Einleitung
„Seit undenklicher Zeiten ist Muskeldehnung bei Gymnastik bekannt. Es gibt 2000 Jahre alte Statuen aus Bangkok, welche Menschen in Positionen von Dehnungsübungen darstellen.“ (Sölveborn, 1982, S.123)
Dehnen soll beweglicher machen, die Verletzungsgefahr vermindern, die Regeneration steigern und die Leistungsfähigkeit verbessern, so die alte These von vielen Trainern, die ein Dehnprogramm vor jeder körperlichen Leistung befürworten.
Wegen des fast schon traditionellen Dehnens vor dem Sport stellen sich die meisten Sportler gar nicht die Frage, ob Dehnen auch schädlich sein kann. Deshalb ist fast immer, vor allem im Breitensport, der gleiche Ablauf zu beobachten: Nach der läuferischen Erwärmung folgt das Dehnprogramm.
Doch der Stand der Forschungen wird ständig durch neue Erkenntnisse über die Auswirkungen des Dehnens aktualisiert, wenn nicht sogar revolutioniert. Dehnen hemmt die Leistungsfähigkeit, trägt zu Muskelkater bei und steigert die Verletzungsgefahr, so die neuen Behauptungen von Sportwissenschaftlern wie zum Beispiel Wiemann und Klee (2000). Die Diskussionen über das Dehnen ebben nicht ab.
In dieser Hausarbeit versuche ich die positiven und negativen Auswirkungen des Dehnens zu hinterfragen.
Es wird auf die Fragen eingegangen, ob Dehnen die Leistungsfähigkeit fördert oder senkt, ob Muskelkater verhindert werden kann oder sogar hervorgerufen wird und welche Dehnübungen vor sportlicher Betätigung überhaupt sinnvoll sind. Um die Auswirkungen des Dehnens zu verstehen, sind die neuronalen Reflexe genauso bedeutsam wie das Verständnis über die muskuläre Physiologie.
1 Definition des Begriffs Dehnung
Laut Brokmeier (1996) wird unter dem Wort Dehnung im physikalischen Sinne eine passive Querschnittsänderung verstanden, die durch Zugkraft verursacht dann einsetzt, wenn der neutrale Gewebsspannungsbereich, sprich die neutrale Zone, verlassen wird
Mit Hilfe eines Dehnprogramms vor der sportlichen Betätigung werden sowohl Verbesserungen der Beweglichkeit, regenerative sowie verletzungsprophylaktische Wirkungen angestrebt (vgl. Freiwald 1999).
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2 Spinale Reflexe
Reflexe sind vom Willen unabhängige Reaktionen auf Reize. Sie erfolgen blitzschnell in Situationen, in denen bewusste Überlegungen zu viel Zeit einnehmen würden. Auch regeln sie ständig Körperfunktionen, so dass keine bewusste Kontrolle nötig ist, wie zum Beispiel bei der Muskelgrundspannung. Die Vermittlung eines Reflexes funktioniert wie ein Regelkreis. Der Rezeptor nimmt einen Reiz auf und übersetzt ihn in neuronale Erregungen. Sensible Nervenfasern leiten den Impuls vom Rezeptor zu einem Reflexzentrum im zentralen Nervensystem, das die Reflexantwort bildet. Motorische Nervenfasern übermitteln die Reflexantwort zum Effektor (ausführenden Organ), wie zum Beispiel dem Muskel (vgl. Haamann).
Das Dehnen hat unter anderem für den Sportler den Sinn, dass bestimmte Reflexe durch das Dehnprogramm für die sportliche Leistung ausgeschaltet beziehungsweise verringert werden. Auf diese Reflexe wird in dem folgenden Abschnitt eingegangen.
2.1. Muskeldehnungsreflex:
Der einzige monosynaptische Reflex ist der Muskeldehnungsreflex, d.h. die ankommende Information über einen Reiz wird über eine einzige Umschaltung (Synapse) mit einer Aktion umgesetzt.
Muskelspindeln, die sich als Spannungs- und Dehnungsmesser im Muskel befinden und somit Rezeptoren darstellen, melden Dehnungsänderungen in Form eines Aktionspotentials an das Hinterhorn des Rückenmarks, wo die Umschaltung auf eine motorische Nervenfaser erfolgt. Durch Dehnung werden die Motoneurone erregt und es kommt zu einer reflektorischen Kontraktion des betroffenen Muskels (vgl. Obermann 1996).
