ZUSAMMENFASSUNG
Das Ziel der vorliegenden Arbeit war - neben einer Einführung in die Evolutionspsychologie - Belege für eine evolutionär bedingte Partnerwahlpsychologie zu erbringen. Hierfür wurden Teile einiger zentraler Studien der evolutionären Psychologie repliziert und anhand eines webbasierten Bildschirmfragebogens eine geschlossene Onlinebefragung (N = 221; ♂ = 72; ♀ = 149) durchgeführt. Neben allgemeinen evolutionspsychologischen Replikationen zu Partnerpräferenzen hinsichtlich langfristiger Beziehungen, wurden Befunde einer Studie zur Theorie der strukturellen Machtlosigkeit, die von vielen Wissenschaftlern als konkurrierender Erklärungsansatz für Partnerwahlpräferenzen betrachtet wird, geprüft. Hierzu wurden die Generationszugehörigkeit und das monatliche Nettoeinkommen der Probanden als relevante Einflussgrößen kontrolliert. Des weiteren sollte die Flexibilität der Präferenzen geprüft werden. Hierfür wurden den Versuchspersonen die Items zur Beurteilung von Partnereigenschaften sowohl für langfristige Partner, als auch für kurzfristige Partner vorgelegt.
Es konnte konsistent zu den Originalstudien aufgezeigt werden, dass Frauen im Gegensatz zu Männern eher einen Partner bevorzugen, der älter ist als sie und Attribute besitzt, die darauf schließen lassen, dass er ihnen finanzielle und materielle Sicherheit bieten kann. Männer wünschen sich hingegen eher eine Partnerin, die jünger und attraktiv ist. Die Präferenzen erwiesen sich als vollkommen unabhängig vom monatlichen Nettoeinkommen der Befragten. Alterskohorteneffekte waren bei einigen Präferenzen vor-handen, z.B.: Toleranz einer vorherigen Ehe oder gegenüber Kindern des potentiellen Langzeitpartners.
Viele Partnerwahlpräferenzen erwiesen sich als sehr stark Abhängig von der berücksichtigten Beziehungsdauer und deckten sich mit den evolutionären Hypothesen zur adaptiven Flexibilität. Sowohl Frauen als auch Männer gaben ihre Alterspräferenzen bezüglich älterer, bzw. jüngerer Partner fast vollkommen auf. Männer tolerierten bei kurzfristigen Beziehungen ältere Partnerinnen in fast dem gleichen Maß wie Frauen und Frauen tolerierten entsprechen jüngere Partner. Weiterhin legten Frauen ihre Wünsche bezüglich toleriertem Mindeststand und Bildung ab. Außerdem beschrieben sich hypothesengemäß Männer tendenziell und Frauen hochsignifikant als anspruchsvoller bezüglich der physischen Attraktivität bei kurzfristigen Affären.
DANKSAGUNG
Zunächst einmal möchte ich mich für die Annahme der Diplomarbeit bei Frau Prof. Dr. Sireteanu bedanken, durch die mir eine vollkommen selbständige Bearbeitung meines Wunschthemas erst ermöglich wurde. Zudem bin ich Herrn PD Dr. Bongard für die äußerst spontane Annahme dieser Arbeit als Zweitgutachter und seine herzliche Betreuung zu Dank verpflichtet.
Weiterhin habe ich sehr von der Unterstützung der Unternehmen Monster Deutschland GmbH und Jobpilot GmbH profitiert, die mir in der unternehmerischen Welt eine psychologische Untersuchung ermöglichten, die keinen Bezug zur Arbeitswelt hat.
Abschließend möchte ich mich herzlich bei meiner Mutter für das Korrekturlesen großer Teile dieser Arbeit und die Ermutigung zur Aufnahme des Psychologiestudiums, bei meiner Freundin für die viele Ermutigungen und Energiereserven, bei meiner Schwester für wertvolle Anregungen zum Thema, bei meiner meinem guten Freund Fabian für Korrekturarbeiten und das Drängen zur Bearbeitung eines eigenen Themas, sowie bei meinem Vater, ohne dessen Bereitstellung entsprechender Elternressourcen diese Diplomarbeit selbstverständlich niemals in dieser Geschwindigkeit beendet worden wäre, bedanken.
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS
Zielsetzung 6
1 Grundlagen der evolutionären Psychologie 9
1.1 Evolutionstheoretische und soziobiologische Grundlagen 12
1.1.1 Darwins Theorie der natürlichen Auslese 12
1.1.2 Darwins Theorie der sexuellen Auslese 14
1.1.3 Gesamtfitness 16
1.1.4 Reziproker Altruismus 18
1.1.5 Parentales Investment. 19
1.1.6 Eltern-Kind- Verwandtschaftskonflikte 19
1.1.7 Kritik und Missverständnisse 20
1.2 Die Wissenschaft der evolutionären Psychologie. 23
1.2.1 Evolutionsbedingte psychologische Mechanismen (EPM) 23
1.2.2 Die Rolle der Kultur. 25
1.2.3 Analyseebenen der evolutionären Psychologie 26
1.2.4 Prüfungsmethoden evolutionspsychologischer Hypothesen 27
1.2.5 Aktuelle Kernthemen der Evolutionspsychologie. 27
2 Psychologie der Partnerwahl. 28
2.1 Physiologische Hinweise auf Geschlechtsunterschiede bei der Partnerwahl 29
2.1.1 Potentielle Höhe der Reproduktionsrate. 30
2.1.2 Monogamie vs. Promiskuität. 30
2.2 Langfristige Partnerwahl-Strategien 35
2.2.1 Langfristige Partnerwahlstrategien der Frau 35
2.2.2 Langfristige Partnerwahlstrategien des Mannes. 41
2.3 Kurzfristige sexuelle Strategien. 46
2.3.1 Kurzfristige Partnerwahlstrategien des Mannes 47
2.3.2 Kurzfristige Partnerwahlstrategien der Frau 48
3 Hypothesen der Replizierungen 50
3.1 Allgemeiner Teil 50
3.2 Langfristige Beziehungen 51
3.3 Kurzfristige Beziehungen 53
3.4 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen. 54
3.5 Zusammenfassung der Hypothesen 55
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INHALTSVERZEICHNIS
4 Methode. 56
4.1 Beschreibung des Fragebogens. 56
4.2 Stichprobe 61
4.3 Gütekriterien des Erhebungsverfahrens. 64
4.4 Durchführung der Befragung. 67
5 Ergebnisse 69
5.1 Allgemeiner Teil 69
5.2 Langfristige Beziehungen 73
5.3 Kurzfristige Beziehungen 77
5.4 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen. 79
5.5 Zusammenfassung langfristige kurzfristige Beziehungen. 82
6 Diskussion 83
6.1 Partnerpräferenzen bei langfristige Beziehungen 83
6.2 Vergleich langfristige vs. kurzfristige Beziehungen. 86
6.3 Fazit und Ausblick 87
7 Abbildungsverzeichnis 88
8 Literaturverzeichnis 89
9 Internetquellen. 96
10 Anhang 97
10.2 Verwendeter Fragebogen. 98
10.3 Daten, Tabellen Grafiken der SPSS-Auswertung. 101
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ZIELSETZUNG
„Zu den ewigen seelenkundlichen Fragen gehört die Untersuchung der psychologischen Eigenart von Mann und Frau. Diesen Problemen haben Dichter und Philosophen, Sozialwissen-
DasZitat aus dem „Lehrbuch der Psychologie“ von FRITZ GIESE (1939, S. 546) hat auch heute nicht an Aktualität verloren. Populärwissenschaftliche Bücher wie „Männer sind anders. Frauen auch.“ (GRAY 1998), „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (PEASE 2000), „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ (Evatt 2005) verkaufen sich in Bestsellerauflagen. Großangelegte Fernsehshows zu Themen, die sich um den „kleinen Unterschied“ drehen, werden in regelmäßigen Abständen produziert und mit hohen Zuschauerquoten gesendet.
Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik kann, siehe am Beispiel von GIESE, auf eine lange Tradition zurückblicken. Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Geschlechtsunterschiede differieren hierbei stark. Vom Penisneid der psychoanalytischen Theorie über biologische Betrachtungsweisen und humanistische Ansichten der Geschlechtsrollen wurde der „Geschlechterkampf“ gemäß der jeweils vorherrschenden Lehrmeinung aus vielen verschieden Perspektiven betrachtet.
Die Psychologie hat bis zur heutigen Zeit einige wichtige Paradigmenwechsel durchlaufen. Sie hat, wie EBBINGHAUS 1908 treffend ausdrückte, „eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte“ (zit. nach ZIMBARDO 1999, S.7). Aus der Perspektive der modernen, d.h. experimentellen und somit empirisch arbeitenden Psychologie, begann diese Geschichte vor etwa 125 Jahren mit der Errichtung eines psychologischen Laboratoriums im Jahr 1879 durch WILHELM WUND. Seine Schüler, sowie weitere bedeutende Forscher und Schulen wie HERRMANN VON HELMHOLTZ, GUSTAV FECHNER, ERNST HEINRICH WEBER, HERMANN EBBINGHAUS, WILLIAM JAMES, der WÜRZBURGER SCHULE sowie der GESTALTPSYCHOLOGIE legten die Grundsteine der wissenschaftlichen Psychologie (vgl. LÜCK & MILLER 2002; ZIMBARDO 1999). Seitdem erlebte diese beachtenswerte Wechsel der vorherrschenden Lehrmeinungen. Noch heute zählen die Sichtweisen ehemals führender Paradigmen zum Bestandteil der akademischen Psychologie. Studenten werden in die dynamische, behavioristische, kognitive und humanisti-
sche Perspektive des menschlichen Verhaltens eingeführt. Seit einiger Zeit bildet sich mit der Evolutionspsychologie ein neues Paradigma der wissenschaftlichen Psychologie heraus. Die evolutionäre Perspektive stellt den wohl jüngsten Versuch eines Paradigmenwechsels in der Psychologie dar. „Orientiert man sich an der Verwendungshäufigkeit des Begriffes in der Literatur, so nahm sie ihren Ausgang etwa Mitte der 80er Jahre. Diese Strömung ist nicht nur jung, sie ist auch radikal, das heißt, sie geht an die Wurzel (lat. radix). Sie verwehrt sich dagegen, neben anderen Disziplinen oder Theorien eingereiht zu werden. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, für die meisten - wenn nicht für alle - Disziplinen und Theorien innerhalb der Psychologie eine unentbehrliche Grundlage abzugeben. So ist die evolutionäre Psychologie angetreten, viele Kapitel der Psychologie, wie wir sie heute kennen, neu zu schreiben oder zumindest gründlich neu zu überarbeiten“ (Buss, 2004, S. 19).
„Die evolutionäre Perspektive unterscheidet sich von anderen Ansätzen grundsätzlich dadurch, dass sie den extrem langen Evolutionsprozess als Grundlage zur Erklärung menschlichen Verhaltens heranzieht. Formen der psychischen Anpassung, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, können nicht in einem moralischen Sinne als ‚gut’ oder ‚böse’ bezeichnet werden. Sie sind nichts anderes als Verhaltensmuster, die sich jeweils in bestimmten Umwelten nach dem Selektionsprinzip durchgesetzt haben.“ (ZIMBARDO, 1999, S. 16)
Vor allem auf dem Gebiet der „psychologischen Eigenarten von Mann und Frau“ hat die Evolutionspsychologie durch fruchtbare Thesen frischen Wind in die Diskussion gebracht. Entgegen klassisch kulturpsychologischen Ansätzen, die eine Rollenbeschränkung der genetischen Faktoren für Geschlechtsunterschiede auf körperliche Merkmale vornehmen und aus diesen dann psychologische Geschlechtsunterschiede durch Nutzung lerntheoretischer Erklärungen sekundär ableiten, geht sie von genetisch prädisponierten geschlechtstypischen Präferenzen und Verhaltensweisen aus, die im Verlauf der Evolution des Menschen entstanden seien. (vgl. ASENDORPF 2005).
Während die Auseinandersetzung mit der evolutionären Perspektive in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr aktiv betrieben wird, - nicht zuletzt durch die erstarkende Bewegung der Kreationisten - ist in der universitären Landschaft der deutschen Psychologie noch sehr wenig davon zu spüren. Evolutionäre Ansätze werden im Studiengang
Psychologie - wenn überhaupt - eher am Rande behandelt und haben mit starken Vorurteilen zu kämpfen 1 .
