Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Fürst des Fests als Napoleon 3
2.1. Kerényis’ Napoleon-Hypothese. 3
2.2. Allemanns Napoleon-Hypothese. 6
3. Der Fürst des Fests als Christus. 9
3.1. Diskurs über die „Christus-Hypothese“ 9
3.2. Diskurs über die Identität des Fürsten als Christus und des
J ünglings. 12
4. Fazit. 17
5. Literaturverzeichnis: 19
6. Anhang 20
1. Einleitung
Vor 50 Jahren (1954) tauchte im Londoner Autographen-
Handel die unbekannte Reinschrift einer Hymne Hölderlins auf: Die Frie-
densfeier. Bis zu diesem Zeitpunkt waren von der Friedensfeier ledig-
lich ein Prosaentwurf bekannt sowie zwei Versentwürfe: Der Erste und der
Zweite Hauptansatz. 1 Hölderlin sah die Reinschrift wohl für eine Druckvor-
lage vor, da sie nur wenig korrigiert ist. Das Gedicht selbst kann nicht ex-
akt datiert werden, denn man weiß nicht genau, in welchem zeitlichen Ab-
stand zu den Entwürfen schließlich die Endfassung entstanden ist. Es
entstand wohl 1801 oder 1802, denn man vermutet einen Zusammenhang
der Entstehung der Hymne zum Frieden von Lunéville 2 Hölderlin setzte
gro ße Hoffnungen auf diesen Frieden, nicht nur politisch gesehen, son-
dern auch bezogen auf das Verhältnis der Menschen untereinander. 3
1 Allerdings lassen sich die Versentwürfe nicht mit letzter Sicherheit unterscheiden. Vgl.
Beissner 1961:173
2 am 9. Februar 1801 schlossen Frankreich und Österreich in Lunéville Frieden
3 Brief an den Bruder Karl (Nr. 222) zitiert nach Hölderlin 1954, 6. Bd. : „ daß uns der
Friede , der jetzt im Werden ist, gerade das bringen wird, was er und nur er bringen konn-
te denn er wird vieles bringen, was viele hoffen, aber er wird auch bringen, was wenige
ahnden. daß der Egoismus in allen seinen Gestalten sich beugen wird unter die heili-
ge Herrschaft der Liebe und Güte. “
- - 1
Die Friedensfeier ist unter den Hölderlin-Forschern sehr um-stritten. Nicht nur die Semantik einzelner Worte und Begriffe, sondern auch die Thematik und Leitvorstellungen im Ganzen werden sehr gegensätzlich diskutiert. Wenn man die Literatur zur Friedensfeier sichtet, er-scheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass der eine Forscher überzeugt sein kann, in der zentralen Figur der Friedensfeier (der Fürst des
Fests) Napoleon zu sehen und ein anderer fest überzeugt ist, allein Christus stelle den Fürsten dar. Böckmann [1955/56:2] stellt zurecht fest, dass mit der Hymne ein „Zankapfel“ unter die Hölderlin-Freunde geworfen wurde. Hölderlin selbst hat den Leser um Nachsicht gebeten, er stellt seiner Hymne voran: „Ich bitte dieses Blatt nur gutmütig zu lesen. So wird es sicher nicht unfasslich, noch weniger anstößig sein.“ Mittlerweile scheinen die Forscher nicht mehr die Friedensfeier selbst „anstößig“ zu finden,
sondern vielmehr die Meinungen ihrer Kollegen über die Hymne.
Diese Arbeit will anhand der zentralen Figur des Fürsten des Fests Rezeptionsphänomene untersuchen. Es geht hier also nicht um eine Interpretation von Hölderlins Friedensfeier, sondern im gebotenen
engen Rahmen um den Diskurs der Hölderlin-Forscher, eingeschränkt auf die zentrale Gestalt der Hymne. Es werden nicht alle Aspekte zum Fürsten des Fests beleuchtet, sondern im Wesentlichen zwei Stränge: Zum einen werden Argumente diskutiert, die für die Napoleon-Hypothese sprechen und solche, die die Christus-Hypothese vertreten. Zum anderen wird die Frage untersucht, ob der Fürst des Fests aus den Strophen 2 und 9 und der Jüngling aus den Strophen 4 und 9 identisch sind oder ob es sich um unterschiedliche Figuren handelt.
