6.1 Therapieziele 36
6.2 Das Vorgehen des Gestalttherapeuten 37
6.2.1 Fördern 38
6.2.2 Stützen 38
6.2.3 Frustrieren 38
6.2.4 Konfrontieren 39
6.2.5 Paradoxe Interventionen 40
6.2.6 Anregen und Verstärken 40
6.2.7 Vergegenwärtigen 40
6.3 Förderung von Selbstverantwortlichkeit und Bewußtheit 42
6.3.1 Interaktion 43
6.3.2 Keine Fragen 43
6.3.3 Wie statt Warum 43
6.3.4 Nichts erzwingen 43
6.3.5 Bewußtheit Awareness 44
6.4 Therapeutische Techniken 47
6.4.1 Ich-Sprache 47
6.4.2 Der leere Stuhl 48
6.4.3 Umkehr 49
6.4.4 Beachtung nichtverbaler Signale 49
6.4.5 Die Verwendung von Metaphern 50
6.4.6 Bewußtheit lenken 50
6.4.7 Experimentieren 50
6.4.8 Rollenspiel 50
6.4.9 Rollentausch 50
6.4.10 Innerer Dialog 51
6.4.11 Traumarbeit 51
6.4.12 Kreative Medien 52
7. FORMEN DER GESTALTTHERAPIE 52
7.1 Einzel- und Gruppentherapie 53
7.2 Ost- und Westküstenstil 54
8. DIAGNOSTIK 56
9. KLIENTEL UND BEHANDLUNGSDAUER 56
10. FORSCHUNG 57
11. KRITIK 58
12. LITERATUR 60
2
1. Die humanistische Psychologie und ihre Therapieformen
Eine radikale Abkehr von der Psychoanalyse führte etwa ab 1950 in den USA zur Entwicklung neuer Theorien und Verfahren, die unter der Bezeichnung humanistische Psychologie bekannt sind (Kraiker /Burkhard 1983).
Die Humanistische Psychologie gründet sich auf ein humanistisches Wertsystem, das die Achtung vor dem menschlichen Wesen und vor seiner individuellen Entwicklung betont. I n den Vordergrund tritt der Wunsch, im Hier und Jetzt offen, begegnungsfähig und verantwortlich für seine eigenen Entscheidungen zu sein. Die Humanistische Psychologie geht von einem aktiven, autonomen Selbst aus, das nach Selbstverwirklichung durch Entwicklung und Differenzierung der vorhandenen Anlagen strebt und sich dabei an kulturellen Werten ausrichtet,- der Mensch wird als organisches Ganzes, als Einheit kognitiver, seelischer und körperlicher Aspekte betrachtet. Sie orientiert sich an Vorstellungen vom "gesunden" Menschen, der sich durch Ganzheitlichkeit, Selbstverantwortlichkeit, Humanität und Entwicklungsfähigkeit auszeichnet (Dinslage 1990).
Nachfolgend sind einige grundlegende Aspekte des Menschenbildes der Humanistischen Psychologie aufgeführt:
• Autonomie und soziale Interdependenz:
„Der Mensch strebt aus seiner postnatalen biologischen und emotionalen Abhängigkeit heraus nach Unabhängigkeit von äußerer Kontrolle. Er entwickelt ein aktives Selbst, das zunehmend in die eigene Entwicklung eingreifen und die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen kann“ (Kritz 1994).
• Selbstverwirklichung „Wenn die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind, ist der Organismus aktiv und strebt u.a. danach, seine schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten“ (Kritz 1994). Das spontane Ausleben der eigenen Antriebe führt im allgemeinen zu einer befriedigenden Lebensform. Libido und Aggression werden als sozial wünschenswert erachtet; da sie Annäherung und Abgrenzung der Individuen voneinander steuern (Kraiker /Burkhard 1983).
3
• Ziel- und Sinnorientierung „Neben den materiellen Grundlagen seiner Existenz prägen humanistische Wertvorstellungen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde Leben und Handeln eines Menschen“ (Kritz 1994).
• Ganzheit “Die Humanistische Psychologie sieht den "menschlichen Organismus als Gestalt, als organisches, bedeutungsvolles Ganzes und betont die Ganzheitlichkeit von Gefühl und Vernunft, von Leib und Seele" (Kritz 1994).
