TORTUGUERO , TABASCO, MEXIKO
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS. 4
VORWORT. 8
ÜBERSICHT 9
1. EINFÜHRUNG UND FORSCHUNGSRESÜMEE 11
1.1 DAS NORDWESTLICHE TIEFLAND 11
1.1.1 Definition 11
1.1.2 Geomorphologie 12
1.1.3 Klima 13
1.2 DIE ARCHÄOLOGISCHE ZONE VON TORTUGUERO. 14
1.3 ALLGEMEINE FORSCHUNGSGESCHICHTE. 16
1.3.1 Die frühen Expeditionen 16
1.3.2 Die Regionalstudien 17
1.3.3 Die Zukunft 17
1.4 QUELLENGRUNDLAGEN 17
1.4.1 Definitionen 18
1.4.2 Schriftliche Quellen. 18
1.4.3 Archäologische Quellen 19
1.4.4 Forschungsdesiderata 19
1.5 QUELLENKUNDLICHE FORSCHUNGSGESCHICHTE 19
1.5.1 Kalendarische Angaben. 20
1.5.2 Historische Angaben 20
1.5.3 Die Herkunft der Dynastie 21
1.5.4 Die Herrschaftsfolge 23
1.5.5 Soziopolitische Relationen. 24
1.5.6 Forschungsdesiderata 25
1.6 ZIELSETZUNG 25
1.6.1 Dokumentation der Quellen 26
1.6.2 Bearbeitung der Quellen 26
1.6.3 Einschränkungen. 27
2. METHODIK 28
2.1 EPIGRAPHISCHE VORBEDINGUNGEN 28
2.1.1 Termini und Definitionen 28
2.1.2 Graphemik. 29
2.1.3 Kriterien zur Ermittlung des Gehalts einer Hieroglyphe. 32
2.2 LINGUISTISCHE VORBEDINGUNGEN 32
2.2.1 Die Frage der Klassischen Schriftsprache 32
2.2.2 Phonetik und Phonologie. 34
2.2.3 Wortarten und Morphologie 34
2.2.4 Syntax 36
2.3 ANALYTISCHE VERFAHRENSWEISE 37
2.3.1 Quelleninterne Analyse 37
2.3.2 Quellenvergleichende Analyse 39
2.3.3 Historiographische Grundbedingungen für die klassischen Maya. 40
2.3.4 Problemstellungen der Historiographie. 41
2.3.5 Quellenvergleich mit den Aufzeichnungen anderer Orte 42
2.4 WEITERE PROGRAMMATIK 43
3. CHRONOLOGISCHES GERÜST 44
4
TORTUGUERO , TABASCO, MEXIKO
4. EINZELHYPOTHESEN 46
4.1 THEMATISCHE HIEROGLYPHEN 47
4.1.1 Lebenszyklus und Selbstidentität. 47
4.1.1.1 Der Geburtsausdruck „siij?“ 47
4.1.1.2 Der todesbezogene Ausdruck „ma’ ilnaj“ 49
4.1.1.3 Der Todesausdruck „och bij“ 50
4.1.1.4 Der Agensausdruck „aj“ 51
4.1.1.5 Der Personenklassifikator „ix(ik)“ 53
4.1.2 Politik, Status, Macht und Autorität. 54
4.1.2.1 Der Inthronisationsausdruck „chumwaani ta “ 54
4.1.2.2 Der statusbezogene Ausdruck „chumlaj nah baah“ 58
4.1.2.3 Der Titel „ch’ahoom“ 59
4.1.2.4 Der Titel „yajawte’“ 61
4.1.2.5 Der Titel „? ix k’uh“ 62
4.1.2.6 Die Emblemhieroglyphe „k’uhul baakal ajaw“ 63
4.1.3 Kriegsführung und Konfliktaustragung 66
4.1.3.1 Der Kriegsausdruck „Sternkrieg“ 66
4.1.3.2 Der kriegsbezogene Ausdruck „u took’ u pakal“ 68
4.1.3.3 Der Ausdruck der Gefangennahme „chuhkaj“ 69
4.1.3.4 Der Ausdruck des Hackens „ch’ahkaj“ 71
4.1.3.5 Der Ausdruck für Gefangenenbehandlung „naabaj ch’ich’“ 72
4.1.3.6 Der Ausdruck für Gefangenenbehandlung „witzaj jol“ 74
4.1.3.7 Der gefangenbezogene Ausdruck „bolon hihnaj u sak nik ik’il“ 75
4.1.4 Genealogische Systematik. 78
4.1.4.1 Der Ausdruck für das Kind eines Mannes „u nich“ 78
4.1.4.2 Der Ausdruck für das Kind einer Frau „u baah u juntan“ 80
4.1.4.3 Der Abstammungsausdruck „u baah u chiit? ch’ab“ 81
4.1.4.4 Der Ausdruck für Namensvetternschaft „yeht k’aba’il u mam“ 83
4.1.4.5 Der Verheiratungsausdruck „huli“ 85
4.1.5 Religion, Ritus und Kult. 86
4.1.5.1 Der Periodenendenausdruck „tzutz “ 86
4.1.5.2 Der Ausdruck des Bindens „k’al“ 88
4.1.5.3 Der Ausdruck des Einpflanzens „tz’ahpaj“ 90
4.1.5.4 Der Ausdruck des Aufstellens „wa’laj u lakam tuun“ 91
4.1.5.5 Der numenbezogene Ausdruck „yehm bolon yokte’“ 92
4.1.6 Übergeordnete Ausdrücke 93
4.1.6.1 Der Zeit- und Ortsindikator „uht“ 93
4.1.6.2 Der Überwachungsausdruck „u kabijiy“ 95
4.2 NOMINALPHRASEN 96
4.2.1 Männliche Individuen 97
4.2.1.1 Das Individuum „Ahkal K’uk’“ 97
4.2.1.2 Das Individuum „Bahlam Ajaw“ 98
4.2.1.3 Das Individuum „Xam“ 101
4.2.1.4 Das Individuum „Lajun Ajaw Aj Kil Chan“ 102
4.2.1.5 Das Individuum „Us Jun Kaban“ 103
4.2.1.6 Das Individuum „Ik’ Muuy Muwaan I.“ 104
4.2.1.7 Das Individuum „Ox Bahlam“ 105
4.2.1.8 Das Individuum „Tz’unun Mo’“ 106
4.2.1.9 Das Individuum „Ebeet K’uk’“ 107
4.2.1.10 Das Individuum „Chan Chuwen“ 108
4.2.1.11 Das Individuum „A“ 109
4.2.1.12 Das Individuum „Jun Yal Ok“ 109
4.2.1.13 Das Individuum „Ik’ Muuy Muwaan II.“ 110
4.2.1.14 Das Individuum „Ak’ax Bahlam“ 110
4.2.1.15 Das Individuum „B“ 112
4.2.1.16 Das problematische Individuum „C“ 112
4.2.1.17 Das problematische Individuum „D“ 113
4.2.1.18 Das problematische Individuum „E“ 114
5
TORTUGUERO , TABASCO, MEXIKO
4.2.1.19 Das problematische Individuum „F“ 115
4.2.1.20 Das problematische Individuum „G“ 115
4.2.2 Weibliche Individuen. 116
4.2.2.1 Das Individuum „Frau Witz Chan“ 116
4.2.2.2 Das Individuum „Frau A“ 117
4.2.2.3 Das Individuum „Frau Nay Amay Noh“ 117
4.2.2.4 Das Individuum „Frau Wan Chiij“ 118
4.3 EMBLEME UND TOPONYME. 119
4.3.1 Embleme. 120
4.3.1.1 Das Emblem „Baakal“ 121
4.3.1.2 Das Emblem „Joy? Chan“ 123
4.3.1.3 Das Emblem „Yohm Pi“ 125
4.3.1.4 Das Emblem „Hix Nal“ 126
4.3.1.5 Das Emblem „1“ 126
4.3.2 Toponyme 127
4.3.2.1 Das Toponym „Ox Te’ K’uh“ 127
4.3.2.2 Das Toponym „Ahiin“ 128
4.3.2.3 Das Toponym „1“ 129
4.3.2.4 Das Toponym „K’ahk’ Witz“ 129
4.3.2.5 Das Toponym „Chak Ik’ ?“ 130
4.3.2.6 Das Toponym „Peten Ti’“ 131
5. INHALTLICHE DISKUSSION 133
5.1 DIE PROTAGONISTEN UND IHRE BIOGRAPHIE 133
5.1.1 Die Biographie von Ahkal K’uk’ 133
5.1.2 Die Biographie von Bahlam Ajaw 134
5.1.3 Die Biographie von Ik’ Muuy Muwaan II. 136
5.1.4 Die Biographie von Ak’ax Bahlam 137
5.1.5 Die Biographie von Individuum B. 138
5.2 DYNASTISCHE SEQUENZ 138
5.2.1 Herrscher 1 - Ahkal K’uk’ 140
5.2.2 Herrscher A - Ik’ Muuy Muwaan I. 140
5.2.3 Herrscher B - Bahlam Ajaw. 141
5.2.4 Herrscher C - Ik’ Muuy Muwaan II. 141
5.2.5 Herrscher D - Individuum B. 142
5.2.6 Dynastographische und genealogische Synthese 142
5.3 HERKUNFT DER DYNASTIE. 143
5.3.1 Die soziopolitische Dimension von Emblemhieroglyphen. 143
5.3.2 Die etische Perspektive des Ursprungs. 146
5.3.3 Die emische Perspektive des Ursprungs 146
5.3.4 Synthese der Einzelergebnisse 147
5.4 SOZIOPOLITISCHE RELATIONEN 149
5.4.1 Freundschaftliche Interaktionen: Vermählungen und Visiten. 149
5.4.2 Ereignisgeschichtliche Darstellung der Kriegshandlungen 149
5.4.3 Interpretation der Kriegshandlungen. 151
5.4.4 Soziopolitische Organisation 154
5.4.5 Synthese der Einzelergebnisse 154
5.5 DAS ENDE DER SCHRIFTTRADITION 155
5.5.1 Das Ende des Errichtens von Monumenten in Tortuguero 155
5.5.2 Comalcalco als möglicher Nachfolger von Tortuguero 156
5.5.3 Synthese der Einzelergebnisse 158
6. EVALUATION. 159
6.1 KALENDARISCHE ANGABEN 159
6.2 HERKUNFT DER DYNASTIE. 160
6
TORTUGUERO , TABASCO, MEXIKO
6.3 HERRSCHAFTSFOLGE. 161
6.4 SOZIOPOLITISCHE RELATIONEN 161
7. ZUSAMMENFASSUNG 163
7.1 ABGLEICH DER RESULTATE. 163
7.2 DIE GESCHICHTE VON TORTUGUERO 164
7.3 AUSBLICK. 164
ANHANG 1: ABKÜRZUNGEN 166
A 1.1 INSCHRIFTENORTE. 166
A 1.2 GENERELLE BEZEICHNUNGEN FÜR OBJEKTE. 167
A 1.3 EIGENBEZEICHNUNGEN FÜR OBJEKTE 167
ANHANG 2: CHRONOLOGIEÜBERSICHT. 168
LITERATURVERZEICHNIS 170
ABBILDUNGS - UND TABELLENVERZEICHNIS 186
ABBILDUNGEN 186
KARTEN 186
TABELLEN 187
INDEX............................................................ FEHLER TEXTMARKE NICHT DEFINIERT.
7
VORWORT
Z
U BEGINN MEINER MAGISTERARBEIT möchte ich einige persönliche Bemerkungen zur Entstehung dieser im Folgenden dargestellten Untersuchung machen.
Das Inschriftenkorpus einer klassischen Maya-Stadt aufzuarbeiten und aus diesem dynastische und politische Strukturen abzuleiten, war bereits in einer frühen Phase meines Studium ein potentielles Thema für eine Magisterarbeit.
Mit einem zunehmenden Einblick in die Maya-Forschung rückten dabei Tortuguero (Tabasco, Mexiko), Machaquilá (El Petén, Guatemala) und Cancuén (El Petén, Guatemala) in den Fokus meiner Überlegungen.
Zwei Umstände bildeten letzten Endes den entscheidenden Anlaß, die nun vorliegende Arbeit zu verfassen. Dies war die Teilnahme am Tercer Taller de Epigrafía Maya im Rahmen der Serie de las Mesas Redondas de Palenque in Villahermosa im Jahre 2001 und der damit verbundene Besuch des Museo Carlos Pellicer Camára, welches einen Großteil der bekannten Inschriften aus Tortuguero beherbergt. Weiter ermöglichte eine Besprechung von Monument 6 in einem Seminar zur Maya-Epigraphik unter der Leitung von Nikolai Grube am Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn im Wintersemester 2002/03 weitere Einsichten in das Korpus von Tortuguero. Diese Studie reiht sich damit in eine bereits bestehende Serie gleichartiger am Institut entstandener Arbeiten über Naranjo (Voß 1995 MS) und Pusilhá (Prager 2002 MS) ein.
Das Thema bot sich aufgrund bestimmter Umstände an. Das Inschriftenkorpus von Tortuguero ist relativ begrenzt und eignet sich von daher in besonderem Maße für eine Aufarbeitung und Analyse im Rahmen einer Magisterarbeit. Wie es das Schicksal vieler kleiner archäologischer Stätten im Maya-Gebiet ist, steht auch Tortuguero im Schatten der großen und weltbekannten Zentren der Maya-Kultur und ist bislang epigraphisch und archäologisch wenig beachtet worden. Außer einigen kurzen Artikeln besitzen wir als geschlossene Abhandlung zur Epigraphik von Tortuguero lediglich die Dokumentation von Berthold Riese aus dem Jahre 1980. Die kaum erfolgte archäologische Forschung in Tortuguero ist besonders seit 1981 Folge und Ursache zugleich, als die Stätte Opfer eines Kalksteinbruches für eine Zementfabrik geworden ist.
Tortuguero liegt nicht nur im Einflußbereich eines der großen Maya-Zentren, Palenque, sondern ist durch seine Lage auch einer der Inschriftenorte, die an der westlichen Peripherie des Maya-Gebietes zur Golfküstenregion von Veracruz liegen. Die Verwendung der Emblemhieroglyphe von Palenque und die überaus kurze dynastische Abfolge in Tortuguero selbst wirft viele Fragen auf, die bislang nicht hinreichend geklärt worden sind. Tortuguero führte darüber hinaus viele Kriege unter seinem großen Herrscher Bahlam Ajaw und es bot sich daher an, die Hintergründe dieser Feldzüge zu untersuchen und die politische Situation des westlichen Maya-Tieflandes, primär aus der emischen Perspektive von Tortuguero, zur Zeit der Späten Klassik, zu rekonstruieren. Zur Diskussion sollen nicht nur die Texte sprechen, sondern auch, soweit es die Quellen zulassen, archäologisches Datenmaterial der Untermauerung der Argumentation dienen.
Sven Gronemeyer
Bonn, im Mai 2004
8
ÜBERSICHT
„Jedesmal, wenn ein Mensch über Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtsschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen, was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischenliegenden Zeiten in die Vergangenheit zurückversetzt, so daß er das Bild derselben fälscht.“
Sigmund Freud
N
EBEN DER ARCHÄOLOGIE BILDET DIE EPIGRAPHISCHE FORSCHUNG die bedeutendste Methode der Informationsgewinnung über vergangene Stadien und Aspekte der Maya-Kultur. Vieles, was die Archäologie nicht oder nur in begrenztem Maße imstande ist, wieder an das Licht der Erkenntnis und des Erinnerns zu bringen, kann das Studium der vielen tausend Schriftquellen leisten, die uns aus präkolumbischer Zeit erhalten sind. Man denke etwa an die Geburt eines Menschen, wie er sich verheiratet, als Herrscher inthronisiert wird, Ehrerbietung seiner Untergebenen erhält, Gesandte and die Höfe anderer Fürsten entsendet oder gegen sie eine militärische Operation durchführt. Alle diese Unternehmungen wurden mit Hilfe eines Kalenders festgehalten, der dem Epigraphiker eine absolutchronologische Ein-ordnung der Ereignisse auf den Tag genau gibt.
Trotzdem ist die Analyse der Schrifttexte ihren eigenen Restriktionen unterworfen. Denn wer hatte außer den Eliten Gelegenheit, Geschichte, seine Sicht der Geschichte, zu schreiben? Damit wäre eine der hauptsächlichen Einschränkungen bereits genannt. Im Gegensatz zur Archäologie erfahren wir aus den Texten nichts über Belange der einfachen Bevölkerung. Doch auch Geschichtsschreibung ist bekanntermaßen nicht frei von Intentionen, aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln auch immer. Aufgabe des Epigraphikers bei der Suche nach der historischen Faktizität ist also der quellenkritische Umgang mit seinen Arbeitsmaterialien.
Dieser Forderung wird sich auch diese Arbeit stellen, begründet durch methodische Vorgaben. Die Rekonstruktion der Historie eines Inschriftenortes ist bereits in einer Reihe von Arbeiten für verschiedene Stätten vorgenommen worden, etwa für Tikal (Jones & Satterthwaite 1982), Naranjo (Gaida 1983), Yaxchilán (Mathews 1988), Copán (Riese 1992), oder Dos Pilas (Houston 1993). Abhängig von den jeweiligen Besonderheiten einer Stätte, den Grundvoraussetzungen und den Zielsetzungen, hat eine variierende und dem aktuellen Forschungsstand angepaßte, im Kern jedoch identische Methodik sich als brauchbares Mittel für eine ähnliche Darstellung der Materie etabliert. Die vorliegende Arbeit stellt hierbei keine Ausnahme dar, mit den epigraphischen Arbeiten zu Naranjo (Voß 1995 MS) und Pusilhá (Prager 2002 MS) hat sich auch am Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn für derartig gelagerte Magisterarbeiten ein erprobtes Schema etabliert, das für diese Arbeit adaptiert werden kann. Besonders die Arbeit von Christian Prager (2002 MS) wird hierbei zum Tragen kommen.
Die Arbeit ist in zwei Bände aufgeteilt. Der vorliegende Erste Band enthält sieben Kapitel, die Raum für die Einführung zum Thema, für dessen Diskussion und Resümee bereitstellen. Im ersten Kapitel erfolgt eine allgemeine Einführung in das Nordwestliche Maya-Tiefland, die archäologische Zone von Tortuguero, die Begriffsdefinitionen und die bisher geleistete epigraphische Forschung zu den Texten von Tortuguero. Dies führt abschließend zur Formulierung der Forschungsdesiderata und der Derivation für die Zielsetzungen dieser Untersuchung. Im zweiten Kapitel werden die methodischen Grundlagen gelegt, sowohl für die Hieroglyphenschrift und die ihr zugrundeliegende Schriftsprache als auch für die analytischen Vorgehensweisen im Umgang mit den Inschriften. Ein Überblick über die historiographischen Grundlagen ermöglicht die Durchführung der inhaltlichen Diskussion der Texte. Das dritte Kapitel wird zur chronologischen Sequenzierung der Historie eine Kalenderdatenübersicht bereitstellen. Im vierten Kapitel werden im Rahmen von Einzelhypothesen wichtige thematischen Hieroglyphen, die Nominalphrasen von Individuen sowie Embleme und Toponyme vorgestellt, die als essentielles Grundgerüst die inhaltliche Diskussion der Texte erlauben, die im fünften Kapitel vorgenommen wird. Im Rahmen von hieroglyphisch und kontextuell interpretierten Themenblöcken werden an dieser Stelle Biographien für die
9
Protagonisten der Historie aufgestellt, die dynastische Sequenz, die Herkunft der Dynastie beleuchtet und soziopolitische Relationen präsentiert. Mit einer Diskussion über das Ende der Schrifttradition in Tortuguero wird dieser inhaltliche Teil schließen. Das sechste Kapitel wird die in dieser Arbeit erzielten Ergebnisse mit dem bereits geleisteten Forschungsstand vergleichen und das siebte Kapitel wird den Inhalt dieser Arbeit nochmals kurz zusammenfassen und einen Ausblick auf die Möglichkeiten der weiteren Erforschung stellen. Zwei Anhänge geben Abkürzungen für Inschriften und Monumenttypen sowie eine inhaltliche Chronologieübersicht.
