-II-
1. Gutachter: Prof. Dr. K.-H. Schwalbe
2. Gutachter: Prof. Dr. H.-D. Knauth
Tag der mündlichen Prüfung: 01.11.2000
-III-
Zusammenfassung
Es wurde mittels der elektrochemischen Permeationstechnik der Einfluss der plastischen Verformung
auf das Diffusionsverhalten von Wasserstoff in einem niedriglegierten Baustahl (FeE 690T)
untersucht, wobei der Werkstoff einerseits durch vorangegangenes Kaltwalzen, andererseits
zugverformt wurde. Speziell angefertigte C(T)-Proben ermöglichten die direkte Bestimmung des
Diffusionskoeffizienten im stark verformten Bereich vor einem Kerb. Es zeigte sich eine starke
Abhängigkeit des effektiven Diffusionskoeffizienten vom Dehnungsgrad und von der
Wasserstoffkonzentration während der maximale Wasserstofffluss weitestgehend unbeeinflusst blieb.
Diese Beobachtungen werden mit der Existenz von Stufenversetzungen erklärt, die als Fallen für den
diffundierenden Wasserstoff dienen und so den Wasserstofftransport in der plastischen Zone
entscheidend beeinflussen. Die Ergebnisse wurden mit einem Modell verglichen, das u.a. den Einfluss
der Fallendichte auf den Wasserstofftransport berücksichtigt. Es zeigte sich, dass sämtliche
experimentellen Daten mit Hilfe der numerischen Rechnungen über den gesamten untersuchten
Dehnungsbereich sehr gut reproduziert werden können. Aus der Anpassung der Fallenparameter ergibt
sich für den unverformten Zustand eine Fallendichte von 6.1·10 19 /m 3 . Zusammen mit den Ergebnissen
einer früheren Studie bezüglich der Risszähigkeit von FeE 690T unter Wasserstoffeinfluss kann der
beobachtete Dehnrateneffekt auf den Versagensmechanismus eindeutig auf die verminderte
Beweglichkeit der Wasserstoffatome innerhalb der plastischen Zone zurückgeführt werden. Dass
insgesamt der Wasserstofftransport bei monotoner Beanspruchung diffusionskontrolliert ist, bestätigen
auch Untersuchungen zur Deckschichtbildung in nicht korrosiven Medien. Mittels einer
potentiodynamischen Methode (Cyclovoltammetrie) gelang die Charakterisierung der häufig bei der
Permeation an unbeschichteten Werktoffen als problematisch angesehenen Oberflächenreaktionen. Es
stellte sich dabei heraus, dass die entstehenden Passivschichten je nach angelegtem Potential in erster
Linie die Wasserstoffabsorption beeinflussen, wobei der Wasserstoffeintritt bevorzugt an sogenannten
aktiven Stellen der Metalloberfläche stattfindet.
-IV-
Abstract
The influence of plastic strain on the diffusion behaviour of hydrogen in a low alloyed structural steel
(FeE 690T) was investiated using the electrochemical permeation technique. The plastic deformation
was introduced either by cold rolling or by tensile straining. Specially prepared C(T)-specimen
enabled the direct determination of the diffusion coefficient in the higly deformed region ahead of a
blunting crack. It was shown, that the apparent diffusion coefficient depends on the plastic strain and
on the overall hydrogen concentration, whereas the maximum hydrogen flux remained almost
unchanged. These observations are interpreted in terms of variations in the dislocation density, which
act as 'sinks' for the diffusable hydrogen atoms. The results are compared with model calculations, that
describe the hydrogen transport as a function of the trap density. The comparison of the numerical
simulation and the experimental data shows a good agreement over the whole range of plastic strain
levels, leading to a trap density of 6.1·10 19 /m 3 . Together with the results of a previous study on the
fracture toughness of FeE 690T in the presence of hydrogen the permeation data obtained in this work
suggest that the observed influence of deformation rates on the fracture mechanism can be attributed to
the reduced mobility of hydrogen atoms in the plastic zone. The assumption that the hydrogen
transport during monotonic straining is controlled by diffusion was confirmed by investigations
concerning the formation of surface films. Using a potentiodynamic method (cyclovoltammetry) a
characterisation of the surface reactions involved in permeation experiments was performed. It was
shown that the nature of the passive layers forming on the surface depens on the applied potential,
affecting mainly the hydrogen absorption reaction. The hydrogen entry is assumed to preferably take
place at so called 'active sites' on the metal surface.
