Nutzwertanalysen bei Standortentscheidungen
1. Einleitung
Die Standortentscheidung hat in den letzten Jahren nachhaltig an Bedeutung gewonnen. Insbesondere seit die zunehmende Globalisierung und die damit verbundenen politischen Veränderungen die Ländergrenzen zunehmend in den Hintergrund rücken ließen und die Weiterentwicklung der Transport- und Informationssysteme die Überwindung von großen Entfernungen zwischen verschiedenen Standorten erleichtert haben, stehen den heutigen Unternehmen weltweite Standortalternativen zur Verfügung.
Auch innerhalb eines Landes sollte der Suche nach einem Standort aus- reichend Aufmerksamkeit gewidmet werden, da sie eine unternehmeri- sche Entscheidung darstellt, die wie die Wahl der Rechtsform den Aufbau und die Entwicklung des Betriebes mitbestimmt. Durch Grundstücks- und Baupreise hat sie direkten Einfluss auf die Investitionskosten und bestimmt auf Dauer Kostengrößen wie Transportkosten, Regionalabgaben und Löhne. Somit hat die Wahl eines Standortes einen langfristigen Charakter, kann den Erfolg eines Unternehmens nachhaltig positiv wie auch negativ beeinflussen und ist nur schwer, und meist verbunden mit hohen Kosten, revidierbar.
Die nachfolgende Ausführung soll zeigen, wie mit Hilfe der Nutzwert- analyse bei der Standortsuche vorgegangen werden kann und wie möglichst alle wichtigen gewünschten Eigenschaften eines Standortes bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden sollten.
Da die Standortwahl das zu Grunde liegende Problem ist, wird sich diese Hausarbeit zunächst mit dem Standort an sich befassen, bevor sie auf die Möglichkeiten der Lösungsfindung, bzw. die Anwendung der Nutzwert- analyse eingeht. Nach einem kurzen Überblick über die zwei grundlegen- den historischen Standorttheorien wird erläutert, was unter dem Begriff der Standortwahl verstanden wird und welche Faktoren hierbei von Bedeutung sein können. Gerade für diese Faktoren haben sich sehr unterschiedliche Modelle mit differierenden Einteilungen entwickelt. Diese Arbeit legt aus-
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schließlich eine sich an Behrens orientierte Gliederung der Standort- faktoren nach Beschaffung, Fertigung und Absatz zu Grunde. Sie wurde lediglich noch um „moderne“ Standortfaktoren ergänzt und führt die staat- lichen Faktoren separat auf. Die Begründung für diese Wahl liegt neben der nachvollziehbaren Einteilung in der geschichtlichen Fortführung der grundlegenden Standorttheorien (von Thünen Weber Behrens).
Nach der Klassifizierung und Erklärung des Entscheidungsmodells „Nutz-
wertanalyse“ folgt ein fiktives Beispiel zur Erläuterung 1 , gefolgt von einer kritischen Auseinandersetzung.
2. Standortwahl als Entscheidungsproblem
2.1. Grundlegende Theorien
2.1.1 von Thünen
Die erste bedeutsame wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Problem der Standortwahl erfolgte 1826 durch Johann Heinrich von Thünen mit seinem Werk „Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirt- schaft und Nationalökonomie“. In dieser Arbeit beschrieb von Thünen in Bezug zur Landwirtschaft den Zusammenhang und die Abhängigkeit zwi- schen den bis zu diesem Zeitpunkt als allein maßgeblich angenommenen gegebenen Bodenbeschaffenheiten und der neuen Idee einer ökono- mischen Beeinflussung bei der Wahl des Standortes (und „der Art der
Bodennutzung“). Er kreierte das Modell des „isolierten Staates“ 2 und erläuterte mit dessen Hilfe die Konsequenzen, die sich neben den natürlichen Bodengegebenheiten auch aus der Entfernung von Anbau- fläche zu Konsumort ergeben. Der für diese Arbeit relevante Schluss aus
1 Leider war keines der angeschriebenen, teilweise auf Standortsuche spezialisierten Unternehmen bereit, eine reale Nutzwertanalyse zur Verfügung zu stellen.
2 autarker, kreisförmiger Staat mit einem Konsumzentrum in der Mitte; gleiche Bodenverhältnisse/Klima, ausschließlich gleichwertige Landverbindungen;
Transportkosten steigen proportional zu Gewicht und Entfernung
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seiner Theorie ist, dass sich der Produktionsstandort transportintensiver 1 oder leicht verderblicher Güter in unmittelbarer Nähe zum Konsumort befinden muss. Je weiter der Standort vom Konsummarkt entfernt ist, desto mehr muss sich bei möglichst sinkenden Arbeitskosten das Verhältnis von Erlösen zu Transportkosten zugunsten des Erlöses
verändern. 2
Oberstes Kriterium für die Wahl des Standortes wäre somit das Ergebnis dieses Verhältnisses.