Der Zweite Band beinhaltet den Katalog. Im ersten Kapitel wird das Korpus von Tortuguero definiert, eine Nomenklatur für die Inschriftenträger gegeben sowie der Aufbau des Katalogteiles erläutert. Der Katalog selbst gibt für jeden der zehn Textzeugen eine Beschreibung, Zeichnungen, die epigraphische Analyse und die kalendarische Rekonstruktion. Eine Übersicht über die verwendeten Abkürzungen für die grammatikalische Analyse und die syntaktische Funktion von Hieroglyphen ist ebenfalls gegeben. Eine nähere Beschreibung zum Aufbau des Kataloges ist in Kapitel 1.2 des Zweiten Bandes gegeben.
Wie Alfonso Arellano Hernández (1996: 135) in der Einleitung seines die Historie von Tortuguero zusammenfassenden Artikels bemerkt, präsentiert er mit diesem Ergebnisse seiner tesis de maestría zur epigraphischen Analyse der Texte. Diese unpublizierte Arbeit stand als zusätzliche Referenz zur Forschungsgeschichte nicht zur Verfügung, weswegen alle hier nicht weiter gekennzeichneten Aussagen unter Vorbehalt als unabhängig gewonnene Erkenntnisse vorgebracht werden sollen.
Zum Abschluß dieser Einleitung sei noch ein Hinweis auf die Verwendung der unterschiedlichen Zeichenkataloge (vgl. Kapitel 1.3.3 des Zweiten Bandes) gegeben, die im Laufe der Zeit zur Klassifikation von Maya-Graphemen entwickelt wurden. In dieser Arbeit wird für die Identifizierung von Zeichen ausschließlich die dreistellige Bezeichnung verwendet, wie sie der New Catalog von Martha Macri und Matthew Looper (2003) eingeführt hat, etwa „ZQE“. Varianten einer Katalognummer werden mit in Klammern gestellten Nummern geführt, die der Katalog über die Bezeichnung „#. Picture: ...“ führt, wobei „#“ für eine Zahl steht, etwa „ZQE(1)“. In inhaltlichen Zusammenhängen, wo zuvor in der Literatur mit T-Nummern (Thompson 1962) argumentiert wurde, sind diese Katalognummern beibehalten, um den ursprünglichen Argumentationsgang transparent zu halten. Eine Korrelation mit dem New Catalog wird dabei in Klammern angefügt.
10
1. EINFÜHRUNG UND FORSCHUNGSRESÜMEE
1.1 DAS NORDWESTLICHE TIEFLAND
A
N DIESER STELLE SOLL ZUR EINLEITUNG die Tortuguero umgebende geographische Region kurz mit Rückbezug auf den Ort dargestellt werden (Karte 1). Neben allgemeinen geo-morphologischen Charakteristika sowie der Bodenbeschaffenheiten soll auch ein kurzer Abriß des Klima und der Flora der Region gegeben werden, da letzteres für die spätere Diskussion um Tortuguero noch von Belang sein wird (vgl. Kapitel 5.4.3).
Karte 1: Die Region um Tortuguero als Teil des Nordwestlichen Maya-Tieflandes und angrenzendes Hochland von Chiapas. Kartengrundlage: Microsoft Encarta 99 Weltatlas, Entwurf: Sven Gronemeyer.
1.1.1 Definition
Der Begriff des Nordwestlichen Tieflandes für diese Region wurde erstmalig von Patrick Culbert (1973: Fig. 1) eingeführt. Die Abgrenzung dieses Areals gegenüber anderen Regionen des Maya-Gebietes erfolgt vor allem aufgrund geographischer aber auch kultureller Eigenheiten (Ochoa 1978: 41). Geographisch betrachtet ist diese Zone definiert als das Gebiet westlich des Río Usumacinta und nördlich des Hochlandes von Chiapas. Die Nordgrenze bildet die Küstenlinie des Golfes von Mexiko. Eine weitere Unterteilung für einen Teil des bezeichneten Areals nahm Robert Rands (1967: 115, 1973: Fig. 18) vor, demzufolge Tortuguero Teil eines Gebietes ist, das zwischen dem Vorgebirge von Chiapas und den Sumpfre-
11
gionen des unteren Río Usumacinta liegt und von ihm als „intermediate plains“ bezeichnet wurde. Allerdings, das schränkt Rands ein (1973: 170), sollte Tortuguero trotz seiner marginalen geographischen Lage aufgrund seiner Beziehungen zu Palenque eher dem Gebiet des Vorgebirges zugerechnet werden.
Die kulturelle Definition wird in der Literatur über drei Kategorien determiniert, dies ist einmal die Monumentalskulptur bzw. die Ausarbeitung hieroglyphischer Texte, das Auftreten bestimmter keramischer Waren (Rands 1967; 1973) und in einem geringerem Maße die Architektur. Es ist jedoch zu beachten, daß die Formulierung dieser Zone nur eine diffuse Beschreibung ist, da innerhalb doch starke, lokale Unterschiede erkennbar sind.
Die Inschriften von Tortuguero weisen nicht nur stilistische Parallelen in der Ausarbeitung der Zeichen mit denen von Palenque auf (Thompson 1962: 438), sondern, wie die epigraphische Diskussion zeigen wird, auch starke linguistische und syntagmatische Übereinstimmungen. Auch läßt sich für die gesamte Region eine Präferenz für Wandtafeln mit hieroglyphischen Texten feststellen, wie sie aus Tortuguero selbst, aus Palenque, Pomoná, Chinikihá und Miraflores bekannt sind. Andererseits sind einige Inschriftenträger in ihrer Ausarbeitung völlig verschieden, indem sie mehrere Hieroglyphenblöcke in einer Art Kartusche aufweisen, die durch weite Abstände voneinander getrennt sind. Im Bereich der Plastik (Blom & La Farge 1986: 211) treten eindeutige Reminiszenzen zu dem Stil von Toniná auf (vgl. TNA Mons. 5, 14, 56, 72, 134, 138), aber auch zur einzigen Stele aus Palenque, PAL St. 1 und einigen anderen Torsofragmenten dieses Ortes (vgl. Robertson 1991: 82, Figs. 277, 278).
Die Keramik im nordwestlichen Tiefland weist Robert Rands zufolge (1973: 198) eine große Heterogenität auf. Da in Tortuguero bislang kaum Daten aus stratigraphischen Ausgrabungen vorhanden sind, ist eine Anbindung an andere regionale Keramikkomplexe unsicher. Es gibt jedoch Übereinstimmungen von Gefäßformen mit dem frühklassischen Picota-Komplex aus Palenque, der Beziehungen zwischen beiden Orten als wahrscheinlich erscheinen läßt (Rands 1973: 199). Für die Spätklassik zeigt sich ein deutlicher Bruch, die Keramiken der Ware Fine Gray weichen ab von denen in Palenque und zeigen größere Übereinstimmungen mit denen aus Comalcalco (Rands 1973: 200). Einige in Tortuguero gefundene Fragmente von Räuchergefäßen weisen Ähnlichkeiten mit dem palenkanischen Typus auf (Hernández Pons 1984: Fig. 61).
Eine zusammenfassende, vergleichende Beschreibung über die Architektur dieser Region liegt bislang nicht vor. Lediglich architekturelle Gemeinsamkeiten von Strukturen in Palenque und Comalcalco waren Gegenstand einer ausführlicheren Betrachtung (Andrews 1989: 141-150). Die bislang fehlenden Daten aus archäologischen Arbeiten in Tortuguero sind, wie auch für die Keramik, einer der Gründe für eine ungenaue Anbindung des Ortes an das übrige nordwestliche Tiefland.
1.1.2 Geomorphologie
Da zum Zwecke dieser Arbeit lediglich eine Betrachtung der Oberflächenformen ausreichend ist, soll auf eine spezielle tektonische und geologische Einführung verzichtet werden. Lediglich kurze Anmerkungen, soweit sie von Nutzen sind, sollen im Folgenden bei der Besprechung der Geomorphologie eingefügt werden, ebenso zur Hydrologie der Region.
Das Westliche Maya-Tiefland ist geprägt von zwei sehr unterschiedlichen geographischen Charakteristika. Dies ist zum einen die alluviale Küstenebene von Tabasco und dem nördlich angrenzenden Campeche und dem sich im Süden anschließenden Karstgebirge von Chiapas. Da Tortuguero noch im Bereich des Küstentieflandes liegt und sein Einfluß sich im Wesentlichen auch auf diese Region beschränkt hat, soll die Charakterisierung dieses Gebietes an erster Stelle und in einem umfassenderen Maße berücksichtigt werden als das Hochland von Chiapas.
Geologisch betrachtet ist das Küstentiefland eine Fortführung der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten (West 1964: 57), die sich vom Río Grande bis zur Halbinsel Yucatán erstreckt. Jedoch ist im Gegensatz zum nordamerikanischen Golfküstenland das mexikanische keine kontinuierliche, flache Zone, sondern vielmehr durchsetzt von niedrigen Bergregionen, die unterschiedlichen geologischen Ursprungs sind. In diesem Sinne ist es notwen-
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dig, das Areal des nordwestlichen Maya-Tieflandes vom nördlich liegenden Rest zu separieren.
Im Bereich der heutigen mexikanischen Bundesstaaten Tabasco und Campeche ist das Kü-stentiefland das Ergebnis einer quartären 1 Entwicklung. Der unmittelbare Küstenstreifen ist das Ergebnis einer erst in jüngster Zeit erfolgten Schwemmland- und Deltabildung durch alluviales Material, auch bezeichnet als Primärküste (Galavíz-Solis, Gutiérrez-Estrada & Castro del Río 1987). Die Anlagerung erfolgte im wesentlichen durch folgende Flüsse der atlantischen Wasserscheide: Coatzacoalcos-Uspanapa, Tonala, Grijalva, Usumacinta und Candelaría (West 1964: 58). Für das in Abb. 1 gezeigte Gebiet zeichnen sich vor allem die Stromsysteme des Río Grijalva und des Río Usumacinta verantwortlich, die im Laufe der vergangenen Jahrtausende mehrmals ihr Flußbett gewechselt haben (West 1964: 59).
Niedrige, pleistozäne 2 Terrassen bilden das Innere des Tieflandes bis zum Beginn des Hoch-landes von Chiapas. Sie bestehen im wesentlichen aus stark verwitterten roten und gelben Lateritböden 3 (West 1964: 59, Stevens 1964: 275). Diese Ablagerungen ziehen sich seewärts unter die jüngeren, alluvialen Schwemmböden, bilden jedoch an einigen Stellen erhöhte Plattformen, die über der Ebene liegen.
Das Hochland von Chiapas ist offensichtlich das Ergebnis einer mesozoischen 4 Faltenbildung, die ebenfalls das Hochland von Oaxaca über die Gebirgszüge Zentral-Guatemalas bis hin nach Nord-Nicaragua geschaffen hat. Der Nordabhang besteht aus langgezogenen Sattellinien und gefalteten Landstufen in nordwestlich-südöstlich laufender Richtung (West 1964: 65, 67, 69). An den Stellen, an den Kalkgesteine an die Oberfläche treten, kommt es zu Karstbildungen, insbesondere zu Kuppenkarst. Richtung Südwesten steigen die Sattellinien stark an und kreidezeitliche 5 Ablagerungen formen plateauähnliche Oberflächen, wie etwa die Meseta Central de Chiapas mit etwa 2300 Metern Höhe.
1.1.3 Klima
Die benannte Region ist durch tropisches, humides Klima (Typen Afw’ und Amw’ im Köppenschen Klassifikationssystem) gekennzeichnet (Vivó Escoto 1964: 213, Fig. 14), auch bezeichnet als tierra caliente. Die Temperaturen bewegen sich in einem Rahmen zwischen 25° und 30° Celsius. Die jährlichen Unterschiede sind gering ausgeprägt, jedoch kann man in den Monaten März bis Mai ein Maximum ausmachen, während im Juni und Juli geringere Temperaturen vorherrschen (Vivó Escoto 1964: 198).
Der jährliche Regenfall ist unterschiedlich ausgeprägt. Für das Tiefland der Golfküste kann man ein Mittel zwischen 1000 und 2000 mm ausmachen, die Niederschlagsmenge am Nordrand des Hochlandes von Chiapas erreicht dagegen Werte bis 3000 mm (Vivó Escoto 1964: Fig. 10). Ebenso ist die jährliche Verteilung des Regenfalls sehr ausgebildet. Generell ist die Zeit von Dezember bis April die eher trockenere, mit dem Monat März als Niederschlagsminimum, während in der Zeit von Mai bis Oktober mehr Regen fällt und September üblicherweise der feuchteste Monat ist (Vivó Escoto 1964: 201, Figs. 11, 12). So erreichen im März die Niederschläge lediglich eine Höhe von 50 bis 100 mm, während im September die Werte bei 200 bis 300 mm für die Golfküste von Tabasco und bis teilweise 500 mm für das nördliche Hochland von Chiapas liegen.
Die klimatischen Grundbedingungen fördern einen immergrünen tropischen Regenwald (vgl. Wagner 1964: 224). An Spezies zu erwähnen sind chicozapote (Manilkara achras), ceiba (Ceiba pentandra), caoba (Swietenia macrophylla), ramón (Brosimum alicastrum), sombrerete (Terminalia amazonia), und guapaque (Dialium guianense). Die Golfküstenregion von Tabasco war, zumindest während der Kolonialzeit, eines der wichtigsten Anbaugebiete (González de la Varra 1995, Bergmann 1959) für Kakao (Theobroma cacao).
1 Quartär: derzeit andauernde geologische Periode, Beginn vor 1,64 Mio. Jahren. 2 Pleistozän: Epoche innerhalb des Quartär, von 1,64 Mio. bis 100.000 Jahren vor unserer Zeit. 3 Laterit: unfruchtbarer Silikatboden mit hohen Anteilen von Eisenhydroxydverbindungen. 4 Mesozoikum: Geologische Ära, von 248 bis 65 Mio. Jahre vor unserer Zeit. 5 Kreidezeit: Geologische Periode, von 144 bis 65 Mio. Jahre vor unserer Zeit.
13
1.2 DIE ARCHÄOLOGISCHE ZONE VON TORTUGUERO
T
ORTUGUERO LIEGT AM FUSSE eines vertikal ansteigenden Felsens, der den Beginn des Hochlandes von Chiapas markiert (Blom & La Farge 1986: 201, Karte 2) und der unter den Bezeichnungen Cerro de Macuspana, Buena Vista oder Gavilán Blanco bekannt ist.
Bislang haben in Tortuguero kaum kontrollierte archäologische Feldarbeiten stattgefunden, die bis auf einige Testschnitte eigentlich nicht das Ausmaß einer Beschreibung der obertägig sichtbaren Hinterlassenschaften überschritten haben (siehe hierzu Kapitel 1.3).
Bereits seit geraumer Zeit dienten die Ruinen und die Felsformationen des Gavilán Blanco als Rohstofflager für die lokale Bauindustrie von Macuspana, nicht selten unter Einsatz von Dynamit (Hernández Pons 1984: 69, Fig. 17a), was erhebliche Zerstörungen an den terrassierten Plattformen und am Mauerwerk zur Folge hatte. Durch diese Gewalteinwirkungen traten ebenfalls Substrukturen und Monumente zu Tage (Hernández Pons 1984: 70, Fig. 17b). Schließlich wurde im Jahre 1981 durch die Grupo Apasco die Zementfabrik Macuspana in Betrieb genommen, was eine breit angelegte siedlungsarchäologische Erforschung des Ortes faktisch unmöglich gemacht hat, da in der primären Siedlungszone am Fuße des Cerro Macuspana der Kalksteinbruch für die Rohstoffgewinnung der Fabrik angelegt wurde. Der Steinbruch liegt etwa bei Kilometer 68 der carretera federal 186 von Villahermosa nach Escárcega, die Fabrik ist etwa 500 Meter weiter östlich über eine Seitenstraße zu erreichen.
Wie total die Zerstörung wohl bereits gegen Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahr-hunderts gewesen sein muß, beweist folgendes Zitat (Hernández Pons 1984: 68):
„[...] basándose en los datos de Blom y La Farge, pudieron cotejar que la zona de edificios ha desaparecido, y llegaron a ver como se llevaban los últimos restos de las paredes de un edificio por orden de la Presidencia Municipal de Macuspana para emplearlos como material de construcción y relleno.“
Für eine kartographische Aufnahme standen damit als vergleichende Grundlage nur noch die Beschreibungen von Frans Blom und Oliver La Farge zur Verfügung (1986: 207-212), sowie die noch erkennbaren Spuren von Plattformen und einigen niedrigen Mauerresten, wie sie in Karte 2 zu ersehen sind.
Hernández Pons (1984: 68-69) unterteilt das Siedlungsgebiet von Tortuguero in zwei Zonen, die sie als zona de edificios und zona de habitación rural bezeichnet. Die Hauptgruppe (Hernández Pons 1984: 70, Figs. 17, 18a), die wohl als das administrative und religiöse Zentrum von Tortuguero gedient hat, erstreckt sich im Norden des Cerro de Macuspana in östlich-nordwestlich laufender Richtung. Auf einer natürlichen Erhebung, die artifiziell abgeflacht wurde, haben sich einige Plattformen erhalten, die offensichtlich bis zum Fuß des Berges gereicht haben. Die darauf errichteten Strukturen bestehen aus rechteckig behauenen Kalksteinblöcken, verbunden durch Kalkmörtel 6 (Hernández Pons 1984: 70). Nach Norden zur Ebene hin wurden einige der natürlichen Geländeoberfläche folgende Terrassen (Blom & La Farge 1986: 207) aus Bruchsteinen und Erde angelegt. Im Nordosten der Hauptgruppe finden sich mehrere Treppen (Blom & La Farge 1986: 208).
Die Wohnanlagen der einfachen Bevölkerung konzentrierten sich aller Wahrscheinlichkeit nach im Norden und Nordwesten des Zentrums (Hernández Pons 1984: 69, 70) auf den angesprochenen Terrassenanlagen. Niedrige Erhebungen lassen auf Gebäudeplattformen schließen. In den dort getätigten Ausgrabungen kamen verschiedene Kleinfunde zu Tage, darunter ein mano und metate, verschiedene Steinwerkzeuge, Türkis, Muscheln und Schnecken, sowie Keramik (Hernández Pons 1984: 71, Figs. 22, 65).