-V-
Liste der verwendeten Symbole
Risslänge
a
Elektrodenoberfläche
A
Bruchdehnung
A 5
Probendicke der C(T)-Proben
B
dimensionslose Konstante in Gl. (5.2)
c
Konzentration
C
Wasserstoffkonzentration im Wirtsgitter
C L
Wasserstoffkonzentration in Fallen
C T
Diffusionskoeffizient
D
effektiver Diffusionskoeffizient
D eff
Diffusionskoeffizient der Gitterdiffusion
D L
Elektrochemisches Potential
E
Beladepotential
E c
freies Korrosionspotential
E corr
Detektionspotential
E d
anodisches Wechselpotential
E λa
kathodisches Wechselpotential
E λc
Faradaykonstante, 96484.6 C/mol
F
Beladestrom
i c
Permeationsstrom
i P
∞
Permeationsgrenzstrom
i P
Diffusionsfluss
J
Permeationsstrom durch fallenfreien Werkstoff
J 0
Permeationsstrom durch fallenbehafteten Werkstoff
J T
Spannungsintensitätsfaktor
K
Schwellwert für die Spannungsintensität bei Vorliegen von Spannungsrisskorrosion
K ISCC
Gleichgewichtskonstante
K T
Diffusionsstrecke
L
Menge Wasserstoff in der Prozesszone
n H
Dichte der Zwischengitterplätze
N L
Dichte der Fallenplätze
N T
Ladung
Q
Ausdehnung der Prozesszone; in Abbildung 2.4 definiert
r
Kerbradius
r K
universelle Gaskonstante, 8.3144 J(Kmol) -1
R
Zugfestigkeit
R m
-VI-
0.2% Streckgrenze
R p0.2
absolute Temperatur
T
Zeit
t
Durchbruchszeit
t b
normierte Wasserstoffkonzentration
u
Verschiebung in Lastlinie
v LL
Molvolumen eines idealen Gases bei Standardumgebung, 24.789 dm³/mol
V M
Probenbreite bei C(T)-Proben
W
Koordinate; in Abbildung 4.1 definiert
x
dimensionslose Korrekturfunktion
Y
Ladungszahl
z
Bindungsenergie der Wasserstofffallen
∆E T
plastische Verformung
ε pl
Überspannung
η
Bedeckungsgrad der Metalloberfläche mit Wasserstoff
θ
Besetzungsgrad der Zwischengitterplätze
θ L
Besetzungsgrad der Zwischengitterplätze an der Stelle x = 0
θ L0
Besetzungsgrad der Wasserstofffallen
θ T
Besetzungsgrad der Wasserstofffallen an der Stelle x = 0
θ T0
-VII-
Liste der verwendeten Abkürzungen
C(T) Kompaktzugprobe
CE engl. = counter electrode, Gegenelektrode
CTOD Rissspitzenverschiebung
EDTA Ethylendiamintetraacetat
FEM Methode der finiten Elemente
HAR engl. = Hydrogen absorption reaction, Wasserstoffabsorptionsreaktion
HER engl. = Hydrogen evolution reaction, Wasserstoffentstehungssreaktion
HIC engl. = Hydrogen induced cracking, Wasserstoff induzierte Rissbildung
NHE engl. = normal Hydrogen electrode, Normal-Wasserstoffelektrode
PTFE Polytetrafluorethylen
PVC Polyvinylchlorid
RE engl. = reference electrode, Referenzelektrode
REM Raster-Elektronen-Mikroskop
SATP engl. = standard ambient temperature and pressure
SCC engl. = stress corrosion cracking
SCE engl. = saturated calomel electrode, Kalomelelektrode
TEM Transmissions-Elektronen-Mikroskop
WE engl. = working electrode, Arbeitselektrode
WR Walzrichtung
-VIII-
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Grundlagen der Wasserstoffversprödung von Eisen und niedriglegierten Stählen 3
2.1 Begriff 3
2.2 Voraussetzungen für Wasserstoffversprödung 3
2.3 Wasserstoffaufnahme bei kathodischer Polarisation 5
2.3.1 Volmer-Tafel-Mechanismus 6
2.3.2 Volmer-Heyrowsky-Mechanismus 6
2.3.3 Absorptionsmechanismus 7
2.3.4 Oberflächeneffekte an unbeschichteten Stahlmembranen 8
2.4 Wasserstofftransport in Eisen und Stahl 10
2.4.1 Löslichkeit 10
2.4.2 Diffusivität 11
2.5 Mechanismen der Wasserstoffversprödung 12
2.6 Bruchmechanische Grundlagen und Bezeichnungen 13
2.7 Dehnratenabhängigkeit von CTOD-R-Kurven unter Wasserstoffbeladung 18
3 Aufgabenstellung 21
4 Eingesetzte Methoden 22
4.1 Experimentelle Techniken 22
4.1.1 Elektrochemische Diffusionsmessungen 22
4.1.2 Werkstoff 24
4.1.3 Probenfertigung 26
4.1.3.1 Bleche 26
4.1.3.2 Flachzugproben 28
4.1.3.3 C(T)-Proben 29
4.1.4 Apparativer Aufbau 31
4.1.4.1 Elektrochemische Zelle 31
4.1.4.2 Elektrische Schaltung und Messdatenerfassung 32
4.1.5 Testmedium 34
4.1.6 Promotoren 34
4.1.7 Versuchsdurchführung 35
4.1.7.1 Permeation an Blechen und Flachzugproben 35
4.1.7.2 Permeation an C(T)-Proben 36
-IX-
4.1.8 Deckschichtuntersuchungen 37
4.1.8.1 Grundlagen 37
4.1.8.2 Durchführung 39
4.2 Numerische Methoden 40
4.2.1 Bestimmung des effektiven Diffusionskoeffizienten 40
4.2.1 Simulation der Wasserstoffdiffusion in Gegenwart von Fallen 42
5 Versuchsergebnisse 45
5.1 Untersuchungen zur Wasserstoffdiffusion in FeE 690T 45
5.1.1 Bestimmung des Diffusionskoeffizienten bei ε pl 0 45
5.1.2 Diffusion bei plastischer Verformung (ε pl bis 60 ) 46
5.1.2.1 Erstbeladung 46
5.1.2.2 Zweitbeladung 49
5.1.3 Diffusion in gekerbten C(T)-Proben 51
5.1.4 Simulation der Permeationsergebnisse 53
5.2 Ergänzende Untersuchungen zur Wasserstoffaufnahme bei Deckschichtbildung von FeE 690T in
alkalischen Medien 58
5.2.1 Deckschichtbildung in 0 1 M NaOH 59
5.2.2 Einfluss von Deckschichten auf den Wasserstofftransport 62
5.2.3 Deckschichtbildung in 0 1 M NaOH nach kathodischer Polarisation 64
6 Diskussion der Ergebnisse 68
6.1 Wasserstofftransport in FeE 690T 68
6.1.1 Diffusion im unverformten Zustand 68
6.1.2 Wasserstoffdiffusion im plastisch verformten Werkstoff 69
6.1.3 Verhältnis von Gitter- zu Fallenwasserstoff im verformten Werkstoff 71
6.1.4 Zusammenhang zwischen Wasserstofftransport und Risszähigkeit 73
6.2 Wasserstoffeintritt während kathodischer Polarisation in alkalischen Medien 76
6.2.1 Deckschichtbildung ohne Polarisation 76
6.2.2 Deckschichtbildung bei Unterbrechung der Polarisation 76
6.2.3 Deckschichtbildung bei langanhaltender Wasserstoffabscheidung 77
6.2.4 Bedeutung der Deckschichtbildung für die Anwendung der Permeationsmethode zur Untersuchung
von Transportphänomenen 80
7 Literaturverzeichnis 83
8 Anhang 90
-1-
1 Einleitung
Die Realisierung neuer Technologien bei der Erdgas- und Erdölgewinnung, in der Energietechnologie,
aber auch in der chemischen Industrie erfordert, dass Werkstoffe in zunehmendem Maße immer
extremeren Bedingungen genügen. Probleme treten häufig dadurch auf, dass diese Werkstoffe
korrosiven Umgebungen ausgesetzt sind, die die Betriebssicherheit bzw. die Lebensdauer technischer
Strukturen stark herabsetzen können. In diesem Zusammenhang sind wasserstoffinduzierte
Werkstoffschäden ein weit verbreitetes und gefürchtetes Phänomen. Sie äußern sich dadurch, dass ein
Bauteil, gegebenenfalls ohne sichtbare Anzeichen eines Korrosionsangriffes, unter dem Einfluss von
Spannungen unerwartet versagt, was unter Umständen lebens- und umweltbedrohende Schäden zur
Folge haben kann [1]. Insbesondere höher- und hochfeste Stähle mit niedrigem Legierungsanteil
neigen zu dieser allgemein auch als Wasserstoffversprödung bezeichneten Form der
wasserstoffinduzierten Spannungsrisskorrosion, bei der das Risswachstum durch lokale Versprödung
im Bereich der Rissspitze beschleunigt wird [2].
