Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 7
1. Die Charidschiten 3
1.1 Die Entstehung der ersten Charidschiten 3
1.2 Die grundlegende Doktrin der Charidschiten 6
1.3 Das charakteristische Merkmal 9
1.4 Die unterschiedlichen Auslegungen des Korans 10
2. Die charidschitischen Fraktionen 12
2.1 Die Azraqiten 13
2.2 Die Nağditen 14
2.3 Die Sufriten 16
2.4 Die Ağariten 17
2.5 Die Ibaditen 19
2.6 Die Yaziditen 20
2.7 Die Maimuniya 20
III. Historische Beispiele 21
IV. Fazit 30
V. Anhang 35
1
I. Einleitung
Beim Tod Mohammeds 632 n. Chr. war die Frage seiner Nachfolge ungeklärt. An ihr entzündeten sich Konflikte um Legitimität und Macht, die zu innermuslimischen Kämpfen, regelrechten Bürgerkriegen und schließlich zur Herausbildung verschiedener religiös-politischer Strömungen und Fraktionen innerhalb des Islam führten, darunter vor allem Sunniten 1 , Schiiten 2 und Charidschiten 3 . Unter den frühen Muslimen war unstrittig, dass Mohammed als Prophet keinen Nachfolger haben konnte. Es ging einzig um die Frage, wer ihm in der Führung der Gemeinde nachfolgen sollte. Mohammed hinterließ keinen Sohn, so dass die Möglichkeit einer Erbfolge ausschied. Er designierte keinen Nachfolger. Die Muslime einigten sich rasch darauf, nur einen Führer als Nachfolger Mohammeds zu wählen. Umstritten blieb, wie und nach welchen Kriterien dieser „beste Muslim“ zu ermitteln sei. Die wissenschaftliche Ansicht von Albrecht Noth zu dieser Thematik ist folgende:
Um diesen „besten Muslim“ (Kalifen) zu finden haben die damaligen Muslime unterschiedliches Gedankengut hervorgebracht. Dadurch fingen die Muslime an sich zu gruppieren. Jede Gruppe war im Glauben von sich selbst die ausgewählte Gruppe zu sein und demnach den Kalifen nur aus der eigenen Gruppe wählen zu können. Dies ging soweit das alles außerhalb der Gruppe mit nicht islamisch „ungläubig“ abgestempelt wurde und zum ersten mal sich fundamentalistische Bewegungen bildeten.
Heutzutage gibt es Gruppen die sich selbst von den anderen Fraktionen hervorheben und Andere gar nicht in die als muslimisch gelegte (geordnete) Kategorie einsetzen. All
1 Zur ausführlichen Erklärung, siehe: Handwörterbuch des Islam, im Auftrag der Koninklijke Akademie van Wetenschappen, Hrsg. von A. J. Wensinck, J. H. Kramers, Leiden E. J. Brill Amsterdam 1941, S.704 ff.
2 Zur ausführlichen Erklärung, siehe: Heinz Halm, Die Schia, Darmstadt 1989
3 „Charidschiten“ ist eine eingedeutschte Form des arabischen Hawaridsch oder Haridschiyya, was man als einen Plural bzw. ein Kollektivnomen bezeichnen kann. Ein einzelner ist dann ein Haridschi. Für ausführliche Information zur Bedeutung der Bezeichnung „Charidschiten“; siehe: W. M. Watt, Der Islam, (von d. Verf. autoris. Übers. aus d. engl. Orig.-Ms. von Sylvia Höfer) W. Kohlhammer Verlag Stuttgart
1985, S. 8 ff.
4 Auszug: Albrecht Noth: Von der Umma zur Ökumene; In: Der islamische Orient: Grundzüge seiner Geschichte, Hrsg. von Albrecht Noth und Jürgen Paul, Bd. 1, Ergon Verlag Würzburg 1998, S.97.
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diese Gruppen sind im Glauben die Welt zu verbessern indem sie innerhalb ihrer Gruppe einen Führer auswählen und auf der Welt Terror verbreiten um sich der Welt und der islamischen Gemeinde aufzuzwingen.
Von der einen Seite ist der Islam laut der islamischen Welt eine Religion der Toleranz, des Friedens, des Dialoges mit dem Fundament das ein Moslem kein Terrorist sein kann und ein Terrorist kein Moslem. Auf der anderen Seite entsteht ein Fragezeichen aufgrund terroristischer Aktivitäten der einzelnen Gruppen?
Um die islamisch- fundamentalistische Gruppen zu verstehen sollte man einen Blick in die Zeit der Charidschiten werfen. In dieser Arbeit geht es darum welche Argumentation und Verhaltensweisen die Charidschiten damals hervorgebracht haben um ihre islamisch-fundamentalistische Bewegungen recht zu fertigen? Ob wir daraus ein Resümee für das Vorgehen und das Verständnis der heutigen terroristischen Gruppen ziehen können?
