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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Intertextualität und Parodie in La Regenta 5
2.1 Zur Bedeutung intertextueller Bezugnahmen in La Regenta -
Ana zwischen Parodie und Ernst
3. Auf der Suche nach einer spezifisch weiblichen Identität - Ana zwischen Rollenkon-
formit ät und -verweigerung
3.1 "No ser como todas las otras" 8
3.1.2 Das melancholische Genie 10
3.2 Teresa de Ávila - der Versuch einer Identitätsstiftung 12
3.3 Die Mystikerin als Paradigma weiblicher Subjektivität 14
3.4 Mystik als Ort weiblichen Schreibens? 17
4. Ein weibliches Schicksal aus männlicher Perspektive
4.1 "Ana Ozores - c'est moi" 22
4.2 Ana als Diskurs-Objekt 24
4.3 Die Pathologisierung von Weiblichkeit 27
5. Konklusion 32
Bibliographie 35
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1. Einleitung
Im Spanien der Restaurationszeit setzte vor allem im Anschluß an den französischen naturalistischen-realistischen Roman eine rege Produktion von narrativen Texten ein, die tragische Frauenfiguren zu ihren Titelheldinnen machten. 1
So trägt Claríns Roman, in ironischer Verzerrung des realen Sachverhalts, den Titel La Regenta. La Regenta 2 - kein wirklicher Eigenname, aber von daher um so bezeichnender für die Stellung, die Clarín seiner Protagonistin innerhalb des Romans einräumt: sie existiert nur in Relation zum Mann und scheint in seiner gesellschaftlichen Position aufgehen zu müssen. 3 Ausgehend von diesem ersten Eindruck soll es in der vorliegenden Arbeit um den Stellenwert und um die Ausarbeitung der textuellen Frauengestalt Ana Ozores in Claríns Roman gehen und damit um die Repräsentation von Weiblichkeit.
Mystik, Hysterie, Schreiben und die Suche nach einer spezifisch weiblichen Subjektivität und Identität in einer patriarchalisch geordneten Gesellschaft gehen in La Regenta eine untrennbare Beziehung ein und verbinden sich zu einem interdependenten Themenkomplex. Im Mittelpunkt der Arbeit soll deshalb die Frage nach der Funktion von Mystik, locura und Schreiben für die psychologische Modellierung der Protagonistin stehen, wobei besonders die Tatsache Beach-tung finden soll, daß ein männlicher Autor eine textuelle Frauengestalt entwirft, die als Opfer einer misogynen Gesellschaftsordnung scheinbar feministische Fragestellungen aufwirft.
Die Figur der Heiligen Teresa von Ávila spielt für die tiefenpsychologische Profilierung der Heldin eine übergeordnete Rolle, denn sie bildet die bemerkenswerte intertextuelle Folie für ihr imitatorisches Begehren, das in einen mit der Kindheit einsetzenden, unaufhörlichen Schreib-prozeß mündet und seinen Kulminationspunkt im zentralen Pastiche, einer Variation des Textes der Heiligen findet.
1 Benito Pérez Galdós La Desheredada, Tristana (1892), Juan Valera Pepita Jiménez (1874). Außerhalb des spanischsprachigen Raums sind so bekannte Frauenfiguren wie Leo Tolstois Anna Karenina, Fontanes Effi Briest, Flauberts Emma Bovary oder Indiana (1832) von George Sand zu nennen.
2 Ich zitiere La Regenta nach der Ausgabe von Juan Oleza (Catedra), Madrid 1996.
3 Siehe auch Urey, Diane, "‘Rumores estridentes’: Ana's Resonance in Claríns La Regenta" in: Modern Language Review, 82, 1987, S.356.
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Jedoch verweist die Figur der Heiligen Teresa de Ávila nicht nur auf die intertextuelle Einschreibung fremder Diskurse in den Diskurs der Protagonistin, sondern darüber hinaus auf den epistemologischen Standort des Autors Clarín, dessen Roman zu einer Fallstudie avant la lettre wird, denn seit der Begründung der modernen Psychoanalyse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Figur der Heiligen Teresa zu einem Leitbild der psycho-analytischen Diskussion um die der weiblichen Sexualität und Spiritualität inhärenten Probleme geworden. Im 20. Jahrhundert gelangt die Heilige im Umkreis der französischen psycho-analytischen Theoriebildung erneut in das Zentrum einer Diskussion um die der weiblichen Subjektivität inhärenten Probleme und erfährt eine feministische Umdeutung, da die Mystikerin wie die Hysterikerin weibliche Ganzheit und Identität einklagt.