Die vorliegende Diplomarbeit möchte daher einen Beitrag zur Diskussion der evolutionären Psychologie leisten. Ziel der Arbeit ist, neben einer Einführung in die Evolutionspsychologie einige viel beachtete Studien zur Psychologie der Partnerwahl zu replizieren und diskutieren.
Hierfür wurde dem empirischen Teil der Arbeit eine eher narrativ gestaltete, recht ausführliche Einführung in die Evolutionspsychologie vorangestellt. Die Notwendigkeit eines solchen Theorieteils wurzelt in den vielen, häufig unberechtigten Kritik- und Widerlegungsversuchen, die zum Teil leider deutlich erkennen lassen, dass entweder keine ausführliche Beschäftigung mit den Grundlagen der evolutionären Theorie stattgefunden hat oder diese grundlegend missverstanden wurde.
Im empirischen Hauptteil der Arbeit werden dann einige Ergebnisse zum wohl zur Zeit meistdiskutierten Thema der Evolutionspsychologie, den Geschlechtsunterschieden bei der Partnerwahl, repliziert und anschließend diskutiert.
Um eine Brücke zwischen dem theoretischen und empirischen Teil der Arbeit zu schlagen, wird u.a. eine Studie repliziert und diskutiert, die Belege gegen evolutionär bedingte Partnerwahlpräferenzen erbringen wollte und - so die Autoren der Untersuchungzumindest teilweise Belege gegen die evolutionären Thesen erbrachte.
1 Ein Beispiel sei an dieser Stelle genannt: Dem Autor dieser Arbeit wurde in der mündlichen Prüfung des Vordiploms in Sozialpsychologie zum Thema Evolutionspsychologie als erstes die Frage gestellt, ob diese Theorie denn nicht sehr frauenfeindlich sei. Unabhängig davon, ob die prüfende Dozentin mit ihrer Frage vielleicht nur das Wissen über verbreitete Kritik an der evolutionären Psychologie abfragen wollte, zeigt das Beispiel deutlich, welche Assoziationen durch die Evolutionspsychologie geweckt werden.
1 GRUNDLAGEN DER EVOLUTIONÄREN PSYCHOLOGIE
„Es ist besonders spannend, zu dieser Zeit innerhalb der Wissenschaftsgeschichte ein evolutionärer Psychologe zu sein. Die meisten Wissenschaftler arbeiten innerhalb lange bestehender Paradigmen. Die evolutionäre Psychologie ist dagegen eine radikal neue Wissenschaft, eine wahre Synthese der modernen Prinzipien der Psychologie und der Evolutionsbiologie.“
David Buss, 2004
Seit der Publikation des Werkes „Über den Ursprung der Arten“ durch Charles Darwin im Jahre 1859 ist die Evolutionstheorie in aller Munde. Mittlerweile erscheinen in kaum übersehbaren Abständen neue Publikationen mit evolutionärem Hintergrund (vgl. Abbildung 1).
Abb. 1: Spiegel-Titel 34/2000, 41/2005, 52/2005 (von links nach rechts)
Während sich die Evolutionstheorie in der Biologie zu einem unverzichtbaren Fundament entwickelt hat - „Evolution ist der wichtigste Begriff in der gesamten Biologie. Es gibt in diesem Fachgebiet keine einzige Frage nach dem Warum, die sich ohne Berücksichtigung der Evolution angemessen beantworten ließe“ (MAYR, 2003, S.14) - ist sie vor allem von den Sozialwissenschaften über Jahrzehnte hinweg schlichtweg ignoriert worden. Zeitgleich zur Genese neuer, evolutionär geprägter Disziplinen innerhalb der Biologie durch Forscher wie KONRAD LORENZ, NICOLAAS TINBERGEN und IRENÄUS EIBL-EIBESFELDT, durchlief die Psychologie weitgehend unbeeindruckt Paradigmenwechsel über die Psychoanalyse in den Behaviorismus und durch die so genannte „kognitive Wende“ in eine erstarke humanistische, bzw. kognitive Psychologie. Durch die rasanten Weiterentwicklungen auf den Gebieten der Hirnforschung begannen zudem
viele Psychologen in den 80er und 90er Jahren psychologische Prozesse auf neuronaler Ebene zu untersuchen. Andere Wissenschaftler nahmen im Rahmen des Informationsverarbeitungsparadigma vor allem Prozesse der Kognition unter die Lupe. Innerhalb der Psychologie entstanden auf diese Weise weitgehend unabhängige Schulen, die sich zunehmend spezialisierten und vor allem auf Aussagen zu einzelnen Konstrukten und psychischen Prozessen konzentrierten (vgl. LÜCK & MILLER 2002; ZIMBARDO 1999). Zur gleichen Zeit wandten sich die evolutionären Disziplinen der Biologie mit der Soziobiologie und Humansoziobiologie, bzw. Ethologie und Humanethologie zunehmend dem Menschen zu. Diese ökologisch geprägten Forschungszweige der vergleichenden Ver-haltensforschung beschrieben artübergreifend - den Menschen eingeschlossen (!) - mathematisch kalkulierbare Gründe für Verhaltensweisen. Bahnbrechend waren auf diesem Gebiet z.B. Arbeiten von HAMILTON (1964a, 1964b) zum altruistischen Verhalten (vgl. Kapitel 1.1.3). „Selbstloses“ Verhalten, das bisher ausschließlich dem Menschen zugesprochen wurde, bekam auf diese Weise eine biologische (und dazu noch kalkulierbare!) Basis. Weiterhin konnten Humanethologen beim Menschen in kulturübergreifenden Studien diverse erblich bedingte Verhaltesweisen belegen und begannen zunehmend das menschliche Verhalten aus biologischer Perspektive zu begründen. Der Ethologe und Mitbegründer der Humanethologie IRENÄUS EIBL-EIBESFELD veröffentlichte schließlich 1984 das international beachtete und mittlerweile in der dritten Auflage (1997) vorliegende Werk „Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie“. Die Psychologie konnte hiervon selbstverständlich nicht unbeeindruckt bleiben.
