1. Das Carsch Haus im Wandel der Zeit
Das Carsch Haus zählt in Düsseldorf neben dem Mannesmann (heute Vodafone) Verwaltungsgebäude von Peter Behrens und der inzwischen abgebrochenen Neuen Akademie von Karl Wach zu dem markantesten Beispiel des Neoklassizismus.
Das Carsch Haus wurde 1913/14 nach Plänen des Architekten Otto Engler im Zentrum von Düsseldorf neben dem bereits vorhandenen Kaufhof erbaut. Die vertikal gegliederte Fassade und die Einheit des Baukubus stehen ganz im Zeichen des Neoklassizismus, der kurz vor 1910 den Jugendstil abzulösen begann. Stil geschichtlich gesehen ist der Baukörper eine wichtige Quelle für das Neue Bauen, das in verstärktem Maße nach dem Ersten Weltkrieg zur Anwendung kam. 1 Der Standort des Carsch Hauses verbindet die Altstadt mit dem moderneren Stadtzentrum, deshalb
zur Zeit seiner Erbauung Allee, 1986
stand. Es fügte sich in die vorhandene Architektur problemlos ein und war kein Fremdkörper wie es oft bei Nachfolgebauten festzustellen ist.
1 Vgl. Grunsky Dr., Eberhard. Gutachen Carsch-Haus. Düsseldorf.
19.2.1974, S. 1
1
Das Ensemble bestehend aus Kaufhof (Jugendstil), Carsch Haus (Neoklassizismus) und Wilhelm-Marx-Haus (Expressionismus) prägt das Düsseldorfer Stadtbild nachträglich. Trotz aller Veränderungen, die nicht nur die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs mit sich gebracht haben, sondern auch städtebauliche Veränderungen, die durch das stärker werdende
Verkehrsaufkommen nötig wurden, hat dieses Ensemble überstanden.
1979 war die Verkehrssituation am Südende der Heinrich-Heine-Allee unbefriedigend. Das galt sowohl für die Nord-Süd-Führung von der Heinrich-Heine-Allee in die Kasernenstrasse als auch für die Fußgängerübergänge zwischen den Bereichen
Corneliusplatz und Altstadt. Im Verlauf des folgenden U-Bahn Baus wurde eine Verbesserung der Verkehrsführung diskutiert und durchgeführt. Bei dieser Planung wurde einerseits der Aspekt der Verkehrsführung und der Stadtgestaltung berücksichtigt, andererseits wurde auch die Frage der Denkmalpflege berücksichtigt. 2 Da sich das Carsch Haus zu dieser Zeit in einem desolaten Zustand befand, wurde diskutiert, ob sich eine Renovierung des Innen- und Außenraumes lohnen würde oder ob ein Abriss des Carsch Hauses in Frage käme.
Die an der Diskussion beteiligten Parteien waren sich einig, dass die Verkehrsführung verbessert werden musste, nur die Frage wie das geschehen sollte, führte zu Unstimmigkeiten. Die Lösungen der Verkehrsführung gingen alle von einer Diagonalführung von der Heinrich-Heine-Allee zur Kasernenstrasse aus und die geplante unterquerende U-Bahn-Südstrecke erforderte entweder die
2 vgl. Brief von Dr.-Ing. Recknagel an Herrn Regierungspräsidenten
- Dezernat Kommunalaufsicht - 4000 Düsseldorf. Vom 07.07.1978:2
2
Versetzung oder den Abriss des Gebäudes. Dabei war es nicht nur der U-Bahn-Bau, der das Carsch Haus in Gefahr brachte, sondern auch die geplante umfangreiche Unterwelt des geplanten Basement-und
Tiefgaragengeschosses. Die Tiefgaragen sollten neben dem U-Bahnhof eine Entlastung der Innenstadt vom Autoverkehr bringen. 3
Gleichzeitig jedoch sollte ein Zentrum entstehen, „in dem Leben ist. Eine Nutzung dieses Gebäudes nur durch gastronomische Betriebe ist nicht wünschenswert“ 4 .