„In den humanistischen Therapien geht es um diese Ziele: nicht allein um die Behebung von Defiziten, sondern darüber hinaus um das Wachstum des Individuums zur Entfaltung seiner Möglichkeiten. Diese Therapieformen wenden sich daher nicht nur an den leidenden Neurotiker und Psychotiker, sondern ebenso an den Angepaßten, der seine Möglichkeiten erweitern will“ (Kraiker /Burkhard 1983).
„Vertreter der humanistischen Psychologie haben daher keine Alternative zum Krankheitskonzept entwickelt; sie haben es vielmehr ignoriert. Zwischen verschiedenen Störungen werden, weder in ihrem grundsätzlichen Verständnis, noch hinsichtlich der Entstehungsbedingungen, noch im Hinblick auf die Therapie, Unterschiede gemacht“ (Baumann 1998).
Neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus wird die "Humanistische Psychologie" oft als "Dritte Richtung" oder "Dritte Kraft" in der Psychologie bezeichnet. Alle drei psychologischen Strömungen haben jeweils eine Reihe unterschiedlicher Psychotherapieansätze hervorgebracht:
Während die Therapiekonzepte sich zumindest anfänglich jeweils aus einem relativ homogenen Theoriegebäude entwickelten, kennzeichnet der Begriff "Humanistische Therapien" einen lockeren Verbund unterschiedlichster Ansätze, die eher durch ein hinreichend
4
gleichartiges Menschenbild und einige grundsätzliche Übereinstimmungen in den Prinzipien therapeutischer Arbeit als durch eine gemeinsame Theorie zusammengehalten werden (Kritz 1994).
Diese theoretische Heterogenität ist historisch allein schon daraus zu erklären, daß sich die Humanistische Psychologie als Sammelbewegung für ziemlich unabhängig voneinander entwickelte und ausdifferenzierte Ansätze entstanden ist (Kritz 1994).
Zu den Hauptpräsentanten der Verfahren der Humanistischen Psychologie gehören die Gestalttherapie von Fritz Perls, die Gesprächspsychotherapie (bzw. die klientenzentrierte Psychotherapie) von Carl Rogers, das Psychodrama von lacov Moreno und die Logotherapie von Viktor Frankl. Häufig wird auch noch die Bioenergetik (Lowen) und die Transaktionsanalyse (Berne) mit zu den humanistischen Ansätzen gerechnet (Kritz 1994).
Die Grundeinstellung des Therapeuten bezüglich selektiver Authentizität, Förderung von echter Begegnung, Gegenwartsbezogenheit und Akzeptanz der Realität sind bei diesen Verfahren ähnlich. Bei der Gestalttherapie kommen jedoch für gezielte Konfliktbearbeitung besondere strukturelle Angebote hinzu.
2. Die Gestaltpsychologie
Die Gestalttherapie erhielt ihren Namen von der Schule der Gestaltpsychologie, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelte. Ihre Vertreter waren der Auffassung, daß der Mensch psychologisch nur von seiner Ganzheit her verstanden werden kann. Die Gestaltpsychologie vertritt das Prinzip, daß die Gesamtheit des menschlichen Verhaltens mehr sei als die Summe von Verhaltenselementen (Kiermann 1976). Beim Wahrnehmen, beim Denken, bei Willenshandlungen und bei Bewegungsabläufen findet eine ganzheitliche Organisation nach übergreifenden Gestaltgesetzlichkeiten und dynamischen Gerichtetheiten statt (Kritz 1994). Die Gestalttherapie übernahm diese Prinzipien.
Dennoch kann keineswegs gesagt werden, daß die Gestalttherapie etwa die praktische Anwendung der Gestaltpsychologie wäre. Vielmehr wurden die Formulierungen
5
gestaltpsychologischer Gesetze (vorwiegend i m kognitiven und wahrnehmungspsychologischen Bereich) weitgehend in sehr verallgemeinerter Form und oft nur in metaphorischer Analogie verwendet (Kritz 1994).