Claríns Repräsentation von Weiblichkeit erweist sich also als in hohem Maße abhängig von zeitgenössischen nervenmedizinischen Diskursen, die das Männliche als das Normale idealisieren, und das Weibliche pathologisieren und marginalisieren. Vor diesem theoretischen Hintergrund sollen Anas Schreibversuche und ihr mystisches Begehren nach ihrer Funktion für die Modellierung der Figur als tragische oder komische Heldin befragt werden.
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Intertextualität und Parodie 4 2.
2.1 Zur Bedeutung intertextueller Bezugnahmen in La Regenta -
Ana zwischen Parodie und Ernst
Vor den eigentlichen Analyseschwerpunkt, der Frage nach der Repräsentation von Weiblichkeit in Claríns Roman, möchte ich einige allgemeine Bemerkungen zur intertextuellen Figurenkonstitution stellen, die paradigmatisch für die Schwierigkeit stehen, Zuordnungen zu treffen und klare Bedeutungen festzulegen und gleichzeitig zwei Schlüsselwörter zum Verständnis des Romans einführen: Ambivalenz und Oszillation.
Die Intertextualitätspoetik scheint als Interpretationshorizont von La Regenta besonders geeignet, denn Claríns Roman präsentiert sich als hochgradig intertextuelles Spiel mit den Materialien der europäischen Tradition. Deshalb entstand eine Fülle von Arbeiten, die sich der komplexen Sinnkonstitution des Romans auf der Basis der ‘poststrukturalistischen’ theoretischen Prämissen der Dialogizitäts- und Intertextualitätspoetik, wie sie im Anschluß an Michael Bachtin von Julia Kristeva, Renate Lachmann, Gérard Genette und anderen entwickelt worden sind, zu nähern versuchen. 5 Stellvertretend für diese Herangehensweise sollen hier Stephanie Sieburth und Bettina Diederich genannt werden. 6 Beide begreifen La Regenta als multidiskursiven "Literaturroman" und akzentuieren dessen dialogische Duplizität.
4 Während in der Literaturkritik Definitionen von Intertextualität dominieren, denen zufolge jeder Text in allen seinen Elementen intertextuell ist ("[..] tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d'un autre texte," J. Kristeva), möchte ich hier von einem engeren Intertextualitäsbegriff ausgehen. Nach diesem Konzept spricht man von intertextuellen Bezugnahmen dann, wenn die Aktualisierung einer Subtext-Referenz durch den Leser vom Autor offensichtlich intendiert ist. Damit schließe ich mich Pfisters Optionalisierung des Intertextualitäts-Begriffs an: Pfister spricht sich für prägnante Intertextualitätsmodelle aus, "in denen der Begriff der Intertextualität auf bewußte, intendierte und markierte Bezüge zwischen einem Text und vorliegenden Texten oder Textgruppen eingeengt wird." (M. Pfister, "Konzepte von Intertextualität", in: Pfister/Broich (Hgg.), Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen 1985, S.25) Den Begriff der Parodie möchte ich mit Wof-Dieter Stempel als einen Sonderfall der intertextuellen Bezugnahme begreifen: "Eine (Text)-Parodie ist insofern nicht einer den Mustertext bloß reproduzierenden epi-gonalen Imitation gleichzusetzen, als sie den Mustertext durch Über- oder Untererfüllung karikiert. Den Ausschlag gibt dabei die spezifische elucutio der Parodie, die der Mustertextes diametral entgegenge-setzt ist [...]." W-D. Stempel, "Gibt es Textsorten?", in: E. Gülich/W. Raible (Hgg.), Textsorten. Differenzierungskriterien aus linguistischer Sicht, Frankfurt a. M. 1972, S.181f.
5 Ursula Link-Heer, "Pastiche und Realismus bei Clarín", in: Wolfgang Matzat (Hg), Peripherie und Dialogizität. Untersuchungen zum realistisch-naturalistischen Roman in Spanien,Tübingen 1995, S.158ff.
6 B. Diederich, Clarín: La Regenta - ein Babel der sieben Todsünden, Bonn 1997. S. Sieburth, Reading "La Regenta". Duplitious Discourse and the Entropy of Structure, Amsterdam/Philadelphia 1990.