Ein Abriss kam nicht ohne weiteres in Frage, da das Carsch Haus ein Kultur- und Bürgerzentrum im Herzen Düsseldorfs war und es Überlegungen gab das Carsch Haus in die Denkmalliste der Stadt Düsseldorf aufzunehmen. 5
3 vgl. Clasen, Wolfgang Prof.Dr. / Langhals, Michael, Architekt,
Düsseldorf, April 1978, S.5
4 Brief von Altstadt-Gemeinschaft e.V., 4 Düsseldorf, Flinger Straße 34, vom 07.07.78. An die Herren: Beigeordneter Dr.-Ing.
Recknagel, Burgplatz 1 / Dipl.-Ing. Walter Steinkühler, Burgplatz
2 / Dipl.-Ing. Uhlendorf, Reuterkaserne 1b / Beirat und Vorstand
der Altstadt-Gemeinschaft e.V. (2-5), S.4
5 vgl. Helmut Ott, Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege
Düsseldorf, in einer Email vom 06.01.04
3
Auf Grund dieser Überlegungen entstand die Idee einer Versetzung - das Carsch Haus sollte von seinem bisherigen Standort weichen, ohne ganz aus dem Stadtbild Düsseldorfs zu verschwinden. Besondere
Berücksichtigung fand dabei die Fassade, da sie zum einen einen wichtigen Bestandteil des dreiteiligen Ensembles - Kaufhof, Wilhelm-Marx-Haus, Carsch Hausbildet und zum anderen diskutiert wurde, die Fassade unter Denkmalschutz zu stellen. 1979 wurde nach langen Diskussionen mit der Versetzung des Carsch Hauses begonnen. Unter hohem Kostenaufwand und mit Hilfe polnischer Arbeiter
„wanderte“ das Gebäude 23 Meter Richtung Altstadt. Die Architekten Clasen und Langhals lieferten den
stichhaltigsten Grund für die Versetzung und brachten gleichzeitig das Gegenargument für einen Abriss. Das „Carsch Haus soll am Platz und mit seinen Funktionen als Platz für kulturelle Aktivitäten und als
Bürgerzentrum bestehen bleiben“ 6 . Beim Thema Carsch Haus stießen verschiedene Interessengruppen aufeinander, die nur schwer zu koordinieren waren. Wirtschaftliche Interessen prallten hier auf kunsthistorische Fragen. Aus Sicht der Kunstgeschichte stellte sich die Frage, ob
denkmalschützerische Aspekte genügend berücksichtigt wurden oder ob einfach die wirtschaftlichen Interessen überwogen haben und das Carsch Haus nur auf Grund des geplanten U-Bahn Baus nicht unter Denkmalschutz
gestellt wurde. Um diese Frage zu klären, wird zunächst ein Überblick über die Warenhausarchitektur des 19. bzw. den Anfängen des 20. Jahrhunderts gegeben, bevor dann ausführlich auf Bau und Lage des Carsch Hauses eingegangen wird.
4
Weiterhin ist es wichtig, die Diskussion über die Versetzung des Carsch Hauses und die anderen
Möglichkeiten zu erörtern. Nicht zuletzt ist auch die Meinung der Öffentlichkeit in Betracht zu ziehen, denn schließlich müssen die Bürger/Menschen eine
Entscheidung verstehen und mittragen, da sie die Veränderungen im Stadtbild unter Umständen tagtäglich zu sehen bekommen und auch die Finanzierung zu einem großen Teil - wenn auch nur indirekt über Steuern und Verkaufspreise - mit zu tragen haben. Die Literaturlage ist, je spezieller auf das Carsch Haus eingegangen werden soll, sehr dürftig. Die Versetzung geschah durch eine polnische Firma, die heute nicht mehr existiert und deren gesamte
Dokumentation der Arbeiten am Carsch Haus heute nicht mehr auffindbar ist bzw. weitgehend zerstört wurde. Lediglich einer der Bauingenieure ist heute noch in Düsseldorf anzutreffen, aber auch er hat keine
Unterlagen mehr über die Versetzung des Carsch Hauses.
