Inhalt
I Einleitung
II Analyse und Interpretation
a. André Bazin
b. Siegfried Kracauer
III Schlussfolgerung
IV Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Lexika
3. Sekundärliteratur
2
Einleitung
Die Filmtheorien von S. Kracauer und André Bazin gelten seit langem als Meilensteine der klassischen Sichtweise in der Filmforschung. Obwohl sie später relativiert worden sind, bleiben viele ihrer Thesen auch heute überzeugend und provokant. Sie haben eine ganze Generation von künftigen Wissenschaftlern stark beeinflußt. Deswegen kann man sie auf eine Weise interpretieren, wie man auch bedeutende Kunstwerke interpretiert: das was gut ist, bleibt immer modern und bedeutend, unabhängig von der kommenden Zeit. Gerade die Hauptthese der beiden Autoren erlebt in der Gegenwart eine neue Popularität: die Befürwortung der realistischen Herangehensweise beim Filmemachen ist in der neuen semiotischen Theorie und anderen Theorien, die sich mit dem Problem der Darstellung von Wirklichkeit und Imagination befassen, umstritten.
Die vorliegende Arbeit versucht umfassend darzustellen, welche Art von Filmverständnis die Texte von S. Kracauer und A. Bazin anbieten, sowie heraus zu arbeiten, welche Unterschiede und welche Ähnlichkeiten in den beiden Sichtweisen auftreten. Der Text von André Bazin hat sich als eine gute Einführung in das Thema erwiesen, dennoch wird die Betonung der Interpretation auf den Text von Siegfried Kracauer gelegt. Analyse und Interpretation a. André Bazin
„Ontologie des fotografischen Bildes“ stellt eine Reihe von Thesen über Malerei, Fotografie und Film auf und endet mit der Darstellung der Hauptaufgabe der zwei letztgenannten Künste. Die erste These befasst sich mit dem Ursprung der Fotografie im psychoanalytischem Sinne; sie baut auf der Feststellung, dass die Fotografie aus dem psychologischen Bedürfnis, über den Tod erhaben zu sein, entstanden ist. Dieser Schluss ist das Ergebnis einer Überlegung, die bis an die Anfänge der Bildhauerkunst im alten Ägypten hinreicht. Bazin nennt die Terrakottastatuetten neben den Sarkophagen: die ersten bekannten Skulpturen. (Man könnte auch noch weiter gehen, und die eigentliche Mumie als eine Skulptur bezeichnen). Dieser „Mumienkomplex“ erschließt uns nach Bazin eines der grundlegenden Motive für die Kunst überhaupt: „das Wesen durch sein Abbild zu retten 1 “. Die Jahrtausende haben die Situation nur scheinbar verändert, die Aufgabe oder die Antriebskraft der Kunst bleibt diejenige, welche ihr Objekt vor dem Tod schützen soll, sei er körperlich oder geistig. Das ist ein optimistischer Gedanke, der
1
André Bazin, Ontologie des fotografischen Bildes (1958), in: ders.,
Was ist Kino?,
M. DuMont Schauberg Verlag, Köln, 1975., S. 21.
3
den Glauben an die Ewigkeit der Menschheit voraussetzt. Sonst würde es sich nur um begrenzte Zeiträume handeln, das heißt, eine Idee oder ein Objekt um hundert oder noch tausend Jahre künstlich am Leben zu erhalten, bis das Sonnensystem wieder ein Nichts wird. Das könnte ein kritischer Punkt in Bazins Text sein. Die Annahme, dass der Künstler der Vergeblichkeit seines Schaffens bewußt ist, nimmt Bazins These über den psychologischen Ursprung der Kunst die Grundlage. An seine Stelle könnten andere Motive treten, wie der einfache Trieb nach dem Schaffen, oder Neugier, oder eine Neigung zum Schönen als solchem, selbst Müßiggang. Zudem basiert die Annahme einer Rettung vor dem Zerfall auf einem spezifischen Verständnis von Zeit und Form. „Die Zeit durch das Fortbestehen der Form zu besiegen! 2 “, meint Bazin. Falls es sich bei der Objektabbildung um einen materiellen Gegenstand handelt, dann ist „die Geschichte der bildenden Kunst eine Geschichte der Ähnlichkeit, oder [...] des Realismus. 3 “ Die zweite These unterstreicht die Tatsache, daß die Fotografie beim dem Betrachter im Vergleich zur Malerei eine höhere Glaubwürdigkeit erzeugt. Die Malerei ist bei dem Darstellen des Ähnlichen, im Vergleich zur Fotografie eine unvollkommenere Methode. Ihre Eingeschränktheit beim Duplizieren der Welt befreit sie schließlich, nach Jahrhunderten des vergeblichen Bemühens, von einem Realitätszwang und bietet ihr wieder die Möglichkeit, sich auf das Erstellen einer geistigen Wirklichkeit zu konzentrieren. Die Gründe, die die Fotografie bei der Realitätsmimesis so mächtig hervorheben, sind offensichtlich. Die abbildeten Gegenstände sind Realität, so Bazin 4 . Diese Illusion kommt von der Tatsache, daß sich zwischen dem Künstler und dem Objekt, zum ersten Mal nur eine Linse, ein Objektiv befindet. Aus diesem, in der bildenden Kunst bisher unbekanntem Wirkungsvermögen bei der Realitätsübertragung, geht die erste Aufgabe der Fotografie hervor - eine realistische Darstellung des Wirklichen. Soviel zur Dimension der Form.
Man kann annehmen, daß sich Dimension der Zeit in zwei Komponente zerteilen lässt. Die erste ist der Augenblick, er ist eine Grundeinheit des Zeitkontinuums. Die zweite Komponente ist das Kontinuum selbst, eine ununterbrochene Reihenfolge von Augenblicken. Wenn man die fotografische Objektivität, so Bazin, als die beste Weise versteht einen Augenblick zu balsamieren, dann ist der Film die einzige Möglichkeit die, darüber hinaus, den tatsächlichen Zeitfluß registrieren kann. In dem Text von Bazin begegnet man dazu einem überzeugenden Gedanken: „Zum ersten Mal ist das Bild der
2
André Bazin, Ontologie des fotografischen Bildes (1958) in: ders.,
Was ist Film?,
Berlin 2004. O., S. 23.
3 A. a. O., S. 34.
4 A. a. O., S. 37.
4
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Vukan Mihailovic de Deo, 2004, Über André Bazins "Ontologie des fotografischen Bildes" und Siegfried Kracauers "Die Errettung der physischen Realität" - eine Analyse ihrer Thesen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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