser durch die Auenpflanzen gereinigt und mit Sauerstoff angereichert wird. Eine wichtige Bedeutung erhalten die Auen durch die Produktion von Biomasse auf autotrophem Weg. Dadurch wird eine gewisse Luft-und Staubfilterung gewährleistet. Außerdem erhalten die Flüsse auf diesem Weg genügend Biomasse, um das Leben in ihnen zu ermöglichen.
3. Habitate an/in Flüssen
Flüsse variieren ständig in ihrem Abflussverhalten, ihrer Dynamik, der Wassertemperatur und dem Sauerstoffgehalt, wobei alle Faktoren miteinander korrelieren. Zum Beispiel findet man bei dem in Gewässeroberläufen schnell fließendem Wasser meist eine geringe Temperatur, was einen hohen Sauerstoffgehalt zur Folge hat. „In jedem Fall ist es die Dynamik des Wassers, auf die sich die Pflanzen- und Tierwelt einzustellen hat und auf die auetypische Lebensgemeinschaften in sehr vielfältiger Weise reagieren.“ 4 Durch Verschiedengestaltigkeit der Flüsse entstehen verschiedene Subhabitate für Lebensgemeinschaften.
Betrachtet man den Faktor Abflussverhalten, so kann man feststellen, dass gerade im Quellbereich zahlreiche Spezialisten auftreten. Der Übergangsbereich zwischen dem Grundwasser und dem Oberflächenwasser ist gekennzeichnet durch Kleinflächigkeit, geringen Sauerstoffgehalt und sehr geringe Temperaturschwankungen. Arten wie die Höhlenassel, der Höhlenkrebs und Schnecken der Gattung Lartetia besiedeln Grundwasser und Quellen. Außerdem findet man in diesen Bereichen einige Reliktarten aus der letzten Eiszeit vor ca. 10000 Jahren, wie den Alpenstrudelwurm oder die Quellschnecken. Die
3 Golditz, Gabriele: Auen, Moore, Feuchtwiesen; Basel 1994, S. 25
4 Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (Hrsg.); Flüsse, Auen, Täler erhalten und entwickeln; Augsburg 1997, S. 18
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Quellen sind durch Veränderungen stark bedroht, was eine Gefährdung ihrer angepassten Lebewesen zur Folge hat.
Andere Lebewesen halten sich in schnell fließendem Wasser, mit meist hohem Sauerstoffgehalt und niedriger Temperatur auf. Sie haben zwar gute Sauerstoffbedingungen, müssen jedoch mit der starken Strömung klar kommen. Kieselalgen auf Steinen fällt das nicht schwer. Brunnenkresse, einige Wassersternarten und der Flutende Hahnenfuß sind genauso in der Lage wie das Quellmoos und Grünalgen, sich auf Steinen fest zu verankern, um nicht mit dem Strom mitgerissen zu werden. Sogar Tiere haben Anpassungen in Körperbau und Verhalten entwickelt, um schnell fließendes Wasser als Lebensraum zu nutzen. Verschiedene Insektenlarven besitzen Saugplatten bzw. Saugnäpfe und Haftplatten, z.B. die Larven einiger Mückenarten. Stein-,Eintags- und Köcherfliegenlarven krallen sich mit Haken und Borsten am Untergrund fest. Ein gutes Beispiel der Anpassung zeigt die Mützenschnecke, deren Gehäusespitze in Strömungsrichtung gebogen ist. Sogar größere Tiere wie die Wasseramsel (s. Abb. 1), welche am Grund schnell fließender Gewässer nach Nahrung sucht, hat eine angepasste Körperform.
In langsam fließenden Gewässern herrschen gute Nährstoffverhältnisse, wodurch eine gute Nahrungsversorgung für Pflanzen und Tiere gewährleistet wird. Typische Pflanzen in langsam fließendem Wasser sind Kammlaichkraut, Igelkolben, Nixenkraut, Hornblatt , Tausendblatt und der Wasserhahnenfuß. Im Wasser dieser Bereiche schwankt jedoch der Sauerstoffgehalt stark, da es hier zu Temperaturschwankungen und Abbauprozessen von organischem Material kommt. Die Tierwelt muss sich also speziell an diese Bedingungen anpassen. Insektenlarven und Fische besitzen größere Kiemen. Einige Insektenlarven haben sogar Hilfskiemen entwickelt. An den sauerstoffärmsten Stellen sind vor allem Zuckmückenlarven zu finden. Weitere Larven wie die der tarnfarbenen Eintagsfliegen, der Schlammfliegen, der Bachhaften und der Köcherfliegen halten sich in langsam fließendem Wasser auf. Libellen, Wasserskorpione und Rollegel gehören ebenso in diesen Lebensraum. 5 Innerhalb eines Flusses lassen sich Habitate nicht nur durch unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten unterscheiden. Ein Fluss beinhaltet im Quer- und Längsschnitt verschiedene Subhabitate für Organismen, wie Sediment, Steine, Holzteile und Laub aus der Umgebung, Wasserpflanzen und Detritusschichten. Abbildung 2 stellt dieses Substratmosaik innerhalb eines Jahres sehr gut dar.
