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Strindberg schrieb das naturalistische Trauerspiel „Fräulein Julie“ im Juli / August 1888 auf Skovlyst, einem kleinen Schloss in der Nähe von Kopenhagen. Das Stück zählt zu den Klassikern moderner Beziehungsdramatik und thematisiert unter anderem den Kampf zwischen Mann und Frau, der zum Kampf mit sich selbst führt. Fräulein Julie, die Tochter eines Grafen, verbringt den Abend in der aufgepeitschten Atmosphäre der Mittsommernacht mit dem Diener ihres Vaters. Die beiden verstricken sich in eine bizarre Liebesgeschichte zwischen Freiheit und Sexualität, Macht und Ohnmacht. Sie suchen die Flucht nach außen und verirren sich im Inneren ihrer Gefühle und Wünsche. Am Ende bleibt - als scheinbar einzige Lösung - eine Tat der Verzweiflung.
Gleich zu Beginn des Einakters gibt Strindberg eine Charakterisierung Julies durch Jean, den Bediensteten ihres Vaters: „Heut abend ist Fräulein Julie wieder verrückt, komplett verrückt!“ 1 Der Leser bekommt hier seinen ersten Eindruck von dem Fräulein, und zwar aus Sicht eines Dieners. Strindberg lässt Julie an dieser Stelle gar nicht die Möglichkeit, sich selbst darzustellen, sondern prägt die Einstellung der Leser ihr gegenüber. Bevor Fräulein Julie die Möglichkeit gegeben wird, sich selbst darzustellen, beginnt Jean schon, ihre negativen Eigenschaften aufzuzeigen. Mit dem Wortspiel „So ist es eben, wenn die Herrschaften sich unters gemeine Volk mischen, dann werden sie gemein.“ 2 kommentiert er, wie Julie ein Tanzpaar auseinandergerissen hat, um mit dem Mann tanzen zu können. Dieses ganz und gar unfeine Verhalten macht sie vor ihrem Gefolge lächerlich. Auch wenn sie glaubt, von ihren Angestellten geliebt zu werden, lässt Strindberg des Öfteren bemerken, dass dem nicht so ist. So redet zum Beispiel ihre Ankleidedame mit der Köchin Kristin über die Figur ihrer Herrin, und das wohl nicht so ganz positiv: Als Jean von dem Körper Julies schwärmt, ist Kristins Antwort: „O ja, prahl nicht so! Ich hab gehört, was die Clara sagt, und die hilft ihr beim Ankleiden.“ Der Respekt vor der Herrschaft ist in diesem Fall völlig verloren gegangen, denn die Gefolgschaft unterhält sich untereinander ganz offen und ungeniert über so intime und delikate Themen wie die Figur Julies, die ja ihre Vorgesetzte ist. Aber auch an anderen Stellen des Trauerspiels kommt das Verhältnis zwischen Dienerschaft und deren Herren zum Vorschein, nämlich an einer der entscheidendsten Stellen des Stücks. Als Jean mit Julie in der Küche flirtet, nähern sich singend einige Leute. Julie, völlig naiv, erkennt die Lage nicht, und meint verblendet: “Ich kenne die Leute, und ich hab sie lieb, und
1 Siehe: August Strindberg: Fräulein Julie. Frankfurt am Main: Surhkamp Verlag 1961, S. 7
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sie mögen mich auch gern.“ 3 Wie wenig das stimmt, zeigt das „Spottlied“ 4 , dass sie singen. Und Jean sagt es noch einmal in aller Deutlichkeit: „Von denen werden sie nicht geliebt. Die nehmen ihr Essen, aber hinterher spucken sie aus.“ 5 Erst jetzt erkennt Julie ihr wirkliches Verhältnis zu ihrer Gefolgschaft, was sie eindeutig in ein naives Licht stellt. Sie ist nicht erfahren und reif genug zu verstehen, dass ein Diener, der auch als solcher behandelt wird, niemals ein wirklich freundschaftliches Verhältnis zu seinem Herren haben wird, sondern ihn im Gegenteil immer darum beneiden wird, etwas Besseres zu sein. Damit zeichnet Strindberg das Verhältnis Julie - Gefolgschaft kontrastiv. Julie hat eine hohe Meinung von ihren Angestellten, behauptet sogar, sie zu mögen (S. 30) und ist sich sicher, dass sich das auf Gegenseitigkeit beruht. Ganz im Gegensatz dazu spielen die Untergebenen Julie und der restlichen Herrschaft nur vor, an ihnen und ihrem Leben interessiert zu sein. Strindberg zeichnet seine Protagonistin damit sehr naiv und weltfremd. Julie lebt in der ihr vorgegaukelten Welt und ist nicht erfahren oder intelligent genug, diese kritisch zu hinterfragen und nach Ursachen für diese gespielte Freundlichkeit ihrer Dienerschaft zu suchen.
