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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. „Der Besuch der alten Dame“ - Hintergründe 4
2.1 Entstehungshintergrund 4
2.2 Aufführung und Rezeption 4
3. Claire Zachanassian - Personendarstellung 5
3.1 Äußeres Erscheinungsbild 5
3.2 Charakteristische Eigenschaften 6
3.3 Verkörperung von Handlungsfunktionen 9
3.4 Namenssymbolik 9
3.5 Mythologische Anspielungen 10
3.5.1 Medea 10
3.5.2 Lais 10
3.5.3 Klotho 11
3.6 Claire Zachanassians Requisite - Dienerschaft und Gepäck 11
3.6.1 Die Personen im Gefolge der alten Dame 11
3.6.1.1 Die Gatten VIII-IX 11
3.6.1.2 Boby: Akademiker - Oberrichter - Butler 11
3.6.1.3 Toby und Roby: Gangster - Todeskandidaten - Sänftenträger 12
3.6.1.4 Koby und Loby - Die blinden Kastraten 12
3.6.1.5 Der schwarze Panther 12
3.6.2 Die mitgebrachten Utensilien 13
4. Claire Zachanassian - Das Groteske in persona ? 13
4.1 Das Groteske - Versuch einer Standortbestimmung 13
4.2 Definitionsversuch 14
4.3 Aspekte des Grotesken bei Claire Zachanassian 15
4.3.1 Die wesentlichen Unterschiede sind verwischt 15
4.3.2 „Plötzlichkeit, das überraschende Moment,
der Einfall in anderer Bedeutung“ 16
5. Fazit 16
6. Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Als „formale Mittelpunktsfigur des Dramas“ 1 wird sie beschrieben und als „groteske Zentralfigur des Stückes“ 2 : Claire Zachanassian aus Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ 3 . Andere, wie zum Beispiel Elisabeth Brock-Sulzer meinen, „Claire Zachanassian ist der Katalysator dieses Dramas - kaum mehr.“ 4
Diese gegensätzlichen Aussagen sollen der vorliegenden Hausarbeit als Ansätze dienen. Es soll geklärt werden, wie Claire Zachanassian im Rahmen des Stückes dargestellt wird und welche Rolle ihr darin zukommt. Dabei soll folgendermaßen vorgegangen werden: Da die Entstehungszeit relevant für das Textverständnis ist, erfolgt zuerst ein kurzer Überblick zu Genese und Rezeption des gesamten Stückes. Danach kann sich der Figur formal genähert und die Mittel der Personendarstellung geklärt werden. In diesen Kontext gehört, auf das Groteske als Stilmittel der Figurencharakterisierung einzugehen. Dies wird in einem gesonderten Kapitel geschehen. Ein Fazit darüber, in welchem Maße die eingangs gestellten Fragen nach dem Formalen und dem Grotesken der alten Dame beantwortet werden konnten und welche Sichtweisen ausgeklammert werden mussten, soll die Arbeit zusammenfassend abschließen.
Zur Auswahl des Themas haben den Verfasser drei Gründe bewogen. Zum einen das Interesse an der Dramentheorie des Schweizer Autors, zum anderen das Anliegen, den Begriff „grotesk“ näher zu untersuchen und letztendlich, eine weibliche Dramengestalt zu fokussieren, da im Rahmen des Seminars der Hauptakzent auf die Rolle der Frau im Drama gelegt wurde.
1 Müller, Rolf: Komödie im Atomzeitalter. Gestaltung und Funktion des Komischen bei Friedrich
Dürrenmatt. Frankfurt / Main, Bern, New York, Paris: Lang 1988. S.96.
2 Ebd.
3 Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie. In: Friedrich
Dürrenmatt: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Band 1: Stücke. Zürich: Diogenes 1991a. S.571-
696.
4 Brock-Sulzer, Elisabeth: Friedrich Dürrenmatt. Stationen seines Lebens. Mit Fotos, Zeichnungen,
Faksimiles. Zürich: Diogenes 1986. S.80.