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Vor allem Sieburth gelingt es in überzeugender Weise, die dem Roman zugrundeliegenden Dopplungs- und Vervielfältigungsstrukturen herauszuarbeiten, "which render La Regenta a writerly text, uninterpretable as indeed Ana's character is uninterpretable." 7 Eine zentrale Rolle bei der intertextuellen Sinnkomplexion übernehmen Cervantes Don Quijote, das Ehrendrama Calderóns, Zorrillas Don Juan Tenorio, der Feuilletonroman des 19. Jahrhunderts und bekannterweise die Vida Teresa de Ávilas. Bekannte Versatzstücke dieser Subtexte werden zitiert, neu arrangiert, ironisiert bzw. parodiert und erhalten durch ihre Reaktualisierung in der prosaischen Welt Vetustas eine neue Dimension, die auf der semantischen Spannung zwischen dem alten Kontext des fremden Wortes und seiner neuen Kontextualisierung beruht. Die Intertextualität steht bei Clarín also primär im Dienste einer parodierenden und ironisierenden Erzählweise. So imitiert oder parodiert beinahe jede Figur des Romans einen bestimmten Diskurs oder ein literarisches Vorbild, womit Vetusta selbst zu einer "Marionettenstadt" wird, in der Artifizialität, Falschheit und Hohlheit herrschen. Während die Funktion der Intertextualität für die meisten Romanfiguren unter dem Begriff "Parodie" subsumiert werden kann, bedarf die charakterkonstitutive Funktion der Intertextualität für die Protagonistin weiterer Konkretisierungen. Clarín gestaltet Ana als eine intermediäre Figur, die den schwierigen Balanceakt zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit, zwischen Tragödie und Komödie zu tragen hat. Denn obgleich sie sich von der inauthentischen Gesellschaft durch den Anspruch "no ser como todas las otras" eindeutig abhebt und aktiv zur Marginalisierung ihrer Person beiträgt, - etwa durch ein bewußt distanziertes Verhalten, literarische Versuche, Zuschaustellung ihrer Demut bei der Karfreitagsprozession - wird sie durch ihren Hang zur Imitation und ihre Unfähigkeit, die trivialen Verführungskünste Mesías zu durchschauen, letztendlich auch als eine dem folletinesken Universum Vetustas zugehörige Figur ausgewiesen. 8
7 Sieburth, ibid., S.107. Die "Unsagbarkeit" des Textes ist zu einem Topos bei der kritischen Diskussion des Romans geworden. Vgl. auch Noël Valis, "Order and Meaning in Clarín's La Regenta, in: Novel: A Forum on Fiction, 16, 1983, S.246-58.
8 In der Forschung wird häufig auf die Rolle des Folletins in La Regenta rekurriert:"The plot of their folletín is for the Vetustans the only diversion from their vulgar, routine existence; they derive the same pleasure in its unfolding as they do from reading a serial novel." (Sieburth, ibid., S.16)
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Anas übergeordneter Status findet seinen Ausdruck insbesondere in einer komplexen und differenzierten intertextuellen Konstitution, die sich von den einfachen Dopplungsstrukturen des Typs Mesía-Don Juan, Don Quintanar-Don Quijote abhebt. So fantasiert Ana während der Aufführung von Zorillas "Don Juan Tenorio" im Provinztheater, daß sie die Novizin Inés sei, die von Don Juan verführt wird, gleichzeitig ist sie aber auch Fray Luís de Leóns Perfecta casada, Raffaels "Virgen de la silla", eine zweite George Sand und eine zweite Teresa de Ávila. 9 Die Vielzahl der intertextuellen Modelle, die auf Anas Figur beziehbar sind, macht es nahezu unmöglich, ihre Stellung im Roman definitiv festzulegen und steht wiederum für die von einem neueren Zweig der Forschung "undecidability" des Textes genannte Unbestimmbarkeit des Textganzen.
In der intertextuellen Anlage der Figur zeigt sich gleichfalls paradigmatisch der zentrale Konflikt der Protagonistin zwischen erotischem Begehren ("la pecadora","Mesía") und der Erfüllung ihrer normativen Pflichten in der Gesellschaft ("la devota", "De Pas", "Quintanar") und spielt auf den Topos der "gespaltenen Persönlichkeit" an, der an mehreren Stellen des Textes explizit wird (" Me divido"; "su vida se había partido en dos", I, 221). Ihr Oszillieren zwischen diesen beiden Polen führt nicht nur zu einer Austauschbarkeit von erotischem und religiösem Diskurs, sondern verstärkt auch die ambivalente Wertigkeit ihres Charakters, der zwischen Ernst und Komik in einer "narrativen Grauzone" steht.