Genauso stellt Strindberg auch das Verhältnis zu Kristin, der Köchin und Verlobten Jeans dar. Voller Naivität sieht Julie in ihr ihre „Freundin“ 6 und denkt, dass sie bereit ist, ihr zu helfen: „Hilf mir, Kristin! Rette mich vor diesem Mann!“ 7 Gleichzeitig „eilt [sie] ihr entgegen und wirft sich in ihre Arme, als suche sie Schutz“ 8 . Das alles scheint auf ein sehr gutes, inniges Verhältnis der beiden hinzuweisen. Das dem aber ganz anders ist, erfährt der Leser durch die Äußerungen Kristins. Gleich zu Beginn des Stückes äußert sie ihre Meinung über das Fräulein: „Verrückt ist sie immer gewesen [...]“ 9 und auch im Laufe des Stückes spricht sie nicht ein einziges Mal positiv über ihre Vorgesetzte. Das führt sogar so weit, dass sie von Jean dazu ermahnt werden muss, „eine anständige Sprache [zu gebrauchen], wenn[sie von
ihrer] Vorgesetzten [spricht].“ 10 Auch als Julie völlig erschöpft „auf die Bank nieder [fällt]“ 11 kümmert Kristin sich nicht um sie, sondert wendet sich zu Jean und unterhält sich mit ihm, ohne auf die verzweifelte Julie zu achten. Und sie zeigt ihre Abneigung später auch noch
2 a.a.O., S. 10
3 a.a.O., S.30
4 ebd.
5 ebd.
6 a.a.O., S. 61
7 ebd.
8 ebd.
9 a.a.O., S. 7
10 a.a.O., S. 65
4
deutlicher, als Julie von ihr erfahren will, ob sie auch „die besondere Gnade Gottes“ 12 erhalten kann. Kristin nimmt ihr alle Hoffnung und lässt sie richtig spüren, dass sie keinerlei Interesse an ihr und ihrem Schicksal hat. Im Gegenteil scheint sie es zu genießen, dass ein Reicher in eine derartige Situation gerät. Sie sieht sich damit in ihrer Position gestärkt, da sie „immer genügend Achtung“ 13 vor sich selbst gehabt hat und sie, als „Köchin des Grafen [nie
etwas] mit dem Stallburschen oder dem Schweinehirten gehabt hat.“ 14 Sie sieht Julie nicht mehr richtig als ihre Vorgesetzte an, sondern als Mensch, der sich selbst erniedrigt hat und somit keine Achtung mehr verdient. Deshalb trifft sie die Entscheidung zu kündigen: „Nein, in so einem Haus will ich wirklich nicht länger bleiben, wo man keinen Respekt mehr vor seiner Herrschaft haben kann.“ 15 Auf alle Zuneigung, die Julie ihr entgegenbringt und versucht, sich ihr gegenüber freundlich zu verhalten, reagiert Kristin entweder überhaupt nicht, und wenn, dann nur mit Ablehnung. Als Julie sie davon überzeugt, mit auf die Reise zu kommen, und Kristin „umarmt“ 16 und „streichelt“ 17 , verhält sich die Köchin nur „kalt und nachdenklich“ 18 . Trotz all dieser Ablehnung dem Fräulein gegenüber zeigt sie aber auch Anteilnahme an deren Situation und der Leser hat das Gefühl, dass sie sie sogar bemitleidet. Sie spricht sogar von dem „arme[n] Mädchen“ 19 und in einer anderen Passage redet sie wie in Gedanken: „Das Fräulein, das immer so stolz war und so abweisend gegen Männer, daß man nie geglaubt hätte, sie könnte auf solche Abwege geraten [...]“ 20 . In dieser Situation zeigt sie schon Anteilnahme an dem Schicksal der jungen Frau. Aber im Großen und Ganzen ist ihr Verhältnis zu ihr nicht das Beste, auch, wenn Julie wieder naiv daran glauben will, in ihr eine „Freundin“ 21 zu haben. Auch hier zeichnet Strindberg wieder ein widersprüchliches Bild von den Verhältnissen zwischen dem Fräulein und ihrer Untergebenen. Julie sieht alles verklärt und einfältig, und glaubt, nicht nur eine Dienerin, sondern auch eine Vertraute in ihrer Köchin zu haben. Diese dagegen scheint sich - wie die anderen Untergeben auch - nicht für Julie und ihre Probleme zu interessieren, sondern erfüllt einzig und allein ihre Pflicht als Köchin.
