Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 4
2. Überblick über die korinthische Gemeinde. 5
2.1 Die Stadt Korinth. 5
2.2 Die christliche Gemeinde in Korinth 6
3. Frühchristlicher Gottesdienst in Korinth 9
3.1 Grundsätzliche Erwägungen. 9
3.2 Versammlungsort und -zeit. 10
3.3 Versammlungsablauf. 11
3.3.1 Deipnon. 15
3.3.2 Symposion 18
4. Das Leib-Christi-Motiv 21
4.1 Das Leib-Motiv in der vorpaulinischen Antike 21
4.1.1 In der Rede des Menenius Agrippa. 21
4.1.2 Bei Seneca und Cicero 22
4.1.3 Bei Platon und Aristoteles 23
4.1.4 Im Judentum 23
4.2 Religionsgeschichtliche Herkunftsmöglichkeiten des Motivs. 23
4.2.1 Der gnostische Anthroposmythos 24
4.2.2 Die Allgott-Vorstellung. 24
4.2.3 „Corporate personality“ und rabbinische Adam-Spekulation 25
4.2.4 Innerchristliche Herleitungsversuche 25
4.3 Das Leib(-Christi)-Motiv bei Paulus. 26
4.3.1 Textbefund in 1 Kor. 26
4.3.2 Das Leib-Christi-Motiv in 1 Kor 12 28
5. Die gottesdienstliche Ordnung 31
5.1 Pauli Anweisungen für das Deipnon 31
5.2 Pauli Anweisungen für das Symposion 36
5.3 Die Charismen im Einzelnen 37
5.3.1 Apostel (avpo,stoloi) 40
5.3.2 Propheten (profh/tai) 42
5.3.3 Lehrer (dida,skaloi) 45
5.3.4 Wunderkräfte (evnergh,mata duna,mewn) 46
5.3.5 Heilungen (cari,smata ivama,twn) 47
5.3.6 Hilfeleistungen (avntilh,myeij) 47
5.3.7 Leitungen (kubernh,seij) 48
5.3.8 Zungenrede (glw,ssaij lalei/n) und deren Auslegung (e rmhnei,a
glwssw /n) 50
5.3.9 Unterscheidungen der Geister (diakri,seij pneuma,twn) 51
5.4 Das „Hohelied der Liebe“ 1 Kor 13. 52
6. Theologisches Resümee 54
7. Ausblick. 55
Abk ürzungen. 56
Literaturverzeichnis. 57
Biblische Quellen. 57
Au ßerbiblische Quellen. 57
Hilfsmittel 58
Kommentare 58
Monografien und Aufsätze 58
1. Einführung
In den Kapiteln 11-14 des 1. Korintherbriefs findet sich die ausführlichste Beschreibung eines frühchristlichen Gottesdienstes im Neuen Testament. Deshalb wollen wir dieses Dokument näher betrachten, und zwar unter folgenden Hinsichten: Wie haben wir uns die Gemeindeversammlung kurze Zeit nach Gemeindegründung durch Paulus in Korinth vorzustellen? (siehe 3.) Welche besondere Bedeutung kommt dem von ihm im Kap. 12 seines Briefes breit ausgeführten Motiv vom Leibe Christi zu? (siehe 4.) Welche Anweisungen gibt der Apostel der jungen Gemeinde in diesem Zusammenhang für die Ordnung ihrer Gemeindeversammlung? (siehe 5.) Zuvor ist aber zu klären, was wir über die Stadt und die Gemeinde von Korinth zur Zeit des Paulus wissen und darüber, welche Vorstellung Paulus überhaupt mit einem Begriff wie evkklhsi,a verbindet. (siehe 2.) Wir wollen versuchen, diese Fragen schrittweise zu beantworten.