Oszillation und Ambivalenz bestimmen so auch Anas Imitation der Heiligen Teresa, bei der religiöser und erotischer Diskurs zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen und somit zu einer Metapher für die gesamte Romanstruktur werden. 10
9 Vgl. dazu genauer die Analyse von Ursula Link-Heer, "Leopoldo Alas - La Regenta", in: V. Roloff/H. Wentzlaff-Eggebert (Hg.), Der spanische Roman vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Düsseldorf, 1986, S.259 ff.
10 Francis W. Weber beschreibt die Kontamination des religiösen mit dem erotischen Bereich:"Las escenas religiosas se convierten en escenas de amor y viceversa. Toda la estructura de la trama revela la fusión de estos motivos." (Francis Weber, "Ideología y parodía religiosa", in: Sergio Beser (Hg.), Clarín y la ‘Regenta’, Barcelona 1982, S.118-136)
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3. Auf der Suche nach einer spezifisch weiblichen Identität - Rollenverweigerung und mystisches Erleben 3.1. "No ser como todas las otras"
Die Sehnsucht nach körperlicher und geistiger Erfüllung und das Leiden an der Enge des Daseins in der Provinzstadt Vetusta durchziehen als dominante psychische Konstanten das Leben der Protagonistin und werden zum Motor einer diskursiven Imitation verschiedener literarischer, vor allem aber religiöser Vorbilder. Die Imitation religiöser und mystischer Diskurse setzt nicht etwa erst im Erwachsenenalter ein, sondern wird von Clarín als längerer Prozeß gestaltet, dessen tiefenpsychologische Implikationen dem Leser transparent gemacht werden sollen und um dessen Empathie werben. Bereits die zu Romananfang eingeblendeten Schlüsselszenen aus der Vergangenheit der Protagonistin weisen auf ein noch nicht überwundenes Kindheitstrauma hin: den Verlust der Mutter. 11 Sie zeigen ein überaus fantasiebegabtes, melancholisches Mädchen, das aus dem lieblosen, monotonen Alltag ausbricht, indem es sich eine "poetische Gegenwelt" zu schaffen sucht ("La idea del libro, como manantial de mentiras hermosas, fue la revelación más grande de toda su enfancia.", I, 251). Anas Hinwendung zur Literatur, die schnell zu einem eigenen schriftstellerischen Begehren heranreift ("A los seis años había hecho un poema [...]", I, 250; "[...] quería más, quería inventar ella misma oraciones", I, 271), steht seit der frühesten Kindheit im Zeichen einer Flucht, in der die Poesie zum kompensatorischen Akt gegen eine lieblose, monotone Welt wird. Mystische Literatur und Poesie, Anas liebste Lektüren, erfüllen also zwei Funktionen: zum einen kompensieren sie einen spezifischen Mangel an Liebe 12 - Anas erste poetologische Versuche, marianische Gedichte im Stil eines San Juan, sind bezeichnenderweise an die Mutter Gottes gerichtet ("María, además de Reina de los cielos, era una Madre, la de los afligidos", I, 271; "Versos a lo San Juan, como se decía ella, le salían a borbotones del alma, hechos de una
11 Die in den pyschoanalytischen Fallstudien geschilderten Hysterikerinnen sind oft "Vatertöchter", weil sie mutterlos aufgewachsen sind. Vgl. Urey, "Rumores estridentes: Ana's Resonance in Clarín's La Regenta" für eine detaillierte Analyse des Mutter-Bildes.
12 Wenn auf metaphorischer Ebene die Mutter Gottes als Ersatz für die früh verstorbene Mutter zu interpretieren ist, so ist später einsetzende überirdische Liebe für Christus, als dessen Braut sich Ana in Nachfolge der Heiligen Teresa sieht, das Substitut für Mesía, was auch durch die Semantik verdeutlicht wird. Die semantische Parallale steht paradigmatisch für die Durchdringung des religiösen mit dem ero-tischen Bereich. Dieses Spiel mit Signifikanten gipfelt in der Verführungsszene, in der Ana beim Anblick Álvaros "Jésus" ausruft.
Arbeit zitieren:
Alexandra Müller, 1998, Claríns "La Regenta": Femme mystérique et fragile. Ein literarischer Weiblichkeitsentwurf zwischen Rollenkonformität und Verweigerung, München, GRIN Verlag GmbH
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