Die Gestalttherapie war daher weniger ein unmittelbares Nebenprodukt der Gestaltpsychologie als eine Gegenbewegung gegen die Freudsche Analyse (siehe weiter unten) und eine Konsequenz der späteren existentialistischen Bewegung.
Die gestaltpsychologischen Grundlagen der Humanistischen Psychologie sind am stärksten und detailliertesten in den Konzepten der Gestalttherapie zum Ausdruck gekommen.
3. Die Entwicklung der Gestalttherapie
Die Gestalttherapie ist in hohem Maße mit der Persönlichkeit Frederick ("Fritz") Salomon Perls (1893 - 1970) verbunden, der als der Begründer der Gestalttherapie gilt. Perls war ein deutschen Psychiater, der seine Ausbildung noch unter Freud erhalten hatte. Nach Abschluß seines Medizinstudiums 1921 in Deutschland wurde Perls Psychoanalytiker. Perls Auseinandersetzung mit der Gestaltpsychologie ist einerseits auf die Annahme einer Assistentenstelle bei Kurt Goldstein in Frankfurt (ab 1926) zurückzuführen, und andererseits auf die Ehe mit seiner Frau Lore, die als Psychologin in Gestaltpsychologie promoviert hatte (Fritz Perls selbst hatte ja eine medizinische Ausbildung) (Kritz 1994).
Fritz Perls orientiert sich geistig zunächst an der Berliner Schule, an den Schriften Freuds (bis zu den dreißiger Jahren hin), an der Gestaltpsychologie und am Existentialismus. Da er gegen den Totalitarismus war, emigrierte er 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers, nach Holland und 1934 nach Südafrika. Dort entwickelte er auch die Grundlagen der Gestalttherapie. 1946 siedelte er in die USA über (Davison/Neale 1998). Entsprechend wurde die Gestalttherapie von ihm nach Amerika gebracht. Hier entfalteten und entwickelten sich die Ideen und Techniken seiner Therapie. In den fünfziger und sechziger Jahren orientierte sich Perls an der Human-Potential-Bewegung und an östlichen Meditationsformen des Zen. Er setzt sich mit
6
Psychodrama einerseits und Behaviorismus andererseits auseinander. Am Ende seines Lebens findet sich Perls als passionierter Einzelgänger in der sozialintegrativen Esalen-Bewegung aufgehoben. Dabei verändert sich sein gestalttherapeutischer Stil von der Einzeltherapie zur Gruppenmethode.
Daher werden die Einflußfaktoren auf die Gestalttherapie von Perls in der Psychoanalyse, der Charakteranalyse Reichs, östlichen Philosophien, der existentialistischen Philosophie und der Gestaltpsychologie gesehen (Wittling 1980).
Neben Fritz Perls und seiner Frau Lore Perls werden insbesondere Paul Goodman, James Simkin, Paul Weisz und Ralph Hefferline mit zu den Begründern der Gestalttherapie gezählt. Doch steht Fritz Perls zweifellos im Zentrum der Beachtung. Unbestreitbar ist es das Verdienst Perls, sehr viele unterschiedliche Ansätze und Strömungen in die Gestalttherapie integriert zu haben (Kritz 1994).
Die Konzepte der Gestalttherapie wurden erst langsam aus der Psychoanalyse heraus entwickelt. Wie bereits erwähnt, arbeitete Perls anfangs als "klassischer" Psychoanalytiker. Doch die europäischen Analytiker lehnten ihn ab, da er einige Grundkonzepte der psychoanalytischen Theorie, insbesondere die Bedeutung der Libido und ihre verschiedenen Transformationen im Laufe der Neurosenentwicklung in Frage stellte (Davison/Neale 1998). Seine Abwendung von der Psychoanalyse wird heute deshalb im Zusammenhang mit einer sehr kritischen Aufnahme seines Beitrages über "orale Widerstände" auf dem Psychoanalyse-Kongreß 1936 und eine ablehnende Haltung Freuds bei Perls Besuch in Wien im selben Jahr gesehen.