Da es zu den Themenkreisen aber mittlerweile eine überaus große Menge an Sekundärliteratur gibt, die den Umfang einer Diplomarbeit sprengen würde, werden wir uns auf wesentliche, einschlägige Werke beschränken, um die Zusammenhänge herauszuarbeiten. Voraussetzung ist dabei eine ebenfalls strenge Beschränkung bei den Quellen: in unserer Arbeit insbesondere auf den 1. Korintherbrief (1 Kor). Dabei gehen wir davon aus, dass 1 Kor im Wesentlichen eine literarische Einheit darstellt 1 und ca. ein Jahr nach Gemeindegründung um 54/55 n. Chr. in Ephesus abgefasst wurde. 2 Weitere Briefe von Paulus, die je in ihrer eigenen Situation gesehen werden müssen, werden wir nur dann heranziehen, wenn es von der Sache her besonders geboten scheint. Auf Bezugnahmen zu Epheser- und Kolosserbrief verzichten wir fast durchweg, da die aktuelle Forschung zumeist gegen eine paulinische Verfasserschaft argumentiert.
Die griechischen Schriftzitate der Arbeit folgen der Edition von Nestle/Aland; die deutschen, sofern nicht anders vermerkt, dem Münchener Neuen Testament, allerdings auf neue Rechtschreibung abgewandelt.
1 SCHNELLE, 1999, 78: „Die zahlreichen Teilungshypothesen zum 1Kor stellen zumeist eine vage Möglichkeit, keineswegs aber eine zwingende Notwendigkeit dar.“ Zu ähnlichem Ergebnis kommt SCHRAGE, 1991, 63-71.
2 SCHNELLE, 2003, 204. Früher datiert GNILKA, 1997, 313. Für Ephesus als Abfassungsort spricht 1 Kor 16,8.
2. Überblick über die korinthische Gemeinde
Verschaffen wir uns also einen Überblick über die Stadt und die christliche Gemeinde in Korinth. Die Voraussetzungen stehen relativ gut, da wir über keine frühchristliche Gemeinde besser unterrichtet sind als über die korinthische. So machen die beiden Briefe an die Christen dieser Stadt beinahe die Hälfte der als echt geltenden Korrespondenz des Paulus aus.
2.1 Die Stadt Korinth
Die Stadt Korinth wurde 146 v. Chr. als letzte Bastion des griechischen Widerstands gegen Rom von einem Heer unter Lucius Mummius zerstört und dann 44 v. Chr. als römische Kolonie von Caesar neu gegründet, der dort Freigelassene und Veteranen ansiedelte. 3 Das römische Element scheint in der neuen Stadt dominiert zu haben. Für antike Verhältnisse war Korinth mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 100 000 eine Großstadt; ein Drittel der Bevölkerung dürften Sklaven gewesen sein. Die Relation der durch Ausgrabungen abschätzbaren Stadtfläche zur Einwohnerzahl ergibt eine recht hohe Bevölkerungsdichte.
Korinth konnte zur Zeit des Paulus noch nicht wie etwa Athen auf eine lange Tradition zurückblicken, sodass es Neuem gegenüber aufgeschlossener gewesen sein mag als andere Orte. 4 Durch die Heterogenität der Bevölkerung ist zudem ein außergewöhnliches Verlangen nach einer neuen sozialen und kulturellen Identität anzunehmen. Die enorme Pluralität von Weltanschauungen und Lebensentwürfen ersieht man aus dem Stadtmittelpunkt, der Agora, die mit ihren Verwaltungsgebäuden und Läden von Tempeln eingerahmt war.
Während Korinth kein Zentrum von Kunst und Wissenschaft war, zeigen die Ausgrabungen einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung, der auf Handel, Finanzgeschäften, handwerklicher Produktion sowie auf der in Korinth zentrierten
3 Zum Abschnitt 2.1 vgl. v. a. THEISSEN, 1974/I, 260-263, zudem SCHRAGE, 1991, 25-29, SCHNELLE, 2003, 201f sowie KLAUCK, 1985, 37 und 1992/II, 17-21.
4 Vgl. den relativen Misserfolg des Paulus in Athen Apg 17,16-34 gegenüber dem großen Erfolg in Korinth Apg 18,1-11.
staatlichen Verwaltung der Provinz Achaia basierte. Viele Korinther werden in dieser Zeit sozial aufgestiegen sein. Auf der anderen Seite gab es eine große Zahl von Lohnarbeitern und Sklaven; ebenso einen hohen Grad an Prostitution, für den Korinth sprichwörtlich bekannt war. Für das 2. Jahrhundert n. Chr. bezeugt der Rhetor Alciphron jedenfalls einen scharfen Gegensatz der sozialen Schichten.