2.1.2 Weber
Im Jahr 1909 erschien mit „Über den Standort der Industrien“ von Alfred Weber eine weitere bedeutende, diesmal an die Strukturmerkmale einer industrialisierten Wirtschaft angepasste ökonomische Auseinandersetzung mit der Problematik der Standortbestimmung. In dieser Abhandlung ent- wickelte und führte Weber als erster den Begriff des „Standortfaktors“ in die Standortliteratur ein. Gemeint ist damit jede standortspezifische Ein- flussgröße, die auf die Entwicklung und den Erfolg eines Betriebes einwirkt – und damit ausschlaggebend für die Wahl des Standortes sein sollte. Er selbst definierte als Standortfaktoren insbesondere
• die Höhe der Arbeitskosten,
• die Höhe der Transportkosten und
• die Agglomeration 3 /Deglomeration. Zusätzlich
• natürlich-technische Gegebenheiten (z. B. Bodenbeschaffenheit),
• regional unterschiedliche Gegebenheiten (z. B. Zinsniveau, Kultur/ Gesellschaft),
• die für den jeweiligen Industriezweig speziellen Anforderungen und
• die regionale Bindung einzelner Industrien. 4
1 im Verhältnis zum Wert ein kostenintesiver Transport
2 vgl. Behrens: Allgemeine Standortbestimmungslehre, S. 3ff
3 Zusammenballung von Industrien an wenigen Standorten
4 vgl. Behrens: a.a.O., S. 7f
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Erkennbarer Schwerpunkt dieser Betrachtung ist vor allem die Kosten- seite, wogegen die im Laufe der folgenden Zeit so wichtige Absatzseite
nicht mit einbezogen wird. 1
Nichtsdestotrotz war das Modell von Weber ein äußerst wichtiger Schritt in der Standortbestimmungslehre und bildet auch heute noch oft eine Grundlage wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit Standort-
entscheidungen. 2
2.2 Begriff und Wesen
Das Problem der Standortwahl stellt sich jedem Betrieb mindestens einmal – bei der Unternehmensgründung. Aber auch darüber hinaus gibt es Motivationsgründe für einen Standortwechsel, bzw. die Suche nach weiteren:
• Marktmotiv Ziel: Märkte neu oder besser erschließen
• Kapazitätsmotiv Ziel: gewöhnlich Schaffung neuer Kapazitäten (Expansion), selten auch kleinerer Standort, wobei hier meist mit Teilstilllegung reagiert wird
• Innovationsmotiv Ziel: Schaffung neuer Möglichkeiten
• Auslagerungsmotiv (meist intraregional) Ziele: Zusätzlicher, expansionsfähiger Standort. Oft gleichzeitig Beibe- haltung der Mitarbeiter und Absatz-/Beschaffungsinfrastruktur – oder Dezentralisation zu Gunsten der räumlichen Lieferanten-/Kundennähe.
• Kostendruckmotiv Ziel: kostengünstigere, bzw. effizientere Standorte 3
1 vgl. Behrens: Allgemeine Standortbestimmungslehre, S. 18
2 vgl. Korndöfer: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, S. 147
3 vgl. Salmen: Standortwahl der Unternehmen. S. 35f
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• Verlagerungsmotiv Grund: Verschlechterung, bzw. Nutzenabnahme wichtiger Standort-
faktoren 1
Auf Grund von Tragweite und Langfristigkeit ist eine Standortentscheidung als konstitutive Entscheidung der strategischen Unternehmensplanung
zuzuordnen. 2 Durch die in der Einleitung kurz angedeutete hohe Kapital- intensität und -bindung lässt sich solch eine Entscheidung kaum wirtschaftlich revidieren. Darüber hinaus werden strukturelle Rahmen- bedingungen festgelegt und die Richtung der angestrebten Entwicklung vorgegeben.
Des weiteren bietet ein Standortvorteil die Möglichkeit die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, sofern es gelingt, durch eine gute Standortwahl gegenüber sonst unter adäquaten Voraussetzungen arbei- tenden Konkurrenzunternehmen eine ,,Bequemlichkeitsrente" zu schaffen. Demgegenüber lassen sich durch eine schlechte Standortwahl entstande-
nen Nachteile nur äußerst schwer wieder revidieren. 3
Ein Unternehmen ist in der Regel an keinen festen Standort gebunden 4 und steht durch die „Inhomogenität der Fläche“ folglich vor einer freien
Auswahlmöglichkeit. 5 Dadurch ist es erforderlich, jede potentielle Stand- ortalternative möglichst objektiv und umfassend zu analysieren und mit den anderen zu vergleichen. Hierzu bedient man sich verschiedener Bewertungssysteme (s. Abschnitt 2.4), in denen die im nächsten Abschnitt erläuterten Standortfaktoren der einzelnen Standorte miteinander verglichen werden.
1 vgl. Balfanz: Bausteine der Betriebswirtschaftslehre, S. 70
2 vgl. Jung: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, S. 57 3 vgl. Schill: Industrielle Standortplanung, S. 1 4 Ausnahme: gebundene Standortwahl der Urproduktion 5 vgl. Vahs: Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, S. 51
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Arbeit zitieren:
Timo Hensel, 2005, Nutzwertanalysen bei Standortentscheidungen, München, GRIN Verlag GmbH
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