„Evolutionspsychologische Persönlichkeitsforschung wird in größerem Stil erst seit ca. 1990 betrieben und ist damit zu jung, um die empirische Bewährung dieses Paradigmas seriös einschätzen zu können. Immerhin hat das Paradigma in dieser kurzen Zeit so viele neue Konzepte und Fragestellungen in die Persönlichkeitspsychologie eingebracht [...], dass zumindest von einem guten Start gesprochen werden kann“ (ASEN- DORPF 2005,S.112). Dennoch wird sie bereits von vielen Wissenschaftlern sehr ernst genommen und als seriöser wissenschaftlicher Ansatz behandelt. So erhält die Evolutionspsychologie zunehmend Einzug in Psychologielehrbücher (vgl. u.a. ASENDORPF 2005, ZIMBARDO 1999, STROEBE et al. 2001). Mit der Übersetzung aus dem Amerikanischen ist mit dem Werk „Evolutionäre Psychologie“ von DAVID BUSS seit 2004 zudem das erste Lehrbuch der Evolutionspsychologie auf dem Markt.
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Auf organisationaler Ebene kam es im Jahr 1988 zur Gründung der „Human Behavior and Evolution Society“ (HBES) 2 , die mittlerweile über 600 Mitglieder verzeichnet und ein eigenes Journal mit dem Titel „Evolution and Human Behavior“ herausgibt. In Deutschland gibt es seit 1999 mit der Initiative „Menschliches Verhalten in Evolutionärer Perspektive“ (MVE-Liste) 3 eine erste, wenn auch nicht institutionalisierte und somit lose Vereinigung evolutionär arbeitender Wissenschaftler. Das verbindende Credo der Mitglieder ist dem Informationstext der Webseite zu entnehmen: „Gemeinsames Merkmal der in der Liste aufgenommenen Forscher/innen ist, dass sie sich auf das moderne evolutionstheoretische Paradigma beziehen, wie es von George Williams, Bill Hamilton und Robert Trivers begründet und von Edward O. Wilson 1975 zum ersten Mal als solches dargestellt und popularisiert worden ist. Dieser evolutionäre Ansatz stellt eine eigene Fragestellungsebene dar, die sich quer durch die traditionelle Biologie, Psychologie und die Sozialwissenschaften zieht. Gewünscht ist daher eine interdisziplinäre Vielfalt, die weit über den traditionellen Rahmen der ‚Biologie’ hinausreicht. Soziologen, Historiker, Psychologen, Pädagogen, Politologen, Juristen, Philosophen, usw. sollen sich genauso angesprochen und eingeladen fühlen wie Biologen, Mediziner und Anthropologen.“ (MVE-Liste, 2005, Iq 4 )
Wie aus diesem interdisziplinären Zusammenschluss deutlich wird, stellt die Evolutionspsychologie zur Zeit in Deutschland ein fachübergreifendes Konglomerat von Wissenschaftlern dar, dessen Wurzel die in der Biologie beheimatete Evolutionstheorie ist. Im folgenden soll zunächst eine Darstellung der für die evolutionäre Psychologie bedeutungsvollsten Theorien und Konstrukte der Evolutionstheorie und Soziobiologie erfolgen. Anschließend folgt eine Einführung in die US-amerikanisch geprägten theoretischen Grundlagen, Forschungsmethoden und Interessen der gegenwärtigen Evolutionspsychologie.
2 http://www.hbes.com
3 http://www.mve-liste.de
4 Internetquellen werden in diese Arbeit zusätzlich mit der Abkürzung „Iq“ gekennzeichnet. Die ausführliche Quellenangabe findet sich im Quellenverzeichnis. 11/104
1.1 Evolutionstheoretische und soziobiologische Grundlagen
Selbstverständlich war Charles Darwin nicht der einzige und erste Wissenschaftler, der sich mit der Entstehung der Arten beschäftigte. Sein Werk hatte jedoch unbestritten den größten Einfluss. „Der eigentliche Übergang vom Glauben an eine statische Welt zur Evolutionslehre wurde am 24.November 1859 ausgelöst, als Charles Darwins Werk „On the Origin of Species 5 (Die Entstehung der Arten 6 ) erschien. Dieses Ereignis war vielleicht der größte geistige Umbruch in der Menschheitsgeschichte. Es stellte nicht nur den Glauben an die Unveränderlichkeit (und das geringe Alter) der Welt infrage, sondern auch die Erklärung für die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit der Lebewesen und - was besonders schockierend war - die einzigartige Stellung des Menschen in der Natur. [...] Das Buch sorgte fast allein für die endgültige Säkularisierung der Naturwissenschaft“ (MAYR,2003, S.25f.).
Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Theorie und Geschichte der Evolution sei an dieser Stelle exemplarisch auf das Standardwerk „Das ist Evolution“ von MAYR (2003) verwiesen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist eine Darstellung der Kernthesen der Darwinschen Theorie, sowie einiger Ergänzungen ausreichend, um die Fundamente der Evolutionspsychologie verstehen zu können.
1.1.1 DARWINS THEORIE DER NATÜRLICHEN AUSLESE
DARWINS Theorie der natürlichen Auslese besteht im Grunde aus der Verknüpfung dreier Bestandteile. Zunächst einmal stellte er fest, dass nicht alle Organismen einer Art zu 100% gleich sind (Variation). Einzelne Individuen differieren hinsichtlich verschiedener Merkmale. Die genetischen Variationen werden zudem an Nachkommen weitervererbt (Vererbung - da Darwin die Existenz von „Genen“ noch nicht bekannt war, wird im folgenden die Sicht des modernen Ansatzes wiedergegeben, vgl. VOLAND, 1993; MAYR, 2003)).