Um die erforderliche Zeit für die Durchführung von bruchmechanischen Prüfverfahren zur
Untersuchung der Anfälligkeit von Werkstoffen gegenüber Wasserstoffversprödung möglichst kurz zu
halten, ist es notwendig, die kritischen Parameter für einen bestimmten Schadensmechanismus
eindeutig zu kennen. Nur so kann das Verhalten eines Bauteils auch dann noch ausreichend genau
vorhergesagt werden, wenn die Betriebsdauer in korrosiver Umgebung die Testdauer um ein
Vielfaches überschreitet. Ein wesentlicher Parameter bei der Beurteilung der Schadensanfälligkeit
eines Werkstoffs oder einer Schweißnaht ist die kritische Wasserstoffkonzentration in der plastischen
Zone vor einem Riss. Diese kann je nach Werkstoff und Schadensmechanismus sehr stark variieren
und ist nur für die wenigsten Fälle bekannt. Zeitaufwendig sind die Prüfverfahren vor allem deshalb,
weil die Änderungen in den mechanischen Eigenschaften häufig erst nach Erreichen einer kritischen
Wasserstoffkonzentration auftreten und der Wasserstofftransport im Werkstoffinnern durch
Gitterfehlstellen stark herabgesetzt sein kann. In Folge dessen beobachtet man bei Stählen in vielen
Fällen eine Abhängigkeit der ermittelten Kennwerte von der Dehnrate, d.h. der Geschwindigkeit, mit
der der Werkstoff während der Prüfung verformt wird.
Ein weiteres Problem bei der Beurteilung von Testergebnissen liegt in dem Bestreben der Metalle, an
der Grenzfläche zum umgebenden Medium Deckschichten zu bilden. In Folge der mechanischen
Beanspruchung während der Prüfung des Werkstoffs kommt es zur Bildung von frischen
Metalloberflächen, deren Absorptionskinetik sich stark von der der passiven Metalloberfläche
unterscheiden kann. So kann lokal, beispielsweise vor einem Riss, eine stark erhöhte
Wasserstoffaufnahme zu einer Beschleunigung des Risswachstums führen. Auf der anderen Seite kann
-2-
es bei langen Prüfzeiten trotz gleichzeitiger Wasserstoffbeladung zu einem Wachsen der
Deckschichten kommen, die die Absorption des Wasserstoffs mehr und mehr beeinträchtigen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich in erster Linie mit der Untersuchung des Wasserstofftransports
in einem niedriglegierten Stahl bei großer plastischer Verformung mit Hilfe der elektrochemischen
Permeationsmethode nach Devanthan und Stachursky [3]. Anhand der experimentellen Daten wird ein
Modell entwickelt, mit dessen Hilfe der Wasserstofftransport in Gegenwart von Versetzungen erklärt
werden kann. Damit verbunden ist die Messung der Wasserstoffdiffusion in der experimentell schwer
zugänglichen plastischen Zone vor einem Kerb mit Hilfe von speziell präparierten Proben. Im zweiten
Teil der Arbeit werden mit Hilfe cyclovoltammetrischer Methoden die bei Permeationsmessungen in
alkalischen Medien entstehenden Deckschichten und deren Einfluss auf die Wasserstoffabsorption und
-diffusion näher untersucht. Abschließend wird die Möglichkeit einer Einbeziehung elektrochemischer
Permeationsmessungen im Rahmen von bruchmechanischen Tests zur Bestimmung der Anfälligkeit
von Stählen gegenüber Wasserstoffversprödung diskutiert.
-3-
2 Grundlagen der Wasserstoffversprödung von Eisen und niedriglegierten
Stählen
2.1 Begriff
Wechselwirkungen zwischen den Metall- und Wasserstoffatomen können das mechanische Verhalten
eines metallischen Werkstoffs beeinflussen. In Eisen und niedriglegierten Stählen kommt es auf Grund
von gelöstem Wasserstoff in der Regel zu Versprödungserscheinungen [4]. Klassische Parameter zur
Beschreibung von Duktilität wie Brucheinschnürung und Bruchdehnung nehmen durch das Einwirken
von Wasserstoff ab. Die Wasserstoffversprödung wird als extern bezeichnet, wenn ein zunächst
wasserstofffreies Metall in einem wasserstoffhaltigen oder -produzierenden Medium mechanisch
belastet wird. Von einer internen Wasserstoffversprödung spricht man dagegen, wenn der schädigende
Wasserstoff schon vor der Belastung im Metall vorhanden war, z.B. durch den Herstellungs- oder
Verarbeitungsprozess.
