1
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Begriffsdefinition „Hof“ 3
2.1 Die Burg als Zentrum des höfischen Raumes 4
3. Die Verdichtung des Zusammenlebens am Hof 6
3.1 Die Hofgesellschaft: Heterogene Gruppen 7
3.2 Der „enge Hof“ 7
3.3 Der „weitere Hof“ 10
3.4 „hövescheit“ - Regeln des Zusammenlebens 14
4. Der Hof als „ewiges Fest“? - Idealbild und Wirklichkeit 17
4.1 Der Alltag Bei Hofe 20
5. Exkurs: „Was vom Hofe übrig blieb“ -
mittelalterliche Kultur in der Gegenwart 23
6. Resümee 25
7. Literaturverzeichnis 26
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1. Einleitung
Diese Hausarbeit befasst sich mit dem „Hof“ als gesellschaftlichem- und kulturellem Zentrum im Mittelalter. Es soll hierbei schwerpunktmäßig der Königs- bzw. Fürstenhof des Hochmittelalters, beginnend etwa um die Zeit des Investiturstreits ab 1050 n. Chr. bis hinein ins angehende Spätmittelalter des ausklingenden 13. Jahrhunderts betrachtet werden. Auf Grund der Vielzahl der Königs-, Fürsten- und Bischofshöfe in den verschiedenen europäischen Ländern dieser Zeit, wird sich diese Hausarbeit ausschließlich mit den Höfen des westlich-lateinischen, also des christlichkatholischen Mittelalters, vorwiegend in Deutschland, befassen. Die dortige höfische Gesellschaft sowie das höfische Leben in seinen besonderen Ausprägungen soll dabei im Mittelpunkt stehen. Auch soll und kann diese Hausarbeit auf Grund der Komplexität der Materie nur einen Einblick in die Thematik geben, ohne jeden Anspruch auf systematische oder gar vollständige Darstellung.
Der Hof im Mittelalter symbolisiert jenen Raum, in dem die verschiedenen Diskurse des kulturellen und sozialen Lebens zusammenlaufen. Er bildet den Ausgangspunkt von Politik, Macht, Kultur und Bildung. Auch wird der Hof, meist angelehnt an den sagenhaften Artushof Englands, dargestellt als ein Symbol für das gesellschaftliche Idealbild des Mittelalters, welches von der Literatur und Kunst jedoch meist weit über die Grenzen der Realität hinaus projiziert wurde. Diese Hausarbeit versucht sowohl das literarische Bild des Hofes, als auch das reale Leben am mittelalterlichen Hof aufzuzeigen. Es gibt zu diesem Thema kein Standartwerk, welches sich mit allen Teilaspekten des Hofes und des höfischen Lebens befasst sowie die literarische Fiktion der Realität gegenüberstellt. Historische OriginalÜberlieferungen der Literatur des Mittelalters vermitteln uns oft ein idealisiertes Zerrbild des Lebens am Hof. Hierzu soll als Beleg der Tristan Roman von Gottfried von Straßburg 1 exemplarisch herangezogen werden. Aus wissenschaftlicher Sicht bietet unter anderem das Werk Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter 2 von Joachim Bumke einen guten Einblick in die Alltagsrealität der Höfe und den Gesellschaftsbetrieb
1 Gottfried von Straßburg: Tristan. Text, Nacherzählung, Wort- und Begriffserklärungen, hg. von Gottfried Weber in Verbindung mit Gertrud Utzmann und Werner Hoffmann. Darmstadt 1967.
2 Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 1986.
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des Mittelalters. Bumke ist als Literaturhistoriker in seiner Analyse natürlich ebenfalls hauptsächlich auf historische Quellen angewiesen. Doch versteht er es unter Einbeziehung zahlreicher wissenschaftlicher Kenntnisse aus Fachgebieten der Kunst, der Architektur und der Soziologie ein scharfes Bild der Realität der Zeit zu zeichnen. Viele seiner Thesen finden Unterstützung in den Erkenntnissen von Hans-Werner Goetz, welche dieser in seinem Buch Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert 3 darlegt. Auch die Dissertationsarbeit zum Thema Die höfische Gesellschaft bei Herbort von Fritzlar 4 von Ruth Auernhammer bot mir aufschlussreiche Einblicke in die Thematik, besonders was den Aspekt des Normen- und Tugendsystems am Hofe betrifft. Die von den literarischen Originalquellen geprägte Darstellung Auernhammers bildet in vielen Bereichen einen schönen Kontrast, oft aber auch Übereinstimmung mit den Erkenntnissen Bumkes. Diese Hausarbeit zeigt den Hof im Mittelalter als eine Art „Auffangbecken“ für verschiedenste Mitglieder der Gesellschaft. Sie stellt die Verdichtung des Zusammenlebens der Hofgesellschaft auf engstem Raum dar und beleuchtet dabei ausgewählte Gruppen und deren Funktionen im „Mikrokosmos Hof“. Die Frage nach dem Unterschied zwischen literarischer Fiktion und mittelalterlicher Realität wird dabei immer wieder Berücksichtigung finden. Zum Abschluss befasst sich die Hausarbeit mit der Überlegung, welche gesellschaftlichen Verhaltensweisen, Richtlinien und Normen der
mittelalterlichen Hofgesellschaft auch heute noch existieren bzw. die moderne Gesellschaft bis in unsere Tage hinein geprägt haben.