2.2 Die christliche Gemeinde in Korinth
Fast zwei Jahrzehnte nach seiner Bekehrung und mehrere Jahre, nachdem er als christlicher Missionar der Gemeinde von Antiochien gewirkt hatte, gelangte Paulus nach Korinth, um dort eine christliche Gemeinde zu gründen. 5 Das bestehende Kommunikationssystem der jüdischen Diasporagemeinden hielt für Paulus die Infrastruktur bereit, das christliche Evangelium zu verkünden. Neben Juden und Proselyten dürften vor allem die Gottesfürchtigen Adressaten seiner Verkündigung gewesen sein. Das Christentum war für diesen Personenkreis besonders anziehend, da es ihnen eine monotheistische Lehre mit attraktiver Ethik bot - und zwar mit vollwertigem Status innerhalb der Gemeinschaft. Des Weiteren gehörten Heiden zur Zielgruppe des Apostels, besonders solche, die bereits zuvor in Kontakt mit dem Judentum standen. 6 KLAUCK postuliert sogar, dass die Mehrzahl der jungen Christen aus dem Heidentum kam, was aus 1 Kor 12,2 sowie am Beispiel der religionsverschiedenen Ehen (1 Kor 7,12-16) ersichtlich ist. 7
Die von Paulus gegründete Korinthergemeinde dürfte zur Zeit des 1 Kor nicht allzu groß gewesen sein; man kann mit einer Zahl zwischen etwa 30 und 200 Gemeindegliedern rechnen. 8 Die Untergrenze ergibt sich durch eine Hochrechnung der in den Paulusbriefen namentlich genannten Korinther, die Obergrenze durch die platzmäßige Beschränkung bei einer Versammlung der Gesamtgemeinde etwa in einem Privathaus, einer größeren Villa oder einem dafür angemieteten Saal sowie durch den hohen Grad an Interaktion, wie er aus
5 SCHNELLE, 2003, 40.
6 SCHNELLE, 2003, 142-144.
7 KLAUCK, 1985, 38. Ebenso SCHNELLE, 2003, 202f.
8 KLINGHARDT, 1996, 325: „(…) Gemeindegröße, deren untere Grenze bei mehr als 30 Personen liegt, die aber ohne weiteres auch doppelt so groß gewesen sein kann“. KLAUCK, 1984, 46: „[S]ehr viel mehr als ca. 100 bis 200 Mitglieder dürfte die Gemeinde von Korinth zur Zeit der korinthischen Korrespondenz des Paulus nicht umfaßt haben.“
1 Kor 14 für die Versammlungen ersichtlich ist. Am ehesten wird man zur Zeit des 1 Kor mit einer Zahl von 30 bis 50 Christen rechnen dürfen.
Die Gemeinde hat sich „mehrheitlich aus den niederen Ständen und ärmeren Schichten der Bevölkerung, also aus Sklaven und Freigelassenen, Hafen- und Lohnarbeitern, Matrosen und Handwerkern u.ä. (vgl. 1Kor 1,26-28; 7,21; 12,13) [rekrutiert], während eine Minderheit den sozial besser gestellten Kreisen zugehörte“ 9 . Es ist wahrscheinlich, dass in der korinthischen Gemeinde aufgrund der schichtspezifischen Unterschiede soziale Spannungen aufgetreten sind, die ihre Auswirkungen auf das Gemeindeleben hatten, und zwar aufgrund verschiedener Interessen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten. Die soziale Zusammensetzung der Gemeinde dürfte für alle hellenistischen Gemeinden charakteristisch gewesen sein. 10
Konfliktpotential bestand in der korinthischen Gemeinde neben Fragen der sozialen Integration auch beim Umgang mit heidnischen Opfermählern, in Fragen der Ehe und Sexualmoral sowie bei Prozessen vor heidnischen Gerichten und bezüglich der Ordnung in der Gemeindeversammlung.