2. Das frühe 20. Jahrhundert
2.1 Ideologie der Warenhausarchitektur
Das Warenhaus entstand als wirtschaftlicher Konzentrationsprozess im 19.Jahrhundert und demonstrierte die modernste Geschäftsform des
Einzelhandels. Eberhard Grunsky zieht zur Erklärung Herders Konversationslexikon hinzu, in dem bereits 1907 das Warenhaus beschrieben wird als
„großkapitalistisches Detailhandelsgeschäft“, das „den fortschreitenden Zug ins Große, die Kapitals- und Arbeitsakkumulation, die lawinenartig fortschreitende
6 Clasen/ Langhals 1978:5
5
widerspiegelt. Das, was die frühen Weltausstellungen als zeitlich begrenzte Veranstaltungen in den
Metropolen der Industriestaaten inszenierten, wurde von den Warenhäusern in kleinem Maße für den Alltag verfügbar gemacht. 8 Doch der Bau von Warenhäusern war mehr - er repräsentierte nicht nur den zunehmenden Wohlstand der aufkommenden Industrienationen, sondern war auch ein Zeichen für die Fortschrittlichkeit der Kommunen, Modernisierung der Stadtstrukturen, Neuordnungen der Standorte, Umstrukturierung der Stadtkerne -, denn interessierte Unternehmen beteiligten sich aktiv an der Gestaltung. Waren-und Kaufhäuser waren ein maßgebliches Erscheinungsbild der Stadtzentren.
Besonders nach dem Konjunkturanstieg ab 1910. 9 Sowohl bei der Außenarchitektur als auch im Innern der Warenhäuser galt das Prinzip „dem Publikum die Ware so vorteilhaft wie möglich vor Augen zu führen, ihm das, was es im Innern findet, schon gleichsam auf die Straße entgegenzubringen. So werden denn von selbst die Schaufenster zum Hauptmotiv der ganzen Architektur, das dem ganzen Bau seinen einzigartigen Charakter gibt“ 10 . Nachdem in den ersten Jahren Bevölkerungsschichten mit niedrigem Einkommen angesprochen werden sollten, war der Markt nach 1900 erschöpft. Der Mittelstand und die höheren Gesellschaftsschichten sollten jetzt zum Kaufen angeregt werden. Daraus resultieren die ersten
7 vgl. Grunsky, Eberhard, „Beispiele früher Waren-und
Kaufhausbauten im Ruhrgebiet und ihre großen Vorbilder“, in:
Sonderdruck aus der Zeitschrift „Westfalen“, 72. Band, Münster
Westfalen, 1994, S.485
8 ebd.
9 ebd. S. 486
10 Grunsky, Eberhard. „Waren- und Kaufhäuser“. In: Eduard Trier /
Willy Wyres (Hrsg.), Kunst des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Bd.
2 Architektur II. Düsseldorf 1980., S. 271/272
6
anspruchsvollen Bauten, die die Warenhäuser von ihrem schlechten Ruf - Häuser für die Unterschicht zu seinbefreien sollten. Entscheidend war hierbei die Wahl des Architekten, der sich dann wiederum stark auf die Wahl der Bauform konzentrierte. Die daraus entstehenden Geschäftspaläste wurden schnell als „eine äußerst Reklame“ 11 zugkräftige entdeckt. Die Wirkung der
Architektur als Reklame war so erfolgreich, „daß sie an den entscheidenden Stellen nicht einmal mehr
ausdrücklich wird: die Monumentalbauten der Größten, steingewordene Reklame im Scheinwerferlicht, sind
reklamefrei (...) Die vom neunzehnten Jahrhundert überlebenden Häuser dagegen, deren Architektur die Verwendbarkeit als Konsumgut (...) werden vom Parterre bis übers Dach hinaus mit Plakaten und Transparenten gespickt“. 12 Ob die berühmten Warenhaus-Architekten wie Joseph Maria Olbrich (1867 bis 1908) oder Alfred Messel (1853 bis 1909) sich ihrer Rolle als „Reklame-Architekten“ bewusst waren oder ob sie sich je selbst so gesehen haben, ist fraglich. Dafür galten in dieser Zeit zu komplexe Beziehungen zwischen Industrie, Handel und Kunst. Tatsache ist jedoch, dass die Reklame ein wichtiger Bestandteil ihrer Architektur war. Die Reklame wirkte wie ein Hebel, der die Besonderheiten der Architektur erst so richtig hervor hebt. 13 Gerade auch deshalb war der Standort der
Warenhäuser entscheidend. Denn trotz Werbung und der Menge der angebotenen Artikel an einem Platz, ist der Absatzmarkt eines Warenhauses begrenzt. Deshalb war die Einwohnerzahl ein bedeutendes Kriterium für den
Standort eines Warenhauses. Gleichzeitig musste das
11 ebd.