Auf dem Plateau des Berges finden sich ebenfalls Plattformen und die Reste von zwei gemauerten Gebäuden, wie auch ein gehäuftes Auftreten der Keramikware Fine Orange (Hernández Pons 1984: 69, Fig. 19a). Zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahme (1978) waren Teile der Bergplattform durch eine milpa bedeckt. Im höchstgelegen Teil des Gebietes fanden sich eine größere Anzahl an zylindrischen Räuchergefäßen palenkanischen Typs (Hernández Pons 1984: 71, Fig. 61; Rands, Bishop & Harbottle 1978).
6 Frans Blom (Blom & La Farge 1986: 207) spricht von einer Konstruktion ohne Mörtel.
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Karte 2: Übersichtsplan über die Ruinen von Tortuguero. Verändert nach Hernández Pons (1984: Fig. 16).
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In unmittelbarer Umgebung der archäologischen Zone gibt es keinerlei fließendes Gewässer, was für die vorspanische Bevölkerung aber ohne Nachteil gewesen sein muß, da der Grundwasserspiegel in der Region sehr hoch liegt (Hernández Pons 1984: 69). Wenig nördlich des Cerro de Macuspana liegt die Laguna Encantada, die wohl ebenfalls als Wasserreservoir gedient hat, einige Kilometer im Osten fließt der Río Tulijá.
1.3 ALLGEMEINE FORSCHUNGSGESCHICHTE
A
UF EINIGE FORSCHUNGSGESCHICHTLICHE ASPEKTE wurde bereits im vorigen Kapitel im Zusammenhang mit der Übersicht über die archäologische Zone hingewiesen. Während dort jedoch das Ausmaß der Zerstörung als Bestandteil der Beschreibung im Vordergrund stand, soll hier nun eine allgemeine Geschichte der erkenntnisorientierten Erforschung dargestellt werden.
Die Ruinen von Tortuguero sind seit 1915 durch eine Notiz von General José Ramírez Garrido in der Zeitung El Rejeneración einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Ihm kann offensichtlich auch die Entdeckung zugeschrieben werden.
Die Exploration von Tortuguero kann man grob in zwei prävalente Phasen unterteilen. Etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bildete die Dokumentation und Bergung von skulptierten Monumenten die primär in den Ruinen geleistete Aufgabe. Anderen Arbeiten und Untersuchungen wurde lediglich peripheres Interesse zugewandt. Seit Ende der 1960er Jahre fand eine Reorientierung auf prospektive und archäologische Aktivitäten statt, der Kartierung und der Sondierung einzelner Befunde. Bislang waren diese Forschungen Bestandteile von regionalen Studien, die Tortuguero neben anderen Stätten als Exempel für die kulturellen Charakteristika der archäologischen Region des nordwestlichen Tieflandes herangezogen haben.
1.3.1 Die frühen Expeditionen
Als erster Forschungsreisender besucht Frans Blom (vgl. Blom & La Farge 1986: 202) die Ruinen am 18. Mai 1922 im Rahmen einer Expedition für die mexikanische Ölgesellschaft „El Águila“. Er sammelt einige kleine Keramikköpfchen zusammen mit anderen Kleinfunden auf, die sich jetzt im Dänischen Nationalmuseum befinden (Jesper Nielsen, briefliche Mitteilung vom 3. März 2003). Weiterhin fertigt er eine grobe Skizze von Monument 1 an, das zu-vor bereits von Ramírez Garrido beschrieben wurde. Dieser Besuch mündet in einer kurzen Mitteilung in der Zeitschrift Ethnos (Blom 1922) und einem Abschnitt und zwei Abbildungen in seinem Werk I de store Skove (Blom 1923: 196-197). Im Jahre 1925 besucht Frans Blom zusammen mit Oliver La Farge im Rahmen einer Expedition des Middle American Research Institute der Tulane University of Louisiana, New Orleans, die Ruinen erneut 7 . Eine Zusammenfassung dieser Unternehmung gibt ihr 1926 erschienenes Buch Tribes and Temples (Blom & La Farge 1986). Obwohl die dort gegebene Übersicht über die archäologische Zone sehr kurz ist, geben sie eine Skizze mit der Lage der einzelnen Strukturen und den Fundorten der von ihnen gehobenen Monumente. In einiger Ausführlichkeit (Blom & La Farge 1986: 208-211) beschreiben sie die skulptierten Standbilder, ebenso geben sie eine kurze Übersicht über einige Kleinfunde (Blom & La Farge 1986: 212). Eine Erwähnung der Expedition findet sich ebenfalls in The Inscriptions of Petén von Sylvanus G. Morley (1938, I: 96), ebenso eine Übersicht zum bis dato bekannten Korpus (Morley 1938, IV: 378). 1933 unternimmt Francisco Javier Santamaría, durch die Arbeiten von Frans Blom und Oliver La Far-
7 Inder Latin American Library des Middle American Research Institute befinden sich unter anderem die Feldnotizen von Frans Blom und seine Tagebücher der ersten Expedition der Tulane University im Jahre 1925. In diesen Unterlagen wird auch der Besuch der Ruinen von Tortuguero vom 2. bis 6. Mai 1925 erwähnt. Nach Angaben von Jesper Nielsen (in einem Brief vom 3. März 2003) beinhalten die Notizen keinerlei zusätzlichen, wissenschaftlich verwertbare Daten als das publizierte Material, sondern vielmehr Eindrücke des täglichen Lebens im Lager. Im Eintrag für den 4. Mai heißt es etwa: „Sunshine during forenoon, and I got good photos of stela #1. This monument is so historical to me, as it was the first Maya inscriptions I drew, and sent to Morley.“.
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ge informiert, einen Besuch in den Ruinen, dessen Eindrücke er in unpublizierter Notizform unter dem Titel Las ruinas Occidentales del Viejo Imperio Maya niederschreibt.
1.3.2 Die Regionalstudien
Heinrich Berlin beschreibt im Rahmen seiner Forschungsreise durch Tabasco als nächster die Ruinen von Tortuguero (Berlin 1953) ebenso die dort noch in situ vorhandenen Monumente. Robert Rands besucht die Ruinen zur Sammlung von Datenmaterial für seine Keramikstudie im nordwestlichen Tiefland (Rands 1967).
Die ersten umfassenden Forschungen, bestehend aus Prospektion, Kartierung und archäologischen Arbeiten, unternimmt das Proyecto Tierras Bajas Noroccidentales (Instituto de Investigaciones Filológicas, Centro de Estudios Mayas) der Universidad Nacional Autónoma de México während eines Feldaufenthaltes im Jahre 1978 (Hernández Pons 1984: 68-76). Basierend auf Luftbildaufnahmen wurde das Gelände topographisch vermessen und ein Plan angefertigt, der in Karte 2 zu ersehen ist 8 . An archäologischen Arbeiten erfolgte die Anlage von fünf Schächten nicht publizierter Größe sowie eines Schnittes von einem mal drei Metern. Die Position dieser Grabungsmaßnahmen ist ebenfalls in Karte 2 eingezeichnet. Für eine detailliertere Schilderung sei auf Elsa Hernández Pons (1984: 71-72) verwiesen.
1.3.3 Die Zukunft
Seit den Prospektionen durch das Proyecto Tierras Bajas Noroccidentales sind keine weiteren systematischen Untersuchungen durchgeführt worden. Der mexikanische Archäologe Fransisco Cuevas Olguín (briefliche Mitteilung vom 24. Juni 2003) hat seit 1989 einige Inspektionen in der Ruinenstätte durchgeführt, hauptsächlich um die Aktivitäten der lokalen Baustoffindustrie zu überwachen. Im April 2002 wurden einige kleinere Rettungsmaßnahmen nordwestlich der Hauptzone durchgeführt, wobei Teile von Wohngruppen mit spätklassischer Keramik freigelegt wurden. Weiterhin konnte etwa 800 Meter nordwestlich der von Frans Blom und Oliver La Farge beschriebenen Architekturreste eine weitere Gruppe von Gebäuden neu beschrieben werden.
Die von Elsa Hernández Pons (1984) beschriebenen Zerstörungen haben sich im Laufe der Jahre durch Plünderung und Rohstoffabbau der nahe der Ruinen angesiedelten Baustoffunternehmen weiter vergrößert.
Francisco Cuevas Olguín hat dem Consejo de Arqueología den Vorschlag unterbreitet, ein etwa 100 Hektar großes Areal der archäologischen Zone käuflich zu erwerben, um es vor den Einwirkungen der Industrie zu schützen und in absehbarer Zukunft dort archäologische Arbeiten stattfinden zu lassen.
1.4 QUELLENGRUNDLAGEN
I
N DIESEM KAPITEL SOLLEN KURZ die Quellen und ihr Dokumentationsstand dargestellt werden, die zur Rekonstruktion der lokalen und regionalen Historie herangezogen werden können, d.h. der Geschichte von Tortuguero und des nordwestlichen Tieflandes. Die Gliederung richtet sich dabei nach Christian Prager (2002 MS).
8 Vergleicht man die topographisch gefertigte Übersicht mit der von Frans Blom 1925 angefertigten Skizze (Blom & La Farge 1986: Fig. 116), so treten deutliche Diskrepanzen hervor. So ist die Anordnung der Strukturen in beiden Plänen nicht kongruent und deren Benennung durch Nummern ist abweichend. Obwohl Elsa Hernández Pons (1984: 68) die Zerstörung der Gebäude beschreibt, gibt sie doch Hinweise auf ihre ursprünglichen, bei Blom vermerkten Standorte. Leider findet sich auch kein Hinweis ob bei der Anfertigung des Planes im Jahre 1978 die originale Bezeichnung der Strukturen von Blom übernommen wurde. Somit ist auch kein Eintrag der Fundorte der skulptierten Monumente, wie er bei Blom vorkommt, in den neu gefertigten Plan möglich. Da der in Karte 2 wiedergegebene Plan mit modernen Vermessungstechniken gefertigt wurde, soll ihm bei der Verwendung in dieser Arbeit der Vorzug gegeben werden, auch wenn die Skizze von Blom mehr Detailinformationen enthält.
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1.4.1 Definitionen
„Quellen nennen wir alle Texte, Gegenstände und Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.“ (Kirn & Leuschner 1972: 29)
Diese Definition für den Begriff „Geschichtsquellen“ ist gerade wegen ihrer allgemeinen Formulierung eine im Rahmen dieser Arbeit brauchbare Arbeitsgrundlage bei der Festlegung der Quellengrundlagen und -arten. Als Gegenstände werden vornehmlich Güter der sogenannten materiellen Kultur bezeichnet. Als Tatsache wird ein Zustand bezeichnet, aus dem sich historische Gegebenheiten erkennen lassen, etwa, um Beispiele Paul Kirnes aufzugreifen, die Verbreitung von Sprachen oder Bauformen.
Hinsichtlich des historischen Erkenntniswertes wird in eine intendierte Hinterlassenschaft, die Tradition, und Überreste, also nicht-intentionelle Quellen, unterschieden (Kirn & Leuschner 1971: 29). Basierend auf der Quellensystematik von Ernst Bernheim (1908) schlägt Manfred Eggert (2001: 49) eine verfeinerte Kategorisierung von Quellen in mündliche, schriftliche und bildliche Traditionen vor.
Entsprechend des Titels dieser Arbeit sollen vornehmlich die lokalen schriftlichen Traditionen (im Folgenden als Quellen oder Korpus bezeichnet) verwendet werden, jedoch werden diesen bei Bedarf die bildlichen Quellen hinzugefügt, wenn sie komplementären Informationsgehalt haben. Gleiches gilt für die oben beschriebenen Quellengattungen der Gegenstände und Tatsachen.
Die große, heterogene Zahl an archäologischen Quellen im weiteren Sinne 9 kann beispielsweise anhand stratigraphischer Untersuchungsmethoden eine interne Siedlungsgeschichte hergeben. Tatsachen können in einem erweiterten Maße, basierend auf den oben aufgeführten Beispielen, etwa über linguistische Merkmale, eine sprachgeographische Zuordnung der lokalen schriftlichen Tradition ermöglichen, oder, etwa über die Kategorien und Merkmale von Überresten, Aussagen über regionale Beziehungen in einen bestimmten Zeitraum geben.
1.4.2 Schriftliche Quellen
Das Korpus an Inschriften ist ausreichend, um zumindest eine Teilrekonstruktion des his-torischen Gehalts der Texte von Tortuguero zu erreichen (vgl. Kapitel 1.5.2). Die wünschenswerte, vollständige Rekonstruktion kann aus mehreren Gründen nicht gewährleistet werden. Zum einen gibt es quellenimmanente Restriktionen inhaltlicher Art, die mit dem intendiert überlieferten Umfang historischer Informationen zusammenhängen (Stuart 1993: 322). Zum anderen ist ein nominell zur Bearbeitung verfügbares Korpus lediglich der erhaltene und darüber hinaus auch geborgene Ausschnitt einer original unbekannten Anzahl von Textquellen.
Die Inschriftenträger können formal in zwei Kategorien unterteilt werden, es ist zum einen die heterogene Gruppe an monumentalen Steininschriften sowie eine geringe Anzahl an Kleinfunden. Zur näheren Beschreibung im Rahmen der Quellenkritik sei auf die Kapitel 1.1 und 1.2 des Kataloges verwiesen.
Die gegenwärtig bekannten, mit Texten versehenen Monumente und Kleinfunde aus Tortuguero selbst oder solche mit Bezug auf diesen Ort sind alle publiziert. Jedoch zeigen sich für die einzelnen Inschriftenträger große Unterschiede in der Art und der Qualität der Dokumentation (vgl. Band 2, Kapitel 1.3.2). Eine erste Zusammenstellung der bis dato bekannten Monumente 10 (TRT Mons. 1, 2 und 3) ist bei Frans Blom und Oliver La Farge zu finden (1986), die von Blom angefertigten, skizzenhaften Wiedergaben sind aber nicht hinreichend für eine epigraphische Analyse. Eric Thompson (1962: 438) beschränkte sich bei der Wiedergabe von Fragmenten von Monument 6 auf eine photographische Wiedergabe. Michael Coe präsentierte die Holzschachtel (1974) in guten Photographien und Zeichnun-
9 ZurProblematik bei der Definition der „archäologischen Quelle“ vgl. Eggert (2001: 50-51). 10 Die Nomenklatur der Inschriftenträger folgt der in dieser Arbeit eingeführten, vgl. Kapitel 1.2 des Katalogbandes.
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gen, letztere verwenden allerdings nicht den Standard der Umzeichnung von Inschriften 11 . Eine von Ian Graham angefertigte Zeichnung aller Fragmente der Haupttafel von Monument 6 hat ihre Berücksichtigung in verschiedenen Publikationen gefunden. Berthold Riese hat alle bis 1980 bekannten Inschriften zumindest beschrieben und diejenigen, deren Erhal-tungszustand inhaltliche Aussagen ermöglicht, zeichnerisch dargestellt 12 (Riese 1980a). Allerdings fehlen einigen seiner Umzeichnungen die originär positionelle Wiedergabe der Hieroglyphenblöcke auf dem Inschriftenträger (TRT Jd. 1, TRT Mon. 8), eine Darstellung der begrenzenden Kanten (TRT Jd. 1, Mons. 1, 8) sowie die Nicht-Berücksichtigung von ikonographischen Elementen (TRT Jd. 1, Mons. 1, 8). Elsa Hernández Pons (1984) hat im Rahmen einer Studie von Ruinenorten im Nordwestlichen Tiefland u.a. alle Monumente mit Inschriften aus Tortuguero sowie die Holzschachtel photographisch zusammengestellt, die Detailtreue und Qualität dieser Reproduktionen ist allerdings für eine epigraphische Arbeit völlig unbrauchbar. Seither ist nur ein neues Inschriftenfragment bekannt geworden, das von Karl Herbert Mayer in der Reihe Maya Monuments (1995: 73-74, Pls. 251, 252) hinreichend in Photo und Zeichnung publiziert ist. Eine genaue Übersicht über den Publikations-stand der einzelnen Inschriftenträger gibt der Katalog in Kapitel 2.
1.4.3 Archäologische Quellen
Aufgrund der kaum erfolgten archäologischen Explorationen in Tortuguero und dem vornehmlich auf die Inschriften verhafteten Interesse der frühen Erforschung bleibt es lediglich bei einer grob umrissenen Beschreibung der Fundumstände. Die bekannten Monumente mit archäologischen Daten in Verbindung zu setzen, gestaltet sich daher als problematisch. Eine Historie des Ortes kann daher fast ausschließlich über die schriftlichen Quellen geleistet werden, die aber
„[...] aufgrund einer ganzen Reihe jeweils spezifischer Faktoren gewöhnlich mehr oder weniger subjektiv oder, allgemeiner ausgedrückt, mehr oder weniger tendenziös [ist].“ (Eggert 2001: 102-103)
Über keramische Waren liegen dennoch einige Untersuchungen und Daten vor (vgl. Kapitel 1.1), anhand derer man eine regional verankerte Interpretation über die Geschichte und die Beziehungen des Ortes wagen kann. Dies wird in begrenztem Umfang Bestandteil der Diskussion in Kapitel 5.5 sein, da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf der Rekonstruktion anhand der schriftlichen Quellen beruht und archäologische Daten nur komplementär eingesetzt werden sollen.
1.4.4 Forschungsdesiderata
Die Dokumentation des Korpus von Tortuguero hat bislang keine optimale Qualität erreicht und man muß als Desiderat eine einheitliche Dokumentationsform in Fotografie und Zeichnung formulieren, die zusammenfassend alle bekannten Inschriftenträger aus dem Ort selbst bzw. mit einem textlichen Verweis auf Tortuguero berücksichtigt.
Als weiteres Desiderat muß selbstverständlich die fortlaufende, systematische Untersuchung der Ruinen genannt werden. Da aber das große Ausmaß an Zerstörungen eine großflächige Untersuchung verhindert, bleibt als Wunsch zumindest die eingeschränkte Gewinnung von Informationen durch die geplanten Aktivitäten des INAH bestehen.
1.5 QUELLENKUNDLICHE FORSCHUNGSGESCHICHTE
N
ACHDEM BEREITS EINE ALLGEMEINE ÜBERSICHT über die bisherigen Forschungen in Tortuguero gegeben wurde, konzentriert sich dieser Abschnitt auf die Entwicklung des For-schungsstandes zu den hieroglyphischen Inschriften von Tortuguero. Dieser Überblick soll
11 Als Standard für die Umzeichnung Inschriften wird der Corpus of Maya Hieroglyphic Inscriptions (CMHI, Graham 1975) angesetzt. Vgl. auch Kapitel 1.6.1 dieses Bandes und 1.3.2 des Katalogbandes. 12 Es fehlen: TRT Mons. 2, 3, 5, und 9.
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Lücken aufzeigen, um in Kapitel 1.6 daraus Zielsetzungen formulieren zu können, nach denen sich diese Arbeit richten kann.
Da bildliche Traditionen in Tortuguero nur in einem sehr geringen Maße vorhanden sind und auch bisher nicht weiter als Material für ikonographische Studien gedient haben, sollen sie hier nicht berücksichtigt werden.