2. Begriffsdefinition „Hof“
Das deutsche Wort „Hof“, lateinisch curia, aula, französisch cour, englisch court ist ein umfassender Begriff und hat weit mehr als nur eine Bedeutung. Es bezeichnet „ursprünglich den von den Gebäuden eines Gutes umschlossen freien Platz, auf welchem sich die Gefolgschaft des Gutsherrn versammelte, dann diese Gefolgschaft selbst; ferner ist er Bezeichnung für die Residenz eines Fürsten (Hoflager) sowie für den Fürsten selbst mit
3 Hans-Werner Goetz: Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. München 1987.
4 Ruth Auernhammer: Die höfische Gesellschaft bei Herbort von Fritzlar. Phil. Diss., Erlangen 1939.
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seiner Familie und seiner Umgebung“ 5 . Dieser Definition schließt sich auch Matthias Lexer weitgehend an, der in seinem, mittlerweile zu einem wissenschaftlichen Standartwerk gewordenen, Mittelhochdeutschen
Taschenwörterbuch den mittelalterlichen Begriff „hof“ als „umschlossener raum beim hause […], inbegriff des besitzes an grundstücken und gebäuden, wohnstätte [und] aufenthaltsort des weltlichen oder geistlichen fürsten“ 6 definiert. Jedoch ist der Hof nicht nur lediglich ein Raum, welcher der kulturellen Repräsentation Platz bietet, nein, vielmehr ist er selbst repräsentativ. Darüber hinaus spielt er eine tragende Rolle in der Kommunikation und Nachrichtenübermittlung des Mittelalters. Er war ein „Ort der Information“ 7 , also ein Ort der Nachrichtenbeschaffung, an dem „die Versammlung der engen und weiteren Gefolgschaft des Herren und der stets anwesenden gewiß hohen Zahl von gesten, Gesandten, Bittstellern, Glücksrittern, professionellen Publizisten und Dichtern, und vulgären Unterhaltungskünstlern“ 8 zusammenkamen um durch das „Menschmedium“ Neuigkeiten aus aller Welt zu erfahren und weiterzugeben.
2.1 Die Burg als Zentrum des höfischen Raumes
Erfahrungsgemäß wird der Begriff Hof in Bezug auf das Mittelalter zwangsläufig mit dem Sinnbild einer Burg assoziiert. Die Burg war,
abgesehen von den Zeiten des „Reisekönigtums“ 9 und während Kreuzzügen und Kriegen, in denen die Mitglieder der Hofgesellschaft oft über mehrere Monate in Zelten lebten, Aufenthaltsort von Königen und Fürsten sowie deren Gefolge. In den Burgen wurde „Hof gehalten“. Hier spielte sich das politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leben ab. Die Termini Burg und Hof stehen im Mittelalter quasi als synonymes Begriffspaar nebeneinander. Das Recht, eine Burg zu bauen, war schon immer ein den
5 Lexikalische Begriffsdefinition nach http://de.wikipedia.org/wiki/Hof_%28Monarchie%29, Stand: 04. September 2005.
6 Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch in der Ausgabe letzter Hand. 2. Nachdruck der 3. Auflage von 1885, Stuttgart, Hirzel, 1992 S. 104.
7 Bernd Thum: Politik und soziales Handeln im Mittelalter. In Elementarformen dargestellt an der Chronistik und der Spruchdichtung des Ostalpenraums im 13. und 14. Jahrhundert. Karlsruhe 1976, S. 255.