Die Quellen, die ich herangezogen habe, um meine Thesen zu stützen, stammen aus Sekundärliteratur und sind unter anderen Arbeiten von Rudolf Ernst Brünnow, al-Mubarrad al-Kamil und Tabari 5 . Außerdem benutzte ich auch neuere Quellen wie Josef Van Ess und William Montgomery Watt. Der schwächste Punkt dieser Arbeit ist, dass ich Schwierigkeiten hatte, an Quellen heranzukommen, zumal ich die arabische Sprache nicht beherrsche und es nicht viele Übersetzungen aus dieser Sprache zu dem Thema meiner Arbeit gibt.
Im folgenden Kapiteln werde ich zunächst die Entstehung, den Werdegang und die Besonderheiten der Charidschiten darstellen. Im zweiten Teil meiner Arbeit gehe ich in die einzelnen Fraktionen innerhalb der Charidschiten ein, um die Gründe der Spaltung und Uneinigkeiten zwischen den einzelnen Charidschiten auf zu zeigen. Dem folgen historische und literarische Notizen aus dem Werk von Al Mubarrad Al-Kamil, um noch einige unserer Ansichten nach nennenswerten Darstellungen zu bekräftigen. Im Anschluss werden dann schließlich die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt und ein kurzes Resümee der Arbeit gezogen.
5 Ich benutzte jedoch die englische Übersetzung, da ich die arabische Sprache nicht beherrsche.
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II. HAUPTTEIL
1. Die Charidschiten
1.1. Die Entstehung der ersten Charidschiten
Die Ermordung Uthmans war ein Wendepunkt in der Geschichte des Islams. Nach Alis Regierungsantritt bildeten sich Fronten mit unterschiedlichen Zielen. Im Vordergrund stand die Frage nach der Wertung des Mordes an Uthman und der angemessenen Bestrafung der Täter. Einige von Alis früheren Kampfgefährten und Muawiya versuchten unter dem Vorwand der Blutrache für die Ermordung Uthmans den Kalifen mit Waffengewalt aus seinem Amt zu verdrängen. Im Sommer 657 traf Ali mit seinen Truppen bei Siffin, am oberen Euphrat, östlich von Aleppo, auf das Heer Muawiyas. 6 Am Morgen des dritten Tages schien der Sieg Ali bereits sicher. 7 Muawiya bekam die Leiden des Krieges zu spüren und versuchte sich aus seiner Notlage zu befreien, indem er seinen Truppen befahl, Koranblätter an ihren Lanzen in die Höhe zu halten. Dadurch signalisierte er, dass er den Streit durch einen neutralen Schiedsspruch, der auf dem Koran basieren sollte, beilegen wollte. Jedoch soll der „vierte rechtgeleitete“ Kalif Ali darauf bestanden haben weiterzukämpfen, bis die Schlacht entschieden sei. Eine beträchtliche Anzahl seiner Anhänger, die in der Folge als Charidschiten bezeichnet wurden, traten bei Ali vor und verlangten von ihm, die Ernennung eines Richters anzuerkennen. Ali stimmte widerwillig dem Vorschlag von Muawiya zu. Sie einigten sich, jeweils einen Richter aus der eigenen Gemeinschaft auszuwählen. Daraufhin ernannte Muawiya Amr ibn-al-As, der aufrichtiger Anhänger Muawiyas war. 8 Dem Wunsch von Ali, den ebenbürtigen Abdullah b. Abbas, zum Richter zu ernennen, widersetzten sich die zuvor aufsässig gewordenen Anhänger von Ali und die Muawiya-Anhänger, und zwangen ihn, Abu Musa al-As´ari, der kein überzeugter Anhänger von Ali war, zu wählen. 9 Diese Themenstellung wird in den Werken von al-Kamil, Werner Ende und Tabari wie folgt geschildert:
6 Vgl.: W. Ende, Der Islam in der Gegenwart, hrsg. von Werner Ende/Udo Steinbach unter redaktioneller Mitarbeit von Gundula Krüger, vierte, neubearbeitete Auflage, Verlag C. H. Beck München 1996, S. 31.
7 Vgl.: M. Hartman, Der Islam, Verlag von Rudolf Haupt Leipzig 1909, S. 49.
8 Vgl.: W. M. Watt, Der Islam, 1985, S. 5.
9 Vgl.: Ebd.
4
Nach Verhandlungen wurde Ali durch den Beschluss der Richter abberufen und
Muawiye auf den Posten des Kalifen erhoben. Watt stellt sich die Frage, ob ein Recht
auf das Kalifat für Muawiya bestanden habe, und behauptet, dass dies von den beiden
Schiedsrichtern im Januar 659 in Adruh untersucht wurde, und dass dabei Amr b. As
Abu-Musa überlistet haben soll. 11 Auf die Überlistung von Abu-Musa geht Tabari in
seinem Werk ein und berichtet wie folgt:
10 Vgl.: Al Mubarrad Al-Kamil, (ed. Wright), passim (man findet in diesem Werke, leider ohne
Zusammenhang und Ordnung, zahlreiche historische und literarische Notizen über unser Thema verstreut); sie sind übersetzt von O. Rescher, Die Kharidschitenkapitel aus dem Kamil, Stuttgart 1922, S.