Die bis dato vorhandenen epigraphischen Arbeiten zu den Inschriften von Tortuguero können forschungsgeschichtlich und daraus hervorgehend thematisch in zwei Komplexe eingeteilt werden. Dies sind zum einen die Lesung von kalendarischen Angaben 13 und der Supplementärserie 14 und zum zweiten die Eruierung des nicht-kalendarischen Inhalts, die auf dem historischen Ansatz (Proskouriakoff 1960) fußt. Diese Gliederung soll auch bei den folgenden Erläuterungen beibehalten werden.
1.5.1 Kalendarische Angaben
Mit der Dokumentation von Monument 1 durch Frans Blom im Jahre 1922 ging eine erste Beschäftigung mit den dort vermerkten kalendarischen Angaben einher (Blom & La Farge 1986: 202), die Sylvanus G. Morley vornahm. Gleiches gilt für das 1925 entdeckte Monument 2 (Blom & La Farge 1986: 209-210). Die Verwendung der Kalenderkorrelation von Herbert Spinden (1920), welche die Jahre 387 (TRT Mon. 1) bzw. 452 (TRT Mon. 2) ergab, ließ Blom zu der Annahme verleiten, bei Tortuguero handele es sich um eine „vieja ciudad imperial“ (Blom & La Farge 1986: 211). Die bis 1938 bekannten Inschriftenträger mit Kalenderdaten (TRT Mons. 1, 2) veranlaßten Morley, die Tradition des Errichtens von Monumenten in Tortuguero mit dem auf Monument 2 vermerkten Datum 9.14.0.0.0 als beendet und den Ort als verlassen zu erklären (Morley 1938, IV: 326-328). Die Identifizierung der Datumsangaben auf der Holzschachtel wurde von Michael Coe (1974) geleistet und von Matthew Looper (1992) überarbeitet. Eine ausführliche Analyse des kalendarischen Gerüstes legte Berthold Riese (1978) für Monument 6 vor.
Der bis 1980 erarbeitete Forschungsstand zu den kalendarischen Angaben sowie der Supplementärserie ist bei Berthold Riese (1980a) für jedes Monument mit Kalenderdaten zusammengestellt, sowie durch eigene Forschungsarbeit evaluiert und gegebenenfalls korrigiert bzw. ergänzt worden. Da bislang keine weiteren Inschriften bekannt geworden sind, die Datumsangaben enthalten, soll seine Dokumentation auch die zur Überprüfung stehende Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden. Die bei Riese ermittelten Daten dienten auch als Grundlage für alle weiteren Beschreibungen der Monumente von Tortuguero (vgl. etwa Hernández Pons 1984: 72-75, Arellano Hernández 1996, Grube, Martin & Zender 2002).
Die den kalendarischen Angaben der Initialserie, also den Notationen der Langen Zählung und der Kalenderrunde, folgenden und eingebetteten Sequenzen der Supplementärserie sollen nur kurz erwähnt werden, da sie in den Inschriften von Tortuguero unterrepräsentiert sind und bei der Forschung zu diesem Komplex keinen Beitrag geleistet haben.
Auf Monument 6 findet sich eine Angabe der Hieroglyphen G und F, die Berthold Riese (1978: 192) dank der Arbeit von Thompson (1929, 1950: 209, 212, Fig. 34) als G7 identifizieren konnte. Die auf Monument 2 wahrscheinliche Wiedergabe von Glyphe G fand aber aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes des Inschriftenträgers keine Beachtung. Weitere Vorkommen von Angaben der Supplementärserie haben sich nicht erhalten.
1.5.2 Historische Angaben
Die Erforschung des historischen, also des nicht-kalendarischen Inhalts der Texte von Tortuguero ist in einer Reihe von Arbeiten festgehalten worden. Es handelt sich dabei sowohl um Forschungen zu einzelnen Inschriftenträgern des Korpus von Tortuguero als auch um
13 Als Kalenderangaben werden hier die Lange Zählung, die Kalenderrunde und die sie verbindenden Distanzzahlen verstanden, sowie bestimmte Hieroglyphen, die Periodenende oder Periodeneinheiten bezeichnen.
14 Für eine zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Bestandteile der Supplementärserie vgl. Schele, Grube & Fahsen 1992.
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Arbeiten zu bestimmten thematischen Komplexen, welche Texte aus dem Ort berücksichtigt haben.
Die thematische Varianz ist weitläufig und berücksichtigt sowohl die Deutung, Lesung und Entzifferung einzelner Hieroglyphen 15 oder Beiträge zu linguistischen Grundbedingungen als auch etwa Interpretationen zur Herkunft der Dynastie von Tortuguero (Grube 1996: 6, Arellano Hernández 1996: 140, Martin & Grube 2000: 165), der Herrschaftsfolge und lokalen Geschichte (Coe 1974, Riese 1978, 1980a, Looper 1992, Arellano Hernández 1996: 137-139, Grube, Martin & Zender 2002) oder zu den verschiedenen Ebenen soziopolitischer Relation und Organisation des nordwestlichen Tieflandes (Marcus 1976: 106-109, 121, Riese 1980a, Grube 1996: 6, 13, Arellano Hernández 1996: 137-141, Martin & Grube 2000: 165, Mathews 2000: 146-147, Grube, Martin & Zender 2002).
Diese drei großen Themengebiete bilden auch den analytischen Kern dieser Arbeit und sollen im Folgenden kurz umrissen werden um eine Arbeitsgrundlage für die weitere Diskussion zu schaffen. Ein Vergleich des derzeitigen Erkenntnisstandes mit den in dieser Arbeit erzielten Einsichten wird Bestandteil der abschließenden Evaluation in Kapitel 6 sein.
1.5.3 Die Herkunft der Dynastie
Die Frage nach der Herkunft der Dynastie von Tortuguero ist eng verbunden mit der Identifizierung einer Emblemhieroglyphe für Palenque, die erstmals von Heinrich Berlin (1958: Fig. 28) vorgenommen wurde, und den sich daraus ergebenden politischen Relationen. An dieser Stelle soll von daher diesem Aspekt des Kapitels 1.5.5 bereits vorgegriffen werden. Berlin listet drei Varianten für das Emblem auf: T1040 (bezeichnet als P-1a, = SC2/SCM), T570 (P-1b, = HH1) und T793a (P-2, = BM7). In ihrer grundlegenden Arbeit über die politische und territoriale Aufteilung des Maya-Tieflandes ergänzt Joyce Marcus (1976: 94) weitere Zeichen: T590b (= HJ1), T1043 (= AC6), T1045 (= SCM) und T1046 (= SC8). Marcus (1976: 106) weist weiter darauf hin, daß neben ihrer lokalen Verwendung in Palenque die Zeichen T570 und T1046 exklusiv verwendet werden, wenn aus einer externen Perspektive auf den Ort referiert wird. Orte, welche die oben bezeichneten Embleme als Referenz benutzen, sind Jonuta 16 , El Retiro, Miraflores, Toniná, Tikal, Copán und Tortuguero selbst (Marcus 1976: Fig. 4.29, vgl. Riese 1980a: 44-45).
Als einen wichtigen Fall für eine politische Subordination zum palenkanischen Regionalstaates führt Joyce Marcus Tortuguero an (Marcus 1976: 106-109), zentrale Quelle bildet dabei der Text von Monument 6. Sie ordnet dabei die Figur Ben-Ich Jaguar 17 dem Emblem T1046 zu. Der Erwähnung von Ben-Ich Jaguar soll die Geburt von Sun-Fish folgen 18 , der Marcus’ Meinung zufolge des Herrscher von Tortuguero war. Ein Inthronisationsereignis und ein möglicher Todesvermerk tauchen ihr zufolge ebenfalls für Ben-Ich Jaguar auf. Weiterhin bemerkt Marcus die Erwähnung einer Frau aus Palenque (mit T570), gefolgt vom Namen einer anderen Person aus dem selben Ort (mit T1046).
Joyce Marcus erkennt richtig, daß die Figur Ben-Ich Jaguar nicht in den Inschriften von Palenque vermerkt ist und deduziert daraus, daß es sich dabei nicht um einen Eigennamen
15 Es seien vielleicht zwei Beispiele erwähnt, bei denen Vorkommen aus Tortuguero zum Verständnis einer Hieroglyphe herangezogen wurden, die Axt-Hieroglyphe 2M7 (Riese 1982: 272-274, Orejel 1990) und eine mögliche Lesung für die „Star Wars“ Glyphe (Grube, Martin & Zender 2002: 19-20). Die Zusammenstellung von Literaturangaben für jedes Monument im Katalogband versucht diesen Umständen Rechnung zu tragen, ohne jedoch Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
16 Wie Berthold Riese (2001: 8) aufgezeigt hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß Jonuta kein eigenständiger Inschriftenort war, sondern dort aufgefundene Skulpturfragmente aus Palenque verschleppt worden sind.
17 2M1^AT1, diese Zeichenfolge wird heute als Bahlam Ajaw gelesen. Um im Folgenden eine einheitliche Bennennung zu gewährleisten, werden bei glyphischen Lesungen die heute akzeptierten und gebräuchlichen verwendet.
18 AL2.SN1:32M, diese Zeichenfolge kann noch nicht mit vollständiger Sicherheit gelesen werden, sie notiert jedoch ein intransitives Verb (vgl. MacLeod 1990a zur PSS). Die Zuweisung als historische Person resultiert auf der damals noch unbekannten syntaktischen Eigenheit von Texten aus der Region um Palenque (vgl. Bricker 1986: 173, Looper 1992: 3), bestimmte Daten nicht vor sondern hinter das assoziierte Datum zu schreiben, und dabei mit besagtem Verb zu kennzeichnen.
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handelt, sondern um einen palenkanischen Titel. Diese Betrachtungsweise impliziert, berücksichtigt man das Ziel der Untersuchung von Marcus, daß Tortuguero zwar über einen lokalen Herrscher verfügt hat (ihre Person Sun-Fish), durch die Benutzung und Erwähnung der Emblemhieroglyphe von Palenque nominell aber unter der Oberherrschaft des kontem-porär regierenden Souveräns von Palenque, K’inich Janaab Pakal, stand. Der Ben-Ich Jaguar müßte demnach ein externer Titel des Herrschers von Palenque sein.
Auch wenn bereits zuvor Michael Coe (1974) bemerkt hat, daß die von ihm beschriebene Holzschachtel zu Ehren eines Individuums gefertigt wurde, welches mehrmals auf Monument 6 erwähnt wird (Coe 1974: 51), so bleibt er in seiner geographischen Zuordnung aber zurückhaltend. Er erwähnt schließlich noch (Coe 1974: 53), daß die dominante Figur des Textes, die er als Ah Balam oder Lord Jaguar bezeichnet, möglicherweise über Tortuguero geherrscht hat.
Eine wirkliche Diskussion über die Herkunft der Dynastie und die damit verbundene Verwendung des Emblems von Palenque hat in publizierter Form nie stattgefunden. Die Arbeit von Berthold Riese (1980a) beschränkt sich lediglich auf die Präsentation von Daten und bietet keine Interpretation. Riese bezeichnet die mit Emblemhieroglyphen verbundenen Personen weiterhin aber als „Herr aus Palenque“. Es bleibt daher nur zu vermuten, daß sich zu einem unbestimmten Zeitpunkt die Einsicht durchgesetzt hat, daß die oben aufgeführte Problematik der Absenz der Figur Ben-Ich Jaguar in den Texten von Palenque der Hinweis auf eine eigenständige, ebenfalls das von Palenque verwendete Emblem benutzende Dynastie ist. Die Erkenntnis, daß es mit Tikal und Dos Pilas eine ähnlich gelagerte Parallele (Martin & Grube 2000: 42, 56) in Bezug auf das Emblem gegeben hat, mag dem Vorschub geleistet haben.
So bleibt es Matthew Looper (1992: 1) überlassen, erstmals die Figur Ben-Ich Jaguar, bei ihm bezeichnet als Balam-Ahaw, als eigenständigen Herrscher über Tortuguero erscheinen zu lassen. Die ersten Überlegungen zur Herkunft der Dynastie stellt Nikolai Grube an (1996: 6). Er vermutet, daß Bahlam Ajaw ein Mitglied einer der Zweige der palenkanischen Herrschaftslinie gewesen sein mag 19 und aufgrund der zahlreichen von Bahlam Ajaw durchgeführten Kriege (vgl. hierzu Kapitel 1.5.5) durch K’inich Janaab Pakal mit dem Privileg der Nutzung der Emblemhieroglyphe von Palenque ausgezeichnet wurde. Als Beleg führt Grube an, daß alle Monumente, die Bahlam Ajaw errichten ließ, nach 9.11.0.0.0 entstanden sind, zu einem Zeitpunkt als K’inich Janaab Pakal die Souveränität von Palenque wiederhergestellt hatte und der Herrscher von Tortuguero seine Kampagnen abgeschlossen hatte.
Zeitgleich präsentiert Alfonso Arellano Hernández (1996) seine Untersuchungen zu den Inschriften von Tortuguero. Auch er geht von einer Abstammung von Bahlam Ajaw, bei ihm bezeichnet als Ahpo Balam, aus der königlichen Linie von Palenque aus, die väterlicherseits erfolgte (Arellano Hernández 1996: 140). Ferner sollte diese Verbindung gestärkt worden sein durch die Heirat mit Frau Wan Chiij (bei im als Wanachih genannt, die er als eine Tochter von K’inich Janaab Pakal ansieht (Arellano Hernández 1996: 140, 141).
In ihrer jüngst erfolgten Zusammenstellung über die wichtigsten Dynastien des Maya-Gebietes schlugen Simon Martin und Nikolai Grube (2000: 165) eine auf diesen Überlegungen aufbauende Interpretation vor. Ihnen zufolge deutet die Verwendung der Emblemhieroglyphe von Palenque durch Bahlam Ajaw auf die Unterbrechung der patrilinearen Abfolge hin, als Nachwirkung mag es zu internen Spannungen gekommen sein, die das Entstehen eines unabhängigen Tortuguero begünstigt haben. Als Exempel für einen solchen Prozeß werden Tikal und Dos Pilas benannt. Jedoch schließen Martin und Grube nicht die Möglichkeit aus, daß sich bereits zu Beginn des 6. Jahrhunderts die Linien von Palenque und Tortuguero gespalten haben. Als Indiz nehmen sie die retrospektive Erwähnung eines Herrschers von Tortuguero namens Ahkal K’uk’. Das mit ihm auf Monument 6 assoziierte Datum 9.3.16.1.11 koinzidiert mit der Herrschaft des palenkanischen Herrschers Ahkal Mo’ Naab I., des selben Herrschers, den K’inich Janaab Pakal als Ursprung für alle seine dynas- 19 DieseAnnahme rührt wohl von den auf Monument 6 vermerkten Verwandtschaftstermini her (Riese 1980a: 15, 41). Es wird aber nicht ausgeführt, aus welcher Linie Bahlam Ajaw gekommen sein mag, da die Dynastie von Palenque bekanntermaßen zweimal unterbrochen wurde (Martin & Grube 2000: 159, 161), bevor K’inich Janaab Pakal eine neue Linie begründete.
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tischen Beziehungen setzt. Inwieweit eine Beziehung zwischen Ahkal K’uk’ und Ahkal Mo’ Naab I. besteht, abgesehen von einem identischen Namensbestandteil, wird allerdings nicht näher ausgeführt. Ebenso vage bleibt die unlängst geäußerte Vermutung (Grube, Martin & Zender 2002: 9), daß die Erwähnung von Ahkal K’uk’ und seinem pibnaah auf Monument 6 in Zusammenhang steht mit dem Wechsel in der Emphase der beiden palenkanischen Toponyme (Stuart & Houston 1994: 30-31) von Tok Tan zu Lakam Ha’.
1.5.4 Die Herrschaftsfolge
Die Untersuchung und Festlegung der dynastischen Abfolge hat sich bislang um das am prominentesten im Korpus von Tortuguero vermerkte Individuum konzentriert: Bahlam Ajaw. Die lokale Geschichte wird in diesem Überblick ausgeklammert, da nur wenige Anlässe in den Inschriften vermerkt sind, die überwiegend ritualistischer Natur sind. Weitere Erläuterungen zu bestimmten Ereignissen werden bei den Einzelhypothesen in Kapitel 4.1 gegeben.
Mit der Lebensgeschichte von Bahlam Ajaw beschäftigte sich erstmals Michael Coe (1974). Die an verschiedenen Stellen der Holzschachtel gegebenen Aktionen der Inthronisation wertet er als Notizen von bestimmten Anlässen, zu denen sich Bahlam Ajaw auf den Thron gesetzt hat (Coe 1974: 53). Zudem vermutet er in zwei Hieroglyphenblöcken, O2 und S2, den Vermerk des Todes jenes Herrschers.
Mit seinem Kommentar zu Monument 6 (Riese 1978) und der Kompilation des Korpus von Tortuguero (Riese 1980a) erzielt Berthold Riese erstmals Teilergebnisse zu mit Kalenderdaten verknüpften historischen Aussagen über die Lebensspanne und Herrschaftsdauer von zwei Individuen, die er als „Herr Jaguar“ (Bahlam Ajaw) und „Muan“ 20 bezeichnet. Seiner Rekonstruktion zufolge bestieg Bahlam Ajaw 1.11.11.5 Tage nach seiner Geburt den Thron von Tortuguero am Tag 9.10.11.3.10, 1 Ok 3 Kumk’u (Riese 1978: 189, 1980a: 11, 13, 21). Als nächstes dynastisches Ereignis identifiziert er das Datum 9.12.7.1.19, 8 Kawak, 12 Yaxk’in (Riese 1980a: 27, 28) als das Datum der Amtseinführung für Ik’ Muuy Muwaan. Weiterhin konnte Riese für den Tag 9.12.7.14.7, 9 Manik’ 15 Pohp (Riese 1980a: 27, 28) die Thronbesteigung eines weiteren Individuums festmachen, welches aber unbezeichnet bleibt. Weitere isolierte lebensbezogene Ereignisse (Riese 1980a: 14, 21) konnten aber von ihm nicht mit Mitgliedern der herrschenden Elite in Verbindung gebracht werden.
Matthew Looper blieb es vorbehalten, das Todesdatum von Bahlam Ajaw auf der Holzschachtel als 9.12.6.17.18, 6 Etz’nab 11 Sek zu identifizieren (Looper 1992: 1-2). Für die Inthronisation von Ik’ Muuy Muwaan konnte er (Looper 1992: 2) ergänzend feststellen, daß er eingesetzt wurde ta ajawlel, also in die Herrschaft und damit als Nachfolger von Bahlam Ajaw. Die zweite auf der Holzschachtel vermerkte Amtseinführung konnte von Looper (1992: 3) als Ereignis im Leben eines untergeordneten Adligen namens Ah K’al Balam 21 erkannt werden, der zu besagtem Datum das Amt eines ebeet übernahm.
Als ein weiteres Mitglied des Adels von Tortuguero wird Ahkal K’uk’ in einer retrospektiven Phrase auf Monument 6 identifiziert (Arellano Hernández 1996: 137), wie er ein Ritual am Tag 9.3.16.1.11, 8 Chuwen 9 Mak durchführt. Lebensdaten für diese Person sind nicht überliefert, ebenso ist seine tatsächliche Zugehörigkeit zur herrschenden Linie von Tortuguero fraglich. Die Aufmerksamkeit, die ihm in der Inschrift von Monument 6 aber zugebilligt wird, könnte jedoch darauf hindeuten.