Obwohl jede Population theoretisch ein unbegrenztes Vermehrungspotential besitzt, ist dieses Wachstum unter natürlichen Verhältnissen nicht möglich, weil hierfür notwendige Ressourcen (z.B. Nahrung, Geschlechtspartner) nicht beliebig verfügbar sind. Dies
5 Das Werk Online: http://pages.britishlibrary.net/charles.darwin/texts/origin1859/origin_fm.html
6 Die deutschen Erstausgabe http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/darwin/arten/ 12/104
führt zu Konkurrenz unter den Mitgliedern einer Population um den Zugang und die Nutzung der jeweils begrenzten Ressourcen. Einige dieser Konkurrenten können auf-grund ihrer speziellen Merkmale ( Variationen/Anpassungen) die Ressourcen besser erschließen und sie effektiver in Reproduktion umsetzen als andere. „So nimmt der relative Anteil des Erbmaterials dieser überdurchschnittlich erfolgreicheren Individuen im Genpool der Population zu, während hingegen die Gesamtzahl aller Populationsmitglieder wegen der wachstumsbegrenzenden Faktoren stabil bleibt. Besteht der unterschiedliche Reproduktionserfolg der Individuen zumindest zu einem Teil auf genetischen Unterschieden, kommt es so zu Verschiebungen von Genfrequenzen, und evolutiver Wandel findet statt. Diejenigen Erbinformationen, deren Trägerindividuen für sich die Wachstumsgrenzen am weitesten hinauszuschieben vermögen, also am effektivsten Nahrung beschaffen, Raubfeinden entgehen, sozialer Konkurrenz standhalten, Geschlechtspartner werben, Nachkommen großziehen usw., sind mit der Zeit zunehmend in der Population vertreten. Die Erbinformation mit den besseren Selektionseigenschaften ist vermehrt an der Herausbildung der anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmalen ihrer Mitglieder (‚Phänotypen’) beteiligt, während die Erbinformation der Verlierer in der Darwinschen Konkurrenz abnimmt und schließlich ganz verschwindet“ (Voland, 1993, S.2).
Der evolutionäre Prozess hat somit drei Produkte: Adaptationen, Nebenprodukte der Adaptationen und Zufallsrauschen (vgl. BUSS 2004, S.70; BUSS, HASELTON, SHACKEL- FORD etal., 1998; TOOBY & COSMIDES, 1990).
Tabelle 1: Die drei Produkte des evolutionären Prozesses, entnommen aus BUSS 2004, S.70
Im Allgemeinen spricht man bei Lebewesen, die über Adaptationen verfügen, die ihnen einen Vorteil verschaffen, von gut „angepassten“, bzw. „fitten“ Individuen. ASENDORPF (2005, S.100) merkt hierzu an: „Das Konzept der natürlichen Selektion wird vielfach
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falsch verstanden. Erstens ist Fitness kein Merkmal eines Menschen oder Genoms, sondern die Funktion eines Gens und seiner Umwelt. Ändert sich die Umwelt, kann sich die Fitness des Gens ändern. Es gibt deshalb keine ‚guten’ und ‚schlechten’ Gene, sondern nur Gene, die einer bestimmten Umwelt ‚gut’ oder ‚schlecht’ angepasst sind. Zweitens beruht natürliche Selektion nur zum Teil auf der Lebenserwartung. Ein Gen, das Kindersterblichkeit begünstigt, ist zwar schlecht angepasst, aber Gene, die die Lebenserwartung erhöhen, jedoch die Zahl der Nachkommen senken, sind auch schlecht angepasst. Entscheidend ist der Reproduktionsvorteil eines Gens; statt ‚survival of the fittest’ (DARWIN) sollte es besser heißen ‚Reproduction of the fittest’“. Neueste Untersuchungen zeigen, dass sich beim Menschen etwa „1800 Gene - also etwa 7 Prozent des menschlichen Genoms - dank natürlicher Auslese während der vergangenen 10.000 bis 50.000 Jahre verändert [haben]“ die hauptsächlich mit der Fortpflanzung, Reaktion auf Krankheitserreger, Funktion von Nervenzellen, Zellteilung oder dem Stoffwechsel in Zusammenhang stehen.“ (WANG et al., 2005, zit. Spiegel, 21.12.05, Iq).
1.1.2 DARWINS THEORIE DER SEXUELLEN AUSLESE
Während die heutige Biologie die Unterscheidung zwischen sexueller und natürlicher Auslese - wenn überhaupt (vgl.Mayr, 2003) - nur noch aus didaktischen Gründen vornimmt, stellte DARWIN in seinem 1871 erschienenen Werk „The descent of man and selection in relation to sex“ („Die Abstammung des Menschen“) die so genannte sexuelle Selektion als eigenständige Evolutionsprozesse vor. Er hatte zuvor vergeblich versucht, für einige offensichtlich evoluierte Merkmale, z.B. für das ausgeschmückte Federkleid des Pfaueinmännchens, innerhalb seiner Theorie der natürlichen Selektion eine schlüssige Existenzberechtigung zu finden, da dieses eher eine Behinderung und somit eine Überlebensgefahr darstellt. Nach MAYR (2003, S.353) bezeichnet sexuelle Selektion, die „Selektion von Merkmalen, die den Fortpflanzungserfolg steigern.“ Nach DAR- WIN (1871)gibt es zwei Formen sexueller Selektion:
INTRASEXUELLER WETTBEWERB
Bezeichnet die Konkurrenz zwischen Vertretern des gleichen Geschlechtes. Als Beispiel wird für diesen Wettbewerb in der Literatur häufig der Kampf zwischen zwei Hirschen bemüht (z.B. BUSS, 2004). „Der Sieger kann sich dem Weibchen sexuell näherndies geschieht entweder direkt oder durch die Herrschaft über Gebiete oder Ressourcen, die dem Weibchen attraktiv erscheinen. Für den Verlierer kommt es normalerweise nicht zur Paarung. Alle Eigenschaften, die in diesem gleichgeschlechtlichen Wettbe-
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werb zum Erfolg führen, z.B. Körpergröße, Stärke, athletische Fähigkeiten, werden durch den Paarungserfolg des Siegers an die nächste Generation weitergegeben“ (S.29).
INTERSEXUELLER WETTBEWERB
Bezeichnet in gewisser Weise die Konkurrenz, die aufgrund verschiedener Partnerwahlpräferenzen eines Geschlechtes als Druck auf Vertreter des anderen Geschlechts ausgeübt wird. DARWIN bezeichnete diese Selektionsform „weibliche Auswahl“ (1871) und ging von der Annahme aus, dass Hauptsächlich Männchen die wählerischen Weibchen zu überzeugen hatten (vgl. Kapitel 2.2.1).