Halten wir uns vor Augen, dass Paulus, wenn er von evkklhsi,a spricht, im Regelfall die einzelne Ortsgemeinde versteht, nicht etwa einen übergreifenden Zusammenschluss aller Gemeinden untereinander. So beschreibt er etwa in 11,18 und 14,23 eine Versammlung der Gemeinde als „Zusammenkunft evn evkklhsi,a|“ bzw. „Zusammenkunft der evkklhsi,a“. Trotzdem erfährt sich die korinthische Gemeinde als eingebunden in übergreifende Strukturen; sonst könnte Paulus nicht auf das hinweisen, was in anderen Gemeinden üblich ist. Auch kann in 12,28 evkklhsi,a schwerlich auf die Ortsgemeinde beschränkt gedacht werden. 11
Trotzdem bietet es sich an, evkklhsi,a nicht mit „Kirche“, sondern „Gemeinde“ zu übersetzen.
9 SCHRAGE, 1991, 32. Seite 33 führt er zu den „bessergestellten Kreisen“ etwa diejenigen an, die der Gemeinde Unterkunft bieten können und die nach 11,21f mehr zu essen und zu trinken haben als der Rest der Gemeinde.
10 Vgl. THEISSEN, 1974/I, 231.263.267.
11 Vgl. KLAUCK, 1985, 44. Verweis auf andere Gemeinden in 4,17; 7,17; 11,16; 16,1.
Die erste und alltägliche Kontaktmöglichkeit der Gemeindeglieder untereinander dürften die so genannten Hausgemeinden gewesen sein, 12 die sich in Privathäusern zusammenfanden. Paulus spricht dreimal von h` katV oi=kon evkklhsi,a, 13 was man am besten mit „die sich hausweise konstituierende Gemeinde“ im Deutschen wiedergeben kann. 14 In soziologischer Hinsicht lässt sich das Haus für eine kleine Gruppe von Menschen als elementarer Lebensraum bezeichnen, in dem intensive orts- und zeitgleiche Kommunikation am natürlichsten gegeben ist. Dies sagt sehr viel über das Selbstverständnis und die Gestalt des Lebens der frühchristlichen Gemeinden aus, da sie die Qualität der Beziehungen untereinander analog zu häuslichen Primärbeziehungen verstehen und leben, wie sie sich ja auch gegenseitig als Brüder und Schwestern ansprechen. Außerdem lässt die Nennung der Hausgemeinden im Rahmen von Briefadressen oder Grußlisten ihre Funktion als kommunikative Schnittstellen erkennen. 15
Dass aber von der Außenwahrnehmung her die Gemeinde als einer unter vielen antiken Vereinen erschienen sein dürfte, was spätestens KLINGHARDT in seiner ausführlichen Studie nachgewiesen hat 16 , liegt an den - allerdings gegen die Zeugnisse aus dem paganen Vereinswesen wöchentlichen - Versammlungen der Gesamtgemeinde. Die wöchentliche Frequenz der Versammlungen entspricht allerdings wiederum der wöchentlichen Versammlung in den jüdischhellenistischen Synagogengemeinden, die im römischen Reich sogar als galten. 17 lizenzierte Die Versammlungen der christlichen collegia
Gesamtgemeinde werden wir im folgenden Kapitel explizieren.
12 So lesen wir mehrfach, dass ein ganzes Haus zusammen getauft wurde, z. B. 1 Kor 1,16.
13 Röm 16,5; 1 Kor 16,19; Phlm 2.
14 Vgl. den Vorschlag von KLAUCK, 1992/II, 28. Um eine Klärung des Phänomens der Hausgemeinden geht es insbesondere BUTTON/VAN RENSBURG, 2003, die nach umfangreicher Einzelwortanalyse die englischen Übersetzungen „home-based church gathering“ bzw. „church-gathering in the home of X“ vorschlagen (S. 11).