Eine Untersuchung von Marc Zender und Stanley Guenter (2000) identifiziert ein weiteres Mitglied der herrschenden Linie von Tortuguero. Auf Monument 6 findet sich eine Vaterschaftsangabe für Bahlam Ajaw, die allerdings stark zerstört ist, lediglich ein Teil eines Präfixes XG8 ist noch erkennbar. Da aber auf der Holzschachtel vermerkt ist, daß Ik’ Muuy Muwaan ein Namensvetter seines Großvaters ist, läßt sich für diesen ein identischer Name annehmen, was durch das Auftauchen von XG8 an der entsprechenden Stelle von Monu-
20 XG8.XGK:ZUH-ZY7:XGC,diese Nominalphrase kann heute als Ik’ Muuy Muwaan gelesen werden. 21 1G4.MZ3:XG4-AT1:32A, diese Nominalphrase wird heute als gelesen als Aj K’ax Bahlam, in dieser Arbeit als Ak’ax Bahlam.
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ment 6 bekräftigt wird. Um beide auseinanderzuhalten, wurde der Ältere als Ik’ Muuy Muwaan I. bezeichnet, sein Enkel als Ik’ Muuy Muwaan II. Mit Hilfe der in den Inschriften vor-handen Verwandtschaftsangaben war es ebenfalls möglich aufzuzeigen, daß beginnend mit Ik’ Muuy Muwaan I. im Rahmen der bekannten Individuen die Herrschaftsfolge stets vom Vater auf den Sohn überging.
Aufgrund der bisherigen Untersuchungen kann man folgende Tabelle erstellen, welche die dynastische Folge der herrschenden Elite in Tortuguero zusammenfaßt:
lano Hernández (1996) und Zender & Guenter (2000).
1.5.5 Soziopolitische Relationen
Tortuguero hat eine Vielzahl von Interaktionen mit anderen Orten des nordwestlichen Tief-landes geführt, die in den Inschriften vermerkt sind. Die überwiegende Mehrzahl dieser Beziehungen, die uns ausschließlich aus der Regierungszeit von Bahlam Ajaw bekannt sind, waren antagonistischer Natur. Auf diese soll in diesem Überblick auch der Fokus gelegt werden, andere durch Hieroglyphen beschriebene Relationen finden ihre Berücksichtigung bei den Einzelhypothesen in Kapitel 4.
Eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema lieferte Berthold Riese (1980a) mit der Paraphrasierung der bis dato bekannten Texte aus Tortuguero und zwei Einzelhypothesen zu thematischen Hieroglyphen mit kriegsbezogenem Inhalt, einmal ein Ausdruck für die Gefangennahme (Riese 1980a: 35-36, 1982: 267-270) sowie der später von ihm näher beschriebenen Metapher „Feuerstein und Schild“ (Riese 1980a: 38-39, 1982: 278-280). Da aber bislang kaum weitere Verben und insbesondere Toponyme bekannt waren, mußte sich die Arbeit von Riese in erster Linie auf den zeitlichen Rahmen der Ereignisse beschränken.
sammengestellt nach Riese (1980a), Arellano Hernández (1996), Mathews (2000) und Grube, Martin & Zender (2002).
Mit den bis Mitte der 1990er Jahre erzielten Fortschritten in der Epigraphik stellte Alfonso Arellano Hernández (1996: 137-138) eine Synopsis aller in Tortuguero vermerkten Kriegsaktionen zusammen. Im Rahmen ihrer regional ausgerichteten Untersuchungen zu den soziopolitischen Interaktionen im Nordwestlichen Tiefland fassen Peter Mathews (2000: 143-146) sowie Nikolai Grube, Simon Martin und Marc Zender (2002) diese Aktionen noch einmal zusammen. Einige neuere Ansatzpunkte sind bei diesen Arbeiten entstanden, die im Folgenden noch kurz zusammengetragen werden. Zu erwähnen ist noch die Diskussion der
22 Da der Tageskoeffizient der Distanzzahl zerstört ist, welche das Inthronisationsdatum mit dem nicht erhaltenen Geburtsdatum verbindet, muß eine Angabe spekulativ bleiben. Grube, Martin & Zender (2002: 17) geben etwa 9.8.19.8.5 an. Siehe Kapitel 2.8.4 des Zweiten Bandes.
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Passage der Kampagne gegen Comalcalco durch Markus Eberl (1999 MS: 76-77), in der er verschiedene verbale Aussagen zur situativen und thematischen Differenzierung des Berichtes analysiert. Die bisher in der Literatur aufgeführten Kriegshandlungen unter der Führung von Bahlam Ajaw kann man wie in Tabelle 2 gezeigt zusammenstellen.
Eine deskriptive Aufarbeitung des „Kriegstagebuches“ von Tortuguero, also die Wiedergabe der vermerkten Tatsachen, war bislang die primäre Arbeitsweise. Versuche, die historischen Implikationen hinter den Kriegszügen zu erkennen und damit ein besseres Verständnis für die politische Lage im Nordwestlichen Tiefland während der Späten Klassik zu erreichen, haben nur vereinzelt stattgefunden.
So geht Nikolai Grube davon aus, daß Bahlam Ajaw im Auftrage von K’inich Janaab Pakal Krieg geführt hat, um den politischen Einfluß von Palenque zu stärken (Grube 1996: 6). Peter Mathews (2000: 146) greift diese Idee auf und berücksichtigt dabei einen palenkanischen Einfluß in den Inschriften von Comalcalco. Er führt die Tätigkeiten von Tortuguero (und damit von Palenque) ebenfalls auf eine angestrebte Vergrößerung des Einflußbereich zurück, um eine neue, autarke Position von Palenque zu stärken, abgeleitet aus der Absenz der hegemonialen Mächte Tikal und Calakmul in den schriftlichen Aufzeichnungen nach dem Jahr 659.
Obwohl nicht explizit diskutiert, bringt Alfonso Arellano Hernández (1996: 141) neben politischen auch ökonomische Aspekte ein, indem er Tortuguero als Mitstreiter in der Kontrolle über die Handelsrouten sieht, welche die Küstenregionen des Golfes mit dem chiapanekischen Hochland verbunden haben.
1.5.6 Forschungsdesiderata
Obwohl das Augenmerk der Forschung lange Zeit auf den kalendarischen Angaben gelegen hat, gibt es immer noch einige Unstimmigkeiten bezüglich vereinzelter Daten, die entweder aufgrund von Erosion oder mangelnder Dokumentation strittig sind.
Hinsichtlich des nicht-kalendarischen Inhalts bleibt festzustellen, daß seit der Katalogisierung aller Inschriftenträger und der Klassifikation und Paraphrasierung ihrer Texte durch Berthold Riese (1980a) kein erneuter Versuch unternommen wurde, in umfassender Weise und unter Berücksichtigung der Fortschritte in der epigraphischen Forschung diese neu auszuwerten 23 . Die Erschließung des Textgehalts geschah zumeist anhand einzelner Hieroglyphen und Passagen, die aus dem Originalzusammenhang herausgelöst wurden (vgl. etwa Grube, Martin & Zender 2002), in rein deskriptiver Form mit der Wiedergabe der vermerkten Tatsachen. Versuche, die Hintergründe dieser Aufzeichnungen quellenvergleichend zu erschließen, fanden nur in sehr vereinzelter Form statt und auch hier wurde vorwiegend anhand isolierter Passagen interpretiert. Diese Forschungslücke zeigt sich besonders in Zusammenhang mit den zahlreichen Kriegszügen von Tortuguero, aber auch bei den Spekulationen zur Herkunft der Dynastie des Ortes (Grube 1996: 6, Martin & Grube 2000: 165).
Es ist daher wünschenswert, unter Berücksichtigung des letzten Standes der epigraphischen Forschung die Texte von Tortuguero neu zu analysieren und zu interpretieren.
1.6 ZIELSETZUNG
B
ASIEREND AUF DEN IN DEN KAPITELN 1.4.4 und 1.5.6 erörterten Forschungsdesiderata können für die vorliegende Arbeit die im Folgenden ausgeführten Zielsetzungen formuliert werden, anhand derer sich der weitere Aufbau, die zu leistenden Arbeitsschritte und die Methodik ergeben.
23 Für umfassende Analysen zum Korpus eines bestimmten Ortes vgl. etwa die Arbeiten zu Tikal (Jones & Satterthwaite 1982), Naranjo (Gaida 1983, Voß 1995 MS), Yaxchilán (Mathews 1988), Copán (Riese 1992), Dos Pilas (Houston 1993) oder Pusilhá (Prager 2002 MS).
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1.6.1 Dokumentation der Quellen
Grundlage für eine Analyse der Quellen ist deren adäquate Dokumentation. Um die angesprochenen Lücken zu schließen, wurde die Umzeichnung jedes Monuments evaluiert. Von den Monumenten und Kleingeräten, die nicht dem zugrundeliegendem Standard des CMHI (Graham 1975) entsprechen, wurden neue Zeichnungen durch den Verfasser anhand dieses Standards erstellt.
Dies erfolgte zum einen anhand von detaillierten Fotografien in der publizierten Literatur, zum anderen konnte der Verfasser auf das Fotoarchiv von Elisabeth Wagner zurückgreifen, die, unter anderem unter Beteiligung des Autors, im Juli 2001 im Museo Carlos Pellicer Camára in Villahermosa eine gründliche Neuaufnahme aller dort ausgestellten Monumente aus Tortuguero vorgenommen hat.
Begleitend zu den Umzeichnungen wurde ein Datenblatt mit den wichtigsten Charakteristika der jeweiligen Monumente zusammengestellt.
Weitere Erläuterungen und die Kriterien, nach denen der Katalog zusammengestellt wurde, sind Kapitel 1 des Zweiten Bandes zu entnehmen.
1.6.2 Bearbeitung der Quellen
Alle kalendarischen Daten, wie sie bei Berthold Riese (1980a) zusammengestellt sind, sollen noch einmal anhand der Zeichnungen in ihrer Identifizierung überprüft werden. Sollten dabei Diskrepanzen erkennbar sein, erfolgt für diese Fälle eine erneute Evaluation der Einhängung der Daten mit der Langen Zählung und gegebenenfalls eine Überprüfung des rekonstruierten chronologischen Nexus.
Den Kern der Arbeit bildet die epigraphische Analyse und darauf aufbauend die inhaltliche Diskussion der Texte. Basierend auf der in Kapitel 1.5.6 geäußerten Kritik soll bei der Analyse ein besonderes Augenmerk auf die in den vergangenen Dekaden erzielten Fortschritte im linguistischen Bereich gelegt werden, was insbesondere die Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes hinsichtlich Phonologie und Morphosyntax der klassischen Schriftsprache betrifft (vgl. Kapitel 2.1 und 2.2). Sprachliche Tatsachen sollen dabei ebenfalls berücksichtigt werden, indem untersucht wird, ob man in den Inschriften von Tortuguero die Existenz von Vernakulärsprachen nachweisen kann (vgl. Kapitel 2.2.1).
Nach der Schaffung einer Arbeitsgrundlage in Form einer Analyse und Übersetzung der Texte folgt zuerst eine deskriptive Darstellung der Ereignisgeschichte, die auf dem bereits geleisteten Forschungsstand (vgl. Kapitel 1.5) beruht. Basierend auf der „traditionellen“ Herangehensweise an historische Berichte (Houston, Chinchilla Mazariegos & Stuart 2001: 268, vgl. Prager 2002 MS: 33-34) sollen die im Folgenden aufgeführten Zielsetzungen berücksichtigt werden. Die quellenimmanente Bestimmung und Rekonstruktion der kalendarischen Struktur der Texte dient als Grundlage eines auf Quellenvergleich basierenden chronologischen Gerüstes zur Einordnung der historischen Fakten als Grundlage aller folgenden Schritte. Im weiteren Quellenvergleich beinhaltet dies die Identifizierung von Individuen anhand ihrer Nominalphrasen unter besonderer Berücksichtigung von Herrschern und das Aufstellen einer Biographie mit wichtigen Ereignissen im Leben dieser Personen. Eine chronologische Sequenzierung dieser Daten erlaubt die Rekonstruktion der dynastischen Abfolge der politischen Führer von Tortuguero. Die Identifizierung von genealogischen Termini erlaubt die Bestimmung von Verwandtschaftsverhältnissen der herrschenden Elite in einem lokalen und regionalen Rahmen mit den Linien anderer Orte.
Auf diesem Schritt baut die historische Interpretation des Quellenmaterials auf, die als ein Desideratum der bisherigen Untersuchungen festgestellt wurde. Während die Dynastiefolge, einer der drei Kernaspekte dieser Untersuchung, dabei überwiegend deskriptiv bleibt, erfordern die beiden Fragenkomplexe zur Herkunft der Dynastie und zur soziopolitischen Interaktion und Organisation eine weiterführende Auswertung des Quellenmaterials im Rahmen einer quellenvergleichenden Analyse.
Bei der Interpretation sollen zur Erweiterung des Verständnisses auch Texte anderer Inschriftenorte des Nordwestlichen Tieflandes hinzugezogen werden. Aufgrund der festgestellten Verwendung der Emblemhieroglyphe von Palenque in Tortuguero sind die Inschrif-
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ten des erstgenannten Ortes in besonderem Maße für die Frage der Herkunft der Dynastie von Tortuguero interessant.
Bei der Herausarbeitung der regionalen Beziehungen und der politischen Organisation verdienen insbesondere die Texte jener Orte Beachtung, die in Beziehung mit Tortuguero ge-standen haben. Da eine besondere Emphase auf die kriegerischen Aktivitäten des Ortes gelegt werden soll, kommen dabei besonders die Inschriften aus Comalcalco zum Tragen. Informationen über andere Orte, die bislang archäologisch nicht lokalisiert worden sind, wie etwa Ox Te’ K’uh oder Yohm Pi (Yomoop), werden primär den Referenzen bekannter Orte entlehnt.
Die Suche nach den Hintergründen für die zahlreichen Kriege von Tortuguero wird in zwei Richtungen verlaufen. Dies sind zum einen politisch begründbare Implikationen. Wie in Kapitel 1.5.5 bereits angedeutet, mag es hierbei aber auch ökonomische Interessen gegeben haben, die bislang kaum beachtet wurden. Ziel soll es daher sein, diesen Faktor näher zu untersuchen.
Die Methodik, nach denen die deskriptive Aufarbeitung der Tatsachen und die historische Interpretation bearbeitet wird, ist verbunden mit den speziellen Zielsetzungen dieser Schritte und wird in den Kapiteln 2.3.1 und 2.3.2 näher dargestellt.
1.6.3 Einschränkungen
Hinsichtlich der Dokumentation wird es keine Wiedergabe von Fotografien geben, anhand derer eine Überprüfung der Genauigkeit der im Katalog wiedergegebenen Umzeichnungen möglich wäre. Dies geschieht vor allem, da als Grundlage für die Zeichnungen verschiedene Aufnahmen unterschiedlicher Fotografen vorlagen, die zwar als Basis für das Erstellen der Zeichnungen ausreichend waren, in sich aber wiederum Unterschiede in der Qualität der Fotografien erkennen lassen, so daß für diesen Bereich wiederum kein einheitlicher Doku-mentationsstandard einzuhalten wäre.
Eine vollständige Bearbeitung des Korpus von Tortuguero kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Diese Einschränkung betrifft zum einen die epigraphische Analyse, die gewissen Entzifferungen und Theorien zu Phonologie und Morphosyntax folgen muß und wenig Spielraum läßt, strittige Punkte zu diskutieren (vgl. hierzu Kapitel 2.1 und 2.2). Die bereits angesprochene thematische Beschränkung schließt etwa die Diskussion bestimmter Riten aus, die ohne ein Verständnis des ideologischen Überbaus nicht in angemessener Weise zu leisten wären. Für diese Riten, die als Teil der lokalen Geschichte gewertet werden können, bleibt es daher bei einer kurzen Präsentation im Rahmen der Einzelhypothesen (Kapitel 4.1.5).
Eine weitere Eingrenzung muß bei der Verwendung von ortsfremden Textquellen gezogen werden. Peter Mathews hat hochgerechnet, daß aus dem gesamten Nordwestlichen Tiefland (inkl. der Region des Río Usumacinta) über 40 Inschriftenorte mit etwa 750 Texten (Mathews 2000: 128) bekannt sind. Es ist weder notwendig, diese alle einzubinden, noch wäre der Arbeitsaufwand gerechtfertigt. Selektionskriterien hierzu gibt Kapitel 2.3.5. Da der Fokus dieser Arbeit auf der Aufarbeitung der Inschriften von Tortuguero liegt, kann für externe Texte selbstverständlich auch keine detaillierte epigraphische Analyse erfolgen. Ihr komplementär einzuarbeitender Informationsgehalt wird daher aus der Literatur erschlossen.
Einer weitere Beschränkung unterliegt die Einarbeitung von archäologischem Datenmaterial. Da es sich bei dieser Arbeit primär um eine epigraphische Studie handelt, werden archäologische Quellen nur dann bei der Interpretation eingesetzt, wenn sie einen verständnisfördernden Informationsgehalt haben, der nicht bei allen Quellengattungen gegeben ist.
Die Repräsentativität der Geschichte von Tortuguero wird zwar durch die genannten Beschränkungen eingeengt, in Hinblick auf die formulierten Zielsetzungen muß dies aber in Kauf genommen werden.
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2. METHODIK
E
NTSPRECHEND DER ANALYTISCHEN ZIELSETZUNG DIESER ARBEIT sollen in diesem Kapitel die methodischen und operationalen Grundlagen für die epigraphische und historische Untersuchung als fundamentaler Schritt für das Verständnis der historischen Fakten und Interpretationen der Inschriften von Tortuguero gelegt werden. Die Formulierung allgemeiner terminologischer und theoretischer Vorbedingungen ist unabdingbar für die Schaffung von Analyseverfahren und konsequenterweise für die Nachvollziehbarkeit der analytischen Schritte. Der Aufbau der Methodik orientiert sich dabei am aktuellen Forschungsstand.
2.1 EPIGRAPHISCHE VORBEDINGUNGEN
D
IESER ABSCHNITT BEFASST SICH mit den terminologischen, formalen und funktionalen Kriterien des Schriftsystems. Ziel ist die Darstellung des wesentlichen Aufbaus der Maya-Schrift, der Arten von Zeichen und deren Kombinationsmöglichkeiten. Im Folgenden auftauchende Begrifflichkeiten werden zur besseren Vergleichbarkeit mit synonymen Ausdrücken und den entsprechenden englischsprachigen Übersetzungen wiedergegeben.
2.1.1 Termini und Definitionen
Bevor ein Überblick über die theoretischen Vorbedingungen gegeben werden kann, ist eine terminologische Übersicht sinnvoll, welche die in der Epigraphik üblichen funktionalen Begriffe definiert und einen einheitlichen Sprachgebrauch gewährleisten soll. Die Termini, sowie deren Synonyme und Definitionen wurden überwiegend anhand der Arbeiten von Berthold Riese (1971, 1980a) zusammengestellt, da er eine verfeinerte Gliederung gegenüber der Arbeit von George Kubler (1973) vornahm.