Für seine ersten Ansätze der Gestalttherapie, die er aus Modifizierungen der Psychoanalyse ableitete, hielt er noch lange die Bezeichnung "Psychoanalyse" bei. Als Perls dann Ende der vierziger Jahre nach einem passenderen Namen für seinen Ansatz suchte, wollte er im Hinblick auf die starken existenzialistischen Züge die Therapie eigentlich "Existenzpsychotherapie" nennen. Dennoch wählte er den Namen „Concentration Therapy“ bevor er letztendlich den Namen "Gestalttherapie" vorzog. Der Name "Gestalttherapie" war somit nur Perls zweite Wahl für seinen Ansatz (Kritz 1994).
7
„Indem Perls verschiedene therapeutische, psychologische und philosophische Ansätze aufgriff und in seiner Arbeit vereinigte, wurde die Gestalttherapie ein breitgefächertes Verfahren, das entsprechend den vielfältigen Quellen aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Perspektiven) beschrieben werden kann“ (Dinslage 1990).
4. Die Grundlagen der Gestalttherapie
4.1 Einführung
Die „Gestalttherapie ... ist ein existentialistisch fundiertes, holistisches Psychotherapiesystem mit personenbezogenen Ansatz. Sie betrachtet gestörtes Verhalten als eine Unterbrechung selbstregulatorischer organismischer Prozesse psychologischer und physiologischer Art innerhalb eines Individuums, oder zwischen Individuen und der Umwelt. Der Therapeutische Prozeß zielt auf konistente Annäherung an die phänomentale Welt und Integration der Persönlichkeit. Die Therapie ist erlebnis- und aktionsorientiert mit persönlicher Beteiligung des Therapeuten“ (Gottschaldt et al 1978).
Die Gestalttherapie will nicht nur eine Technik zur Behebung von Neurosen und Persönlichkeitsstörungen, sondern auch eine Lebensphilosophie sein. Dabei vertritt sie eine existentialistische Position: Es gibt für das Individuum keine verbindliche Norm; es kann sich zur Rechtfertigung für sein Denken und Handeln auf nichts berufen als auf sich selbst (Kraiker /Burkhard 1983).
Die Gestalttherapie besteht, wie bereits erwähnt, aus einer Vielzahl von Techniken, die z.T. anderen Therapieansätzen entstammen. Sie integriert Elemente aus dem Psychodrama und anderen erlebnisorientierten "Humanistischen Verfahren", aus dem Behaviorismus und nimmt ferner meditative Therapieanstöße in sich auf. Die Gestalttherapie beinhaltet somit existentialistische und humanistische Elemente. Deshalb sind es nicht die Bausteine und Teilerkenntnisse der Gestalttheorie die neu sind, sondern das Neue der Gestalttherapie liegt vielmehr in der Art ihrer Benutzung und Organisation.
8
Einige wichtige Konzepte Perls sollen an dieser Stelle nun kurz vorgestellt werden, bevor auf sie ausführlich eingegangen wird:
“Die Organismus-Umwelt-Beziehung stellt ein strukturiertes Feld dar, dessen Teile und Beziehungen nur durch das Ganze verständlich sind.
Jeder Organismus trägt die Tendenz zur »Selbstregulierung« in sich mit dem Ziel der Homöostase. Bewußtheit (»awareness«) ist ein Teil dieser Selbstregulierung; sie ermöglicht sie. Das Selbst besteht aus Ego, Es und Persönlichkeit, wobei das Ego die Beziehung zur Außenwelt herstellt. Erregung (»excitement«) ist für Perls die Lebensenergie, die Motorik und Sinne mobilisiert. Identifikation mit sich selbst ist dann erreicht, wenn der Mensch volle Selbstverantwortung (»responsibility«) übernimmt” (Kiermann 1976).
“Es gehört zu den Grundannahmen der Gestalttherapie, daß wir alle in jede Situation unsere Bedürfnisse und Wünsche mitbringen. Wir nehmen Situationen nicht einfach so wahr, wie sie sind"(Davison/Neale 1998).
Die Gestalttherapie gehört zu den Körperpsychotherapien, weil sie u.a. dem Patienten beibringt, daß er in einem neuen Bewußtsein über zuvor ignorierte körperliche Funktionsweise und verändertes Erleben seiner körperlichen Prozesse, verschiedene Antworten darauf finden wird:
• wer er ist,
• was er zu erreichen versucht,
• wie er dies zu erreichen versucht,
• was seinen Absichten innerhalb seiner eigenen Person im Wege steht und
• wie all diese Dinge seine Beziehungen zu anderen beeinflussen (Harper 1979).
