RWTH Aachen
Lehrstuhl für Baukonstruktion III
SS 2005
Ornaments reanimated.
Das Zeitgenössische Ornament: Kitsch oder Poesie?
von: Jan Usinger
Gliederung
Zielsetzung der Studienarbeit
1 Der Beginn der Moderne: Adolf Loos
Historische Entwicklung
Der Loos’sche Ansatz
Die Grenzen der Moderne
Die Postmoderne
Eine Protestbewegung
2 Sieben zeitgenössische Beispiele
Einleitung
Intellektueller Ansatz - Herzog & de Meuron
Technik & Poesie - Jean Nouvel
Medienfassade - Renzo Piano
Auflockerung & Neugier - muf. architecture/art
Farbe - Sauerbruch Hutton Architekten
Historisierendes Ornament - Hild und K
Pop-Art & frühe Postmoderne - James Rizzi
3 Akademische und populäre Architektur
Akademischer und populistischer Ansatz
Codierung
Loos` Rhetorik
Stichwort Mode
Das Phänomen „Kitsch“
Die Wichtigkeit des Ornaments
Quellenverzeichnis
Bilderverzeichnis
Zielsetzung der Studienarbeit
Wieviel Raum lässt die moderne Architektur dem ornamentalen Ausdruck? Was unterscheidet ein gelungenes von einem mißglückten Ornament? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit Beginn meines Studiums der Architektur an der RWTH Aachen. Die Lehre ist – zumindest im Grundstudiums – stark an der Moderne orientiert. Für das Ornament bleibt dabei wenig Platz. Mein Ziel ist es daher, auf einer theoretischen Grundlage Kriterien zu entwickeln, wie und wann ein Ornament angewendet und bewertet werden kann.
Definition:
Das Wort Ornament leitet sich von dem lateinischen Begriff onare, zu deutsch schmücken ab. In Anlehnung daran versteht die vorliegende Arbeit das Ornament als applizierten Schmuck an Fassaden. Er ist bewusst dem Gestaltungswillen des Architekten entsprungen und lässt sich nicht aus Notwendigkeiten erklären. Fassadengliederungen, die ausschließlich aus dem Raster von Fassadenplatten entstehen, werden nicht als Ornament gesehen.
Ausgangspunkt der Studienarbeit sind die Veröffentlichungen von Adolf Loos, besonders sein Vortrag „Ornament und Verbrechen“ von 1908. In einem kurzen historischen Überblick wird die kulturelle Situation in Deutschland aufgezeigt, die im Ergebnis zu einer Abkehr vom Ornament führte. Mit der Postmoderne entwickelte sich wieder ein Interesse für das Ornament, der wir wichtige thematische Erkenntnisse verdanken. An sieben zeitgenössischen Beispielen soll die Vielschichtigkeit des heutigen Ornamentes dargestellt werden. Diese Beispiele dienen anschließend als Grundlage für einen Kathegorisierungsversuch, bei dem die Kommunikationsfähigkeit und die Codierung wichtige Faktoren spielen. Diese Studienarbeit erhebt nicht den Anspruch, ein Musterbuch zu sein, das formale Vorschläge unterbreitet, wie ein gutes Ornament auszusehen hat. Ein solcher Ansatz führt am Ziel vorbei, da für ein gutes Ornament formale Qualitäten allein nicht ausreichen. Die Arbeit geht schwerpunktmäßig den inhaltlichen Fragen nach, wie es zu der modernen Ornamentlosigkeit gekommen ist, welche ornamentalen Strömungen die zeitgenössische Architektur zu bieten hat und worin die Schwierigkeiten bei der Wahl des Ornamentes bestehen.
Der Beginn der Moderne: Adolf Loos
„Sie würden mich sehr verpflichten, wenn Sie in Ihrem geschätzten Blatte konstatieren würden, dass ich mit dem Wiener Architekten, der den Ausspruch getan hat: „Ornament ist ein Verbrechen“, nicht identisch bin. Der Verdacht, dies behauptet zu haben, ist gerechtfertigt, da ich vor siebzehn Jahren einen Vortrag gehalten habe, der „Ornament und Verbrechen“ betitelt war und in dem ich den psychischen Zusammenhang zwischen Ornament und Kriminalität (Tätowierung) aufgezeigt habe.“ Mit diesem Leserbrief an die Wiener Neue Freie Presse vom 26. Mai 1925 versuchte Adolf Loos das Missverständnis zu klären, den sein Vortrag „Ornament und Verbrechen“ seit 1908 hervorgerufen hat. Adolf Loos, der mit „Ornament und Verbrechen“ die Streitschrift für die Moderne formuliert hatte, ist auf Grund des plakativ gewählten Titels und seiner sehr polemischen Rhetorik immer wieder falsch verstanden und zitiert worden. Dies gilt bis heute.
Historische Entwicklung
Um seinen sehr emotionalen Leserbrief besser verstehen zu können, ist es notwendig sich die damalige kulturelle Situation vor Augen zu führen: Im 18. Jahrhundert leitete der Klassizismus eine Bewegung in der Architektur ein, die sich dem Wiedererlangen von verlorenem Wissen widmete. Die Proportionsgesetze und das Formenverständnis der antiken Griechen wurde wieder entdeckt und galten als Vorbild. Klassizistischen Architekten wie Schinkel oder von Klenze ging es vorrangig nicht darum, Neues zu schaffen, sondern Altes zu zitieren. Diese Rückbesinnung war fest verwurzelt mit der Aufklärung, die sich auf die Aufzeichnungen der griechischen Philosophen stützte. Der klassizistische Baustil passte gut zu der geistigen Haltung seiner Zeit, das verloren geglaubte Wissen der Griechen zu zitieren. Jedoch weitete sich der formale Ansatz – bestehendes Repertoire zu kopieren – im Historismus aus.
Im Zuge der wissenschaftlichen Aufarbeitung der eigene Geschichte, begann man damit, das neu erlangte theoretische Wissen auf aktuelle Bauten anzuwenden. Unter Architekten war das Kopieren von vergangenen Stilen so verinnerlicht, dass nun die Formensprache der Gotik, der Renaissance, der Romanik und des Barocks zu neuem Leben erweckt wurde. Dieses Zeitalter des „Neo-“ erreichte mit dem Eklektizismus seinen krönenden Abschluss. Bildete bis dato die Stilreinheit einen festen, unverrückbaren Orientierungsrahmen, so entwickelte sich nun eine Vorliebe, alles mit allem zu kombinieren (siehe Garniers Opernhaus Paris). Dieser freie historische Rückgriff bezog sich nur auf das äußere und das innere Erscheinungsbild der Gebäude (z.B. die Fassade und die Innendekoration). Sowohl die Grundrissplanung als auch die Verwendung von modernen Materialien (z.B. Gussstahl) entsprach dem Stand der fortgeschrittenen Technik.
In einem Zeitraum von ca. 50 Jahren wurden einzelne Elemente aus unterschiedlichen europäischen Stilepochen in ungewohnter Weise zusammengesetzt ohne Neues zu erfinden. Aus der eigenen Kultur gingen keine neuen Impulse aus. Es waren exotische Einflüsse (Exotismus), die zu dieser Zeit Eintritt in die europäische Baukunst fanden. Durch den Ägyptenfeldzug Napoleons ausgelöst, gelangten bisher unbekannte kulturelle Schätze nach Europa. Der neo-ägyptische Stil fand bewusst Anwendung an Geldinstituten und Grabmälern. Ab 1851 präsentierten die Weltausstellungen fremde Kulturgüter dem neugierigen und staunenden europäischen Publikum. Besonders die schlichte Formensprache Japans inspirierte in den folgenden Jahrzehnten Jugendstilarchitekten wie z.B. Charles Rennie Mackintosh für ihre eigenen Arbeiten.
Das eigene Repertoire mit fremden Wissen zu ergänzen ist – historisch gesehen – nichts Außergewöhnliches. Handel und Kriege begünstigten von jeher eine Ornamentwanderung. Gerade die antiken Römer entwickelten eine sehr liberale Haltung, die kulturellen Schätze ihrer unterworfenen Völker in ihre eigene Kultur zu integrieren. Erstmals in der Geschichte fand das breite Publikum Zugang zu geographisch getrennten Zivilisationen. Fremde Formensprachen wurden unkritisch kopiert. Dadurch war das Ornament jener Zeit gekennzeichnet von chaotischer Uneinheitlichkeit. Auch war es der Gefahr ausgesetzt, uneuropäisch zu werden. Dies führte zu vielerlei Kritik und Spott. Für Viele waren die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, was eine Suche nach Lösungsalternativen bewirkte. In Europa manifestierte sich als Reaktion auf die beschriebene Situation eine Avantgarde junger Architekten, Künstler und Kunsthandwerker, die einen neuen ornamentalen Weg einschlagen wollten. Sie entwickelten innerhalb weniger Jahre die Formensprache des Jugendstils. Der Jugendstil leitete sich von der angelsächsischen Arts-and-Craft-Bewegung ab, die sich entschieden von der industriellen Massenfertigung abwendete. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, die arbeitsteiligen Strukturen des frühen Industrialismus zu überwinden. Wie in früheren Kulturen sollte die Natur wieder Pate stehen für ein hochwertiges Handwerksgut in neuen organischen Formen.
Jugendstilarchitekten wie Victor Horta entwickelten – diesem Weg folgend – eigene Abstraktionen aus der Natur. Anders als im Historismus sollte das Ornament nicht mehr beliebig aufgesetzt werden, sondern aus dem Gegenstand selbst erwachsen (siehe Haus Tassel). Das Haus wurde als Gesamtkunstwerk angesehen. Es war aus einer Hand durchgestaltet. Neben den Grundrissen und der Fassade war der Architekt auch für sämtliche Innendekoration und die Innenausstattung verantwortlich.
[...]
Arbeit zitieren:
Jan Usinger, 2005, Ornaments reanimated. Das Zeitgenössische Ornament: Kitsch oder Poesie?, München, GRIN Verlag GmbH
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