15 Vgl. RECK, 1991, 236f.
16 KLINGHARDT, 1996 stellt die Gemeinsamkeiten zwischen den Versammlungen der frühen Christen und Privat- bzw. Vereinsmählern in deren Umwelt dar. Er findet sowohl in heidnischen als auch in den christlichen Versammlungen Mahlgemeinschaften, die Werte wie Koinonia, Philia und Charis verkörpern und einen Ort sozialer Wohltaten durch die reicheren Mitglieder sowie Diskussionsforen für religiöse, philosophische und politische Fragen boten. Zuvor stellte schon KLAUCK, 1995, 49-58 eine Analogie zum paganen Vereinswesen her. Vgl. SCHNELLE, 2003, 155f.
17 Vgl. SCHNELLE, 2003, 156, Anm. 66.
3. Frühchristlicher Gottesdienst in Korinth
3.1 Grundsätzliche Erwägungen
Bevor die gottesdienstliche Ordnung besprochen werden kann, gilt es, eine detaillierte Vorstellung vom Gottesdienst in einer frühchristlichen Gemeinde wie Korinth zu bekommen.
Hier sind wir gleich vor terminologische Schwierigkeiten gestellt, denn es gibt kein biblisches Wort, das exakt unserem deutschen Begriff „Gottesdienst“ entsprechen würde, der für manche biblische Begriffe zu unspezifisch und zu weit gefasst ist, für andere nur einen zu schmalen Deutungsbereich abdeckt. 18 So besteht ein großer Unterschied zwischen „kultischem Gottesdienst“ und einem „Gottesdienst im Alltag“; außerdem gibt es akultische religiöse Handlungen. Seit Luther wurde immer wieder ein Gottesdienstverständnis als „Gott dienen im Alltag durch das Tun seines Willens“ eingefordert, was sich umgangssprachlich jedoch kaum durchgesetzt hat. 19
Einerseits wird in der Forschung häufig eine frühchristliche Ablehnung des Kultes postuliert; andererseits wird vielfach von Liturgien späterer Jahrhunderte nach neutestamentlichen Liturgien zurückgefragt und zugleich deren fragmentarischer Charakter bedauert. Wenn dann von der späteren Entwicklung in Wortgottesdienst und Eucharistiefeier her anachronistisch die Quellen befragt werden, wird die zusammenhängende Schilderung des paulinischen Gemeindegottesdienstes in 1 Kor 11-14 nicht erkannt und außerdem vor Verallgemeinerung der korinthischen Darstellung gewarnt. „Der liturgische Ansatz kann so zu einer Überbewertung von primär nicht gottesdienstlichen Quellen und zu einer Vernachlässigung von direkten gottesdienstlichen Hinweisen führen.“ 20
Im Verständnis der ersten Christen hat „Gottesdienst“ sicher nicht nur in den Versammlungen stattgefunden. Dennoch möchten wir uns in unserer
18 Vgl. WICK, 2003, 21.
19 Vgl. WICK, 2003, 25.
20 Vgl. WICK, 2003, 31-33, hier 32, der in seiner Arbeit zeigt, dass weder das Neue Testament antikultisch eingestellt ist noch die frühchristlichen Gottesdienstformen mit dem Liturgiebegriff zu fassen sind.
Untersuchung auf die Versammlungen konzentrieren, weil diese das Zentrum christlichen Lebens darstellten, von dem aus die Gemeinde sich auch verstanden haben dürfte. 21 „Gottesdienst“ soll also im Folgenden immer nur die Versammlung der Gesamtgemeinde bezeichnen. Als ein Zeugnis für solche Versammlungen sehen wir 1 Kor 11-14 an. Dass die dortige Beschreibung tatsächlich eine Einheit darstellt und sogar am Verlauf der Versammlung orientiert ist - was schon vielfach bestritten wurde -, ist unter 3.3 näher auszuführen.
3.2 Versammlungsort und -zeit
Wo und wann haben nun die Versammlungen der korinthischen Gesamtgemeinde stattgefunden? Kirchenbauten, also extra für die Versammlungen zum christlichen Gottesdienst geschaffene Gebäude, gab es jedenfalls erst später. Als Versammlungsort ist daher ein Privathaus 22 , eine größere Villa oder auch ein dafür angemieteter Saal denkbar, wie auch Apg 19,9 für die Gemeinde von Ephesus bezeugt 23 .