12 Grunsky 1994, S.408
13 vgl. Frühe Kölner Kunstausstellung, Sonderband 1912, Werkbund
1914, Presse USSR 1928
7
Gebäude möglichst verkehrsgünstig liegen, am besten in einer Durchgangsstrasse, wo sowohl Fußgänger als auch Autos entlangkommen. 14 Bedingt durch die zunehmende Industrialisierung, dem Einkommenszuwachs und einem größeren Angebot an Waren, veränderten sich auch die Konsumgewohnheiten. „Ein neues Einkaufsverhalten ließ sich zuerst in den Städten, und zwar je größer und vielfältiger diese waren, desto ausgeprägter beobachten, bevor es nach und nach auf die Siedlungen der von ihnen beeinflussten Regionen übergriff.“ 15 So gab es am Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland bereits 90 im Handelsregister eingetragene Warenhäuser. 1901 waren es rund 109 Warenhäuser, 1906 rund 200 Warenhäuser, davon alleine 14 in Berlin. Auch in den Jahren danach stieg die Zahl der Warenhäuser rapide an. Bis zum Kriegsausbruch dürfte es ungefähr 400 Warenhäuser in Deutschland gegeben haben, wobei einige Firmen aufgrund der zusätzlichen Besteuerung für Warenhäuser diesen Status aufgaben, indem sie eine Warengruppe - oftmals Textilien - aus ihrem Sortiment
14 vgl. Gerlach, 1988:57
15 Meyer, P., Regionale und Verbraucherstrukturen. In: Raum und Gesellschaft,
1.Bd. der Forschungs- und Sitzungsberichte der Akademie für Landesplanung, Bremen,
1952, S.97
16 vgl. Gerlach, 1988:62
8
Laufe der Jahre einnahmen. So schaffte es
beispielsweise die Leonhard Tietz AG ihren Umsatz in ihren Häusern von 1905 bis 1912 von 24 auf 50 Millionen Mark (Goldmark) auszuweiten. Bei Wertheim, einem vergleichbaren Großbetrieb, stieg der Umsatz von 30 Millionen Mark 1899 bis zum Krieg auf 70 Millionen an, wobei alleine 40 Millionen Mark in dem wichtigsten Wertheim Warenhaus in Berlin - an der Leipzigerstrasse - erwirtschaftet wurden. 17 Bei einer jährlichen Zuwachsrate von rund 10 Prozent stiegen die Warenhaus-Einnahmen ungleich höher als beim übrigen Einzelhandel. Dieser Fortschritt zeigte sich auch in der Zahl der Arbeitsplätze. Immer mehr Menschen waren von den Warenhäusern abhängig. 1909 waren bei der Leonhard Tietz AG bereits 3690 Menschen beschäftigt, 1100 alleine in der neu eröffneten Düsseldorfer Niederlassung. Durch diesen
Bedeutungszuwachs kam es auch, dass das Warenhaus nicht mehr nur in bereits vorhandenen Gebäuden angesiedelt wurde, sondern dass sie als Neubauten in Erscheinung traten. Besonders dadurch entstand ein neuer
Warenhaustypus, der nicht nur Platz und Raum für ein umfangreiches Sortiment bot, sondern der z.B. durch große Schaufenster und die Art der Architektur
besonders anziehend wirkte. Es entstand ein „Allround-Warenhaus“ das nicht nur Verkaufsräume und herrliche Lichthöfe bot, sondern auch mehrere Etagen einnahm, Werkstätten, Ateliers, Kantinen für das Personal und Erfrischungsräume für die Kunden umfasste. Und das alles unter einem Dach, unter einem Besitzer.
