Inhalt:
1) Einleitung
2) Geschichte der Melancholie
3) Allgemeine Ansätze
4) Die „Melencolia 1“ (Albrecht Dürer)
5) Der Melancholiker und der Sinn
6) Schlusswort
1)
Melancholie ist ein antiker Begriff, der heute fast
vollständig von dem Wort Depression ersetzt, aber seit jeher in Verbindung mit Andersartigkeit gebracht wird. Im Vergleich zur Depression beschreibt die Melancholie, die im Zeichen des dunklen Monats November steht, ein Spektrum, welches sowohl Kunst und Philosophie, als auch Wissenschaft und Intellektualität umfasst und sich so nicht nur als „Krankheit “ definiert.
An dem nebenstehenden Schaubild ist gut zu erkennen, welche Position der Begriff der Depression im Melancholiebegriff einnimmt; d. h. sie ist die negative, krankhafte Seite der Melancholie.
2)
Im Altertum, bzw. in der
Antike
wurde Melancholie (M.) als ein überwiegend körperliches Problem gesehen, dass sich nach
Hippokrates von Kós
durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte (Überschuss an schwarzer Galle) definierte und vor allem die Niere und die Milz organisch betraf. Diese Medizinierung der M. setzte sich in der arabischen Medizin fort und blieb bis zum
Mittelalter
vorhanden. In der durch die Kirche beherrschten Gesellschaft des Mittelalters, wurde die M. nicht mehr als Krankheit, sondern als eine Art Gotteslästerung gesehen, da der Melancholiker die Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung verneint. In den Augen der Gesellschaft war der Melancholiker ein hochmütiger, überheblicher Mensch mit Hang zur dunklen Seite (Satan), da sie durchaus gebildeter waren als die „Normalbevölkerung“. Somit waren die Melancholiker auch damals schon Außenseiter und dadurch „Sonderlinge“. Damals war die M. auch als
"Mönchskrankheit" bekannt, da Mönche als Gelehrte zeitweise in Verzweiflungszustände verfielen und über die Welt sinnierten. Während der
Renaissance
wurde durch die Utopisten quasi ein „Melancholie-Verbot“ verhängt, da in ihren geordneten Vorstellungen kein Platz für andere Weltanschauungen war. Dieser Widerspruch zur göttlichen Ordnung war auch der Grund für das Verbot der M. am absolutistischen Hof. Im
17. Jahrhundert
wurde die M. zum Privileg des Souveräns, wodurch auch gleichzeitig jeder Melancholiker im Verdacht stand ein Frondeur des Königs zu sein. Im folgenden,
18. Jahrhundert
wurde die M. in Deutschland zur allgegenwärtigen Grundstimmung des Bürgertums, da geschichtlich
gesehen, alle Bemühungen um die Abschaffung der Kleinstaaten und die Gründung eines vereinten Deutschlands vergebens waren. So wurde der Schriftsteller Lenz nach eigenen Angaben zum Melancholiker, da er der Resignation nicht standhalten konnte. Diese Grundstimmung wurde bald zu einer, den Künstlern zugeordneten Eigenschaft, die eine ganze Subkulturen prägte (Boheme, Dandyismus) und zu einem Exilierungsprozess führte, der die durch z. B. die Kunst definierte ins „innere Ausland“ verbannte. Seine stärkste und extremste Ausprägung erhielt dieser Effekt während des Nazi-Regimes vor dem Künstler in Massen flohen und damit auch die Kultur mit sich nahmen.
Heute kann die M. als gesellschaftliches Grundmuster gesehen werden, die angesichts der negativen Zukunftsperspektiven nicht unbedingt als „Schwarzmalerei“ bezeichnet werden muss, sonder eventuell sogar als eine realistische Sichtweise auf die Welt.
3)
Generell wird die M. mit auch heute noch als eine Charaktereigenschaft gesehen und mit Introvertiertheit, sowie Trauer und Verzweiflung in Verbindung gebracht. Der Grund dieser trauerähnlichen Empfindungen ist dem Melancholiker nicht bekannt. Dieses Faktum ist die notwendige Bedingung der M., da der Melancholiker kein Melancholiker mehr wäre, wenn er den Grund seiner Trauer kennen würde. Er wäre dann „nur noch“ ein normal trauernder Mensch. Die Sinnlosigkeit dieses Zustandes ist ihm dabei durchaus bewusst, jedoch ist es ihm nicht möglich seine Sehnsucht zu benennen oder zu stillen. Vergleichbar ist diese mit einer Art Heimweh nach einem unbekannten Ort, da er sich in der Welt nicht zu Hause fühlt.
Da für den Melancholiker der Tod und die Zeichen des Untergangs allgegenwärtig ist erkennt er diesen in jedem Verlust. So sieht er z. B. im Verlust eines Stiftes, die Vergänglichkeit der ihm fremden Welt und seien eigenen Tod. Laut Freud empfindet der Melancholiker eine neurotische Trauer, die vom imaginären Verlust und der darauffolgenden Identifizierung mit dem verlorenen Objekt den Selbstverlust zur Folge hat. Alles entstehende hat für ihn den sofortigen Zerfall zur Folge, was durch den sinnbildlichen Vergleich des Lebens mit einer Ruine deutlich wird. Da das Leben für den Melancholiker nur als Durchgang zum Tod gesehen wird und er selbst sich in ihr gefangen fühlt, rühren die meisten Suizid-Versuche aus Ungeduld, die sich allerdings auch gegen die Umwelt richten kann: „(Krafft-Ebing berichtet die Geschichte eines zwanzigjährigen, seiner Ansicht nach melancholischen jungen Mannes, der 1851, im Theater von Lyon eine Frau erstochen und dann ihrem Mann erklärt haben soll: „Sie haben mir nichts zu Leid gethan, auch Ihre Frau nicht. Ich kenne Sie nicht.“ Im Verhör erklärte er, des Lebens überdrüssig zu sein und gemordet zu haben, um hingerichtet zu werden“ Krafft-Ebing,85)“ ³
Da Suizid und Mord als verwerflich gelten, wird klar, dass die M. in der Gesellschaft nicht willkommen ist. In der Vergangenheit und zum Teil auch in der Gegenwart werden Melancholiker genauso wenig akzeptiert/toleriert wie Anarchisten, Terroristen, Revolutionäre, Mystiker, Propheten, verzweifelte Menschen und Geisteskranke. In der Gesellschaft ist kein Platz für diese Menschen und ihre Weltanschauungen, was mit der Selbsteinschätzung des Melancholikers übereinstimmt. Er ist ein Außenseiter, weil seine Werte und Normen nicht konform mit denen der übrigen Gesellschaft sind. Dies ist aber kein Zustand der ihm
Arbeit zitieren:
Andrea Dittrich, 2006, Melancholie, München, GRIN Verlag GmbH
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