2.2 Voraussetzungen für Wasserstoffversprödung
Die ersten Fälle von Wasserstoffversprödung (engl. Hydrogen Induced Cracking, kurz HIC) traten
Ende des 19. Jahrhunderts auf [5, 6]. Trotz intensiver Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet fehlt
bisher eine allgemein gültige Theorie, die die vielfältigen, durch Wasserstoff bedingten Änderungen
im mechanischen Werkstoffverhalten erklären kann [7, 8, 9, 10]. Die derzeit vorherrschende Meinung
ist, dass die an unterschiedlichen Systemen Werkstoff/Umgebung beobachteten Schadensfälle auf
unterschiedlichen Mechanismen beruhen [11].
Voraussetzung für das Auftreten von umgebungsbedingten Werkstoffschäden durch Wasserstoff ist
ein Zusammenwirken von Wasserstoffangebot, Wasserstoffeintritt (Absorption) und dem
Wasserstofftransport zum Ort der Versprödung im Werkstoff selbst. Im Falle der
Spannungsrisskorrosion (engl. Stress Corrosion Cracking, kurz SCC) kommt als weitere
Voraussetzung das Wirken einer mechanischen Kraft hinzu. Die Vielzahl der möglichen
Kombinationen zwischen Werkstoff, mechanischer Beanspruchung und chemischer Einwirkung ist der
Grund dafür, dass, obwohl in der Literatur umfangreiche Ergebnisse zum Problem der
Spannungsrisskorrosion vorliegen, diese im Einzelfall meist nicht herangezogen werden können.
Speziell an der Grenzschicht zu wässrigen Medien gibt es Schwierigkeiten bei der Untersuchung der
verantwortlichen Reaktionen und deren Auswirkung auf die Entstehung und Absorption von
-4-
Wasserstoff. So setzt sich beispielsweise künstliches Meerwasser, das häufig als Testmedium
eingesetzt wird, aus mindestens zwölf verschiedenen Anionen und Kationen zusammen [12].
Berücksichtigt man ferner, dass metallische Werkstoffe fast ausschließlich aus Legierungen bestehen,
so ergibt sich pro Kombination Werkstoff/Umgebung an der Grenzschicht eine Vielzahl von
möglichen Deckschichtreaktionen, deren Produkte die unterschiedlichsten chemischen Eigenschaften
besitzen können. Hinzu kommt bei rissbehafteten Bauteilen, dass Metalle meist mit einer schützenden
Oxidschicht versehen sind, die, wenn sich der Riss verlängert, zerstört wird und dadurch die
Metallauflösung fördert. Ein weiterer Effekt hierbei ist, dass durch eine mechanische Verformung
frische Metalloberflächen entstehen, von denen man annimmt, dass sie die Überspannung der
Wasserstoffabscheidung herabsetzen und so die Wasserstoffaufnahme begünstigen, wobei ferner
berücksichtigt werden muss, dass sich die chemische Zusammensetzung des Korrosionsmediums (pH-
Wert, Salzgehalt) in einem Riss oder Spalt von der außerhalb des Risses unterscheiden kann [13].
Bild 2.1:
Schematische Darstellung einiger möglicher Einflussgrößen in einem Werkstoff/Medium-Paar
-5-
auf die verschiedenen Phasen während wasserstoffinduzierter Rissausbreitung
(HER = engl.: Hydrogen Evolution Reaction, HAR = engl.: Hydrogen Absorption Reaction)
Bild 2.1 zeigt eine Zusammenstellung von Parametern in einem wasserstoffproduzierenden
Werkstoff/Medium-System, deren Einfluss auf Teilschritte der Wasserstoffversprödung in
Experimenten nachgewiesen werden konnte. Als mögliche Quellen für externen Wasserstoff in der
Technik dienen neben gasförmigem Wasserstoff das Anlegen von Schutzpotentialen, das Schweißen
unter Schutzgas, das Galvanisieren von Metalloberflächen oder das Reinigen in Säurebädern [14, 15,
16]. Insbesondere H 2 S-haltige Medien stellen eine Gefahr für die Lebensdauer von Bauteilen dar, da
sie den Wasserstoffeintritt an der Grenzschicht zum Werkstoff stark erhöhen können [17, 18]. Die
Wasserstoffaufnahme ist somit als Grenzschichtphänomen der einzige der drei oben genannten
Teilschritte, der sowohl vom Medium als auch vom verwendeten Werkstoff abhängig ist.
Letztlich entscheidet der Wasserstofftransport im Werkstoff, der in der Umgebung eines Risses in
Folge der erhöhten lokalen Spannungen stark plastifiziert sein kann, ob ein Bauteil in einem
vorgegebenen Zeitraum versagt. Der entscheidende Faktor beim Wasserstofftransport in
Eisenwerkstoffen ist die Mikrostruktur. Sowohl die Diffusionsgeschwindigkeit, als auch die
Löslichkeit des Wasserstoffs im Werkstoff hängt wesentlich von der Existenz sogenannter
Wasserstofffallen (engl. = Hydrogen traps), wie z.B. Versetzungen, Korngrenzen, Leerstellen,
Fremdatomen oder Mikrorissen ab, deren Zahl wiederum abhängig ist vom Spannungs- und
Dehnungszustand, bzw. vom Verformungsmechanismus [19, 20].