8 Ebd. S. 255.
9 Vgl. hierzu: Bumke, S. 75 f.
5
Königen und Kaisern vorbehaltenes Recht (iura regalia) 10 . Mit der Zeit, besonders ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts, begannen auch kleinere Adelsfamilien sowie zu Reichtum und ansehen gekommene Ministerialen, ihre eigenen Burgen zu errichten, nach denen sie sich dann auch oft benannten. Jedoch ist „die Vorstellung, daß diese kleinen Rittersitze die eigentlichen Pflegestätten der höfischen Dichtung und der höfischen Kultur gewesen seien, schon aus chronologischen Gründen falsch“ 11 . Vielmehr galten die großen Königspfalzen sowie die Residenzen der einflussreichen (Kur-) Fürsten und Bischöfe als Zentren dessen, was wir als „höfische Kultur“ bezeichnen. „Die Ritterburg war eng und gedrängt, die fürstlichen Pfalzen unterschieden sich von ihr qualitativ und im Umfang“ 12 . Rein funktional hatte die Burg zwei Hauptaufgaben zu erfüllen: Sie diente zum Schutz vor Feinden und der Verteidigung des Landes sowie als Verwaltungszentrum für den Territorialbesitz des Fürsten. Zudem war sie Wohnsitz für den Landesherren und dessen Familie. Neben dem Herrscher und dessen Familie lebten zahlreiche soziale Gruppen gemeinsam auf den Burgen und bildeten die so genannte Hofgesellschaft. Deren Kohärenz war maßgeblich entscheidend für die Kulturlandschaftsentwicklung im
Mittelalter. Somit erfüllte die Burg des Hochadels nicht nur rein verwaltungstechnische Funktionen, sie wurde selbst zum Kulturraum, zu einem Zentrum des kulturellen Lebens. Werner Paravicini beschreibt recht eindrucksvoll die überwältigende Komplexität des Hofes, wenn er ihn als „politisches Entscheidungszentrum und Machttheater, Verbrauchs- und Vergnügungszentrum, Verteiler, Ort von Macht, Geld, Güter und sozialen Chancen, für Geschmacksformen, Ideen und Moden aller Art, Heiratsmarkt, Erziehungs- und Überwachungsanstalt für Minderjährige und für Rivalen, aber auch Bewahranstalt für noch nicht beerbte Fürsten und für junge Söhne zu Lebzeiten der Väter, zuweilen Hohe Schule, stets Schnittpunkt von Geistlichem und Weltlichem“ 13 bezeichnet. In der mittelalterlichen Literatur ist der Hof überdies stets Ort einer ausgeprägten Alltags- und Festkultur, Entstehungsquelle und zugleich Ort der Rezeption von Kunst aller Art,
10 Vgl. hierzu: Hilkert Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 1987, S. 167f.
11 Bumke, S. 138.
12 Goetz, S. 172.
13 Werner Paravicini: Alltag bei Hofe. Sigmaringen 1995, S. 37.
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Wohnstätte edler Damen, tapferer Ritter und Edelleute sowie Austragungsort prunkvoller Turniere, Jagden, Hof- und Gerichtstage.
3. Die Verdichtung des Zusammenlebens am Hof
„Auf Grund der verschiedenen Angaben [in der Literatur] kann man schätzen, dass ein großer fürstlicher Haushalt im 13. Jahrhundert alles in allem, aber ohne die Gäste, etwa 100 bis 150 Personen umfasste, wovon jedoch höchstens ein Viertel am Gesellschaftsleben der fürstlichen Familie teilgenommen haben dürfte“ 14 . Andere Schätzungen gehen hingegen sogar von Königshöfen aus, die mit dem gesamten Gefolge „über tausend Mann stark sein konnten“ 15 . Diese Zahlen, in Anbetracht des engen Raumes auf den mittelalterlichen Burgen, sind immens. „Je zahlreicher die Hofgesellschaft und darin vor allem der Kreis der Hochrangigen sich präsentierte, desto größer war das Ansehen des Metropoliten und die Anziehungskraft des Hofes auch auf die fern stehenden Großen des Landes, an deren Loyalität und Kooperation dem Herrscher gelegen sein musste“ 16 . Wir müssen uns den Hof als Ganzes somit weitaus größer vorstellen, als dies zum Beispiel Matthias Lexer beschreibt, wenn er ihn auf „den fürst mit seiner vornehmen umgebung“ 17 reduziert. Die Hofgesellschaft ist ein Personenverband. Neben der königlichen/fürstlichen Familie, die das Herz der Hofgesellschaft bildet, finden sich diverse Gesellschaftsgruppen in deren unmittelbarer Umgebung. Angefangen von den Türmern, Wachleuten und Rittern, die Tag und Nacht die Sicherheit und den Schutz der Burg gewährleisten, über die Ministerialen, die für die Verwaltungsaufgaben zuständig sind, von hohen geistlichen Würdenträgern der Hofkapelle, Dichtern, Sängern und Musikern sowie den ständig wechselnden Gästen bis hin zu einer großen Anzahl von Dienern, die die Versorgung des Hofes aufrecht erhalten mussten. Durch die immerwährende Präsenz
verschiedener Gäste, Ritter, die den Hof besuchen und wieder verlassen um in Schlachten zu ziehen, Dichter, Musiker und Unterhaltungskünstler aller Art, die von Hof zu Hof ziehen und immer nur eine befristete Zeit bleiben,
14 Bumke, S. 78.
15 Carlrichard Brühl: Fodrum, Gristum, Servitium Regis. Studien zu den wirtschaftlichen Grundlagen des Königtums in Frankreich und in den fränkischen Nachfolgestaaten Deutschland, Frankreich und Italien vom 6. bis zur Mitte des 14. Jh. (Kölner Historische Abhandlungen 14), Köln, Graz 1968, S. 168f.
16 Wilhelm Weise: Der Hof der Kölner Erzbischöfe in der Zeit Friedrich Barbarossas, Brühl 2004, S. 14.
17 Lexer, S. 104.
Arbeit zitieren:
B.A. Dominik Burger, 2006, Der Hof als gesellschaftliches und kulturelles Zentrum des Mittelalters. Literarisches Idealbild und die Realität, München, GRIN Verlag GmbH
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am Sunday, April 13, 2008-