Inschriftenkorpus (corpus of hieroglyphic inscriptions): Dies bezeichnet die Summe aller hieroglyphischen Quellen, die in einer bestimmten archäologischen Zone bis dato bekannt geworden sind. Sie können dabei durch Methoden der Archäologie gewonnen worden sein oder durch Plünderung 24 . Ein Korpus ist also, wie bereits in Kapitel 1.4.2 angedeutet, die nominelle Anzahl an Inschriften. Gerade was portable Objekte ohne gesicherten Fundort anbelangt, ist eine Zuordnung zu einem Korpus in der Regel nur über bestimmte inhaltliche Kriterien möglich (für ein Fallbeispiel vgl. Riese 1980a: 23), sofern sie vorhanden sind. Zur Definition des Korpus von Tortuguero siehe Kapitel 1.1 des Katalogbandes.
Text (text): Die Gesamtzahl an Hieroglyphen, die sich auf einem Inschriftenträger befinden (Riese 1980a: 3). Dies kann entweder in einem Feld erfolgen, oder in mehreren, räumlich getrennten Abschnitten. Unter Umständen ist ein Inschriftenträger quellenkritisch zu rekonstruieren (Riese 1971: 145-149).
Abschnitt (paragraph): Ein thematisch zusammengehöriger Textfluß. Hinsichtlich der Verteilung auf verschiedene Felder eines Textes muß man jedoch vorsichtig sein, diese nur aufgrund ihrer räumlichen Verteilung als verschiedene Abschnitte zu werten, was durch eine genaue textuelle Analyse zu klären ist (Riese 1971: 209). Ein externer Bezug (Riese 1980a: 4), wie er etwa bei Bildbeischriften vorkommt, ist jedoch stets Kriterium für die Definition eines Abschnittes, ebenso fallweise eine unterschiedliche Ausgestaltung, wie beispielsweise bei einer Schreibersignatur.
Phrase (phrase): Ein Textteil, der durch eine kalendarische Angabe eingeleitet wird (Riese 1980a: 4). Ausgehend von syntaktischen Vorgaben ergibt sich eine dreifache
24 Unter Plünderung soll hier zum einen im wörtlichen Sinne die Fundhebung durch Raubgrabungen für den Kunsthandel verstanden werden, aber auch die Bergung von Inschriftenträgern aus antiquarischem Interesse ohne archäologische Methoden, wie sie gerade in der Frühzeit der Exploration der Maya-Region stattfand.
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Hierarchie, je nachdem, ob der Anfang mit einer Initialserie, Distanzzahl oder Kalen-derrunde gebildet wird, was gerade hinsichtlich der Datenstrukturen auf den Monumenten von Tortuguero von besonderer Wichtigkeit ist. Datumsstrukturen bilden die sicherste Methode, eine Grobstrukturierung eines Textes vorzunehmen (Gaida 1983: 4-5; Bricker 1986: 183).
Aussage, Hieroglyphenfolge (clause): Eine syntaktische Einheit, die aus den konstituierenden Elementen eines Satzes besteht und mit diesem kongruent ist. Fallweise gruppieren sich um diesen Kern noch variable Ergänzungen. Eine Aussage ist inhaltlich homogen, d.h. sie schildert einen Sachverhalt. Entgegen der Definition von Riese (1980a: 4) können sich kalendarische Angaben und nicht-kalendarische Inhalte in einer Aussage vereinen, eine Erkenntnis des zunehmenden Verständnisses der Syntax (vgl. Bricker 1986: 170). „Längere Texte mit gänzlich unbekannter semantischer Bedeutung können nicht untergliedert werden“ (Gaida 1983: 5). Die daraus folgende syntaktische Unkenntnis soll für solche Hieroglyphenfolgen zur Formulierung von einer Aussage im Sinne einer syntaktischen Einheit führen, auch wenn bei zusätzlicher Kenntnis eine weitere Segmentierung theoretisch möglich wäre.
Hieroglyphenblock, Block (glyph block, collocation): Physische Einheit einer Gruppe von Zeichen in Form eines Rechteckes, die durch schmale Zwischenräume von anderen dieser Einheiten getrennt wird (Zimmermann 1956: 8, Bricker 1986: 1).
Hieroglyphe, Glyphe (hieroglyph, glyph): Eine aus einem oder mehreren Zeichen bestehende graphische Einheit (Riese 1980a: 4, Bricker 1986: 1). Auf der sprachlichen Ebene denotiert sie ein Lexem, häufig affigiert durch grammatikalische Morpheme. Oftmals ist eine Glyphe kongruent mit einem Block und setzt sich in seltenen Fällen über mehrere Hieroglyphenblöcke hinweg. Zur strukturanalytischen Gewinnung von Hieroglyphenfolgen vgl. Beyer (1937).
Zeichen, Graphem (sign, grapheme): Die kleinste, bedeutungsunterscheidende graphische Einheit (Riese 1980a: 4). Zeichen werden über subgraphemische Eigenheiten, also diagnostische Attribute, voneinander unterschieden. Grapheme 25 lassen sich über zwei Ebenen definieren, die logisch voneinander getrennt sind. Aufgrund der fundamentalen Bedeutung beim Aufbau des Schriftsystems werden diese Ebenen im folgenden Abschnitt näher erläutert, die Darstellung folgt dabei im wesentlichen Prager (2002 MS).
2.1.2 Graphemik
Zeichen können zum einen auf einer formalen, graphischen Ebene (Gates 1931: ix-x) unter Verwendung von Zeichenkatalogen klassifiziert werden. Die Kriterien hierzu ergeben sich primär aus der Größe von Zeichen sowie ihrer Positionierung. Die folgende Übersicht orientiert sich an der Klassifikation von Thompson (1962).
Innerhalb einer Hieroglyphe werden als Hauptzeichen (main signs) solche benannt, die eine annähernd quadratische Form besitzen (Thompson 1962: 10, Riese 1971: 164) und gegenüber den anderen Graphemen einer Glyphe in der Regel durch eine größere Wiedergabe hervorstechen. - Im Gegensatz dazu sind Affixe (affixes) üblicherweise langgezogene Zeichen, die an der Peripherie eines Hauptzeichen angefügt werden (Zender 1999 MS: 92-93). Entsprechend dieser Positionierung bezeichnet man sie als Präfix (prefix), Superfix (super- fix), Postfix (postfix)und Subfix (subfix, Riese 1971: 165).
Neben diesen Mustern zur Affigierung besitzt die Maya-Schrift noch weitere, graphotaktische 26 Möglichkeiten, komplexe Zeichenfolgen auf formaler Ebene zu bilden. Dies ist die
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Entgegen der in der Graphologie üblichen Transkriptionsweise von
26 Der Begriff „Graphotaktik“ wird von Christian Prager (2002 MS) übernommen und ist für die Bildung von Zeichenketten parallel zum etablierten Begriff „Phonotaktik“ der deskriptiven Linguistik zu
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Infigierung (infixation, Zender 1999 MS: 94), die Ligatur (conflation, Zender 1999 MS: 95) und die Interferenz (overlapping, superimposition, Zender 1999 MS: 95-97), die grundsätzlich mit beiden Klassen von Zeichen vonstatten gehen kann. Die Infigierung bezeichnet die Einbettung eines Graphems in ein anderes, während die Ligatur die Verschmelzung von diagnostischen Eigenschaften zweier Zeichen charakterisiert. - Die Interferenz ist die Überlappung zweier Grapheme, Folge der Existenz sog. komplexer Zeichen in der Maya-Schrift, die aus einem Hauptzeichen mit ein oder zwei Affixen bestehen. Ein Beispiel hierfür ist das Zeichen 2S1(2) (Macri & Looper 2003) /NAL/. Das Hauptzeichen 2S1(3), welches mit dem Superfix 2S1(1) die vollständige Form bildet (Orejel 1996: 76, Anm. 3), kann von einem variablen Graphem überlagert werden.
Wie die Forschung gezeigt hat, sind funktionale Unterscheidungen zwischen den Hauptzeichen und Affixen nicht vorhanden (Grube 1990a: 34). Der in dieser Arbeit zur Zeichenklassifikation benutzte Hieroglyphenkatalog von Martha Macri und Matthew Looper (2003) hat diese durch Thompson (1962) bekannt gemachte Differenzierung daher aufgegeben. Jedoch soll in dieser Arbeit für die positionelle Beschreibung die Terminologie, soweit sie noch sinnvoll einsetzbar ist, beibehalten werden.
Die graphischen Eigenschaften und Möglichkeiten zur Bildung komplexer Zeichenketten über die Hieroglyphe, dem Hieroglyphenblock bis hin zum vollständigen Text bedingen einen weiteren formalen Aspekt, nämlich die Frage nach der Leseabfolge innerhalb dieser Einheiten (Riese 1971: 25-27, Zender 1999 MS: 83-91). Maya-Texte werden gewöhnlich in Doppelkolumnen geschrieben (Riese 1971: 27), Abweichungen von dieser Richtlinie sind aber anzutreffen und fallweise über eine Strukturanalyse (Riese 1971: 28-31) zu klären. Für die Festlegung der Abfolge innerhalb eines Blockes und einer Hieroglyphe sei auf Riese (1971: 155-157, 158-1960) verwiesen.
Die andere Art der Klassifizierung von Graphemen findet auf einer funktionalen, sprachlichen Ebene statt. Die Natur des Schriftsystems bildet dabei drei Klassen aus (Bricker 1986: 4; Grube 1990a: 7-8, 13).
Dies sind die Silbenzeichen oder Syllabogramme (syllables), Logogramme (logographs) und Diakritika (determinatives, diacritics). Ein Silbenzeichen (Knorozov 1952; Schele & Grube 2002: 12) notiert eine Lautfolge der Struktur Konsonant-Vokal (KV). Hierzu zählen auch die „Vokalzeichen“, die tatsächlich aus einem Glottalverschluß und einem Vokal bestehen. Viele Syllabogramme scheinen akrophonische Ableitungen aus dem Wort des dargestellten Zeichens zu sein (Campbell 1984: 12-13, Justeson 1989: 32-34, Grube 1990a: 72-73, Zender 1999 MS: 38-41). Sie sind wortbildend und können morphemische Eigenschaften haben. Als phonetische Komplemente (phonetic complements) bezeichnete Silbenzeichen geben Hinweise auf die korrekte Lesung von unter Umständen mehrdeutigen Logogrammen (Grube 1990a: 25-26, 63-69, Schele & Grube 2002: 13). - Logogramme (Schele & Grube 2002: 12) denotieren in teils ideographischer Manier Lexeme 27 und können fallweise mehrere Bedeutungen haben. - Diakritika, früher als semantische Determinative 28 (Riese 1971: 23) bezeichnet, sind Markierungen oder Zeichen, die einem anderen Graphem angefügt werden, um eine gesonderte phonetische Eigenschaft anzuzeigen (Zender 1999 MS: 41-45, 99-100). - Eine weitere Klasse bilden die morphosyllabischen Zeichen (morphosyllabic signs, Houston, Robertson & Stuart 2001: 14), deren wesentliches Prinzip in der Inversion der Lautfolge eines Silbenzeichens zu der Struktur VK zur Bildung eines grammatikalischen
setzen, ebenso wie die Grundlage der „Graphemik“ für die Zeichenebene gleich der „Phonemik“ auf der Lautebene zu setzen ist.
27 David Stuart (Stuart, Houston & Robertson 1999: 70) schlug daher vor, diese Zeichenklasse als „Morphographe“ umzubenennen, da sie ausschließlich Morpheme als kleinste bedeutungstragende Einheiten einer Sprache denotieren. Zur Diskussion vgl. Zender (1999 MS: 34). 28 Victoria Bricker (1986: 11) sieht semantische Determinative als Hinweis auf die Aussprache eines mehrdeutigen Logogramms, eine Aufgabe, die aber üblicherweise von phonetischen Komplementen übernommen wird (Voß 1995 MS: 14). Entsprechend der neuen Definition bestimmen Diakritika aber weniger die Semantik, sondern haben vielmehr eine lautbildende Funktion und sind nicht nur lautverweisend (Riese 1971: 21).
30
Morphems liegt 29 . Obwohl dieses Konzept ein interessanter Ansatz ist, haben verschiedene Autoren Kritik daran geäußert 30 , was weiteren Diskussionsbedarf anzeigt. Da der Verfasser sich dieser Kritik anschließt und das Modell aus gewissen funktionalen Gründen ablehnt, soll es in dieser Arbeit nicht weiter verwendet werden. Wo die epigraphische Analyse jedoch eine Diskussionsgrundlage bietet, wird auf bestimmte Kritikpunkte eingegangen.
Die oben beschriebene Einteilung bedingt wiederum einen formalen Aspekt, nämlich die Frage nach Zeicheneigenschaften. Darunter fallen die Allographie (allography, also mehrere Zeichen für ein phonemisches Denotat (für eine ausführliche Diskussion der Entwicklung des Silbeninventars vgl. Grube 1990a), die Homophonie 31 (homophony, Houston 1984, Lounsbury 1984, Grube 1990a: 26-27, 70-75), also die Frage der Zeichenverwendung bei identischen oder sehr ähnlichen Phonemketten und unterschiedlicher Semantik und die Polyphonie (polyphony, polyvalence, Fox & Justeson 1984a, Jones 1996, Zender 1999 MS: 54-69), also unterschiedliche phonemische Denotate für ein einzelnes Zeichen, das auch zu konvergierenden Zeichenklassen führen kann.
Die Notation der Quantität von Vokalen ist ein Prinzip, welches erstmalig vor wenigen Jahren von Stephen Houston, David Stuart und John Robertson (1998) beschrieben wurde. Es handelt sich hierbei um ein eindeutig graphemisches Kriterium, da hier graphotaktische Regeln, nämlich die Affigierung bestimmter Silbenzeichen, die Abbildung der sprachlichen Wirklichkeit determinieren und nicht umgekehrt Schrift die Sprache erzeugt. Erstmalig von Yuri Knorozov (1965: 174-175) beschrieben, war das Prinzip der Vokalharmonie lange Zeit die Grundannahme bei der Bildung von Phonemketten durch Silbenzeichen und phonetische Komplementierung. Hierbei spiegelt der stumme, auslautende Vokal der letzten Silbe den finalen Vokal der Wortwurzel wieder. Auch wenn bereits Abweichungen bekannt waren, konnten sie noch nicht erklärt werden. Entsprechend spricht man von Vokaldisharmonie, wenn der auslautende Vokal nicht mit dem Stammvokal kongruiert. Dabei wird der Stammvokal nicht modifiziert, sondern lediglich ein sprachlich vorhandener komplexer Vokal indiziert, der in den Maya-Sprachen bedeutungsunterscheidende Funktion besitzt.
Zwei Ansätze haben sich in der Zwischenzeit herausgebildet. Die ursprüngliche Beschreibung (Houston, Stuart und Robertson 1998) hält sich mit der Analyse der Daten weitgehend zurück und markiert komplexe Vokale lediglich mit einem Kolon, also etwa /a:/. Eine Weiterentwicklung stellt die These von Alfonso Lacadena und Søren Wichmann dar (o.J.). Sie vermuten, daß eine regelhafte Beziehung zwischen dem disharmonischen Vokal und dem Wurzelvokal besteht, die eine eindeutige Quantität des letzteren herstellen. Trotz einiger unbeantworteter Fragen und Unstimmigkeiten im Regelwerk, die für beide Modelle gilt, ist der Ansatz von Lacadena und Wichmann sehr vielversprechend, da er besser die stetige Komplementierung mit einem bestimmten Silbenzeichen an einem Logogrammerklärt. Aus diesem Grunde soll auch in dieser Arbeit deren Ansatz zum Tragen kommen, auch wenn die wissenschaftliche Diskussion noch anhält. Sollten sich in der epigraphischen Analyse Ansatzpunkte zur Darstellung ergeben, wird dort darauf eingegangen. Zum besseren Verständnis schließt das Kapitel mit einer Übersicht der verwendeten graphotaktischen Regeln:
mann (o.J.).
29 Die erste geschlossene Arbeit zu morphosyllabischen Zeichen ist die Besagte von Houston, Stuart & Robertson (2001). Verschiedene Autoren haben aber bereits im Vorfeld die Möglichkeit einer Inversion eines Syllabogramms diskutiert und dies unter Beibehaltung der funktionalen Klasse nicht grundsätzlich ausgeschlossen (vgl. Bricker 1986: 128).
30 Für die Zusammenschau einiger Kritikpunkte vgl. Schele & Grube (2002: 14). 31 In vielen älteren Arbeiten zur Maya-Schrift wird nicht zwischen Allographie und Homophonie unterschieden und beides unter letzterem Stichwort zusammengefaßt (vgl. etwa Grube 1990a: 8).
31
2.1.3 Kriterien zur Ermittlung des Gehalts einer Hieroglyphe
Für die Entzifferung einer Hieroglyphe, also der sprachlichen Extrahierung des Denotats, sollen noch eine Reihe von Kriterien aufgestellt werden, die eine konsistente Handhabung der verwendeten Entzifferungen gewährleisten. In Anlehnung an Berthold Riese (1987: 13) soll dabei eine Entzifferung nur dann als gesichert gelten wenn erstens den Konstituenten aller Vorkommen einer Hieroglyphe die selben phonemischen Werte zugewiesen werden können, zweitens die so gelesenen Hieroglyphen indizierte, tatsächliche und sinnvolle Wörter einer Maya-Sprache 32 wiedergeben und drittens auch eine erkennbare semantische Rolle im Syntagma erfüllen.
Diese Parameter definieren eine Entzifferung also als die vollständige Gewinnung des phonemischen Gehalts und Möglichkeit zur Übersetzung einer Hieroglyphe. In den Fällen, wo nur das erste Kriterium und im Einzelfall auch das dritte erfüllt sind, soll daher lediglich von einer Lesung gesprochen werden. Kann einer Hieroglyphe in vollem Umfang nur das dritte Kriterium zugestanden werden, wird von einer Deutung gesprochen. Gibt es für eines oder mehrere der drei Kriterien nur eine teilweise Annäherung, soll von einem Vorschlag die Rede sein.
Es wird nicht Bestandteil der Arbeit sein, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit bei weitem überschreiten würde, alle in den Texten von Tortuguero vorkommenden Entzifferungen, Lesungen und Deutungen quellenkritisch zu zitieren und die Beweisführung für die Korrektheit zu leisten.
2.2 LINGUISTISCHE VORBEDINGUNGEN
N
ACH DER DARSTELLUNG DES GRUNDLEGENDEN FUNKTIONALEN AUFBAUS der Maya-Schrift untersucht dieses Kapitel unser Wissen jener Sprache, welche mit dem hieroglyphischen System codiert wurde und die im Folgenden als Klassische Schriftsprache bezeichnet werden soll 33 . Im Folgenden wird, vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Forschungen, auf aktuelle Betätigungsfelder und Theorien hingewiesen, die auch in besonderem Maße in dieser Arbeit berücksichtigt werden sollen. Es handelt sich dabei um die Frage der Affiliation der klassischen Schriftsprache zu einer bestimmten Sprache oder eines Zweiges sowie ihre phonetischen, phonologischen, grammatikalischen und morphosyntaktischen Strukturen (vgl. Houston, Robertson & Stuart 2000). Die Darstellung erfolgt in knapper Wiedergabe der relevanten Grundlagen auf Basis der Literatur, da es nicht Ziel der Methodik ist, ein Kompendium der Grammatik zu liefern, sondern vielmehr eine operationale Grundlage für die folgende epigraphische Analyse und die Einzelhypothesen zu schaffen. Der Gebrauch linguistischer Termini richtet sich im wesentlichen nach Dürr & Schlobinski (1994).