2.3 Wasserstoffaufnahme bei kathodischer Polarisation
Bei Kontakt eines metallischen Gegenstandes mit Wasserstoff kann dieser unter bestimmten
Voraussetzungen in das Metall eindringen. Der Eintritt kann dabei sowohl aus der Gasphase als auch
durch eine elektrochemische Wasserstoffabscheidung an der Metalloberfläche erfolgen. Gasförmiger
Wasserstoff (H 2 ) wird bei Raumtemperatur nicht ohne weiteres von Eisen absorbiert, da die Energie
für die Dissoziation (436.22 kJ/mol), nicht durch den Lösungsprozess kompensiert wird (endotherme
Lösung) [21]. Das Vorliegen von atomarem Wasserstoff an der Grenzfläche zum Metall dagegen führt
spontan zu einer nennenswerten Wasserstoffaufnahme von Eisen und Stählen [22].
Durch die Reduktion solvatisierter Protonen an einer kathodisch polarisierten Elektrodenoberfläche
entsteht Wasserstoff gemäß folgender Gleichung:
2 H + + 2 e – H 2
(2.1a)
2 H 2 O + 2 e – H 2 + 2 OH –
(2.1b)
-6-
Im Korrosionsschutz ist diese Reaktion deshalb von Bedeutung, da durch das Anlegen eines
elektrischen Potentials die elektrolytische Auflösung von Eisen und Stählen verhindert oder
zumindestens verlangsamt werden kann. Überschreitet das angelegte Potential einen bestimmten Wert,
kann die Reaktion (2.1a) bzw. (2.1b) ablaufen und es entsteht atomarer Wasserstoff. Bezüglich der
Elektrodenkinetik (HER = engl., Hydrogen Evolution Reaction) werden in der Literatur zwei
verschiedene Reaktionsmechanismen diskutiert, die als experimentell erwiesen gelten können [23].
2.3.1 Volmer-Tafel-Mechanismus
Beim Volmer-Tafel-Mechanismus findet in kathodischer Richtung zunächst der Übergang eines
Elektrons vom Metall zum Elektrolyten statt, dem sich die Reaktion mit einem Proton anschließt. Es
folgt die Rekombination zu gasförmigem Wasserstoff.
H + + e – + Fe
Fe-H ad (2.2)
(Volmer-Reaktion)
Fe-H ad + Fe-H ad
In alkalischer Lösung ist die Volmer-Reaktion nach
H 2 O + e – + Fe Fe-H ad + OH –
(2.4)
zu modifizieren. Der Wasserstoff in den Gleichungen (2.2) bzw. (2.4) ist jeweils chemisorbiert, d.h.,
es besteht eine kovalente Bindung zwischen dem Wasserstoff und den Eisenatomen an der Oberfläche.
2.3.2 Volmer-Heyrowsky-Mechanismus
In diesem Fall schließt sich an die Volmer-Reaktion eine zuerst von Heyrowsky vorgeschlagene und
nach ihm benannte Reaktion an, so dass die Reaktionsfolge
H + + e – + Fe
Fe-H ad
H + + Fe-H ad + e –
H 2 + Fe (2.5)
(Heyrowsky-Reaktion)
abläuft. Die Heyrowsky-Reaktion besteht bei kathodischer Stromrichtung in der Entladung eines
solvatisierten Protons an einem auf der Metalloberfläche bereits adsorbierten Wasserstoffatom unter
Bildung von molekularem Wasserstoff, der hierauf desorbiert. In alkalischen Elektrolyten findet im
Anschluß an die Volmer-Reaktion die Reduktion von Wassermolekülen statt. In diesem Fall lautet das
Reaktionsschema:
-7-
H 2 O + Fe-H ad + e – H 2 + Fe + OH –
(2.6)
Welcher der beiden Abscheidungsmechanismen für Eisen und seine Legierungen in alkalischen
Lösungen dominiert, ist nicht bekannt. Im Falle, dass ein Metall die Fähigkeit besitzt, Wasserstoff zu
absorbieren (siehe Kap. 2.3.3), läuft die Wasserstoffentstehung und -aufnahme gleichzeitig ab, so dass
die Messung der Absorbtionsgeschwindigkeit, z.B. bei Permeationsmessungen, Rückschlüsse über den
Mechanismus der Wasserstoffentstehung zulässt.
2.3.3 Absorptionsmechanismus
Wegen seiner geringen Größe besitzen Wasserstoffatome die Fähigkeit, sich in Metallen zu lösen. Ein
von Bockris vorgeschlagenes Modell für die Absorption von Wasserstoff in Eisen basiert auf der
Vorstellung, dass der durch die Volmer-Reaktion an der Oberfläche chemisorbierte Wasserstoff nicht
rekombiniert, sondern in einem anschließenden Schritt von der Metalloberfläche absorbiert wird (engl.
= Hydrogen Absorption Reaction, HAR) [16].
H + + e – + Fe
Fe-H ad
H ab + Fe (HAR) (2.7)
Fe-H ad
Demzufolge kann die Absorption des an der Oberfläche chemisorbierten Wasserstoffs als
Konkurrenzreaktion zur Tafel- bzw. Heyrowsky-Reaktion angesehen werden.
Die Geschwindigkeit der Reaktion (2.7) ist proportional zum Bedeckungsgrad der Oberfläche mit
atomarem Wasserstoff [24]. Ausgedrückt als Fluss ergibt sich für die Wasserstoffaufnahme die
Beziehung
=
J
wobei θ H den Bedeckungsgrad der Metalloberfläche, C 0 die Wasserstoffkonzentration direkt unterhalb
der Metalloberfläche, k abs und k des die Geschwindigkeitskonstanten des Absorptions- bzw.
Desorptionsschritts bedeuten. Im Vergleich zu anderen Metallen wie z.B. Palladium ergibt sich für
Eisen infolge der schnellen Rekombinationsreaktion (Glg. 2.2 und 2.4) ein geringer Bedeckungsgrad
(θ H = 0.01), demzufolge nur ein geringer Teil des entstehenden Wasserstoffs auch vom Metall
absorbiert wird. Mit sogenannten Promotoren wie z.B. H 2 S, HCN, As 2 O 3 , CO oder CO 2 kann die
Wasserstoffabsorption verbessert werden [3, 18, 25], indem die Rekombination des an der Oberfläche
adsorbierten Wasserstoffs erschwert wird und so die Wahrscheinlichkeit, dass Reaktion (2.7)
-8-
stattfinden kann, zunimmt [26]. Ein Nachteil der so erhöhten Wasserstoffkonzentration an der
Eintrittseite ist insbesondere in niedriglegierten Stählen die Bildung von Mikrorissen im Metall, die
die nachfolgende Diffusion durch die so zusätzlich erzeugten Fehlstellen negativ beeinflusst [27].