17 ebd.
9
2.2 Bauvorschriften und die daraus resultierende Warenhausarchitektur
Dieser neue Warenhaus-Typus, der sich zu Beginn der 20er Jahre entwickelte, äußerte sich auch in einem eigenen Baustil. Er wurde immer wieder kopiert, auch wenn er auch leicht abgeändert wurde, blieb er in seinen Grundsätzen einheitlich. Die Fassade weist starke Gliederungen auf und hat einen historischen Formenapparat. Gestaltungselemente werden gruppiert und sind oft mit symbolischen verziert. 18 Bauplastiken Der Bautypus war stark
zweckgebunden, da sie mehrgeschossig sein mussten und große ungeteilte Verkaufsräume haben sollten. Dieses Prinzip wurde architektonisch durch
Pfeilerkonstruktionen ohne tragende Wände erreicht. Darüber hinaus machten Stahl, Beton und neue
Konstruktionsmethoden große Hallen möglich, die mit wenigen Stützen auskamen. Da Fenster in den Wänden nicht ausreichten, um die Tiefe der Räume zu beleuchten, wurden die großen Kauf-und Warenhäuser meistens mit einem Innenhof
ausgestattet und mit einem gläsernen Dach überspannt, das zusätzliches Licht in die Verkaufsräume brachte. 19 Durch dieses System, dem so genannten Lichthof, konnte auch das Erdgeschoss als Verkaufsfläche genutzt werden und präsentierte Klarheit und Eleganz. Diese besondere Beleuchtung von oben, verlieh der angebotenen Ware einen zusätzlichen Glanz. Die oberen Verkaufsetagen umgaben den Lichthof als Galerien.
18 Vgl. Heimeshoff, Jörg A. E., Der westdeutsche Impuls 1900-1914.
Kunst und Umweltgestaltung im Industriegebiet. Düsseldorf Eine
Großstadt auf dem Weg in die Moderne. Kunstmuseum Düsseldorf.
Düsseldorf o.J., S. 217
19 vgl. Grunsky, 1979:11
10
Räume folgte dagegen einem festgelegtem Schema. Im Keller lagen die Betriebsräume mit ihren technischen Einrichtungen und den Lagerhallen. Das Erdgeschoss und zwei oder drei Geschosse dienten als Verkaufs- und Geschäftsräume. Dazu kamen - in großen Warenhäusernseparate ‘Vor‘-Räume, die einerseits den Kunden als Erholung und zur Erfrischung dienten, ein Modesalon oder Teppichboutiquen. Andererseits präsentierten sie auch besondere Konsumgüter, die in diesen Räumen strategisch günstig angeordnet waren und das
Kaufverhalten der Kunden in einer besonderen Weise anregen sollten. Im obersten Geschoss befanden sich üblicherweise Büros, Personalräume und Räume zur weiteren Warenlagerung.