11 a.a.O., S. 64
12 a.a.O., S. 66
13 a.a.O., S. 65
14 ebd.
15 a.a.O., S. 54
16 a.a.O., S. 62
17 ebd.
18 ebd.
19 a.a.O., S:54
20 a.a.O., S. 55
21 a.a.O., S.61
5
Die Ausnahme in der Dienerschaft stellt Jean, der Diener des Grafen dar. Er ist der einzige, der sich näher mit Fräulein Julie beschäftigt und sich auch für sie zu interessieren scheint. Schon zu Beginn des Stückes demonstriert er sein besonderes Verhältnis zu der Grafentochter. Er berichtet Kristin von dem Tanz, den Julie mit dem Waldhüter angeführt hat und zu dem er dann auch gestoßen ist. Stolz erklärt er: „Kaum hat sie mich entdeckt, stürzt sie auf mich los und fordert mich auf zum Damenwalzer.“ 22 Auch macht er keinen Hehl daraus, dass ihm das adelige Fräulein gefällt: „ein Weibsbild ist das! Prachtvoll! Ah, diese Schultern, und dann, na und so weiter.“ 23 Allerdings zeigt er auch ganz klar, dass diese Anziehung rein körperlicher Natur und nur auf Äußerlichkeiten ausgelegt ist. Er findet, das Fräulein habe keine „Finesse“ 24 und gebe „nicht acht auf sich und ihre Person“ 25 . Er vergleicht sie mit der Frau des Grafen, die zwar nach außen immer die vornehme Gräfin darstellen wollte, eigentlich aber nie richtig sauber und adrett war. Dennoch versucht er, sobald Julie sich in die Küche begibt, all seinen Charme aufzubieten. Er benimmt sich ihr gegenüber „galant“ 26 und flirtet mit ihr, indem er sie auf den guten Duft ihres Taschentuches und die „Zaubersuppe“ 27 anspricht, die Kristin für das Fräulein vorbereitet. Aber auch Julie scheint großen Gefallen an ihm zu finden, denn sie fordert ihn, nachdem sie ja schon den Damenwalzer mit ihm getanzt hat, nun auch noch zu einem „Schottischen“ 28 auf. Trotz aller Warnungen von Jean, die Leute könnten etwas Falsches denken, besteht Julie darauf, auch den zweiten Tanz mit ihm zu verbringen. Dabei möchte sie, dass er es nicht als Befehl ansieht, sondern aus freien Stücken mit ihr tanzen möchte. Gleichzeitig stellt sie sich als „Herrin des Hauses“ 29 dar und erklärt: „...und wenn ich nun mal tanzen will, dann will ich mit einem tanzen, der auch führen kann, so daß ich mich nicht lächerlich mache“ 30 . Wie sehr Julie von Jean angezogen ist, zeigt Strindberg immer wieder. Kurz nachdem der Tanz beendet und Jean zu seiner Verlobten in die Küche zurückgekehrt ist, der er den nächsten Tanz versprochen hat, ist Julie wieder zu Ort und Stelle und beschwert sich, dass ihr ihr „Kavalier“ 31 davongelaufen sei. Auch als Jean kurz darauf auf ihren Befehl hin in einem schwarzen Gehrock erscheint, lässt sie es sich nicht nehmen, ihm auf französisch Komplimente zu machen. Ihre Begeisterung steigert sich noch,
22 a.a.O., S.7
23 a.a.O., S.10
24 ebd.
25 ebd.
26 a.a.O., S.11
27 ebd.
28 ebd.
29 a.a.O., S.12
30 ebd.
31 a.a.O., S.14
Arbeit zitieren:
MA Katrin Denise Hee, 1999, August Strindberg: Fräulein Julie - Porträt der Protagonistin, München, GRIN Verlag GmbH
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