2.3.4 Oberflächeneffekte an unbeschichteten Stahlmembranen
Während des üblichen Korrosionsprozesses gehen Metalle unmittelbar nach der Oxidation unter
Hydratation in Lösung. In bestimmten Fällen kann es jedoch zur Bildung schwerlöslicher
Verbindungen des Metalls mit Bestandteilen des Elektrolyten kommen. Diese schwerlöslichen
Verbindungen können unmittelbar auf der Metalloberfläche entstehen oder sich durch
Konzentrationsfällung im Elektrolyten als Bodenkörper absetzen [28].
Elektrochemische Untersuchungen in den achziger Jahren befassten sich ausführlich mit der Bildung
von Deckschichten bei der Passivierung von Eisen in stark alkalischen Medien [29, 30]. Sie ergaben,
dass die Passivität von Eisen in alkalischen Medien im Wesentlichen auf der Unlöslichkeit eines
Fe(II)-Oxid/Hydroxidfilms beruht, der die weitere Auflösung des unterhalb des Films liegenden
Eisens weitgehend verhindert.
Das folgende Schema zeigt die Reaktion von Eisen bei Kontakt mit alkalischen Elektrolyten. Je nach
Sauerstoffgehalt bzw. elektrochemischem Potential geht das Eisen in den zweiwertigen bzw.
dreiwertigen Zustand über:
Fe 2+ + 2 OH -
Fe(OH) 2 (2.9)
Fe 3+ + 3 OH -
FeOOH + H 2 O
Ferner ergaben Messungen mit Hilfe der Laser-Reflexions-Technik, dass sich bei kathodischer
Polarisation unterhalb eines bereits existierenden Fe(II)-Oxid/Hydroxidfilms ein neuer, hauptsächlich
aus Fe(OH) 2 bestehender Film bildet, der im Laufe der Zeit durch Alterung bzw. durch Oxidation
Bestandteil des ursprünglichen Passivfilms wird, ohne dass die Deckschicht ihren porösen Charakter
verliert. Lediglich durch die Zugabe von komplexierenden Zusätzen, wie z.B. EDTA, können derartige
Passivschichten vollständig reduziert werden [31].
In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass bei elektrochemischen Permeationsmessungen an Eisen
bzw. Stahl in alkalischen Medien Oberflächeneffekte zu erwarten sind, da wie in Kap. 2.3.3 gezeigt,
die Geschwindigkeit der Wasserstoffabsorption u.a. abhängig vom Bedeckungsgrad ist. Dies belegen
Ergebnisse von Permeationsmessungen, wonach vor allem der Wasserstofffluss durch eine
Eisenmembran vom angelegten Potential bzw. dem Passivierungszustand der zu beladenden
Oberfläche abhängig ist [32]. So führte beispielsweise eine Passivierung von 15 Stunden bei freiem
Korrosionspotential in NaOH zu einer Erhöhung der Wasserstoffabsorption. Ferner wurde bei
-9-
Beladungen mit sehr hohen kathodischen Stromdichten (-1.6 V vs. SCE) ein plötzlicher Anstieg des
Wasserstoffflusses beobachtet, nachdem dieser zunächst einen niedrigen, aber konstanten Betrag
aufgewiesen hatte. In einem anderen Fall fanden Scully und Moran bei Permeationsmessungen an
AISI 4340, dass 30 Sekunden in einer schwach alkalischen NaCl-Lösung ausreichten, um den
Wasserstoffeintritt auf ein Zehntel des Wertes zu senken, der erreicht wurde, wenn die Beladung
sofort nach dem Eintauchen in den Elektrolyten begonnen wurde [33]. Vorangegangen waren
Zugversuche bei sehr niedrigen Dehnraten (Slow-Strain-Rate-Tests), in denen immer nur dann ein
Verlust an Duktilität zu beobachten war, wenn die Proben während gleichzeitiger
Wasserstoffbeladung zu Bruch gefahren wurden – unabhängig von der Beladungsdauer vor
Durchführung der Tests. Sie schlossen daraus, dass durch die mechanische Zerstörung nicht näher
charakterisierter Deckschichten aktive Metalloberflächen geschaffen werden, die die Absorption von
Wasserstoff begünstigten.
Grundsätzlich kann eine Entfernung dieser Filme zur Erhöhung des Wasserstoffeintritts und zur
Reduzierung von Nebeneffekten auf unterschiedlichen Wegen erfolgen:
chemisch (konzentrierte, nichtoxidierende Säuren)
elektrochemisch (kathodische Reduktion)
mechanisch (Schleifen, Polieren, plastische Dehnung)
Voraussetzung für die Durchführung von Wasserstoff-Permeationsmessungen sind konstante
Konzentrationsverhältnisse an der Metalloberfläche über einen Zeitraum von mehreren Stunden oder
Tagen. Eigene Untersuchungen zeigen, dass saure Elektrolyten für die Permeationsmessung an dem in
dieser Arbeit verwendeten Stahl nicht geeignet sind. Auch Maßnahmen wie das Polieren bzw. Ätzen
der Oberfläche vor einer Messung verhindern nicht die Bildung einer Passivschicht bei der
nachträglichen Messung in alkalischen Elektrolyten [34].