Auch die Fassaden der Bauten hatten ein bestimmtes Schema. Das „Hauptprinzip [lag in der Absicht] dem Publikum die Ware so vorteilhaft wie möglich vor Augen zu führen, ihm das, was es im Innern findet, schon gleichsam auf die Straße entgegenzubringen. So werden denn von selbst die Schaufenster zum Hauptmotiv der ganzen Architektur, zum wesentlichen Faktor der
11
Fassade, der dem ganzen Bau seinen eigenartigen Charakter gibt.“ 20
Deswegen war es nicht überraschend, dass bis in das 20. Jahrhundert auch die hohen Geschoss-Öffnungen der oberen Etagen als Schaufenster dienten. Nachdem erstmals Befragungen und Marktforschungen zum
Kaufverhalten durchgeführt wurden, wurden ab ca. 1905 die oberen Geschosse als Schaufenster eingesparterstens konnte die Ware nicht gut genug von den Passanten gesehen werden, dass heißt die gewünschte Werbewirkung blieb aus und zweitens wurde seit 1907 vorgeschrieben, „dass die Fassaden über Schaufenstern in einer Höhe von mindestens 1 m feuerfest geschlossen sein mußten, und daß der Sturz einer
Schaufensteröffnung 30 cm unter den Deckenschluß herabreichen mußte.“ 21 Diese Feuerwehrschutz-Vorschrift hatte neben
anderen weitreichenden Einfluss auf das Aussehen und den Grundriss der Waren- und Kaufhäuser. Im Erdgeschoss musste von jedem Punkt aus in 25 Metern ein Ausgang erreichbar sein, in den Obergeschossen waren in diesem Abstand Feuertreppen installiert. Die Fenster der oberen Etagen mussten durch Sprossen in Scheibengröße von maximal zwei Quadratmeter geteilt sein, damit ein eventuelles Feuer nicht in die Büros und Lagerräume der oberen Etagen übergreifen konnte. Zu diesem Zweck dienten auch Gesimse und Überdachungen an den Fassaden unterhalb der Fenster. Die eisernen Konstruktionsteile im Innern der Gebäude wurden nach und nach mit einem brennsicheren Mantel umschlossen.
20 Grunsky 1979:11
21 Grunsky 1979:12
12
2.3 Geschichte und Entwicklung der Warenhausarchitektur
Betrachtet man die Waren- und Kaufhäuser in ihrer chronologischen Baureihenfolge, so ist eine Entwicklung in der Warenhausarchitektur feststellbar. Bauhistoriker sehen die Ursprünge des Warenhauses genauso im orientalischen Bazar, mit seinen das Dach überragenden Kuppelreihen, wie auch in der fürstlichen Orangerie oder den Kunstgalerien barocker Schlösser. Als ein eindeutiges Vorbild gelten allerdings die Gebäude der großen Weltausstellung von 1851 mit ihren ausgedehnten Glasflächen, wie sie sich beim Londoner Kristallpalast - einem frühen Dokument der Eisen-Glas-Architektur - wiederfinden. 22 1852 wurde mit dem Kurz- und Schnittwarenladen „Bon Marché“ das erste Gebäude seiner Art geschaffen. Der Architekt Aristide Boucicaut schuf die Grundlage
22 vgl. Gerlach, 1988:97
23 vgl. Werner Sombart, Das Warenhaus, ein Gebilde des
hochkapitalistischen Zeitalters, Berlin 1928, S. 77 bis 88
13
„Der Handel basiere jetzt auf der ununterbrochenen und raschen Umsetzung des Kapitals, wobei es darum gehe, dieses so oft wie möglich innerhalb eines Jahres in Waren zu verwandeln. So sei in diesem Jahr sein Kapital, das nur 500 000 Francs betrage, viermal durchgelaufen, und auf diese Weise habe er damit für zwei Millionen Geschäfte machen können. (...) Wir bedürfen keines großen Betriebskapitals. Wir müssen uns lediglich bemühen, uns sehr schnell der angekauften Ware zu entledigen, um sie durch andere zu ersetzen, was ebenso oft die Verzinsung des Kapitals mit sich bringt.“ 24 Die Umsetzung dieses Prinzips bietet dem Unternehmer die Gelegenheit ein größeres Sortiment anzubieten und zahlreiche neue Verkaufsabteilungen einzurichten. Traditionelle Verkaufsräume rückten in den Hintergrund und schnell entstanden nach diesem Vorbild weitere Geschäfte, die sich zu großen
Unternehmen entwickelten wie zum Beispiel in Paris das „Louvre“ von Chauchard und Hériot, in London das „Harrods“, in New York das „Stewart“ oder in Chicago das „Marshall Field“. „Man kann sagen, dass das Warenhaus in wenigen Jahrzehnten die ganze westliche Welt erobert hat. Es kann ohne Übertreibung als eine der charakteristischen Formen angesehen werden, in der die neuesten Kräfte der industriellen Umwälzung ihren Ausdruck gefunden haben“. 25 In Deutschland setzte die Entwicklung erst um 1880 ein. Wie zuvor sind auch in Deutschland die Warenhäuser aus Textilgeschäften hervorgegangen wie zum Beispiel die Kaufhof AG. 1879 gründete Leonhard Tietz in Stralsund ein Kurz- und Wollwarengeschäft. 1880 wurde