Als Beispiel kann hier eine oft gemachte Untersuchung beim Arzt genannt werden: Der leichte Klopfer auf die Kniescheibensehen (Patellarsehne) unterhalb der Kniescheibe ruft die reflektorische Kontraktion des Musculus quadriceps femoris hervor, wodurch der Unterschenkel kurzzeitig gestreckt wird. Da Rezeptor (Muskelspindel) sowie Effektor (Arbeitsmuskulatur) im gleichen Organ ( vierköpfiger Schenkelstrecker) liegen, bezeichnet man den monosynaptischen
Muskeldehnungsreflex oft als Eigenreflex (vgl. Markworth, 1983, S. 104). Dieser Vorgang ist für mehrere Zwecke sehr wichtig: So kann beispielsweise eine zu große Streckung und damit eine Schädigung des zugeordneten Gelenks verhindert werden.
Andererseits wird so der aufrechte Stand gewährleistet. Bei einem Fall nach vorne erfolgt sofort die Kontraktion der Wadenmuskulatur, um den Körper abzufangen.
2.2 Reziproke antagonistische Hemmung
Wenn die Muskeldehnung einen kritischen Schwellenwert überschreitet, endet plötzlich die schützende Muskelspannung und es kommt zu einer Erschlaffung.
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Dadurch kann der Muskel vor Zerreißung oder vor Abriss von den Ansatzstellen am Knochen geschützt werden. Dieser Reflex wird durch das Golgische Sehnenorgan übertragen.
Das Golgische Sehnenorgan ist ein weiterer wichtiger Rezeptor des Muskels. Es reagiert eine Spannungsänderung der Sehne und misst vor allem die Spannung des Muskels. Dieser Reflex wird anhand eines Zitats von Markworth verdeutlicht:
„Der einfachste polysynaptische Reflex, der aus einem Reflexbogen mit zwei zentralen Synapsen besteht, hemmt den Antagonisten (Gegenspieler) der kontrahierten Muskulatur. Der Rezeptor dieses Reflexbogens ist die Muskelspindel, die mit ihren afferenten Impulsen nicht nur den monosynaptischen Dehnungsreflex auslöst, sondern durch die Einschaltung eines einzelnen hemmenden Zwischenneurons gleichzeitig die Arbeitsmuskulatur des antagonistischen Muskels reflektorisch hemmt (reziproke Hemmung)“ (Markworth, 1983, S.110, 111)
Dieser Vorgang wird als reziproke antagonistische Hemmung bezeichnet. Es kommt beim Stretching der Muskulatur also zu einer reflektorischen Anspannung des betroffenen Muskels durch Erregung der jeweiligen Motoneurone, die ebenso zu einer Hemmung, sprich Entspannung, der antagonistischen Motoneurone führt.
3 Aufbau des Muskels
Ein Skelettmuskel besteht zu ca. 85% aus Muskelfasern. Für die sportliche Leistung sind im Muskel besonders die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, wichtig, in denen der größte Teil der mechanischen Kontraktionsenergie gewonnen wird. Eine Muskelfaser besteht aus circa 1000 Myofibrillen. Wenn man diese unter dem Lichtmikroskop betrachtet, erkennt man abwechselnd helle (I-Band) und dunkle (A-Band) Zonen, so dass die Muskulatur quergestreift aussieht. Deshalb wird die Skelettmuskulatur auch quergestreifte Muskulatur genannt. Nach ca. 2,5цm erfolgt eine Zwischenscheibe, die sogenannte Z-Scheibe. Den Abschnitt von der einen Z-Scheibe zur nächsten nennt man Sarkomer. Jedes Sarkomer besteht aus dünnen Eiweißfäden (Aktinfilamente) und den dicken Eiweißfäden (Myosinfilamente). Die Myosinfilamente liegen in der Mitte des Sarkomers, die Aktinfilamente sind an den Z-Scheiben geheftet und ragen von beiden Seiten in die Mitte des Sarkomers, ohne sich gegenseitig oder die Myosinfilamente zu berühren (vgl. Markworth,1983, S.31). Seit Ende der 70er sind im Inneren der Muskelfaser die Titin-Filamente bekannt. Diese spannen sich in den Lücken zwischen Aktin- und Myosinfilamenten in Sarkomerlängsrichtung von den Z-Scheiben bis zu einem weiteren Bereich, den M-Linien, und heften sich an den freien Enden der Myosinfilamente an. Sie besitzen zwischen den Z-Scheiben und den freien Enden der Myosinfilamente einen hoch elastischen Abschnitt, die PEVK-Region (Wiemann, Klee, zitiert nach Wang u.a.1993, Labeit u.a. 1997).
Wiemann und Klee weisen darauf hin, dass den Titinfilamenten offensichtlich die Aufgabe zukommt, nach einer Dehnung des Sarkomers dessen Ausgangslänge
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Arbeit zitieren:
Bachelor Nina Obbelode, 2003, Welche Auswirkungen hat das Dehnen auf die körperliche Leistungsfähigkeit im Sport?, München, GRIN Verlag GmbH
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