Ein regelmäßiger Zeitpunkt für die Versammlungen der Gesamtgemeinde wird nicht genannt, kann also nur vage erschlossen werden. Analog zu jüdischen Synagogenversammlungen ist wohl von einer wöchentlichen Versammlung auszugehen, und zwar am Tag nach dem Sabbat 24 . Und da aufgrund der
21 BOUSSET hat das in uns etwas fremder Sprache, aber treffend so ausgedrückt: „Denn hier in den Versammlungen der Gemeinschaft, im Gottesdienst und Kult erwuchs den Christgläubigen das Bewusstsein ihrer Einheit und einzigartigen soziologischen Geschlossenheit. Tags über zerstreut, im Beruf des alltäglichen Lebens, in der Vereinzelung, innerhalb einer fremden Welt dem Spott und der Verachtung anheimgegeben, sammelten sie sich des Abends, wohl so oft wie möglich, zur gemeinsamen heiligen Weihemahlzeit. Da erlebten sie die Wunder der Gemeinschaft, die Glut der Begeisterung eines gemeinsamen Glaubens und einer gemeinsamen Hoffnung; da flammte der Geist auf, und umgab sie eine Welt voller Wunder (…).“ (W. BOUSSET: Kyrios Christos. Geschichte des Christusglaubens von den Anfängen des Christentums bis 1 1913), Göttingen 6 1967, 89; zit. nach KLAUCK, 1992/II, 40.) Nüchterner SCHNELLE, 2003, 155f: „So wie Irenäus (
sich in der römisch-hellenistischen Antike das Gemeinschaftsleben in Vereinen vollzog und im Gemeinschaftsmahl seine Mitte und seinen Höhepunkt hatte, strukturierte sich auch das christliche Gemeinschaftsleben um das Gemeinschaftsmahl herum.“
22 KLAUCK, 1992/II, 26 folgert aus Röm 16,23: „Offenbar war Gaius in der Lage, in seinem Haus die ganze korinthische Ortsgemeinde für ihre Vollversammlungen zu beherbergen.“
23 Vgl. KLINGHARDT, 1996, 326 sowie KLAUCK, 1984, 46.
24 In Anlehnung an die Anweisung aus 16,2, am ersten Tag der Woche einen Kollektenbeitrag zurückzulegen.
Mahlbezeichnung als eine morgendliche Veranstaltung
unwahrscheinlich ist, darf man in Folge des jüdischen Tagesverständnisses, nach dem der neue Tag bei Sonnenuntergang beginnt, auf den Samstagabend schließen. 26
3.3 Versammlungsablauf
Bereits in 3.1 wurde angesprochen, dass unsere heutigen Gottesdienstkategorien Wortgottesdienst und Eucharistiefeier nicht direkt auf die korinthische Gemeinde angewendet werden können. Wir werden vielmehr sehen, dass bei Versammlungen der Gesamtgemeinde in Korinth von einem Mahl mit anschließender Wortfeier ausgegangen werden muss; die antiken Kategorien dafür sind Deipnon 27 und Symposion 28 . So vertreten es auch die meisten aktuellen exegetischen Studien.
Gegen die Einheit aus diesen beiden Teilen wurde vielfach angeführt, dass die ersten Christengemeinden aus dem Judentum hervorgegangen sind; da man den jüdischen Synagogengottesdienst für einen reinen „Wortgottesdienst“ hielt, wurde auch ein Zusammenhang einer Wort- mit einer Mahlfeier als unwahrscheinlich angesehen. 29 Allerdings geht diese These von der Vorstellung eines rabbinischen Gottesdienstes aus, während die jüdischen Sabbatversammlungen bis zur Zeit der Tempelzerstörung 70 n. Chr. möglicherweise auch mit einer vorausgehenden Mahlfeier verbunden waren. 30 Auch der scheinbare Beweis für die Aufspaltung in
25 dei/pnon bezeichnet bei den Griechen besonders die Hauptmahlzeit um Sonnenuntergang, auch ein festliches Gelage und Gastmahl.