24 Warenhausroman, Emile Zolas, „Paradies der Damen“, 1882. zit.
Nach dt. Ausgabe, München, 1976
25 H. Pasdermadjian, Das Warenhaus, Entstehung, Entwicklung und
wirtschaftliche Strukturen, Köln, 1954, S. 4
14
bevorzugte Form der Warenhäuser - zum Beispiel mit großem Lichthof oder übermäßig vielen Fenstern - die sich nach und nach durchsetzte, wurde in Amerika bereits im späten
19. Jahrhundert erschaffen und die Art des Bauens hier auch theoretisch begründet. Es entstand eine neuartige Form der Architektur, die Louis H. Sullivan später als „form follows function“ definierte. Im Gegensatz zu den damals üblichen Auffassungen, entwickelt sich hier die Struktur aus der Technik heraus. Eine Form des Funktionalismus bei dem Eisen-und Stahlkonstruktionen zu einem stabilen, feuerfesten Rahmenwerk zusammengefügt wurden und durch die
Fundamentierung mit Stein oder Beton Gebäude mit bis dahin unbekannten Höhen errichtet wurden. Das Prinzip der fortlaufenden Fensterreihen und der durchbrochenen Wände, durch die das Licht bis tief ins Gebäude fällt, geht auf William le Baron Jenney (1832 bis 1907) zurück, der es auch als erster 1879 beim Bau eines Warenhauses - dem First Leiter Building - anwandte. 27 Sein Schüler, Louis H. Sullivan (1856 bis 1924), später einer der führenden Architekten der „Schule von Chicago“ entwarf mit dem Warenhaus Carson, Pirie&Scott
26 Grunsky, 1979:10
27 vgl. Gerlach, 1988:98
15
1899 eines der konsequentesten Eisenrahmen-Bauwerke, deren Fassade „aus nichts (oder so gut wie nichts) als den Formen des Gerüstes und der Fenster bestehen, wobei die Skelette stets noch mit Stein verkleidet waren“ 28 . Die Warenhaus-Bauweise fasste Sullivan 1896 in einem Aufsatz zusammen. „Ein weiträumiges Ladengeschoß bildet den Sockel des Baues, darüber erhebt sich eine unbestimmte Anzahl einander völlig gleicher Geschosse mit betonter Vertikalgliederung; den horizontalen
Abschluß bildet ein anderen Funktionen dienendes Dachgeschoß. 29 “ Diese Bauweisen hatten weit verbreitete Gültigkeit und waren auch für die Waren-und
Kaufhausarchitektur in Deutschland ausschlaggebend. Das französische Beispiel „Bon Marché“ hatte bewiesen, dass für ein Warenhaus besonders drei Punkte wichtig waren. Einerseits die ausgedehnten, übersichtlichen Verkaufsräume andererseits die
Lichtführung, so dass die Ware optimal präsentiert werden konnte und zu guter Letzt in möglichst großem Umfang die angebotene Ware von außen zugänglich bzw. sichtbar zu machen. Dies geschah vor allem durch die
Schaufenstergestaltung. Das Schaufenster wurde schnell als das „stimulierende Medium“ 30 erkannt. Durch die Art der Beleuchtung und der Auslagen - farblich sortiert, nicht mehr so überfüllt und formal im Einklang - konnte die Kaufkraft angeregt werden. Auch in der Architektur ging man dazu über die Schaufenster zu betonen. Bei den Neu- oder Umbauten wurden die Fenster mit breiten Pfeilerflächen eingerahmt. Der Einklang zwischen
28 Behn, Helga: Die Architektur des deutschen Warenhauses von ihren Anfängen bis 1933, Köln, 1984, S.52
29 Grunsky, 1981: 226
30 Gerlach, 1988:56
16
Architektur und Auslage war entscheidend und spiegelte gerne einen „Ort ungewöhnlicher Attraktion“. 31 Architekturgeschichtlich gesehen, fiel die