- - 2
2. Der Fürst des Fests als Napoleon
2.1. Kerényis’ Napoleon-Hypothese
Karl Kerényi hat zuerst die These aufgestellt, es handele sich beim Fürsten des Fests um Napoleon. Beda Allemann hat Kerényis Argumente übernommen und weiterentwickelt. Böckmann [1955/56:3] hält diese These für ungesichert und nennt sie eine „erwünschte Verlegenheitsauskunft“. Hauptkritikpunkt Böckmanns ist die Tatsache, dass der in V. 15 und 112 genannte Fürst des Fests Napoleon darstellen soll, weil es einen Gedichtentwurf im Nachlass Hölderlins gibt, der die Überschrift „Dem Allbekannten“ trägt. Kerényi hätte die Gleichung aufgestellt, dass auf Grund dieses damals unveröffentlichten Entwurfes bei Hölderlin das Wort „Allbekannter“ immer Napoleon bedeute. Böckmann [1955/56:4] setzt dagegen, dass Hölderlin viele „allbekannte“ Erscheinungen in seinen Gedichten beschreibt. Tatsächlich lässt sich das bei einigen Gedichten Hölderlins beobachten: In „Chiron“ schreibt er
Im Gedicht an seine Großmutter zum 72. Geburtstag heißt es über Christus
In diesem Gedicht schreibt Hölderlin, dass Christus nur wenige kennen würden. Er meint damit sicher nicht wörtlich, dass viele Menschen Christus nicht kennen, sondern eher, dass sie ihn nicht erkennen und ihm nicht nachfolgen. Er impliziert damit, dass Christus durchaus allen bekannt sei. Ich schließe mich daher der Meinung Böckmanns an, dass man nicht den Schluss ziehen kann, dass Hölderlin, wenn er vom "Allbekannten" spricht, immer dieselbe Figur oder Person meint. Kerényi [1955:90] bringt noch ein weiteres Argument vor, warum der Fürst des Fests Napoleon sein müsse: Die Tatsache, dass der Fürst eben nicht näher benannt sei, spreche dafür, dass der zeitgenössi- 4 Hölderlin[1951:Bd. 2, 57] 5 Hölderlin [1946:Bd. 1, 272]
- - 3
sche Leser genau wisse, wer gemeint sei. Zwar ist die Zeit der Entstehung der Hymne noch die Zeit der höchsten Machtfülle Napoleons, aber dies ist dennoch ein Argument, das sich auf jede andere Deutung ebenso anwenden ließe. Auch Christus oder der Frieden als solcher oder Gott Vater sind objektiv allen Menschen bekannt.
Natürlich kannte Kerényi die Argumente seiner „Gegner“ und wandte sich gegen die Forscher, die Christus im Fürsten erkennen wollten. Er sagt, dass Hölderlin selbst "das Unterfangen, von ihm ein Christusbild zu erzwingen" mit einem gewalttätigen Überfall verglichen hätte [Kerényi 1955:73]. Als Beleg führt er eine Stelle aus dem Patmos an:
Als weiteren Beleg [Kerenyi 1955:73] nennt er den Schluss von "Wie wenn am Feiertage", "wo die Zumutung zurückgewiesen wird, die Schau von Göttern vorzutäuschen“
Dies sieht Kerényi als Argument, dass Hölderlin gerade kein Christusbild in einem Gedicht nachzeichnen wollte und würde. Kerényi zitiert also Stellen aus anderen Gedichten, um zu zeigen, dass Hölderlin im Fürsten des Fests keinesfalls Christus feiern wollte. Wenn man jedoch genau dieses Verfahren anwendet und sich ansieht, was ein anderes Gedicht Hölderlins zu sagen hat, nämlich das Gedicht „Buonaparte“, so wird man schnell fest stellen, dass Hölderlin sich vehement dagegen ausspricht, Napoleon 8 in ein Gedicht zu stellen:
6 Hölderlin [1951:Bd. 2, 170]
7 Hölderlin [1951:Bd. 2, 120]
8 Um keine babylonische Sprachverwirrung aufkommen zu lassen: Ich folge in der Arbeit unserem heutigen Sprachgebrauch und spreche von „Napoleon“ und der „Napoleon-Hypothese“. Hölderlin selbst nannte ihn „Buonaparte“.