-10-
2.4 Wasserstofftransport in Eisen und Stahl
2.4.1 Löslichkeit
Der interstitiell gelöste Wasserstoff ist außerordentlich beweglich und lagert sich bis zum Erreichen
der Sättigung auf Zwischengitterplätzen im Metallgitter ein [35]. In Übergangsmetallen gibt er dabei
sein Elektron an das Gittergas ab und liegt als sog. abgeschirmtes Proton vor [36]. Die Konzentration
der auf Zwischengitterplätzen eingelagerten Wasserstoffatome C L ergibt sich nach Oriani zu
C θ
=
L
θ als dem Besetzungsgrad und als N L der Konzentration der Zwischengitterplätze [37]. Kubisch-
mit L
raumzentriertes α-Eisen besitzt zwölf Tetrader- und sechs Oktaederlücken, von denen jeweils eine
Sorte mit Wasserstoffatomen besetzt werden kann. Wenn davon ausgegangen wird, dass die
Wasserstoffatome bei Raumtemperatur nur die Tetraederlücken einnehmen, beträgt N L in reinem α-
Eisen 5.1 · 10 29 /m -3 [38].
In der Regel besitzen metallische Werkstoffe, z.B. auf Grund des Herstellungsprozesses, Fehler im
Atomgitter. Dies können Leerstellen, Korngrenzen, oder Versetzungen sein, die durch lokale
Verzerrungen des Atomgitters die vermehrte Einlagerung von Wasserstoff im Metall fördern, weshalb
sie auch als Wasserstofffallen bezeichnet werden [39, 40, 41]. Nach Oriani ergibt sich die
Wasserstoffkonzentration in den Fallen zu
C θ
=
T
θ den Besetzungsgrad der Fallen und N T die Fallendichte darstellen. Aus theoretischen
wobei T
Überlegungen weiß man, dass die Wasserstoffatome im Gitter und in den Fallen in einem chemischen
Gleichgewicht stehen, wobei das Gleichgewicht wegen der z.T. sehr hohen Bindungsenergie zwischen
Wasserstoffatomen und Gitterfehlstellen stark auf Seiten der Fallen liegt.
-11-
2.4.2 Diffusivität
Der in der Literatur angegebene Wert für den Diffusionskoeffizienten der Gitterdiffusion in reinem α-
Eisen variiert je nach Untersuchungsmethode und Reinheitsgrad [42, 43]. Legierungselemente wie Ni,
Mn, Co und Cr vermindern den Diffusionskoeffizienten von Wasserstoff in α -Eisen [44]. Auch
Nichtmetalle wie Schwefel und Silizium zeigen eine ähnliche diffusionshemmende Wirkung [45].
Kesten führt die Abhnahme der Wasserstoffdiffusion in α -Eisen auf die Wechselwirkungen von
Legierungselementen mit den Wasserstoffatomen zurück [46]. So ist z.B. die Bindungsenergie an
Spannungsfeldern von Fremdatomen 3- bis 4-mal höher als die interstitielle Lösung im Gitter. Neueste
Untersuchungen bestimmen die Diffusionskonstante der reinen Gitterdiffusion D L in α-Eisen bei
Raumtemperatur zu 7.5 · 10 -5 cm²/s [47].
In Stählen wird die Diffusion in erster Linie durch die mikrostrukturellen Eigenschaften bestimmt
[48]. Stähle mit martensitischem Gefüge besitzen eine stark inhomogene Mikrostruktur mit einer
Vielzahl von möglichen Haftstellen für internen Wasserstoff und weisen deshalb im Vergleich zu
ferritischen oder bainitischen Gefügen eine geringe Wasserstoffdurchlässigkeit auf. Messungen der
Diffusionskonstante in Abhängigkeit von der Mikrostruktur zeigen eine Abnahme der effektiven
Diffusion mit steigendem Kohlenstoffgehalt [49]. Bei einem relativ niedrigen Kohlenstoffgehalt von
0.23 wt.% wird der Diffusionskoeffizient bei 298 K mit lediglich 4.24 · 10 -7 cm²/s angegeben.
Auch eine plastische Verformung kann durch die Bildung von zusätzlichen Versetzungen zu einer
Abnahme der effektiven Diffusionsgeschwindigkeit führen [50, 51]. Das damit verbundene Problem
des Wasserstofftransports vor der Rissspitze wurde von Sofronis und McMeeking numerisch
untersucht [52]. Sie kombinierten Orianis Gleichgewichtstheorie über die Wasserstoffverteilung mit
FEM-Rechnungen des elastisch-plastischen Verformungsprozesses vor der Rissspitze. Sie konnten
zeigen, dass sich im Zuge der Verformung große Mengen von Wasserstoff in der plastischen Zone vor
der Rissspitze sammeln. Ausschlaggebend für diese Erhöhung ist die Zunahme der Wasserstofffallen
um mehr als das 200fache. Gleichzeitig sinkt der effektive Diffusionskoeffizient auf 60 % des
Ausgangswertes, d.h. bei reiner Gitterdiffusion. Die Erhöhung der Wasserstoffkonzentration auf
Grund der hydrostatischen Spannungen ist vergleichsweise gering, was bedeutet, dass nicht die
hydrostatische Spannung, sondern in erster Linie die plastische Dehnung über die
Konzentrationsverteilung im Wasserstoff entscheidet. Kennt man den Zusammenhang zwischen
plastischer Verformung und Fallendichte, lassen sich Konzentrationsprofile vor der Rissspitze
erstellen. Aus den Ergebnissen folgt, dass die höchste Wasserstoffkonzentration unmittelbar vor der
Rissspitze erzeugt wird. Der Konzentrationsgradient ist um so steiler, je größer der durch die Dehnung
verursachte Anstieg in der Fallendichte ist.
