Einleitung
Das Wort Rotkopf (türk.: Kızılbaş) wird in der heutigen Türkei häufig gebraucht. Es ist abschätzig besetzt mit Eigenschaften wie Rückständigkeit, Ketzertum und sexuellen Ausschweifungen. Rotkopf bezeichnet aber nicht nur die Vorurteile einer Gesellschaft gegen anscheinend rückständige und ungläubige Elemente in ihren eigenen Reihen, Rotkopf ist die ursprüngliche Bezeichnung der anatolischen Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die in der heutigen Türkei zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dass diese zweitgrößte türkische Religionsgemeinschaft bis in die letzten Jahrzehnte in der Türkei weniger präsent war als ihr negativ besetzter Name ist nicht unwesentlich Folge ihrer in den letzten Jahrhunderten gepflegten Praktik der takiya (Verstecken, Geheimhaltung), mit der sie ihre Identität vor ihren mehrheitlich sunnitischen Mitmenschen verbargen. Die takiya ist natürlich kein Selbstzweck, sondern aus einer Notwendigkeit heraus entstanden.
Wie es zur Herausformung einer solchen nach innen gewandten Religionsgemeinschaft kam und um welche Art von Religion es sich hier überhaupt handelt, dem wollen wir im folgenden Kapitel nachspüren. Um uns ein geeignetes Bild zeichnen zu können werden wir, einigen ausgewählten Autoren folgend, die regionale Geschichte seit dem Beginn türkischer Herrschaftsansprüche in Anatolien bezüglich der zur Herausbildung der Kızılbaş relevanten Faktoren untersuchen. Denn die Aleviten sind, wie im folgenden verdeutlicht werden soll, nicht nur türkische Minderheit, sondern zugleich Überrest von Vertretern eines speziell türkischen Islamverständnisses. ...
Inhaltsverzeichnis
1. Genese der Kızılbaş
1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien
1.2. Die Anfänge des Osmanischen Reiches und Der Bektaşi-Orden
1.3. Der Sufi-Orden der Safawiden in Persien und seine Auswirkungen auf die anatolische Peripherie
1.4. Die Kızılbaş-Aufstände und ihre Folgen
1.5. Die Kızılbaş und der Bektaşi-Orden
2. Die Aleviten und die türkische Republik
2.1. Die Aleviten und Atatürk
2.2. Die jüngste Vergangenheit
3. Auszüge aus dem religiösen Leben der Aleviten
4. Diskussion und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Genese der Aleviten im Kontext der anatolischen Geschichte und beleuchtet die Faktoren, die zur Herausbildung ihrer spezifischen religiösen Identität und Sozialpraxis beigetragen haben.
- Historische Verwurzelung der Aleviten in der anatolischen Geschichte
- Die Rolle des Bektaşi-Ordens und der Safawiden für die alevitische Identitätsbildung
- Soziopolitische Faktoren der Kızılbaş-Aufstände und deren Folgen
- Das Verhältnis der Aleviten zur türkischen Republik und ihre moderne Identität
- Religiöse Grundsätze und Praktiken alevitischen Glaubens
Auszug aus dem Buch
1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien
Mit der Errichtung der Dynastie der Rumseldschuken (einem Stamm seldschukischer Turkmenen) 1077 in Kleinasien befand sich Anatolien zum ersten mal in der Geschichte unter türkischer Herrschaft. Regierungssitz dieses neuen Reiches wurde dann 1116, nach einer durch kriegerische Auseinandersetzungen dominierten Zeit, die Stadt Konya.
Eine Folge der neuen Machtsituation, aber auch der seit 1219 beginnenden Invasion der Mongolen, war der starke Zuzug turkmenischer und in einem geringeren Maße persischer Stämme nach Anatolien. Die Turkmenen brachten bereits eine unorthodoxe Form des sunnitischen Islam mit nach Anatolien. Vor allem iranische Gelehrte belebten die Kunst und die Theologie Konyas. Im städtischen Bereich entwickelte sich fortan also eine Hochkultur, die durch iranische Einflüsse geprägt war und mit der Etablierung des Persischen als Hof- und des Arabischen als Religionssprache sowie der schriftlichen Fixierung von Gesetz und Religion einherging.
Dies stand nun in einem immer drastischeren Gegensatz zum ländlichen Leben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Genese der Kızılbaş: Dieses Kapitel analysiert den geschichtlichen Entstehungsprozess alevitischer Identität, ausgehend von der türkischen Besiedlung Anatoliens über die Rolle der Derwischorden bis hin zu den Kızılbaş-Aufständen.
2. Die Aleviten und die türkische Republik: Hier wird das ambivalente Verhältnis der Aleviten zum modernen laizistischen türkischen Staat sowie ihre politische und soziale Situation im 20. Jahrhundert beleuchtet.
3. Auszüge aus dem religiösen Leben der Aleviten: Dieser Abschnitt bietet einen Einblick in die theologischen Grundpfeiler des alevitischen Glaubens, wie die Verehrung Alis und die Bedeutung des Cem-Rituals.
4. Diskussion und Fazit: Das abschließende Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Arbeit und ordnet die alevitische Identität als ein komplexes Spiegelbild regionaler und historischer Einflüsse ein.
Schlüsselwörter
Aleviten, Kızılbaş, Osmanisches Reich, Anatolien, Bektaşi-Orden, Safawiden, Islam, Geschichte, Identität, Takiya, Musahiplik, Atatürk, Religionsgemeinschaft, Synkretismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die geschichtliche Genese der Aleviten, einer bedeutenden religiösen Gemeinschaft in der Türkei, und untersucht die historischen Ursprünge ihrer Identität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Fokus stehen die Entstehung der Kızılbaş, die Bedeutung des Bektaşi-Ordens, die Auswirkungen safawidischer Einflüsse sowie die soziale und politische Position der Aleviten im Wandel der Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische Kultur und Religionspraxis der Aleviten aus ihrem historischen Entstehungsprozess heraus verständlich zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor führt eine literaturgestützte Analyse durch, die auf historischen Quellen und der Fachliteratur von Autoren wie Dressler, Gümüs und Kehl-Bodrogi basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung von den Seldschuken bis zur Gründung der türkischen Republik sowie die Beschreibung zentraler religiöser Praktiken.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Alevitentum, Kızılbaş, türkische Identität, Safawiden, Osmanisches Reich und die Rolle des Bektaşi-Ordens.
Welche Bedeutung hatte das „goldene Zeitalter des Alevilik“?
Dieser Begriff beschreibt eine frühe Phase des Osmanischen Reiches, in der spirituelle Führer wie Hacı Bektaş Veli einen hohen Einfluss auf die Machthaber ausübten und eine gewisse religiöse Offenheit herrschte.
Warum spielt das Konzept der „Takiya“ in der alevitischen Geschichte eine Rolle?
Takiya bezeichnet die Praxis der Geheimhaltung der eigenen Identität und Lehre, die aufgrund von Diskriminierung und Verfolgung durch die sunnitische Mehrheitsgesellschaft notwendig wurde.
Inwiefern beeinflussten die Safawiden die alevitische Identität?
Die Safawiden dienten den alevitischen Gruppierungen als charismatische Führung, was zur religiösen und militärischen Mobilisierung der Kızılbaş gegen die osmanische Zentralgewalt führte.
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- Steffen Lasch (Author), 2004, Die Genese der Aleviten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51347