4
2. „Der Besuch der alten Dame“ - Hintergründe
2.1 Entstehungshintergrund
Auf die Notwendigkeit, das Entstehungsdatum mit in den Blickpunkt zu rücken, verweist Rolf Müller. Ausschlaggebend seien dabei „die 'Stimmung' und die Bewußtseinslage dieser unmittelbaren Nachkriegszeit und die neue universale Angst vor einer Katastrophe unfaßbaren, existenzvernichtenden Ausmaßes“, ebenso „wie die Hoffnungen auf vernünftige Lösung der Weltprobleme und in eine menschenwürdige Zukunft dank der neuen Techniken und wissenschaftlichen Erkenntnisse“ 5 . Diese neue Angst bezieht sich hauptsächlich auf die „Problematik der zeitgenössischen atomaren Bedrohung“ 6 .
Die Entstehung von Dürrenmatts Drama fällt zudem in die zweite Phase des Schweizer Wirtschaftswunders und die Jahre der Hochkonjunktur 1952 bis 1958. 7 Die Verlockungen des geld- und wohlstandbringenden Marshallplanes und der „Kreditoptimismus von Amerikanern“ 8 führen zum einen zu einer wirtschaftlichen Erholung, zum anderen aber wird der neue Aufschwung mit unverantwortlichen Mitteln erkauft. Die Verkümmerung der Menschen, eine Skrupellosigkeit im Zusammenleben, sowie die Abwehr jeglicher Verantwortlichkeit im gesellschaftlichen Bereich, wären dabei ebenso zu nennen, wie eine kleinbürgerlich verlogene Moral und der konsumorientierte Lebensstil bei gleichzeitigem Vergessen beziehungsweise Verdrängen des Faschismus. 9
Die radikale Infragestellung der bestehenden Verhältnisse in der westlichen Gesellschaft steht bei Friedrich Dürrenmatt im Vordergrund, besonders im „Besuch der alten Dame“ wird dies deutlich.
2.2 Aufführung und Rezeption
Das Drama entsteht 1955 aus dem damals unveröffentlichten Prosatext „Mondfinsternis“ 10 und einer passenden Bühnenidee, ohne die der Dramatiker das
5 Müller 1988: S.26.
6 Ebd.: S.31.
7 Vgl. Knapp, Gerhart P.: Friedrich Dürrenmatt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart,
Weimar: Metzler 1993. S.84.
8 Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie. In: Friedrich Dürrenmatt:
Werksausgabe in 30 Bänden. Band 5. Zürich: Diogenes 1985. Anmerkungen S.143.
9 Vgl. Knopf, Jan: Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Berlin: Hentschelverlag Kunst und
Gesellschaft 1987. S.73.
10 Dürrenmatt, Friedrich: Mondfinsternis. In: Friedrich Dürrenmatt. Gesammelte Werke in sieben
Bänden. Band 6: Stoffe I-IX. Zusammenhänge. Zürich: Diogenes 1991b. S. 209.
5
Stück nach eigener Schilderung nicht geschrieben hätte. 11 Am 29. Januar 1956 wird „Der Besuch der alten Dame“ im Schauspielhaus Zürich mit großem Erfolg uraufgeführt und bald auch - ebenso beachtet - international präsentiert. 12 Man könnte es als Ironie verstehen, dass der größte Zuspruch dabei von eben der gesellschaftlichen Schicht kam, die mittels des Stücks kritisiert werden sollte. 13 Der vorgesehene Untertitel „Komödie der Hochkonjunktur“, der bereits recht offensichtlich politische und wirtschaftliche Andeutungen über die Entwicklung des Lebensstandards der Nachkriegszeit Europas gibt, wird von Dürrenmatt rasch verworfen und durch „Eine tragische Komödie“ ersetzt, wobei der künstlerische Aspekt jetzt mehr als der gesellschaftliche in den Vordergrund gerückt wird. 14 Dass sich ein „schlimmes Geschehen“ unter dem Deckmantel einer „scheinbar angenehmen Situationsbezeichnung“ versteckt, sieht Asmuth als beliebtes Mittel der Titelgebung bei neueren Stücken. 15 Im Gegensatz zu den anderen Werken des Autors bleibt dieses Stück nahezu unverändert, auch wenn Jan Knopf bedauert, dass „Der Besuch der alten Dame“ in Dürrenmatts Neuausgabe 16 sich nicht an der Weiterentwicklung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts orientiert habe. 17
3. Claire Zachanassian - Personendarstellung
Die Kriterien der Figurendarstellung von Claire Zachanassian werden im folgenden Abschnitt eingehender betrachtet. 18
3.1 Äußeres Erscheinungsbild
Bei ihrer Ankunft in Güllen wird im Nebentext beschrieben, wie die alte Dame erscheint: „zweiundsechzig, rothaarig, Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wieder eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.“ 19 Ist Claire mit einem edelsteinbesetzten Lorgnon sehr gut als etwas antiquiert vorstellbar, wirkt ihre Leidenschaft für Zigarren