4.2 Das fakultative Strukturmodell
9
Perls geht zunächst vom Freudschen Strukturmodell aus, das Freud 1923 als Arbeitshypothese einführte. Seine "Instanzen", das Es, das Ich und das Über-Ich, sind bei Freud im Konfliktfall abgrenzbar. Perls bringt die Dimension der Bewegung hinein und beschreibt das Strukturmodell als Zeitgestalt mit fließenden Grenzen. Schon 1926 äußert sich Freud, daß bei gesunden Menschen praktisch keine Trennung zwischen dem Ich und dem Es bestehe, die ihrerseits dicht zusammengehörten. Dieser Aspekt, daß sich die Grenzen innerhalb der hypothetischen Untereinheiten aufheben, wo immer auch echte Identifikation geschieht, ist für Perls zentraler Aspekte und gilt gleichermaßen für das Es wie für das Über-Ich.
4.2.1 Das Selbst als Kontaktfunktion
Das Selbst umfaßt die Teilsysteme "Ich", "Es" und "Persönlichkeit. Allerdings sind diese Teilsysteme nicht scharf gegeneinander abgegrenzt (Kritz 1994):
Das Selbst wird bei Perls als Funktion der schöpferischen Anpassung im Organismus/Umweltfeld definiert. Es ist zunächst eine Funktion der Physiologie, soweit es das Gewahrwerden innerer Erlebnis- und Handlungsbereitschaften betrifft, und es ist gleichzeitig eine Funktion des "Feldes", soweit das Umfeld vom Selbst wahrgenommen wird und es darauf Bezug nimmt. Das Selbst hat somit keine festen Grenzen, es hebt die Trennung zwischen Geist, Körper und Außenwelt auf und existiert in jedem besonderen Fall im Kontakt zu einer wirklichen Situation.
Das Selbst ist die Zeitgestalt der spontan wahrgenommenen Kontaktfunktion nach innen und außen. Das System des Selbst ist der Integrator des Organismus. Es versucht einen Ausgleich zu schaffen zwischen 1., den Triebimpulsen, von denen es für Perls zumindest den Hunger- und den Sexualtrieb gibt, in dessen beider Dienste die Aggression stehen kann, 2., den Möglichkeiten und Ansprüchen der Außenwelt und 3., der richtunggebenden Identität der Persönlichkeit. Das Kontaktsystem des Selbst steht im Dienste der organismischen Selbstregulation (siehe weiter unten).
4.2.2 Das Ich (als Akt der Absicht)
Das Ich ist die absichtsvolle, bewußtseinsintensive Komponente des Selbst. “Das Ich, hat eine Art Verwaltungsfunktion. Es verbindet die Handlungen des ganzen Organismus mit seinen vordringlichen Bedürfnissen.
10
Wenn man jemanden, der hungrig ist, in eine luftdichte Kiste steckt, hat er nun das Gefühl, daß er erstickt - der Hunger ist weg. Es tritt also je nach Bedürfnislage eine Figur (z.B. ein Bedürfnis) aus dem Hintergrund und drängt im gestaltpsychologischen Sinne nach Schließung. Ist eine entsprechende Kontaktaufnahe zur Umwelt geglückt, so wird die Gestalt geschlossen, sinkt in den Hintergrund zurück und macht einer neuen Figur Platz” (Kritz 1994).
Das Ich ist die aktive, zielgerichtete Phase im Prozeß des Selbst, d. h. im Kernstück der Kontaktfunktion.
4.2.3 Persönlichkeit
Den Begriff Persönlichkeit belegt Perls mit Verantwortungsstruktur des Selbst. „Die Persönlichkeit, ist die Verantwortungsstruktur des Selbst, die sich aus den bisherigen Sozialbeziehungen ergeben hat. Sie ist das Ergebnis all des aufgenommenen (assimilierten und auch nicht assimilierten) Materials, das man als Basis für die Erklärung des Verhaltens dieser Person heranziehen würde” (Kritz 1994). In neueren Ansätzen der Gestalttherapie steht für den Begriff der Persönlichkeit auch der Begriff der Identität.