17. Vgl.: Abu-Gafar Muhammed ibn-Garirat Tabari, The History of al-Tabari, The Community Divided, Ehsan Yar-Shater (general ed.), Volume XVII, State University of New York Press 1996, S. 80. Vgl.: W. Ende, Der Islam in der Gegenwart, 1996, S. 31. 11 Vgl.: W. M. Watt, Der Islam, 1985, S. 6.
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Nach diesem Ereignis nahm die Situation der Charidschiten eine interessante Wendung. Obwohl sie Anfangs Ali zwangen, eine bestimmte Person als Richter anzuerkennen, deklarierten sie es später als großes Vergehen, beim Richter Rat einzuholen und forderten ihn auf, wegen „dieser Sünde“ Reue zu zeigen. Nach der Meinung der Chardschiten sei Ali durch sein oben erwähntes Verhalten zum Heiden geworden. Desweiteren gaben sie zu, dass auch sie selbst aus diesem Grund ungläubig geworden waren. Aber, um erneut dem Islam beizutreten, zeigten sie Reue. Es konnte und kann nicht erwartet werden, dass eine Persönlichkeit wie Ali diese Vorwürfe hinnimmt. Er lehnte ihre Anschuldigungen ab. Daraufhin protestierten die Charidschiten gegen die Einsetzung eines menschlichen Gerichtes, indem sie stolz erklärten: „Das Urteil gehört Gott allein!“. Sie verließen das Heer und zogen sich nach dem Dorfe Harura, nicht weit von Kufa zurück. Es gelang Ali jedoch, einige von ihnen zur Rückkehr nach Kufa zu bewegen, indem er mit den Häuptern der Rebellen in Harura persönlich verhandelte. Nach kurzer Zeit trennten sich aber viele wieder von ihm und wählten ihren eigenen Kalifen Abdallah ibn Wahb von Stamme Rasib (22. März 658). 13 Die Abwanderungen nach Harura und Nahrawan sind als die erste Phase der charidschitischen Bewegung unter Ali anzusehen. Auch diese Themenstellung ist in dem Werk von al-Kamil zu sehen:
12 Vgl.: Tabari, XVII, 1996, S.108 ff.
13 Vgl.: Tilman Nagel, III Islamische Kultur - Zeitgenössische Strömungen- Volksfrömmigkeit, hrsg. von Munir D. Ahmed, Johann Christoph Bürgel, Konrad Dilger, Khalid Duran, Peter Heine, Tilman Nagel, Biancamaria Scarcia Amoretti, Annemarie Schimmel, Wiebke Walter, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart
- Berlin - Köln 1990; R. E. Brünnow, Die Charidschiten und den ersten Omayyaden, 1884, S. 18.
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1.2. Die grundlegende Doktrin der Charidschiten
Die Charidschiten galten unter den verschiedenen islamischen Fraktionen als diejenigen, die ihre Glaubensrichtung mehr als alle anderen verteidigten und zielten bewusst darauf ab, ihre Ansichten anderen aufzuzwingen. In ihrer Vorgehensweise klammerten sie sich an Worte wie „Das Urteil gehört Gott allein!“, womit sie ihrem Kampf gegen Ali einen heiligen Charakter verliehen. Diese Worte: „Das Urteil gehört Gott allein!“ beruhen auf mehreren Koranversen. 15 Dieses Motto der frühen Charidschiten enthält ihre grundlegende Doktrin. Natürlich ist der Satz unterschiedlich zu verstehen. Generell muss er so interpretiert werden: Wo es eine eindeutige Vorschrift des Korans gibt, müssen die Menschen diese einfach befolgen. Sie waren fest davon überzeugt, dass ein Gläubiger von ihren Vorgaben keine Zugeständnisse machen könne. Immer wenn sie Ali eine Rede halten sahen, reklamierten sie diesen Vers „Das Urteil gehört Gott allein!“, und sie versuchten bei jeder Gelegenheit um Anhänger zu werben, indem sie den verstorbenen dritten Kalifen Uthman und Ali diskreditierten. Die wissenschaftliche Ansicht zu dieser Diskreditierung äußert Watt wie folgt:
Sie beriefen sich dabei auf den folgenden Vers: „Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen einander bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen! Wenn dann aber die eine der anderen (immer noch) Gewalt antut, dann kämpft gegen diejenige, die gewalttätig ist, bis sie wiedereinlenkt und sich der Entscheidung Gottes fügt.“ 18 Sie nahmen an, die gewalttätige Gruppe sei Muawiya, und Ali habe gegen diese Vorschrift verstoßen, da er den Kampf gegen ihn eingestellt hatte. Zur Untermauerung dieses
14 Kamil, 540, S. 18.
15 (Sure) /(Vers); 6/57; 12/40; 12/67; Koran, Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V., Übersetzt von Max Hennig, Reclam Verlag, Stuttgart 1991,
16 W. M. Watt: Early Islam, Edinburgh University Press 1990, S. 142.
17 W. M. Watt: Early Islam, S. 155.
18 Koran 49/9.
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Arbeit zitieren:
Aytac Imrol, 2003, Charidschiten, München, GRIN Verlag GmbH
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