2.2.1 Die Frage der Klassischen Schriftsprache
Basierend auf dem phonemischen Ansatz (Knorozov 1952, 1958, Justeson & Campbell 1984) und der syntaktischen Analyse (Zimmermann 1956: 18, Proskouriakoff 1960) kristallisierte sich heraus, daß die Maya-Schrift tatsächlich sprachliche Informationen codiert. Die Zuordnung (vgl. Houston, Robertson & Stuart 2000: 323-325, Tab. 1) zu einer Sprache oder Sprachfamilie gründete primär auf geographischen, lexikalischen und morphologischen Beweisen, forschungsgeschichtlich läßt sich tendenziell eine Entwicklung von der ersten bis zur letztgenannten Methode beschreiben. So bemerkte etwa Nikolai Grube (1990a: 14) hierzu:
„Die Syntax und Morphologie der Hieroglyphentexte lassen keinen Zweifel mehr, daß die Cholsprachen [...] und die yukatekischen Sprachen [...] in ihren noch nicht hinreichend er-forschten Vorstufen die Sprache der Hieroglyphen waren.“
32 Zur Frage der Affiliation der Schrift mit einer bestimmten Maya-Sprache siehe Kapitel 2.2.1. 33 Dieser Terminus ist rein deskriptiv zu verstehen und impliziert nicht die Existenz oder Unterschiede zwischen einer Literatur- und Umgangssprache.
32
Wie neuere Forschungen aufzeigen konnten (vgl. Houston, Robertson & Stuart 2000), stammt die Mehrzahl der in der klassischen Schriftsprache vorkommenden lexikalischen und grammatikalischen Morpheme aus den Sprachen des Ch’olan-Zweiges (Abbildung 1), also Ch’ol (Aulie & Aulie 1978, Kaufman & Norman 1984, Josserand & Hopkins 1988), Ch’orti’ (Wisdom 1950) und Chontal (Smailus 1973).
Obwohl generelle Einigkeit darüber existiert, daß eine Vorstufe (Riese 1971: 213) der genannten heutigen Sprachen die klassische Schriftsprache gewesen ist, zeigt sich doch hinsichtlich der genauen Zuordnung zu einem Sprachzweig oder des Grades der Beeinflussung durch andere Maya-Sprachen eine gewisse Diskrepanz der Gewichtung dieser Faktoren in den vorhandenen Hypothesen.
So operiert das Modell von Stephen Houston, John Robertson und Davis Stuart (2000) mit der Annahme, daß ein Vorläufer des rezenten Ch’orti’, bei ihnen bezeichnet als Classic Ch’olti’an, die klassische Schriftsprache gewesen ist (Abbildung 1), da sie distinktive morphologische Elemente aufweist, die ausschließlich in den Sprachen der östlichen Ch’olan-Zweiges auftauchen (Houston, Robertson & Stuart 2000: 327). Es soll sich dabei, trotz der Vorkommen von Vernakulärsprachen, um eine kohärente Hochsprache exklusiv für den schriftlichen Gebrauch gehandelt haben (Houston, Robertson & Stuart 2000: 322). Als Beispiel führen sie etwa die generelle Verwendung von grammatikalischen und lexikalischen Morphemen in den Texten von Chichén Itzá an (Houston, Robertson & Stuart 2000: 335).
Abbildung 1: Entwicklung der Mayasprachen unter besonderer Berücksichtigung der klassischen Schriftsprache. Weniger oder nicht relevante Sprachzweige sind grau angedeutet. Verändert nach: Houston, Robertson & Stuart (2000: Fig. 1).
Im Unterschied dazu betrachten Alfonso Lacadena und Søren Wichmann (2000 MS) die anhand der Inschriften rekonstruierte sprachliche Situation als sehr komplex, so sollen sich in den klassischen Inschriften mindestens vier Sprachen komplett oder teilweise repräsentiert finden (Lacadena & Wichmann 2000 MS: 1). Das von Houston, Robertson und Stuart (2000: 322, 335) eingeräumte Auftreten von anderen Maya-Sprachen, insbesondere des Yukatekan, wird von Lacadena und Wichmann viel stärker sprachgeographisch und eigenständig betont. Dies führt bei ihnen zu der Aufteilung in schriftsprachliche Regionen mit Spuren des Yukatekan, des westlichen und östlichen Ch’olan sowie des Tzeltalan.
Da die Hypothese von Houston, Robertson & Stuart (2000) besser die generelle Verwendung der Ch’olan-Sprachen in der klassischen Schriftsprache erklärt, insbesondere für die Gebiete, in denen sprachhistorisch Yukatekan gesprochen wurde, soll dieses auch die methodische Grundlage für die Affiliation der klassischen Schriftsprache darstellen. Das Auftreten von grammatikalischen Morphemen und Lexemen anderer Sprachzweige, des Yukatekan (Bricker 1986: 17, Lacadena 2000a, Lacadena & Wichmann 2000 MS: 2) und des Tzeltalan (Lacadena & Wichmann 2000 MS: 6-11), wird daher als das gelegentliche dialektale Einfließen in die geschriebene Hochsprache angesehen.
Für die Ermittlung des Gehaltes einer Hieroglyphe (vgl. Kapitel 2.1.3) im Rahmen dieser Arbeit bedeutet dies, daß primär Wörterbücher und Grammatiken der Ch’olan-Sprachen zu Rate gezogen werden, und erst in zweiter Linie solche der Sprachen des Yukatekan- und Tzeltalan-Zweiges. Weiterhin wird einem Vorschlag von Berthold Riese (1971: 213) gefolgt, kolonialzeitliche Quellen modernen vorzuziehen, da die dort niedergeschriebenen Sprach-
33
formen zeitlich näher an der Klassik liegen. Im Rahmen der quelleninternen epigraphischen Analyse wird allerdings weitestgehend auf einen lexikalischen Nachweis verzichtet, da dies bereits Bestandteil der verwendeten Entzifferungen gewesen ist. Lediglich in problematischen Fällen wird im Rahmen einer Diskussion hierauf eingegangen, ebenso im Rahmen der in Kapitel 4 zu leistenden Einzelhypothesen.
2.2.2 Phonetik und Phonologie
Besonders im Bereich der Phonetik und der Phonologie sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Fortschritte erzielt worden. Auf die Existenz der Quantität von Vokalen und deren Notation durch das Mittel der Vokaldisharmonie wurde bereits in Kapitel 2.1.2 hingewiesen. Die zweite wichtige von Nikolai Grube formulierte Hypothese besagt, daß die klassische Schriftsprache, wie viele andere Maya-Sprachen auch, zwischen einem velaren und glottalen Spiranten, also [x] und [h], unterschieden hat und dieser phonemische Kontrast auch orthographisch in der Schrift dargestellt wurde (Grube o.J. a).
Die historische Linguistik hat viel dazu beigetragen, das System der Unterrepräsentation von Phonemen in der Maya-Schrift herauszuarbeiten. Wie in Kapitel 2.1.2 bereits erläutert wurde, sind viele Syllabogramme akrophonische Ableitungen des Dargestellten, indem der letzte Konsonant weggefallen ist. Wie weiterführende Untersuchungen gezeigt haben (Zender 1999 MS: 135-142, Lacadena 2001 MS), werden die Konsonanten /l/, /m/, /n/, /h/, /j/ und /’/ häufig am Wortende ausgelassen, etwa /yu-ne/ > yune[n] (Zender 1999 MS: Fig. 48). Die Unterrepräsentation besagter Laute findet auch in Konsonantengruppen innerhalb eines Morphems statt, wenn sie einem anderen Konsonanten voranstehen, etwa /ja-wa- TE’/ > jawa[n]te’ (Zender1999 MS: Fig. 53). Während die Arbeiten von Marc Zender und Alfonso Lacadena zur Unterrepräsentation von Konsonanten auf einer systematischen Basis entstanden sind, bemerkten bereits andere Autoren die Möglichkeit dieses Phänomens, so etwa Victoria Bricker (1986: 128-129, 138), die annahm, daß im Passiv ein /h/ in den Wortstamm eingefügt wurde, der in der Schrift nicht wiedergegeben wurde, dies konnte durch die Arbeit von Lacadena zur Passivbildung (o.J.) bestätigt werden.
2.2.3 Wortarten und Morphologie
Nachdem lange Zeit die Annahme vorherrschte, die Maya-Schrift bilde keine gesprochene Sprache ab und Wortarten und Syntax seien nicht vorhanden (Thompson 1950: 50-51), geschah die Zuordnung bestimmter Hieroglyphen zu verschiedenen lexikalischen Klassen zuerst aufgrund struktureller Verfahren (vgl. Zimmermann 1956: 18-27, Berlin 1958, Proskouriakoff 1960, Gaida 1983: 8-12) durch eine funktionale Kategorisierung und hiernach auch durch morphologische Analysen (vgl. Bricker 1986). Gegenwärtig können folgende Wortarten (Dürr und Schlobinski 1994: 117-118) in den hieroglyphischen Texten nachgewiesen werden: Pronomina, Verben, Substantive, Adjektive, Numeralia, Präpositionen und Partikeln sowie Adverbien. Die Eigenschaften der diversen lexikalischen Klassen wurden bereits ausführlich in der Literatur dargestellt, weswegen im Folgenden nur kurze Zusammenfassungen der wichtigsten Merkmale erfolgt, soweit sie in den Inschriften von Tortuguero faßbar sind.
Die verschiedenen Arten von Pronomina sollen aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung für den Großteil der anderen lexikalischen Klassen an erster Stelle besprochen werden. Die Personalpronomina kann man in zwei Gruppen aufteilen (Bricker 1986: 52-91, Stuart, Houston & Robertson 1999: 17-21, Schele & Grube 2002: 26-28), die Ergativ- und die Absolutivpronomina. Welche spezifischen Funktionen diese übernehmen, wird bei den einzelnen Wortarten erläutert. Demonstrativpronomina (Stuart, Houston & Robertson 1999: 24, Schele & Grube 2002: 36-37) sind ebenfalls nachweisbar (vgl. TRT Mon. 6, L8: ha’-’i[’], „dies“) 34 .
34 Bei der Exemplifizierung durch Belegstellen wird auch im Folgenden immer der volle Inhalt des jeweiligen Hieroglyphenblockes wiedergegeben. Der jeweils diskutierte Teil wird durch Unterstreichung kenntlich gemacht.
34
Verschiedene Arten und Modi von Verben (Bricker 1986: 24-36) können textlich nachgewiesen werden. Aktive, transitive Verben sind ausführlich von Victoria Bricker (1986: 126-150, Schele & Grube 2002: 28) abgehandelt worden. Sie werden mit einem Ergativpronomen zur Anzeige des Agens flektiert sowie mit einem Absolutivpronomen, welches das Patiens markiert und erhalten üblicherweise ein spezifisches Modalsuffix (vgl. TRT Mon. 6, O5a: y-e[h]m-Ø, „er holte es herunter“). Ebenso tauchen intransitive Verben auf (Bricker 1986:
150-160, Schele & Grube 2002: 30), deren Satzargument mit dem Absolutivpronomen suffigiert wird (vgl. TRT Mon. 6, I2:
uht-i-Ø-[iji]y,
„es geschah“). Eine weitere Kategorie von intran-
sitiven Verben sind
positionelle Verben
(MacLeod 1984: 241-249, Bricker 1986: 160-165, Schele & Grube 2002: 30-31), die durch ein bestimmtes Suffix gekennzeichnet sind, welches in den Texten von Tortuguero vornehmlich die Ch’olan-Form annimmt (vgl. TRT Mon. 8, D12:
chum-waan-i-Ø-[iji]y,
„nachdem er sich setzte“), aber auch mit dem Suffix des Yuka-
tekan auftritt (TRT Bx. 1, S2:
pat-laj-Ø,
„es wurde geweiht“). Transitive Verben können auf
verschiedene Arten syntaktisch in intransitive Verben deriviert werden. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Modus des
Passiv
zu (MacLeod 1984: 238, Bricker 1986: 155-160, Lacadena o.J., Schele & Grube 2002: 28-29), bei dem das transitive Agens wegfällt und das Patiens diese Rolle übernimmt (vgl. TRT Mon. 6, G1:
i-ch’a[-h]k-aj-Ø,
„dann wurde es enthauptet“). Beim sogenannten
Mediopassiv
(Houston 1997: 295-296, Houston, Robertson & Stuart 2000: 330, Schele & Grube 2002: 29) wird der Agens der transitiven Aussage ebenfalls entfernt, es scheint aber nur bei Zustandveränderungen aufzutreten (vgl. TRT Mon. 6, G4:
STERNKRIEG-iiy-Ø-[iji]y,
„es wurde ‚Sternkrieg’ gemacht“). Das
Antipassiv
(Lacadena
2000b, Schele & Grube 2002: 29-30) ist eine Derivation, bei der das Patiens reduziert wird, es taucht aber in den Texten von Tortuguero nicht auf.
Eine wichtige Frage im Zusammenhang mit der Verbmorphologie ist die Frage, ob Handlungen in einem Tempus-, Aspekt- oder sonstigem deiktischen System markiert worden sind. Zwei Ansätze stehen gegenwärtig in der Diskussion. Stephen Houston, David Stuart und John Robertson (Houston 1997) sind der Anschauung, daß die Texte grundsätzlich im inkompletiven Aspekt verfaßt sind und zeitlich frühere oder abgeschlossene Handlungen durch den Kompletiv gekennzeichnet sind (Houston 1997: 293), angezeigt durch ein suffigiertes /ya/ (vgl. TRT Mon. 6, F7: chum-wan-Ø gegenüber F9: chum-wan-i:(y)-Ø). - Im Gegensatz dazu steht die These von Robert Wald und Barbara MacLeod (1999, Wald 2000), welche die Texte grundsätzlich im kompletiven Aspekt geschrieben sieht. Die Unterscheidung verschiedener zeitlicher Dimensionen soll dabei durch die Verwendung bestimmter temporaldeiktischer Klitika kenntlich gemacht worden sein. Das Suffix /ji/> -[i]j, soll dabei zukünftige Ereignisse indizieren, die Zeichenfolge /ji-ya/> -[i]jiy referiert auf frühere Geschehnisse relativ zur Erzählzeit des Textes (vgl. TRT Mon. 6, F5: siij?-Ø-[i]jiy als früheres Ereignis, F7: chum-wan-i-Ø als kompletive Erzählzeit des Textes, und die Distanzzahl in M5-
P1 für ein zukünftiges Ereignis). Da man eine Affigierung der temporaldeiktischen Klitika, wie angedeutet, auch an anderen lexikalischen Klassen beobachten kann, etwa an Substantiven und Adverbien, deckt der erweiterte Ansatz von Wald (2000) ein viel breiteres Erklärungsspektrum ab als die These von Houston, Stuart und Robertson (Houston 1997) zur Aspektmarkierung, weswegen die erstgenannte Arbeit auch hier Verwendung finden soll.
Die Klasse der Substantive nimmt einen hohen Stellenwert ein, da jene eine große Quantität innerhalb der Texte besitzen. Ihre morphologischen Eigenschaften wurden ausführlich durch Victoria Bricker (1986: 36-45) dargestellt (vgl. Schele & Grube 2002: 33-36). Sie können, indiziert durch die Ergativpronomina, besessen werden (TRT Mon. 6, M4: u-pibnaah, „sein Schwitzbad“) und können als stative Prädikate fungieren, wenn sie mit Absolutivpronomina suffigiert werden (vgl. TRT Frg. 1, pF1: u-nik-il-Ø, „er ist das Kind von...“). Durch eine Reihe von Suffixen können sie syntaktisch (vgl. TRT Mon. 6, G6: naab-[a]j ch’ich’, „es ‚ergoß sich’ wie ein See das Blut“) oder lexikalisch deriviert (vgl. TRT Bx. 1, I1: ta ajaw-le[l], „in das Herrschertum“) werden (vgl. Houston, Robertson & Stuart 2001: 7-8) und ihren Status, etwa den des Possessiv (vgl. TRT Mon. 6, K7: u-k’uh-il, „sein Gott“) anzeigen lassen (vgl. Houston, Robertson & Stuart 2001: 9). Weiterhin können sie durch Adjektive qualifiziert (vgl. TRT Mon. 6, K15: k’an tuun, „kostbarer Stein“) und, mit Hilfe von Numeralia und
Zahlklassifikatoren, die ebenfalls zu den Substantiven gehören, aufgezählt werden (TRT Mon. 6, J12:
wak-mul ba[ah]-aj-il,
„sieben aufgestellte Abbilder“).
35
Eine weitere wichtige Kategorie sind die Adjektive, die durch David Kelley (1976: 187-188) und Victoria Bricker (1986: 38-39) behandelt wurden. Ihre wichtigste Funktion ist die Qualifizierung von Substantiven (siehe oben). Neben anderen Eigenschaften, etwa der Funktion als statives Prädikat, können sie auch auf verschiedene Arten deriviert werden. Ein Beispiel hierfür findet sich auf TRT Mon. 6, M3-N3: na[h] k’an-aj-al, „Zuerst Kostbar Gewordenes“. Eine weitere bedeutsame Kategorie von Adjektiven sind die Ordinalzahlen, die, abgesehen von nah, „erster“ (Bricker 1986: 109-110), durch Affigierung mit dem Ergativpronomen von den Kardinalzahlen abgeleitet werden.
Die Numeralia dienen der Aufzählung von anderen Wortarten. Sie benötigen dabei einen (orthographisch optionalen) Zahlklassifikator (vgl. Miram 1983). Zahlen wurden 1832 erstmals von Constantine Samuel Rafinesque-Schmaltz in ihrer Notation und Funktion erkannt (zitiert in Houston, Chinchilla & Stuart 2001). Beispiele für ihre Verwendung finden sich im Zusammenhang mit den anderen Wortarten.
Die Wortklassen der Präpositionen und Partikeln sind durch Victoria Bricker (1986: 59-61, Schele & Grube 2002: 37-38) und Martha Macri (1991) dargestellt worden. Ihnen kommt unter anderem eine Rolle bei der Bildung von adverbialen Ausdrücken zu (vgl. TRT Bx. 1, C2: ma’, „nicht“). Präpositionen werden benutzt, um Lokalitäten, Instrumente oder Umstände anzuzeigen (vgl. TRT. Mon. 6, J2: tan ha’ baak-al, „auf der Baakal-plaza“). Eine Präposition taucht mit großer Häufigkeit auf, in den Texten von Tortuguero in lediglich einer von zwei kognaten Varianten (vgl. TRT Mon. 6, E8: ta ajaw-le[l], „in die Herrschaft“, vgl. Jos-serand, Schele & Hopkins 1985: 88).
Die Klasse der Adverbien (Schele & Grube 2002: 33) ist im engeren Sinne nicht eigenständig. Bestimmte Ausdrücke oder Verbindungen aus anderen Wortarten übernehmen lediglich eine syntaktische Funktion, die wir als adverbial beschreiben können (vgl. oben die Erwähnung der Negationspartikel). Die wichtigste Rolle kommt diesen Formen als adverbiale Bestimmungen der Zeit zu (vgl. Stuart, Houston & Robertson 1999: 34-35, Wald 2000), die in der klassischen Schriftsprache wahrscheinlich die Rolle des Aspektsystems übernommen haben (vgl. Bricker 1986: 170) und als Adverbiale nur durch die satzinitiale Position greifbar sind. So bestehen etwa die Angaben der Langen Zählung und sehr wahrscheinlich auch die Distanzzahlen aus einer Numeralwurzel, an die ein Zahlklassifikator suffigiert ist und einem Substantiv, welche die entsprechende Zeitperiode benennt (vgl. Prager 2003).