-12-
Passivschichten sind für atomaren Wasserstoff zwar durchlässig, stellen in der Regel aber ein
Hindernis für die Permeation dar [53, 54]. Schomberg und Grabke untersuchten die
Wasserstoffpermeation durch genau definierte Oxidschichten der Art Fe 1-x O (0.06 < x < 0.11), wobei
sich die Oxidschichten jeweils auf der Austrittsseite einer 1 mm Eisenmembran befanden [55]. Sie
fanden heraus, dass der Diffusionskoeffizient für Wasserstoff in diesen Schichten 4 · 10 -10 cm²/s
beträgt. Dies bedeutet zum einen eine erheblichen Reduzierung der Wasserstoffaufnahme auf Grund
einer Verschiebung des Gleichgewichts in Gleichung 2.7 zu Gunsten der Rekombination, zum anderen
eine Verminderung des effektiven Diffusionskoeffizienten beim Durchtritt von Wasserstoff durch
metallische Werkstoffe. Die Abhängigkeit der effektiven Diffusion vom Detektionspotential lässt
dabei vermuten, dass der Wasserstoff in der Oxidschicht wie auch im Metall als Proton vorliegt [56].
2.5 Mechanismen der Wasserstoffversprödung
Die Vielzahl der durch Wasserstoff hervorgerufenen Effekte hat zur Entwicklung sehr
unterschiedlicher Modellvorstellungen geführt, in denen die bereits diskutierten Wasserstofffallen eine
mehr oder weniger zentrale Rolle spielen. Die folgenden Ausführungen geben einen Überblick über
die für Eisen und Stahl wichtigsten Modelle:
1) Drucktheorie
Dieses auf Zappfe und Sims zurückgehende Modell nimmt an, dass Wasserstoff in inneren Poren und
Mikrorissen rekombiniert und dadurch örtlich sehr hohe interne Spannungen hervorruft [57].
Zusammen mit den von der äußeren Belastung und den Gitterfehlern herrührenden Spannungen
können diese Spannungen die Bindungskräfte benachbarter Atome erreichen und so die Rissbildung
begünstigen. Das Modell erklärt z.B. die Bildung von Beizblasen (blistering) an Weicheisen in
Umgebungsmedien mit extrem hoher Wasserstoffaktivität.
2) Adsorptionstheorie
Nach dem Griffith-Modell ist für ideal spröde Werkstoffe die Bruchspannung proportional zur Wurzel
aus der Oberflächenenergie. Demnach kann aus rein thermodynamischen Überlegungen Wasserstoff
durch Reduzierung der Oberflächenenergie rissbeschleunigend wirken. [58]. Gegen die
Adsorptionstheorie lassen sich zahlreiche Argumente vorbringen. Wichtig erscheint vor allem, dass
Gase mit größeren Adsorptionswärmen (z.B. Sauerstoff) weniger stark rissbeschleunigend wirken als
Wasserstoff und teilweise den Wasserstoffeffekt komplett unterdrücken [59].
3) Dekohäsionstheorie
In diesem Modell schwächt gelöster Wasserstoff die Me-Me Bindung und erhöht so die Neigung zu
Spalt- und Korngrenzenbrüchen. Dieses erstmals von Troiano vorgeschlagene Konzept ist vor allem
-13-
für hochfeste Stähle anwendbar, da hier hohe lokale Spanungen an der Rissspitze vorliegen [60].
Die hohen Spannungen ermöglichen zudem eine merkliche Wasserstoffanreicherung im elastisch
verzerrten Gitter (Gorsky Effekt). Dieses Modell erlaubt die Korrelation der kritischen
Spannungsintensität bei Umgebungseinfluss K ISCC (vgl. Kap. 2.6) mit der Wasserstoffkonzentration im
Werkstoff [61]. Numerische Simulationen ergaben in Übereinstimmung mit den Grundvorstellungen
der Dekohäsionstheorie eine Reduzierung der Bruchspannung [62]. Allerdings fehlen bislang
experimentelle Beweise für eine tatsächliche Schwächung der Me-Me durch interstitiell gelösten
Wasserstoff [63].
4) Wasserstoffinduzierte Entfestigung
Nach Vorstellungen, die auf Beachem zurückgehen, erleichtert Wasserstoff die
Versetzungsbeweglichkeit und trägt über eine Reduzierung der Streckgrenze direkt zum Rissfortschritt
bei [64]. Durch Wasserstoff hervorgerufene Entfestigungsvorgänge wurden experimentell sowohl für
Ein- als auch für Vielkristalle bestätigt [65]. Der Einfluss des Wasserstoffs auf die
Versetzungsbeweglichkeit wurde vor allem durch TEM-Untersuchungen an unterschiedlichen
Metallen belegt [66, 67].
Festzuhalten bleibt, dass keines der oben genannten Modelle die Vielzahl der in der Literatur
vorliegenden Ergebnisse erklären kann. Vielmehr liegt je nach untersuchtem System eine
Kombination mehrerer Mechanismen vor, bei dem ein oder mehrer Mechanismen überwiegen.
2.6 Bruchmechanische Grundlagen und Bezeichnungen
Die durch Wasserstoff ausgelösten Änderungen der mechanischen Eigenschaften können bei
makroskopischer Betrachtungsweise als Sonderfall der Spannungsrisskorrosion angesehen werden.
Unter Spannungsrisskorrosion wird allgemein das Zusammenwirken eines für einen gegebenen
Werkstoff spezifisch wirkenden Korrosionsmediums und einer (statischen oder zeitlich zunehmenden)
Zugspannung verstanden (DIN 50 922). Bei dieser Definition ist es unerheblich, ob die Rissbildung
und -ausbreitung unter dem Einfluss einer von der Werkstückoberfläche ausgehenden, zu anodischer
Metallauflösung führenden elektrochemischen Reaktion des Werkstoffs mit einzelnen Komponenten
der Umgebung erfolgt, oder ob die Schädigung als Folge der Aufnahme von Bestandteilen aus der
korrosiven Umgebung, insbesondere von Wasserstoff, eintritt.
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Guido Juilfs, 2000, Das Diffusionsverhalten von Wasserstoff in einem niedriglegierten Stahl unter Berücksichtigung des Verformungsgrades, Munich, GRIN Publishing GmbH
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