GLIEDERUNG / INHALTSVERZEICHNIS Vorwort
1) Der "Schlemihl-Schatten"
2) Diskrepanzen
3) Exkurs über die "Ghettoluft"
4) Spaziergänger, Wanderer, Herumirrender
5) Kommunikationslosigkeit in der großen Stadt Bibliographie Verwendete Abkürzungen
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Vorwort
Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird es darum gehen, biographische Parallelen zwischen Albert Ehrenstein und seiner Figur Karl Tubutsch aufzuzeigen. Im folgenden Kapitel werden dagegen - unserer Meinung nach entscheidende - Unterschiede zwischen Ehrenstein und Tubutsch - der gebotenen Kürze wegen notgedrungen eher skizzenhaft - nachgezeichnet. Im dritten Kapitel wird auf Ernst Weiß eingegangen, der Tubutsch vor allem als jüdische Symbolfigur sieht. Im vierten Kapitel wird versucht, die Wanderungen des Karl Tubutsch ganz konkret nachzuzeichnen und daraus einen Schluß zu ziehen. Das letzte Kapitel sieht die Erzählung quasi auf den Tod zutreiben.
3
1) Der "Schlemihl-Schatten" 1
Schon von Ehrensteins Zeitgenossen wurde der Dichter des "Tubutsch" mit
seiner Figur vielfach in einem Atemzug genannt und gleichgesetzt. Stefan Zweig
steht hier stellvertretend für so manchen zeitgenössischen Rezipienten, wenn er
1937 2 diesen biographischen Zugang zum Werk folgendermaßen auf den Punkt
bringt:
"Tubutsch, dieser verlorene Schlemihl-Schatten seines Dichters
Albert Ehrenstein." 3
Wir wollen in diesem Kapitel diese Parallelen zwischen Ehrenstein und seiner
Figur nachzeichnen, um dann im folgenden Kapitel einige entscheidende
Diskrepanzen aufzuzeigen.
Schon der zweite Satz der Erzählung weist auf die materielle Armut des Karl
Tubutsch hin, die auch quasi eine Grundkonstante in Albert Ehrensteins Leben
gewesen ist.
"Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwähne das nur
deswegen, weil ich außer meinem Namen nur wenige Dinge
besitze..." 4
1 Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99 2 Die Erstausgabe des "Tubutsch" erschien 1922. In seiner "Wiederbegegnung mit Tubutsch" schreibt Stefan Zweig:
"Fünfzehn Jahre mag es sein, daß Tubutsch, diese allermerkwürdigste Wiener Gestalt, zum erstenmal in die Literatur trat [...] Heute nun, nach fünfzehn Jahren bin ich Tubutschen wieder begegnet." Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99 Daher datiere ich diesen Aufsatz auf das Jahr 1937.
3 Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99 4 Albert Ehrenstein: Tubutsch, S. 5 [Im folgenden nur mehr als Tubutsch zitiert.]
4
Auf diese Armut wird in der Erzählung immer wieder hingewiesen. Tubutsch lebt zwar im prächtigen und imperialen Wien des Fin de siècle, aber dort wie so viele damals nur im "Souterrain der Armut" 5 .
"[...] abgesehen von meinem immer chronischer werdenden Mangel an gebräuchlichen Zahlungsmitteln [...]." 6
Seine weltliche Habe ist so gering, daß sie in einen Schuhkarton passen würde:
"[...] ihm die Sehenswürdigkeiten meiner Wohnung zu weisen: meinen Stiefelknecht Phillipp und - mit umflorter Stimme - die zwei Fliegen Pollak..." 7
Das ist nicht eben viel. Das ist eigentlich nichts an materiellen Besitz, was im Text auch explizit vermerkt wird:
"Oder aber es ist ein Bettler. Denen gebe ich nichts. Erstens habe ich selber nichts [...]." 8
Die Armut war wie gesagt auch Albert Ehrenstein sein Leben lang eine überaus treue Begleiterin. 1910 verließ er die Universität Wien und stürzte sich in eine Existenz als freier Schriftsteller.
"[...] und endlich promoviert, versuchte er es nicht einmal mit irgendeinem Aktenberg, hinter dem er als Beamter sein österreichisches Dichterleben verbergen und sichern hätte können. 5 Karl-Markus Gauß: Wann endet die Nacht, S. 41 [Im folgenden nur mehr als Gauß zitiert.] 6 Tubutsch, S. 10 7 Ebd., S. 44 8 Ebd., S. 44
5
Ehrensteins Entschluß, als freier Schriftsteller, als materiell völlig ungesicherter Lyriker und Erzähler zu leben, ist für die österreichischen Verhältnisse um 1910 geradezu verwegen." 9
Diese "materiell völlig ungesicherte" Existenz beschreibt der dreiundzwanzigjährige Albert Ehrenstein ganz konkret in der dritten Strophe seines berühmten Gedichtes "Wanderers Lied" 10 , mit dem ihm 1910 in der
"Fackel" der Durchbruch als Lyriker gelang:
"Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, Schimmel freut sich an den Wänden, Gute Ritzen sind für den Regen da." 11
Dieser "Wind-ins-Gesicht-Gasse" konnte Ehrenstein sein Leben lang nicht entrinnen. Egal, ob er gerade in Wien, Zürich, Berlin oder New York lebte.
"Als Ehrenstein sich für die unfreie Existenz als freier Autor entscheidet, weiss er, dass er in keine familiären Sicherheiten zurückkehren und auf keine gesicherte Pension hinleben können wird: er leistet sich den freien Mut, auf die Hand, die ihm nichts gibt, zu schlagen, dem Amt, von dem er sich nicht aushalten lässt, zu höhnen, der Klasse, der er nichts schuldet, den Abgesang anzustimmen - und wird dafür mit lebenslanger Armut bezahlen." 12
9
Ebd., S. 44
10
"Wanderers Lied" wurde von Karl Kraus in „Die Fackel“ Nr. 296 vom 18. 2. 1910 erstveröffentlicht.
11
Zitiert nach: Gauß, S. 14
6
Quote paper:
Mag. Manfred Wieninger, 1994, "Allein irre ich in der großen Stadt umher". Albert Ehrenstein und Karl Tubutsch, Munich, GRIN Publishing GmbH
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