wirtschaftliche Ausrichtung des Baukörpers in die Zeit des Jugendstils, der zwischen 1890 und 1910 in Europa verbreitet war. Er war stark dekorativ ausgerichtet. Das Hauptgestaltungselement war die geschwungene Linie und asymmetrische Formen. Das wichtigste Baumaterial war Eisen, da sich seine Biegsamkeit hervorragend für die Rahmenkonstruktionen eignete. Fassaden konnten beispielsweise in Wellenbewegungen und Kurven
dargestellt werden. Eisen hatte sich durch seine Biegsamkeit für die Rahmenkonstruktion behauptet, der Jugendstil griff diese Motive auf und ließ die Fassaden in Wellenbewegungen und Kurven verlaufen. 32 Die Architekten des Jugendstils verzichteten
bewusst auf Zitate und Imitationen früher Stile, fügten den Werken aber Ornamente zu. In der späteren Phase des Jugendstils kam eine stark plastische Auffassung des Baukörpers hinzu, entweder durch eine Betonung der einzelnen Bauglieder oder durch Skulpturen an der Außenfassade.
31 Heidecker, G. „Das Werbe-Kunst-Stück“, Berlin, 1980, S.174
32 vgl. Pevsner, Der Beginn der modernen Architektur und des
Designs, Köln, 1971, S.96
17
Berlin an der Leipziger Strasse. Sehring gestaltete das Schaufenster zum Hauptmotiv seiner Arbeit und rückte alle Stützen um zwei Meter in das Innere zurück. Die Vorderfront des Hauses bildeten dann zwei große Glasflächen, die nur durch dünne Metallträger
zusammengehalten wurden. Eine große Ähnlichkeit zu dem Pariser Bon Marché ist festzustellen. 33 Das Gebäude wurde im zweiten Weltkrieg leider komplett zerstört. Das Tietz Haus in Berlin von Sehring blieb eines der wenigen seiner Art, denn das Bauen von so großen Glasflächen war polizeilich untersagt worden. Die Gefahr eines Glasbruches, zum Beispiel bei einem Unwetter, wurde den Behörden zu groß eingeschätzt.
Ein anderes Warenhaus in Berlin wurde schließlich das Vorbild für die Warenhausarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland. Zwischen 1896 und 1904 entstand an der Leipziger Strasse das Wertheim
Warenhaus. Der Architekt - Alfred Messel (1853 bis 1909) ein aus Darmstadt stammender Architekt, der zuerst als Professor tätig war, dann als
Regierungsbauführer mit einem eigenen Büro und später wieder im Staatsdienst gearbeitet hat - war einer der ersten Deutschen, der die konsequente, zweckgebundene Warenhaus-Form praktiziert hat. 34 Bekannt wurde Messel durch eine Reihe privater Häuser sowie kleiner
Geschäftsbauten und Villen, bei denen er den „modischen Historismus“ 35 vertreten hatte. Ähnlich konstituiert sein erstes Warenhaus in Berlin an der Oranienstrasse, bei dem er mit Eisensäulen und Mauerpfeilern ein konventionelles Gebäude schuf, das in seinen
Grundformen an Renaissance und Barock erinnert.
33 vgl. Gerlach, 1988:102
34 vgl. Carsch Haus: Einst und Jetzt, o.O., o.J.,
18
Arbeit zitieren:
Anne Bohnet-Waldraff, 2004, Das Carsch-Haus in Düsseldorf und die frühe Warenhausarchitektur in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Magisterarbeit, 152 Seiten
Soziologie und architektonische Räume
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Anne Bohnet-Waldraff's Text Das Carsch-Haus in Düsseldorf und die frühe Warenhausarchitektur in Deutschland ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anne Bohnet-Waldraff hat den Text Das Carsch-Haus in Düsseldorf und die frühe Warenhausarchitektur in Deutschland veröffentlicht
Anne Bohnet-Waldraff hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare