Evangelische Fachhochschule Berlin
Sozialarbeit/ Sozialpädagogik
Arbeitssucht
Diplomarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
Diplom Sozialpädagogin
vorgelegt von: Yen Sandjaja
vorgelegt am: 17. Januar 2005
Inhaltsverzeichnis
1 Präambel ... 1
2 Arbeit und Sucht ... 2
2.1 Was Arbeit für den Menschen bedeutet ... 2
2.2 Die Funktionalität der Arbeit in der Entwicklung ... 6
2.3 Differenzierung zwischen Sucht und Arbeitssucht ... 8
3 Arbeitssucht ... 11
3.1 Diagnostik ... 11
3.2 Stadien und Symptome der Arbeitssucht ... 14
3.2.1. Erstes Modell der Entwicklung der Arbeitssucht ... 14
3.2.2 Zweites Modell der Entwicklung der Arbeitssucht ... 16
3.3 Typen der Arbeitssucht ... 19
3.3.1 Erster exemplarischer Typologisierungsversuch ... 19
3.3.2 Zweiter exemplarischer Typologisierungsversuch ... 21
3.4 Folgen für das soziale Umfeld ... 23
4. Interviews ... 25
4.1 Zielsetzung und Hypothesen der Interviews ... 25
4.2 Methodik ... 26
4.3 Die INterviews ... 29
4.4 Auswertung: Themenanalyse ... 29
4.4.1 Themenanalyse zu Interview 1 nach dem Textreduktionsverfahren ... 31
4.4.2 Themenanalyse zu Interview 2 nach dem Textreduktionsverfahren ... 33
4.4.3 Themenanalyse zu Interview 3 nach dem Textreduktionsverfahren ... 40
4.4.4 Themenanalyse zu Interview 4 nach dem Textreduktionsverfahren ... 46
4.4.5 Themenanalyse zu Interview 5 nach dem Textreduktionsverfahren ... 57
4.4.6 Themenanalyse zu Interview 6 nach dem Textreduktionsverfahren ... 62
4.4.7 Themenanalyse zu Interview 7 nach dem Textreduktionsverfahren ... 66
4.5 Die Hypothesen auf dem Prüfstand ... 71
4.5.1 Vielarbeiter arbeiten nach wirtschaftlichen Prinzipien ... 71
4.5.2 Das Leben des Vielarbeiters ist ganz auf die Arbeit ausgerichtet ... 73
4.5.3 Vielarbeiter wissen mit Muße nichts anzufangen, denn sie arbeiten lieber. ... 74
4.5.4 Vielarbeiter wurden vorrangig durch die Eltern und andere erziehungsberechtigte Personen zu Vielarbeitern ... 77
5 Hilfsmöglichkeiten ... 79
5.1 Öffentliche Anlaufstellen ... 79
5.2 Therapie ... 84
5.2.1 Allgemeine Anmerkungen zur Therapie ... 84
5.2.2 Das verhaltenstherapeutische Konzept ... 87
5.2.3 Die psychoanalytische Therapie ... 88
5.2.4 Konzept der humanistischen Psychologie ... 89
5.2.5 Eklektizistisches Konzept ... 89
5.3 Sozialpädagogik in der Beratung Arbeitssüchtiger und deren Umfeld ... 89
6 Schlussbetrachtung ... 93
7 Glossar / Wörterverzeichnis ... 94
8 Literatur ... 94
9 Internetquellen ... 96
Anhang ... 99
1 Präambel
Während meines Studiums der Sozialpädagogik habe ich u.a. gelernt, welche Hilfe und Beratung ein Mensch bei der Bewältigung bestimmter kritischer Lebensereignisse angeboten werden kann. Ich erfuhr hierbei, dass sich die Arbeit eines Sozialpädagogen im Wesentlichen auf die Hilfe zur Selbsthilfe, der sozialen Ingeration und dem Abbau diskriminierender Machtstrukturen beläuft, um soziale Probleme zu lösen.
Als ich nun nach einem ansprechendem Thema für die vorliegende Diplomarbeit suchte, welches das Kriterium eines sozialen Problems erfüllt, ließ ich mich von einem guten Bekannten inspirieren. Er behauptete mit einem Funken Stolz ein „Workaholic“ zu sein. Mit einer gewissen Ungläubigkeit beobachtete ich an ihm, wie viel er arbeitete (oft 16 Stunden an jedem Wochentag) und stellte ihm die Frage, wie es dazu kommt so viel zu arbeiten. Als antwort erhielt ich die scherzhaft gemeinte doch ernst zu nehmende Aussage, dass er mit seiner Arbeit „verheiratet“ sei und gerne mit seiner „Frau“ zusammen bliebe. Sein Privatleben kommt natürlich zu kurz und findet zwischen Tür und Angel statt. Als defizitär definierte er seinen Lebensumstand nicht, vielleicht weil er berufsbedingt soziale Kontakte zu pflegen hat und weil er wohl über den Alkohol Ablenkung gefunden hat. Den Alkoholismus bekam er vorerst mit Hilfe Dritter in den Griff, doch wurde dabei meiner Ansicht nach die Ursache „Arbeitssucht“ als eigentliches Problem entweder nicht erkannt oder nicht als nennenswert bestätigt. Ich will meinen, dass er mittlerweile wieder zum Spiegeltrinker geworden ist und in der Endphase der Arbeitssucht steckt. Nun stellt sich berechtigt die Frage, wie ich mich von solch einem Leid habe inspirieren lassen können. Die Antwort kann ich so spontan darauf geben, wie die Frage aufgekommen ist.
Zum Einen will ich nicht mit einem Gefühl der Hilflosigkeit (bedingt durch meine Unwissenheit über die Arbeitssucht) zusehen müssen, wie mein guter Bekannter sich arbeitsunfähig oder in den Tod arbeitet. Ich will begreifen, was unter Arbeitssucht zu verstehen ist, um nach Aufdeckung der Ursache und Aufrechterhaltung der Arbeitssucht eine entsprechende Hilfe und/ oder Beratung leisten zu können, wenn diese denn auch erwünscht ist.
Zum Anderen will ich mit dieser vorliegenden Facharbeit Sozialpädagogen und Angehörige verwandter Professionen Kenntnisse über den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Arbeitssucht vermitteln. Für meine Intention spricht, dass die Arbeitssucht als stoffungebundene Suchtform bisher nur rudimentär erforscht und beschrieben worden ist.
Diesen Zielen folgend, führe ich in die Arbeitssuchtthematik ein, indem ich kläre, was Arbeit für den Menschen bedeutet und welche Entwicklung die Funktionalität der Arbeit durchgemacht hat. Überdies erläutere ich über den Begriff Sucht, wie Arbeitssucht definiert wird.
In der vorliegende Arbeit gebe ich im Anschluss daran einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, wobei ich die Schwerpunkte auf die Diagnostik, Stadien, Typen, Symptome und Folgen der Arbeitssucht gelegt habe.
Um den Blickwinkel auf die Arbeitssucht zu erweitern, stelle ich meine qualitativen Interviews vor.
Zur Fortführung der wissenschaftlichen Diskussion zeige ich im letzten Teil meiner Arbeit die Hilfsmöglichkeiten auf.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit, verzichte ich auf die Verwendung der männlichen und weiblichen Formen von Berufsbezeichnungen etc., ohne eine Wertung einzugehen.
2 Arbeit und Sucht
2.1 Was Arbeit für den Menschen bedeutet
Zur Klärung der Bedeutung von Arbeit für den Menschen ist zunächst aufzuschlüsseln, was sich unter Arbeit verstehen lässt. Wie sich zeigen wird, beinhaltet die Wesensbestimmung der Arbeit eine Wertevorstellung für den Menschen.
In der philosophischen Definition der Arbeit nach Hegel, dient Arbeit der Triebbefriedigung des Ich, um Bedürfnisse zu erfüllen. Durch die Arbeit setzt sich das Ich mit der Umwelt auseinander. Das Ich ordnet sich zunächst der Umwelt unter, um sich aus ihr zu erheben. Dies führt dazu, dass das Ich sich aus der Symbiose mit der Umwelt löst. Sind die Bedürfnisse indes gestillt, ist das Ich nicht mehr an die Arbeit gebunden.1 Das Ich findet durch Arbeit folglich zu einer Identität, sobald es den eigenen Trieb befriedigt.2
Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, definiert Arbeit als ein Ergebnis der Überführung primitiver Triebregungen in sozial hoch bewertete Triebenergie. Auch hier dient die Arbeit der Befriedigung von Bedürfnissen. Befriedigt werden, ohne Aufschub, eigene Bedürfnisse und mit Aufschub der eigenen Bedürfnisse die Bedürfnisse der Gesellschaft. Die Arbeit führt zu einer Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft wie zu einer Akzeptanz gesellschaftlicher Wertvorstellung. Durch Arbeit wird demzufolge das Ich gebildet. Darüber hinaus hat Arbeit den Charakter eines Mediums zwischen Ich und Gesellschaft.3
Die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft wird in der Definition des Philosophen und Revolutionärs Karl Marx deutlicher. Ihm zufolge ist Arbeit für den Menschen und die Gesellschaft konstituierend. Arbeit ist mit dem Merkmal behaftet, Materie wie z.B. Essen, Trinken und Wohnraum zu schaffen und zu sichern. Darüber hinaus bringt Arbeit neue Bedürfnisse hervor. Die Befriedigung der Bedürfnisse erfolgt planvoll und zweckorientiert und hat zur Folge, dass der Mensch durch physische und psychische Aufbringung von Kraft die Umwelt entsprechend ändert. Bestimmt wird die Arbeit respektive das bewusste und zielorientierte Handeln durch das Individuum und die Gesellschaft.4
Ein ökonomischer Aspekt wird beispielsweise durch den Soziökonom Hoyos betont. In dieser Definition werden Bedürfnisse durch körperliche, geistige und seelische Kräfte befriedigt. Die Arbeit führt zu einem immateriellen und/ oder materiellen Ergebnis, welches durch ein Normensystem bewertet wird. 5
Die verschiedenen philosophischen, psychologischen und sozioökonomischen Definitionen zeigen auf, dass Arbeit im Prinzip der Bedürfnisbefriedigung dient. Die Befriedigung der Bedürfnisse durch das Aufbringen physischer und psychischer Kräfte mit der Folge der Anpassung der Natur an den Menschen, bewirkt die Entfaltung von Individuum und Kollektiv.
Der Mensch ist sich also bewusst, dass der Arbeit eine gewisse Bedeutung beiwohnt, doch was wird mit Arbeit assoziiert? Ist es Pflichtbewusstsein, Disziplin oder Opferbereitschaft? Könnte es Freizeit, Individualität und Autonomie sein? Oder ist es Emanzipation von Autoritäten, Genuss und Selbstverwirklichung?
[...]
1 Frers, Lars. 1998. Arbeit und Interaktion. Zur analytischen Trennung zweier Grundbegriffe bei Jürgen Habermas. URL: http://userpage.fu-berlin.de/~frers/arbeit_interaktion.html [Stand: 08. Januar 2005]
2 Vgl. Kirchler, Erich. Wirtschaftspsychologie. Grundlagen und Anwendungsfelder der Ökonomischen Psychologie. Hogrefe Verlag GmbH. Göttingen. 2 Auflage. 1999. Seite 281
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. Kirchler. Wirtschaftspsychologie. Seite 282
5 Vgl. ebd.
Arbeit zitieren:
Yen Sandjaja, 2005, Arbeitssucht, München, GRIN Verlag GmbH
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