In diesem Zusammenhang wird gerne auf das Beispiel des Pfauenmännchens verwiesen, dessen prächtiges Gefieder scheinbar keine andere Funktion als das Werben um eine Pfauendame hat. Je prächtiger das Pfauenrad, desto größer ist für seinen Besitzer die Wahrscheinlichkeit, eine Pfauendame anzuziehen (vgl. BUSS, 2004, 1999). Das Vor-handensein dieses Männerschmuckstückes ist also als Adaption an die Partnerpräferenz der Pfauendame zu sehen.
Sowohl der intrasexuelle als auch der intersexuelle Wettbewerb dienen also dem Zugang zu reproduktiven Ressourcen. Die funktionellen Mechanismen der Sexuellen Selektion sind auch heute noch weitgehend ungeklärt. Verschiedene Hypothesen werden unter Verhaltensbiologen diskutiert, da alleine die zweckfreie, „optische“ Qualität eines Individuums (Beispiel Pfau) kein Selektionskriterium darstellen sollte. Einer der bekanntesten Ansätze ist die so genannte HAMILTON-ZUK-Theorie (HAMILTON & ZUK, 1982), die sich mit Parasitenbefall befasst. Die Wissenschaftler zeigten, dass Vogelarten, bei denen Männchen ein auffälliges, prächtiges Brutkleid ausbilden, einen höheren Parasitenbefall aufweisen als Arten, bei denen Männchen ein weniger prächtiges Brutgefieder aufweisen. Männchen mit besonders gut ausgebildeten sekundären Geschlechtsmerkmalen wiesen weniger Parasiten auf als Vogelmännchen mit weniger gut ausgebildeten sekundären Geschlechtsmerkmalen. Weibchen, die Männchen mit hoher genetischer Parasitenresistenz an ihrem Gefieder erkennen und darauf basierend einen Partner wählen, könnten ihren Nachkommen bessere Überlebenschancen sichern. Gemäß dieser Hypothese würden Partnerwahlpräferenzen ebenfalls mit Faktoren der natürlichen Selektion (hier: der Nachkommen) zusammenhängen.
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1.1.3 GESAMTFITNESS
Die Interpretationsweise der HAMILTON-ZUK-Theorie setzt jedoch einen fortschrittlicheren Fitnessbegriff voraus, als ursprünglich von DARWIN definiert. Die Evolutionstheorie definierte Fitness als Maßeinheit, die den direkten Reproduktionserfolg eines Individuums mittels Weitergabe von Genen durch die Zeugung von Nachkommen bestimmt. WILLIAM D. HAMILTON erweiterte den evolutionären Begriff der Fitness im Rahmen seiner Dissertation (1964) zu einem weiter gefassten Konstrukt, der Gesamtfitness. Grundstein der Theorie ist die Erkenntnis, dass Fitness kein Merkmal eines Menschen, sondern die Funktion eines Gens und seiner Umwelt ist. Damit stellt sich die Evolution als genzentriertes Prinzip dar (DAWKINS, 2005). „Beim Studium der Evolution und gerade auch beim Studium biologischer Verhaltensanpassungen ist deshalb deutlich zwischen den Replikatoren (den ‚Genen’), in denen die stammesgeschichtlich erworbene Information gespeichert ist, und deren potentielle Unsterblichkeit die Kontinuität des Lebens begründet, einerseits und den vergänglichen Individuen, die als kurzlebige Vehikel den evolutiv einzigen Zweck verfolgen, ein optimales Medium für Genreplikation zu liefern“ (VOLAND, 1993, S.3).
Nach HAMILTONS Theorie werden diejenigen Organismen bevorteilt, die dafür sorgen, dass die Gene eines Organismus weitergegeben werden. Dabei ist es völlig unerheblich, ob dieses Individuum direkte Nachkommen produziert oder nicht. Es kann die Reproduktion seiner Gene auch fördern, indem er Verwandte, also Schwestern, Brüder, Neffen etc. dabei unterstützt, ihr Überleben zu sichern. Immerhin tragen diese Organismen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Kopien seiner Gene in sich. Diese Wahrscheinlichkeit wird mit dem so genannten Verwandtschaftskoeffizienten r ausgedrückt (vgl. Tabelle 2).
Tabelle 2: Erwartete genetische Verwandtschaft bei verschiedenen Verwandtschaftsgraden, entnommen aus ASENDORPF 2005, S.101
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Vor diesem Hintergrund wird altruistisches Verhalten erklärbar. „Die genetische Basis eines phänotypisch ‚altruistischen’ Verhaltens breitet sich dann in der Population aus, wenn die Bedingung der Hamilton-Gleichung (nach HAMILTON 1964a, 1964b) K < r · N
erfüllt ist. Dies ist immer dann gegeben, wenn die Kosten (K) eines Verhaltens für den ‚Altruisten’ geringer sind als der Nutzen (N) dieses Verhaltens für den Vorteilsnehmer des altruistischen Akts, und zwar gewichtet mit dem Verwandtschaftskoeffizienten r“ (VOLAND, 1993, S.4).
Anschaulich verdeutlichen lässt sich dieser Sachverhalt am Beispiel von Bienen oder Ameisen. Bei diesen Insektenvölkern opfern sich Arbeiterinnen für das gesamte Volk auf und sind nicht in der Lage, Nachwuchs zu zeugen. Erklärbar wird dieses Verhalten durch die Vorliegenden Verwandtschaftskoeffizienten. Während die Insektenkönigin einen diploiden Chromosomensatz besitzt, also mit r = 0.5 mit ihren Nachkommen ver-wandt ist, sind die Männchen haploid. Die Wahrscheinlichkeit, ein väterliches Allel gemeinsam zu haben beträgt bei den Arbeiterinnen untereinander folglich 1.0. Dies führt zu der Konsequenz, dass Arbeiterinnen untereinander enger verwandt sind (r = 0.75), als sie es mit ihren eigenen Kindern wären (r = 0.50). Das scheinbar altruistische Aufopfern für ihre Geschwister hat also eine genetisch erklärbare Grundlage (vgl. MAYR 2003).