4.3 Es-Selbst-Ich-Außenwelt-Verhältnis
“Aus dem Es kommen die Bedürfnisse des Organismus, die vom Ich aufgegriffen werden und als bewußte, zielgerichtete Handlungsintensionen gegenüber der Umwelt erscheinen” (Kritz 1994). In einem gesunden Organismus, wie ihn Perls sieht, lassen sich keine konstanten Teileinheiten abgrenzen. Wenn Bedürfnisse aus dem Es auftauchen und vom Selbst aufgegriffen werden, verwandeln sie sich innerhalb des Kontaktzykluses, der noch besprochen werden soll, zum Ich-Impuls, der sich in der Außenwelt ein angemessenes Zielobjekt sucht und Befriedigung findet.
4.4 Assimiliertes Über-Ich
Alle Ereignisse, die assimilierbar waren und deren Prozesse zu Ende gekommen sind, werden vergessen. Auch assimilierbare Beziehungen zu Elternfiguren und Vorbildern
11
gehen in die eigene Substanz über, ohne eine abgegrenzte Instanz im Sinne des Über-Ichs zu bilden, wenn die Identifikation voll gelungen ist.
Ein Beispiel dazu: Wenn ich es liebe, in einem ordentlichen Zimmer zu wohnen, wird es mir ein Bedürfnis, ausreichend aufzuräumen. Ich fühle mich dann im Gleichgewicht, wenn ich mich entsprechend dieser Identifikation verhalten kann.
4.5 Kontaktzyklus
Mit diesem Kreislauf der Bedürfnisbefriedigung (Kontaktzyklus), der den Weg vom Hunger zur Sättigung, vom Ungleichgewicht zum Gleichgewicht umfaßt, kann nicht nur die Aneignung und Verarbeitung körperlicher, sondern auch die seelischer und geistiger Nahrung beschrieben werden.
Dabei ist jeder Kontaktzyklus in vier Schritten vorstellbar:
1.) Vorkontakt: Aus dem Organismus oder der Umwelt taucht ein Verlangen bzw. ein Reiz auf, der zur Figur wird (der übrige Körper bzw. die übrige Umwelt wird zum Hintergrund) (Kritz 1994). Damit wird der Kontaktzyklus in Gang gebracht.
2.) Kontaktnahme: Die Erregung des Verlangens selbst wird nun zum Hintergrund. Zur Figur wird ein dazu passendes Phantasieobjekt bzw. Suchbild, mit Hilfe dessen die gegebenen Möglichkeiten, die in diesem Stadium zur Figur werden, abgetastet werden. Im Vordergrund steht nun das "ad-greddi" als das Herangehen und Überwinden von Hindernissen, das absichtliche Orientieren und Zugreifen. In diesem Stadium, in dem gezielt differenziert, ausgewählt und verworfen wird, erlebt der Organismus die Funktion seines Ichs. Das Ich ermöglicht gezielte Identifikation.
3.) Kontaktvollzug: Nun sind Umwelt und Körper zum uninteressanten Hintergrund geworden, während als Figur im Vordergrund die Berührung erlebt wird. Die Intention des Ich wird in die Spontaneität des Selbst transformiert, d.h., die ganze Person ist nun vom Erleben (Wahrnehmen, Fühlen) erfaßt.
12
4.) Nachkontakt: Der Kontakt-Prozeß ist zu Ende, das Selbst verblaßt, die Figur tritt in den Hintergrund zurück. Der Prozeß ist zu Ende gekommen. In der Begegnung vollzog sich im optimalen Fall ein Wachstums- und Reifeschritt.
Der Organismus ist nun bereit für den nächsten Kontaktzyklus.
Die Organismische Selbstregulation (siehe unten), d.h., die permanente Aufeinanderfolge solcher Gestaltbildungsprozessen ist nach Perls die Grundlage für lebenslanges Wachsen und Reifen (Kritz 1994).