Zum Beispiel sind Steine für Pflanzen und Tiere ein wichtiges Habitat in Fließgewässern. Tiere besiedeln zusammen mit Bakterien meist die Ober- und Unterseiten der Steine, grüne
5 Vgl. Hutter, Claus-Peter (Hrsg.): Quellen, Bäche Flüsse; Stuttgart 1996, S. 51ff.
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Pflanzen im wesentlichen die Oberseiten. Auf großen Sandsteinen findet man die höchste Algenbesiedlung. Die starke Bindung von Tier- und Pflanzengesellschaften ist vor allem abhängig von der Steingröße, der Steinmasse und der Oberflächenbeschaffenheit. Es lässt sich die Tendenz verzeichnen, dass mittlere Steingrößen am dichtesten besiedelt werden. Außerdem findet man auf rauhen Steinen eine höhere Besiedlungsdichte. Auch der Detritus auf Steinen kann sich unterschiedlich auf deren Besiedlungsdichte auswirken. An den Unterflächen der Steine leben viele Insektenlarven und Chironomiden. In Abbildung 3 ist die Verteilung verschiedener Tiere an Steinen dargestellt. Und auch für Fische hat das Flussbett mit seinen zahlreichen unterschiedlich gestalteten Steinen eine wichtige Bedeutung. Gerade große Fische, die sich in Grundnähe aufhalten, bevorzugen große Steine in ihrem Revier. Diese starke Bindung vieler Organismen an Steine und deren Überzüge zeigt, dass Schotterbetten eindeutig reichhaltiger besiedelt werden als die meisten Sedimente. 6 Trotzdem stellt das Sediment, was sich je nach Naturraum aus unterschiedlichen Substraten zusammensetzen kann, mit das wichtigste Habitat für die Tierwelt dar. 7 Bei der Besiedlungsdichte von Sedimenten sind vor allem Körnchengröße und Art des Sediments entscheidend. Sedimente mit einer Partikelgröße von ca.1mm sind häufig am dichtesten besiedelt. 8 Sind die Körnchen größer, so nimmt die Besiedlungsdichte wieder ab. Sind die Partikel jedoch kleiner als 0,25mm, herrschen anaerobe Bedingungen, was eine starke Reduktion der Tierwelt zur Folge hat. An Partikeln mit einem Durchmesser von 0,25-0,5 mm leben zahlreiche Ziliaten, Turbellarien, Rotatorien, Oligochaeten und Harpacticoiden. Vorraussetzung zur Existenz solcher Organismen ist jedoch, dass 50% der Körnchen diese Größe haben, so dass eine Wasserzirkulation noch möglich ist. Eine weitere Tendenz zeigt sich darin, dass man in vegetationsreichen Schlammbezirken und Schotterstrecken die höchste Diversität findet. Sand und Kies werden dagegen nur gering besiedelt. Hauptvertreter in Schlammbezirken sind Tubificiden und Chironomiden.
Ein weiteres wichtiges Habitat in Fließgewässern bilden die Makrophytenbestände, die eine sehr große Besiedlungsfläche darstellen. Besonders für Bakterien, Algen und Tiere sind diese ein bevorzugter Lebensraum. Epiphyten- und verschiedene Invertebratengemeinschaften sowie Simuliiden, Nemoouriden, Hydrotiliden, Rhyacophiliden, Limnephiliden und Capniiden, sind wichtige Organismen, die sich an Makrophyten festsetzen. In Abbildung 5 ist abgebildet, welche Organismengruppen an einem Moosbüschel vorhanden sein können.
6 Vgl. Schönborn, Wilfried: Fließgewässerbiologie; Stuttgart 1992, S. 99
7 Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (Hrsg.); Flüsse, Auen, Täler erhalten und entwickeln; Augsburg 1997, S. 20
8 Vgl. Abb. 4
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Arbeit zitieren:
Katja Otto, 2005, Flussausbau und Artenvielfalt, München, GRIN Verlag GmbH
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