Die natürliche Selektion wirkt also nicht nur über die eigenen Nachkommen. Durch eigene Fortpflanzung erreichte Fitness bezeichnet man als „direkte Fitness“ und die durch Verwandtenunterstützung erreichte „indirekte Fitness“. Demnach ist die Gesamtfitness die Summe der direkten und indirekten Fitness: Direkte Fitness + indirekte Fitness = Gesamtfitness
„Die Kosten/Nutzen-Bilanz, deren Ergebnis über den Anpassungswert eines Verhaltens entscheidet, rechnet sich in der Währung der Gesamtfitness, also nach Maßgabe der relativen Zunahme von persönlichen Genreplikaten innerhalb einer Population, und hat nichts zu tun mit irgendwelchen ganz unmittelbaren materiellen oder psychologischen Vor- und Nachteilen eines Verhaltens. Was wie Altruismus aussieht, kann sich deshalb durchaus als genetischer ‚Egoismus’ entpuppen“ (Voland, 1993, S.7). Die Theorie HAMILTONS ist einer der wichtigsten Grundbausteine der Soziobiologie. Durch sie kann zu einem bestimmten Teil soziales Verhalten erklärt werden.
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1.1.4 REZIPROKER ALTRUISMUS
Altruismus ist jedoch nicht nur unter genetisch verwandten Individuen zu beobachten. Freunde und Bekannte helfen sich häufig gegenseitig - ohne genetische Vorteile im Sinne der natürlichen Selektion, bzw. der Gesamtfitness erwarten zu können. ROBERT TRIVERS veröffentlichte 1971 seine Theorie “The evolution of reciprocal altruism”, in der er sich mit für beide Seiten vorteilhafte Austausch-Beziehungen zwischen Nichtverwandten beschäftigte und stieß damit die Erforschung des reziproken Altruismus an. Es kann sich auszahlen, hungernden Nichtverwandten beispielsweise Nahrungsmittel abzugeben, wenn diese sich bei anderen Gelegenheiten revanchieren. Ständig Hilfe zu leisten, ohne eine Rückleistung zu erhalten, kann jedoch nicht im Interesse eines Altruisten sein. Das „Hauptproblem für den reziproken Altruisten [liegt folglich] in der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der seine Hilfe auch tatsächlich erwidert wird. Er läuft ständig in Gefahr, ausgebeutet zu werden, sei es, weil sich aus welchen Gründen auch immer, zu selten Gelegenheiten zur Reziprozität ergeben, oder sei es, weil einige ‚Betrüger’ es gerade darauf anlegen, dem Altruisten die Rückzahlung zu verwehren“ (VOLAND, 1993, S.86).
Individuen sollten daher Verhaltensweisen entwickelt haben, die der Entdeckung und Bestrafung von „Betrügern“ dienen. Hinweise derartiger psychologischer Mechanismen liegen in vielfältiger Weise vor (vgl. zur Übersicht DE VOS & ZEGGELINK, 1997; SOM- MER, 1994;VOLAND, 1993; BUSS, 2004). DE WAAL 7 (1989, 1997) beschreibt z.B. dass Schimpansen, die erfahrungsgemäß weniger bereit sind, ihr Futter zu teilen, von essenden Gruppenmitgliedern mit höherer Wahrscheinlichkeit aggressiv abgewiesen werden. Weitere Hinweise auf Strategien zur Förderung der Kooperation liefert die Spieltheorie, die einen Zweig der Mathematik darstellt, in dem der Erfolg verschiedener Strategien, die gegeneinander gespielt werden, formell modelliert wird (vgl. BUSS, 2004, S. 339). Das in der experimentellen Psychologie recht berühmte Gefangenendilemma 8 (Prisoner’s Dilemma, vgl. AXELROD, 2000) stellt eine Analogie der durch einen reziproken Altruisten, adaptiv zu lösenden Identifizierung und Bestrafung/Belohnung eines Partners dar. Den größten Gewinn haben Spieler, die nach der Strategie “Wie du mir, so ich dir (Tit-For-Tat)“ agieren. Nach AXELROD (2000) gibt es drei Erfolgsregeln: (1) Sei niemals der erste, der nicht kooperiert; (2) Übe nur Vergeltung, nachdem der andere nicht mehr kooperiert; (3) sei nicht nachtragend (vgl. auch BUSS, 2004, S.337ff.).
7 Homepage des Living Link Institutes von DE WAAL: http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/
8 Interaktive OnlineVersion des Spiels: http://www.iterated-prisoners-dilemma.net/ 18/104
1.1.5 PARENTALES INVESTMENT
TRIVERS definierte in seiner 1972 publizierten Theorie “Parental investment and sexual selection” Elterninvestment als „jegliches Investment durch den Elter in ein einzelnes Nachkommen, das die Überlebenswahrscheinlichkeit (und folglich den Reproduktionserfolg) dieses Nachkommen zu lasten der Fähigkeit des Elters erhöht, in andere Nachkommen zu investieren“ (1972, S. 139; zit. nach VOLAND, 1993, S. 193). Das Elterninvestment kann verschiedene Formen annehmen. Eltern wenden Zeit, Geld und Energie auf; außerdem sind sie häufig bereit, Risiken, wenn nicht gar ihr eigenes Leben zum Schutz ihrer Nachkommen einzusetzen. Dieses Verhalten hat natürlich hohe Kosten. Neben den Ressourcen und Risiken verzichten Eltern zumindest eine gewisse Zeit auf die Zeugung weiterer Kinder. Belohnt wird ihr Einsatz durch die erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen und die Weitergabe der eigenen Gene an die Enkelkinder. Die Auswirkungen des elterlichen Investments auf die Partnerwahl-und Bindungspräferenzen wird ausführlich im Kapitel 2 dargestellt.
1.1.6 ELTERN-KIND- & VERWANDTSCHAFTSKONFLIKTE
TRIVERS postulierte als logische Schlussfolgerung aus den Theorien der Gesamtfitness und des Elterninvestment eine Eltern-Kind-Auseinandersetzung, den so genannten Entwöhnungskonflikt (Parent-Offspring Conflict; TRIVERS, 1974). „Ein Säugetierweibchen sollte ihr Kind nur solange stillen, wie nicht das Nutzen/Kosten-Verhältnis dieses Handelns den Wert 1 unterschreitet, also mehr Einbuße als Reproduktionspotential erfordert, als es an Fitness bringt. Wenn dies mit zunehmendem Alter des Säuglings eintritt, sollte sie die Laktation beenden und stattdessen mit dem Investment in ein zweites Kind beginnen. [...] Das Kind hingegen sollte zunächst weiterhin auf das Investment bestehen. Erst wenn die Kosten doppelt so hoch werden wie der Nutzen, sollte es seine Forderungen einstellen. Wenn es nämlich dann immer noch Milch verlangt und damit die Produktion eines Vollgeschwisters verhindert, schadet es seiner indirekten Fitness mehr, als es seiner direkten Fitness nützt. Schließlich hat ja ein Vollgeschwister durch die gemeinsame Abstammung im Mittel die Hälfte der eigenen Gene mitbekommen und trägt seinerseits zu deren Verbreitung bei“ (VOLAND, 1993, S.250). Trivers Überlegungen haben zu zahlreichen Forschungsarbeiten geführt, die empirische Belege erbringen konnten (vgl. BUSS, 2004; VOLAND, 1993). Eltern und Kinder, bzw. Verwandte stehen untereinander in einer gewissen Form der Konkurrenz um die Höhe/Dauer der parentalen Investition, bzw. Gewinne in der Gesamtfitnessbilanz.
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1.1.7 KRITIK UND MISSVERSTÄNDNISSE
Die Evolutionstheorie ist wie jede andere Theorie mit Kritik konfrontiert. Neben äußerst berechtigten Einwänden, muss sie sich jedoch zu einem großen Teil
mit vollkommen unberechtigter Kritik beschäftigen, die häufig auf mangelnde Kenntnisse oder Unverständnis der evolutionstheoretischen Grundannahmen beruht. In diesem engen Rahmen einer Einführung in die Evolutionspsychologie sollen einige relevante, weit verbreitete Missverständnisse und berechtigte Kritikpunkte exemplarisch dargestellt werden. Auf die Auseinandersetzung mit dem zur Zeit in den Vereinigten Staaten erstaunlich erstarkendem Kreationismus, der auch unter dem Begriff „Intelligent Design“ bekannt ist, wird an dieser Stelle bewusst verzichtet, da dieser in der Bundesrepublik Deutschlandwenn überhaupt - eine absolute Minderheitenmeinung darstellt.
GENETISCHER DETERMINISMUS
Eines der gravierenden Vorurteile gegenüber der Evolutionstheorie ist die unterstellte Annahme eines genetischen Determinismus. Dieser besagt, dass Verhalten ausschließlich von den Genen gesteuert wird und Umwelteinflüsse wenig bis gar keine Rolle spielen. Große Teile des Widerstandes gegen die Anwendung der Evolutionstheorie auf das Verständnis des menschlichen Verhaltens (die evolutionäre Psychologie) begründen sich aus dieser Fehlannahme und werden häufig von Vertretern der Geisteswissenschaften vorgebracht.
„Ein Großteil der Einwände basiert auf einem falschen Verständnis von der Wirkweise der Gene, von denen fälschlicherweise angenommen wird, sie würden biologische Merkmale unabhängig von Umwelteinflüssen determinieren. Das ist nicht der Fall, denn die Phänotypen (einschl. der Verhaltensmerkmale) entstehen immer aus einer Wechsel-
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beziehung zwischen dem Genom und seiner Umgebung. Ontogenetische Abläufe werden genetisch kontrolliert, aber es bedarf einer passenden Umwelt, damit Entwick-lungsvorgänge zu biologisch funktionalen Ergebnissen führen. Ändern sich Gene oder Umwelt, kommt es zu veränderten Phänotypen. Genetisch identische Individuen können sich in verschiedenen Umwelten sehr unterschiedlich entwickeln, und umgekehrt können sich genetisch verschiedenartige Individuen in einer selben Umwelt gleichartig entwickeln. Ontogenese beruht auf Anlage/Umwelt-Interaktionen, und das Produkt- der Phänotypus - kann unmöglich in vermeintlich genetisch- bzw. umweltdeterminierte Anteile zerlegt werden“ (Voland, 1993, S.12).“
Ein recht extremes Beispiel für eine derartige Anlage/Umwelt-Interaktion stellt zum Beispiel die komplette Geschlechtsumkehr bei diversen Fisch- und Froscharten dar (vgl. WURMBACH, 1951). In Populationen kann es aufgrund von Weibchen- oder Männchenmangel zu einer kompletten Wandlung einiger Individuen kommen. Eine Umweltbedingung löst einen genetisch angelegten Mechanismus aus, der sich in einer gravierenden Änderung des Phänotypus und einer damit einhergehenden Verhaltensweise niederschlägt.
Dieses Beispiel kann im Sinne einer Analogie auf den Menschen übertragen werden. Evolutionspsychologisch betrachtet, sollte zum Beispiel ein Mann, der alleine unter vielen (heterosexuellen) Frauen lebt daher ein anderes Benehmen zeigen, als ein Mann, der im Wettstreit mit vielen anderen Männern um eine oder wenige Frauen werben muss. Auf sexuelle Eifersucht zurückzuführende Verhaltensweisen sollten im erstgenannten Fall eher selten zu beobachten sein, da die Anlage zu eifersüchtigem Verhalten - aufgrund der Umweltbedingungen - wahrscheinlich nicht „geweckt“ würde (vgl. Oubaid, 1997). Sobald in der ersten Situation ein weiterer Mann hinzukommen würde, sollte eifersüchtiges Verhalten auch häufiger zu beobachten sein.
Dieses monokausale Beispiel stellt selbstverständlich eine sehr stark vereinfachte, hypothetische Situation dar. In der Realität ist menschliches Verhalten sehr Komplex und wird zumeist von multiplen Faktoren mitbestimmt. Entscheidend ist jedoch, dass die evolutionäre Theorie (und die Disziplinen Soziobiologie und Evolutionspsychologie) von einer Anlage/Umwelt-Interaktion ausgeht.
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Arbeit zitieren:
Sascha Kern, 2006, Belege für eine evolutionär bedingte Partnerwahlpsychologie. Replizierungen im Rahmen der Sexual Strategies Theory (SST) von BUSS (1993) mit einer theoretischen Einführung in die Evolutionspsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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