- - 4
Buonaparte Heilige Gefäße sind die Dichter, Worinn des Lebens Wein, der Geist Der Helden sich aufbewahrt, Aber der Geist dieses Jünglings Der schnelle, müßt´ er es nicht zersprengen Wo es ihn fassen wollte, das Gefäß? Der Dichter laß ihn unberührt wie den Geist der Natur, An solchem Stoffe wird zum Knaben der Meister. Er kann im Gedichte nicht leben und bleiben, Er lebt und bleibt in der Welt. 9
Hölderlin spricht hier ungewohnt deutlich aus, dass ein Held wie Napoleon - hier besteht kein Zweifel, welche Figur er in diesem Gedicht anspricht, trägt doch das Gedicht den Namen Buonapartes - jede poetische Form sprengte, jeder Meister zum Knaben würde, wenn er einen solchen Helden in Worte gießen wollte. Dies untermauert die These, dass Hölderlin nicht Napoleon meint, er wäre sonst von diesem Prinzip abgewichen und hätte Napoleon sogar eine Hymne gewidmet, die für gewöhnlich Göttern und keinen Helden vorbehalten ist. 10 Trotz seiner Überzeugung, welche greifbar historische Figur mit dem Fürsten des Fests gemeint ist, reiht sich Kerényi in die Riege derer, die in der Friedensfeier eine Christushymne 11 sehen. Den Jüngling aus
der 4. Strophe, der „unter syrischer Palme“ war, sieht auch er als Christus: "Den Fürsten des Festes denkt der Dichter zu sehen. Die Götter kehren von sich selbst ein und der ‚Geist der Welt’, der Vater, neigt sich zu den Menschen. Der Ruf indessen ‚Sei gegenwärtig’ gilt seit dem ersten Entwurf Christus, gilt ihm allein. Und durch diesen Ruf wird das Gedicht nach der antiken Poetik gattungsmäßig bestimmt: als hymnos kletikós. Ein Rufgesang an Christus, angesichts des Heros der Welt, des Fürsten des Fests: das ist die ‚Friedensfeier’" [Kerényi 1955:74]. Kerényi ist weiterhin der Ansicht, dass Hölderlin in den Entwürfen die Figur des „Versöhnenden“ beschrieben hat und hier tatsächlich
9 Hölderlin [1954: Bd. 1,1], Gedichte zwischen 1796-1798
10 Zu diesem Aspekt siehe auch S. 9f.
11 Die Trilogie der Christushymnen, bestehend aus: Friedensfeier, Der Einzige und Patmos. Insbesondere Lachmann und seine Mitstreiter für eine christliche Sicht der Hymne sehen die „Friedensfeier“ in diese Trilogie eingebettet.
- - 5
Arbeit zitieren:
Astrid Brüggemann, 2004, Hölderlins Friedensfeier, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Betrachtungen zur klassischen Walpurgisnacht in Goethes Faust II
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
Sprache, Stil und Erzählweise des Romans „Hiob“ von Joseph Roth
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 21 Seiten
Lulu. Der "Prototyp“ der Femme fatale?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Astrid Brüggemann hat den Text Hölderlins Friedensfeier veröffentlicht
Astrid Brüggemann hat einen neuen Text hochgeladen
Gesamtausgabe Abt. 2 Vorlesungen Bd. 52. Hölderlins Hymne ' Andenken'
Freiburger Vorlesung Wintersem...
Martin Heidegger, Curd Ochwadt
Gesamtausgabe Abt. 2 Vorlesungen Bd. 39. Hölderlins Hymnen ' Germanien...
Martin Heidegger, Susanne Zeigler
Gesamtausgabe Abt. 2 Vorlesungen Bd. 53. Hölderlins Hymne 'Der Ister'
Martin Heidegger, Walter Biemel
Sprachdenken im Übersetzen 1. Band: Jehuda Halevi. Fünfundneunzi g Hym...
Der sechzig Hymnen und Gedicht...
Franz Rosenzweig, Rafaël N. Rosenzweig
0 Kommentare