26 Mit WICK, 2003, 211. Für den Sonntagabend (ohne Berücksichtigung des jüdischen Tagesverständnisses) plädiert KLAUCK, 1984, 47. Das ist uns nicht einsichtig, denn die frühen Christen haben die Tageszählung sicher von den Juden übernommen, sodass der Sonntagabend bereits zum zweiten Tag nach dem Sabbat gezählt haben dürfte.
27 Siehe 3.2.
28 Was „Symposion“ für die christliche Gemeinde bedeutet, werden wir in 3.3.2 näher betrachten. Für die griechisch-römische Welt bedeutete der Begriff nach HILTBRUNNER, 1995, 565 „das gemeinsame Zechen bei Wein und froher Unterhaltung (z. B. Singen von Skolia, Rätselraten). In gebildeter Gesellschaft hielt etwa jeder eine Rede zu einem gemeinsam gestellten Thema. Oft wurden Tänzerinnen, Flötenspielerinnen und Hetären zur Unterhaltung der Gäste angestellt. Dem S. ging meist ein Essen (Deipnon) voraus. (…)“
29 Vgl. BARTH, 1996, 69 (mit weiterer Literatur).
30 Vgl. KLINGHARDT, 1996, 251-267.
eine Mahlfeier und eine an anderem Ort bzw. zu anderer Zeit stattfindende Wortfeier, was mit der Anwesenheit von Ungläubigen im Kontext von Kap. 14 begründet wird, die man sicher nicht hätte am Herrenmahl teilnehmen lassen, setzt eine nachweislich erst viel später aufkommende Arkandisziplin voraus. Außerdem wäre es ja denkbar, dass die Ungläubigen nur zu einem Teil der Gemeindefeier eingeladen waren, 31 so wie bei paganen Vereinsversammlungen auch nach dem Mahl noch „späte Gäste“ hinzukommen konnten. 32
Für die Einheit spricht eine Reihe von stichhaltigen Argumenten. So bilden etwa auch in der Schilderung Apg 20,7-11 Brotbrechen und Unterweisung (durch den Apostel Paulus) eine unbezweifelbare Einheit. Wenn das auch nicht heißt, dass das überall so gewesen sein muss, so scheint doch die Verbindung nichts Ungewöhnliches zu sein.
Die Einheit von Mahl- und Wortfeier begründet sich zudem recht eindeutig philologisch durch den sich ausbildenden terminus technicus für die gottesdienstliche Versammlung, nämlich das Verbum sune,rchsqai
(zusammenkommen). 33 „Es kommt bei Paulus siebenmal vor, davon stehen fünf Belege in 1 Kor 11 (V. 17.18.20.33.34) und die übrigen zwei in 1 Kor 14 (V. 23.26). Zweimal ist es verbunden mit evpi. to. auvto, (11,20; 14,23), was ‚an einen Ort’ oder ‚zu diesem Zweck’ heißen kann (…).“ 34 Wenn Paulus dasselbe Wort ohne weitere Differenzierung sowohl in Kap. 11 bei der Besprechung der Mahlfeier als auch in Kap. 14 bei der Besprechung der Wortfeier verwendet, darf man wohl davon ausgehen, dass es sich um ein und dieselbe Versammlung handelt.
KLINGHARDT begründet zudem die geforderte Einheit mit seinen Forschungsergebnissen zu hellenistisch-paganen Vereinsmahlzeiten, die als Parallele zu den urchristlichen Versammlungen heranzuziehen seien, und schreibt: „Beides gehört vielmehr als Mahl und nachfolgendes Symposion ursprünglich und untrennbar zusammen“, und: „(…) ist die Abfolge von Syssition [≈ Deipnon] und Symposion das Normale, das eigentlich keiner weiteren Begründung mehr bedarf. Wenn die Korinther zum Mahl zusammengekommen sind, dann ist ein nachfolgendes
31 Vgl. KLAUCK, 1984, 56f.
32 Vgl. KLINGHARDT, 1996, 86f.
33 Vgl. SCHRAGE, 1999, 18.
34 KLAUCK, 1984, 52.
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