2.2.4 Syntax
Zusammen mit der epigraphischen Analyse sollen auch die syntaktischen Konstituenten einer Aussage bestimmt werden (Dürr & Schlobinski 1994: 102-106, 109-116) um die syntaktische Kategorisierung und die syntaktisch-semantische Einordnung nicht verstandener oder erodierter Textteile zu gewährleisten. Als Konstituenten eines Satzes werden hierbei die Verbalphrase, die Nominalphrase und als Erweiterung die Präpositionalphrase angesetzt. Das hierzu notwendige Verfahren wird in Kapitel 2.3.1 näher erläutert. An dieser Stelle soll zum Vorverständnis lediglich ein Überblick über die syntaktischen Grundstrukturen der klassischen Schriftsprache erfolgen.
Die exklusiv erkennbare Grundwortstellung der in den Inschriften verwendeten Sprache lautet in transitiven Sätzen (Bricker 1986: 170-173) Verb - Patiens - Agens 35 . Dabei ist die Nennung der beiden Mitspieler verbintern obligatorisch, während die externe Nennung (durch Nominalphrasen) optional ist. Da intransitive Verben nur ein Argument an sich binden können, lautet die Grundwortstellung in diesen Sätzen dementsprechend (Bricker 1986: 173-174) Verb - Agens. Bei verblosen, sog. stativen Konstruktionen (Bricker 1986: 179-183) wird das verbale Prädikat durch eine Nominalphrase beliebigen Umfanges ersetzt, die optional mit einem Ergativpronomen, stets aber mit einem Absolutivpronomen affigiert
35 Bei der Beschreibung der morphosyntaktischen Strukturen von Maya-Sprachen hat es sich eingebürgert, die traditionellen Bezeichnungen der Mitspieler der lateinischen Grammatik durch allgemeine linguistische Termini zu ersetzen. Als Agens wird also das handelnde Subjekt, als Patiens das Objekt (genauer: das direkte Objekt) des Handelnden bezeichnet.
36
sein müssen. Diese Kernsätze sind durch Präpositionalphrasen erweiterbar, die als indirektes Objekt fungieren und direkt hinter dem Prädikat positioniert sind.
2.3 ANALYTISCHE VERFAHRENSWEISE
I
N DIESEM KAPITEL SOLLEN DIE PRINZIPIEN DER TEXTLICHEN ANALYSE der Inschriften von Tortuguero kurz dargestellt werden, anhand derer die Gewinnung historischer Informationen ermöglicht werden soll. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die quelleninterne Analyse, die innerhalb eines Textes eine Ereignisgeschichte produziert und zum zweiten die quellenvergleichende Analyse, die als ein zweiter Schritt die Ergebnisse der internen Untersuchung untereinander, d.h. innerhalb des gesamten Korpus miteinander abgleicht. Diese Verfahrensweisen sollen im Folgenden näher erläutert werden.
2.3.1 Quelleninterne Analyse
Abbildung 2: Schematische Darstellung der grundlegenden Arbeitsschritte für die epigraphische Analyse. Entwurf: Sven Gronemeyer.
Die quelleninterne Analyse besteht aus mehreren sequentiellen und rückgekoppelten Bearbeitungsschritten unter Wahrung der Quellenstruktur und den damit verketteten historischen Berichten. Das Gesamtverfahren läßt sich grob in drei Kategorien einteilen, die eigentliche epigraphische Analyse ist schriftgebunden und dient im Resultat der Gewinnung des sprachlichen Designates der einzelnen Zeichen. Die darauf aufbauende und teilweise damit auch interferierende sprachliche Analyse zielt auf eine Übersetzung unter Verwendung der Strukturen der morphologischen Analyse ab. Zum Schluß wird die rein sprachge-
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bundene Ebene verlassen und anhand der Pragmatik in thematische Abschnitte untergliedert. Die Arbeitsabläufe der quelleninternen Analyse lassen sich in einem Flußdiagramm schematisieren (Abbildung 2).
Dieses Schema bedarf zusätzlicher Anmerkungen, um bestimmte Mechanismen der Arbeitsroutine besser fassen zu können, die sich in folgende Ebenen teilt:
(1) Grundlage jedes weiteren Vorgehens ist die Identifikation (Riese 1971: 158-160) und die damit einhergehende Klassifikation der diskreten Grapheme eines Textes anhand von Zeichenkatalogen. Zum einen dient dies der Feststellung der Leseabfolge innerhalb eines Blockes bzw. einer Hieroglyphe, da Zeichen nicht nur linear angeordnet werden können, sondern auch mehrdimensional (vgl. Kapitel 2.1.2). Die Klassifikation der Zeichen erlaubt weiterhin die Isolierung von kalendarischen Angaben, die durch ihre Anordnung in der Blockmatrix Hinweis auf die Lesefolge des gesamten Textes geben (Riese 1971: 208-209, Gaida 1983: 4), aber auch auf formaler Ebene textstrukturierend sind, da sie die Segmentierung des Textes in Phrasen gestatten. - Sind keine kalendarischen Angaben vorhanden, kann eine Lesefolge und Strukturierung erst über die in Schritt 4 widergegebene Prozedur geleistet werden. Weiterhin besitzt die Klassifikation von Zeichen den Vorzug, noch nicht entzifferte oder lesbare Zeichen anzusprechen (vgl. Kapitel 2.1.3). Es ist jedoch zu beachten, daß nicht alle Zeichen der Schrift inventarisiert sind und daher auch nicht klassifiziert werden können. In solchen Fällen ist die blockinterne Lesefolge kritisch anhand der Positionierung der einzelnen Grapheme zu evaluieren.
(2) Nach der Strukturierung in Phrasen durch das sie einleitende Kalendergerüst erfolgt pro Phrase unter Berücksichtigung der internen Lesefolge (Riese 1971: 210-212) die Transkription eines Blockes, also die Zuweisung des sprachlichen Denotats zu einzelnen Graphemen anhand des aktuellen Forschungsstandes, welches für gewöhnlich eine eindeutige Korrelation zwischen einem inventarisierten Zeichen und dem Denotat bedingt. Allerdings gibt es unter Umständen eine fehlende Relation zwischen diesen beiden Ebenen 36 , die bei bekannten Entzifferungen und Lesungen aufgrund der Literatur erschlossen werden muß.
(3) Ist von allen Graphemen innerhalb eines Blockes eine Transkription möglich, wird im Rahmen der morphologischen Segmentierung zuerst das Lexem der Zeichenfolge gegenüber gegebenenfalls vorhandenen grammatikalischen Morphemen abgegrenzt (vgl. 2.2.3). Bislang wurde blockweise transkribiert, da für gewöhnlich ein Block mit einer Hieroglyphe kongruent ist. Das Auftauchen von mehreren lexikalischen Grundmorphemen oder lexikalisierten Formen und gegebenenfalls grammatikalischen Morphemen bzw. die Absenz eines Lexems innerhalb eines Blockes ist Anzeichen, daß diese generelle Regel gebrochen wurde. - Mit dem Schritt der Transliteration werden phonetische Komplemente erkannt und potentiell polyvalente Denotate ausgeschlossen. Da hiermit die Phonemketten in eine Wortkette überführt werden, treten auch nun die graphotaktischen Regeln der Vokaldisharmonie in Kraft, komplexe Vokale werden nun nach diesen notiert (vgl. Kapitel 2.1.2).
Ebenso werden weitere Laute analysiert, interpretiert oder rekonstruiert auf der Basis von historischen, internen oder paläographischen Hinweisen. - Basierend auf der Wortklasse der Wurzel und der Analyse der affigierten grammatikalischen Morpheme ist die Wortklasse zu bestimmen, d.h. ob und wie ein Wort flektiert und/oder deriviert wurde. Dieser Schritt erlaubt die Zuordnung einer Hieroglyphe zu einem Satzkonstituenten und durch die fixe Wortstellung der klassischen Schriftsprache (vgl. Kapitel 2.24) die Einordnung in das Syntagma einer Aussage über die Bestimmung der syntaktisch-semantischen Funktion. Die Bestimmung der Art und der Valenz des Prädikates erlaubt die Bestimmung der Satzart als transitiv und intransitiv bzw. stativ und läßt eine Vorhersage über die folgenden Konstituenten eines Satzes zu.
36 Dies ist ein Resultat der Zeit, in welcher der hauptsächlich verwendete Katalog von Eric Thompson (1962) kompiliert wurde, als kaum Erkenntnisse über das System der Schrift bekannt waren und der phonetische Ansatz noch nicht etabliert war. Demnach hat Thompson, durchaus gerechtfertigt, versucht, die kleinste, graphisch erkennbare Einheit zu isolieren, was von ihm auch nicht immer konsequent, etwa in Fällen von typischer Gruppenschreibung, gehandhabt wurde. Mit der Einführung des New Catalog (Macri & Looper 2003) ist diese Feststellung weitestgehend arbiträr geworden (vgl. aber die Kommentare zu TRT Bx. 1, A1 und TRT Mon. 6, K2 im Zweiten Band).
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(4) Das Verfahren zur Abgrenzung von Aussagen innerhalb einer Phrase wird durch die Zuordnung von Hieroglyphen zu einem Satzkonstituenten determiniert und kann wir folgt umrissen werden. Sind Phrasen vorhanden, wird die erste Aussage zwangsläufig durch eine kalendarische Angabe eingeleitet, bei der es sich um eine Initialserie, eine Distanzzahl und/oder ein Kalenderrunddatum handeln kann. Die folgende Hieroglyphe beschreibt zwangsläufig das Prädikat des Satzes. Eine Abgrenzung erfolgt durch die Hieroglyphe, welche das nächste Prädikat bildet und damit einen neuen Satz beginnt. - Die Gewinnung einer Satzkonstituente aufgrund der grammatikalischen Analyse sollte jedoch nach der Festlegung von Aussagen noch einmal kritisch anhand der übrigen Bestandteile derselben überprüft werden.
(5) Nach der Festlegung von Aussagen kann die Übersetzung vorgenommen werden, da für die deutsche Glossierung die syntaktische Gesamtstruktur einer Aussage hilfreich ist, auch wenn sie sich bemüht, soweit wie möglich wörtlich zu sein. Weiterhin kann aus dem Kontext der Aussage eine Eingrenzung der Grundbedeutungen bei homonymen Lexemen vorgenommen werden, die im Bedarfsfall anhand von Vergleichsbeispielen aus anderen Texten unterstützt wird um eine produktive Übersetzung der entsprechenden Aussage zu gewährleisten.
(6) Im letzten Schritt erfolgt die Einteilung in thematische Abschnitte nach den in Kapitel 2.1.1 definitorisch festgelegten Parametern. Zugleich können an dieser Stelle die durch eine Kontextanalyse eingeschränkten Bedeutungen homonymer Lexeme berücksichtigt werden, da sie wesentlichen Einfluß auf die thematische Kohärenz haben können.
Bislang ist dargestellt worden, wie sich die Arbeitsschritte bei vollständig möglicher Transkription gestalten. Ist die Gewinnung des phonemischen Denotats eines Graphems nicht möglich, also das Zeichen noch nicht entziffert, sind einige zusätzliche Zwischenschritte nötig. Diese zielen im Endeffekt auf die syntaktische Eingrenzung von Hieroglyphen hin, die sprachlich nicht oder nur teilweise interpretiert werden können. - Da grundsätzlich grammatikalische Morpheme durch Syllabogramme realisiert werden, sollten diese zuerst von der Zeichenfolge separiert werden, deren Transkription nicht oder nur partiell möglich ist und bei der es sich demzufolge um das Lexem des Ausdrucks handelt. Unter Berücksichtigung der Flektionsaffixe ist in der Regel über Schritt 3 eine Zuordnung zu einer Wortart möglich und damit auch die Bestimmung eines Satzkonstituenten. Ob die getroffene Einordnung in das Syntagma korrekt ist, sollte über eine Bestimmung der anderen Konstituenten erfolgen. Ist darüber hinaus die Semantik des Lexems bekannt, also eine Deutung möglich, kann der Ausdruck in Schritt 5 paraphrasiert werden. - Fehlen grammatikalische Morpheme, ist bei bekannter Semantik unter Berücksichtigung der anderen Konstituenten der Aussage im günstigsten Falle eine Zuweisung der Wortart und damit die absolute Positionierung im Syntagma (Schritt 3) und eine Paraphrasierung in Schritt 5 möglich. - Ist aber die Hieroglyphe in ihrer Gesamtheit nicht oder nur teilweise entziffert, kann sie in Schritt 3, sofern bestimmbare Satzkonstituenten folgen, absolut oder relativ in das Syntagma eingegliedert werden. Folgen weitere nicht interpretierbare Hieroglyphen, so ist die Hieroglyphe mit allen folgenden Ausdrücken bis zum Beginn einer neuen Aussage (Schritt 4) als unbekannte Syntax zu werten und kann nicht weiter untergliedert werden (vgl. Gaida 1983: 5), womit auch eine Übersetzung oder Paraphrasierung arbiträr wird.
Die Ergebnisse der quelleninternen Analyse werden für jedes Monument einzeln im Rahmen des Kataloges in einzelnen Schritten methodisch transparent und unter Wahrung der Quellenstruktur wiedergegeben. Erläuterungen zum Aufbau der analytischen Darstellung und den verwendeten Konventionen sind Kapitel 1.3.3 des Katalogbandes zu entnehmen.
2.3.2 Quellenvergleichende Analyse
Um nun die in der quelleninternen Analyse gewonnenen Einzelergebnisse für eine Rekonstruktion der historischen Gegebenheiten nach chronologischen und thematischen Aspekten verwenden zu können, bedarf es des Verfahrens der quellenvergleichenden Analyse.
Ziel ist die synoptische Darstellung von chronologischen Angaben und den damit verbundenen historischen Ereignissen und biographischen Angaben. Nach der Aufstellung eines zeitlichen Grundgerüstes (vgl. Kapitel 3) folgt also die Identifizierung von historischen In-
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formationen und den Protagonisten dieser Ereignisse, also die Ermittlung von Personennamen und ihnen zugeordnete biographische Angaben. Dies geschieht im Rahmen von Einzelanalysen bestimmter Hieroglyphenkomplexe (vgl. Kapitel 4). - Welche einzelnen Verfahrensschritte hierbei zu beachten sind, soll im weiteren ausgeführt werden. Als Voraussetzung für die Etablierung dieser Schritte ist es jedoch notwendig, Merkmale zu definieren, die eine Identifizierung von Berichten und Individuen als tatsächlich historisch erlauben. Das folgende Kapitel gibt nach einer Erläuterung des Begriffes „Geschichte“ und damit verbundener Termini einen Überblick über die Anwendung dieser Vorstellungsinhalte in der Historiographie der klassischen Maya. Im Anschluß sollen die Auswahlkriterien für die Benutzung externer Textquellen festgelegt werden, die einen Beitrag zur synoptischen Geschichtsdarstellung von Tortuguero unter Berücksichtung der in Kapitel 1.6.2 gesteckten Zielsetzungen leisten können.
2.3.3 Historiographische Grundbedingungen für die klassischen Maya
Die grundlegende Fragestellung bei der Bestimmung der historiographischen Grundlagen für die klassischen Maya ist die Wahrnehmung der verschiedenen Ebenen von Geschichtsaufzeichnung und die Identifizierung der historischen Relevanz einer Information, d.h. die emische Kategorisierung von Geschichte. Aufgrund der Entstehung der Mayaforschung aus verschiedenen etablierten historischen und kulturanthropologischen Disziplinen (Westphal 1991: 43, 167-169) sind vor der Herausarbeitung und Einbeziehung der kulturspezifischen Geschichtskonzepte der klassischen Maya einige forschungsgeschichtliche und definitorische Fragen des europäischen Verständnisses von „Geschichte“ zu klären.
Die hier benutzte Definition von Erdmann Weyrauch (1992: 85) beschreibt Geschichte als einen
„Gesamtkomplex menschlicher Praxis in der Vergangenheit in all ihren Veränderungen, seien sie durch absichtsvolles, zweckrationales Handeln, seien sie durch materielle, objektive Bedingungen und Bezüge bewirkt.“
Geschichte bedingt damit auch die Bewußtheit und letztlich das Wissen um zeitliche Vorgänge dieses „Gesamtkomplexes“ menschlicher Aktivitäten (vgl. Cancik 1990: 491). Als Be-standteil menschlicher Praxis beinhaltet die oben gegebene Definition bereits die in Kapitel 1.4.1 dargelegten Quellengattungen, die Geschehen und Vorgänge der Vergangenheit dokumentieren. Als Geschichte wird aber auch die (wissenschaftliche) Beschäftigung mit diesen Quellen bezeichnet (Cancik 1990: 491).
Die Perzeption von Vergangenem ist dabei stets ein Konstrukt, welches unter der Gewichtung der Gegenwart und der Betonung der zeitlichen Orientierung geschaffen wird. Dabei entstehen verschiedene Ansätze der Konstruktion und eine Reihe von Darstellungsformen der Vergangenheit. Die beiden von Historikern angesetzten prinzipiellen Modelle von Geschichte (vgl. Goetz 1993: 22-24) sind darüber hinaus stark abhängig von der Quellenlage und deren Gewichtung für das Konstrukt. So zieht die reale Geschichte ihre Erkenntnisse aus dem durch Quellen faktisch überlieferten „Gesamtkomplex“, sie ist dabei in die Vergangenheit orientiert und rekonstruiert diese unter dem Bestreben der Vollständigkeit. Im Gegensatz dazu fokussiert die theoretische Geschichte auf den Ausschnitt an Quellen, der gegenwärtig aufgearbeitet ist. Der Prozeß der Geschichtskonstruktion ist dabei eine stetig fortschreitende Modifikation derselben und vom Stand der Aufarbeitung abhängig ist. Grundsätzlich werden beide Perspektiven zur Beleuchtung der Maya-Historie in dieser Arbeit angewandt.
Als einfachster Methode der Darstellung von Vergangenem kann man sich der Ereignisgeschichte bedienen (Haberland 1998: 280-281). Die in ihr dargestellten Daten sind zwar nicht für den Gesamtverlauf menschlicher Historie bedeutungsvoll, sie setzen aber Marken und Fixpunkte, die für die Errichtung von chronologischen Gerüsten unverzichtbar sind. Ereignisse können deskriptiv in ihrem zeitlichen und situativen Kontext dargestellt werden. Die Vorgangserzählung (Goetz 1993: 302) stellt jedes Ereignis unter dem diachronen Blickwinkel in seinen Kausalitätszusammenhängen dar. Dagegen rückt die Situationsbeschreibung (Goetz 1993: 302) von singulären Vorkommnissen ab und untersucht die Makrostrukturen und Schemata von historischen Phänomenen. Diese drei Darstellungsarten
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Arbeit zitieren:
Sven Gronemeyer, 2004, Tortuguero, Tabasco, Mexiko: Geschichte einer klassischen Maya-Stadt, dargestellt an ihren Inschriften, München, GRIN Verlag GmbH
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