„Das Vermeiden einer Kontaktaufnahme, oder eines Kontaktvollzugs hingegen läßt eine unvollendete Gestalt entstehen, die nach ihrer Schließung drängt. Offene Gestalten (unerwünschte Gefühle, vermiedene äußere Konflikte, peinliche Wünsche) lassen sich auf Dauer nicht wegschieben - analog zum Zeigarnik-Effekt - und tauchen immer wieder gegen den bewußten Willen der Person auf. Die Vermeidung äußerer Konflikte hat ihre Bedeutung für die Krankheitsentstehung, da sie innere Konflikte schafft“ (Slunecko et al 1999).
Der Kontakt mit der Umwelt ist eng mit dem Begriff "Grenze" verwoben. „Die Grenze, die deutlich wird, wenn der Organismus mit seiner Umwelt Kontakt herstellen möchte und die Reaktion der Umwelt nicht genau vorhergesagt werden kann, wird Kontaktgrenze genannt. Nur da, wo eine Grenze ist, kann auch Kontakt stattfinden, denn ohne eine solche Grenze würde nur eine undifferenzierte Verschmelzung stattfinden (s.u.:"Konfluenz"). Die Grenze ist gleichzeitig der Ort der Begegnung und der Trennung (Kritz 1994). Hier spielen sich die seelischen Vorgänge ab, die die Bedürfnisbefriedigung begleiten. Sie äußern sich in Gefühlen wie z.B. Neugier, Begehren, Angst oder Schrecken. Die Gefühle zeigen an, daß man mit dem, was außerhalb ist, in Berührung steht.
4.6 Organismische Selbstregulation
13
Quote paper:
Ariane Struck, 2000, Die Gestalttherapie, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Übergänge gestalten - Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in Arbei...
Diploma Thesis, 90 Pages
"Es geht um lebendigen Kontakt" Grundlagen und Praxisbeispie...
Diploma Thesis, 118 Pages
Der Profilpass - ein ressourcenorientiertes Methodenkonzept
Termpaper, 20 Pages
Bildung in der Weiterbildungsberatung
Eine Analyse des Selbstverstän...
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Herkunftsspezifische Bildungsbenachteiligungen in Deutschland
Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Intermediate Examination Paper, 27 Pages
Zu: Mavis E. Hetherington: "Positive" Scheidungsfolgen für K...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 13 Pages
Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Eine kritische Auseina...
Pedagogy - Pedagogic Psychology
Termpaper, 22 Pages
Die Methode der klientenzentrierten Beratung nach Carl R. Rogers
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos - theoretische Betrachtungen übe...
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Förderung benachteiligter Jugendlicher
Pedagogy - Job Education, Occupational Training, Further Education
Termpaper, 25 Pages
Bildungsinhalte des Werkens (nach Bodo Wessels) und die Entwicklung d...
Presentation (Elaboration), 16 Pages
Lektürewertung in Bezug auf die Lesesozialisation in der Hauptschule
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholary Paper (Seminar), 41 Pages
Familienpolitik und politique familiale - Ein Vergleich deutscher und ...
Politics - Political Systems - General and Comparisons
Diploma Thesis, 149 Pages
Lebenslauf, Übergänge und Erwachsenenentwicklung
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Ariane Struck has published the text Die Gestalttherapie
Ariane Struck has uploaded a new text
Eine schöpferische Wechselbezi...
Margherita Spagnuolo Lobb, Nancy Amendt-Lyon, Luna Gertrud Steiner
Theorie und Praxis der integra...
Erving Polster, Miriam Polster, Mina Waeber, Michael Wittelmeyer
Friedrich S. Perls, Anke Doubrawa, Erhard Doubrawa, Ludger Firneburg
Grundlagen der Lebensfreude un...
Frederick S. Perls, Ralph F. Hefferline, Paul Goodman, Reinhard Fuhr, Milan Sreckovic, Martina Gremmler-Fuhr
Zur Praxis der Wiederbelebung ...
Frederick S. Perls, Ralph F. Hefferline, Paul Goodman, Milan Sreckovic, Martina Gremmler-Fuhr, Wolfgang Krege, Monika Ross
Ganzheitliche Veränderung in der Gestalttherapie
Frank-M Staemmler, Werner Bock, Anke Doubrawa, Erhard Doubrawa
0 comments