11 Vgl. Ebd.: S. 217.
12 Vgl. Knapp 1993: S. 83.
13 Vgl. Knopf 1987: S. 83.
14 Vgl. Ebd.: S. 94.
15 Vgl. Asmuth, Bernhard: Einführung in die Dramenanalyse. 5., aktualisierte Auflage. Stuttgart,
Weimar: Metzler 1997. S.20.
16 Vgl. Dürrenmatt 1985.
17 Vgl. Knopf 1987: S. 74.
18 Die Gliederung dieses Absatzes orientiert sich grob an Asmuth, B.: Dramenanalyse. Kapitel VII.
19 Dürrenmatt 1991a: S. 583 / 584.
6
seltsam irritierend. Anders, als Ill sie in Erinnerung hat, „mit wehenden roten Haaren, biegsam, gertenschlank, zart, eine verteufelt schöne Hexe“ 20 , stellt sie nun selbst fest: „Auch ich bin alt geworden und fett.“ 21 Dazu scheint sie ihre wichtigsten Körperteile durch diverse Unfälle verloren zu haben und wurde „von den Messern der Chirurgen zerfleischt“ 22 . Sie ist sich sicher: „Bin nicht umzubringen.“ 23 So wirkt sie als „wandelndes Ersatzteillager, dessen wesentliche Teile durch künstliche Prothesen ihren menschlich-organischen Charakter verloren haben“ 24 - als konstruiertes „Kunstprodukt“ 25 , welches beinahe „statisch“ 26 auf dem Hotelbalkon thront und auf das Güllener Geschehen herabsieht. „Wie ein Karussell, fast wie ein Totentanz, drehen sich die Ereignisse um den Balkon, auf dem Claire Zachanassian mit sicherer Ruhe auf die unfehlbare Erfüllung ihres Verlangens wartet.“ 27 Man kann sie sich dabei als „eine jener berühmten Schauspielerinnen von anno dazumal“ vorstellen, „die in ihrer ehemaligen Kunst völlig versteinert und nur noch spektakuläre Plagiate ihrer selbst sind. Die Versteinerung ihrer Kunst entspräche dann der Versteinerung, die die Seele der Claire Zachanassian erlitten hat.“ 28
3.2 Charakteristische Eigenschaften
Sie war siebzehn Jahre alt und schwanger. Nach der gescheiterten Vaterschaftsklage verließ sie die Stadt. „Gewiß, Claire Zachanassian, damals Klara Wäscher, hätte in Güllen auch Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterin werden können. Daß sie aber nach Hamburg fuhr und eine Dirne wurde, charakterisiert sie: Der Grund liegt in ihrem Charakter.“ 29 Später wird sie vom „alten Zachanassian mit seinen Milliarden aus Armenien“ 30 geheiratet. Aus diesen Schicksalsschlägen resultiert ihr Wesenswandel, den sie selbst im Gespräch mit Ill auf den Punkt bringt: „Und ich bin die Hölle geworden.“ 31 Die Bestechung des Zugführers bei ihrer „Ankunft“ in Güllen demonstriert einen wesentlichen Teil ihres Charakters, eine
20 Ebd.: S. 580.
21 Ebd.: S. 588.
22 Ebd.: S. 611.
23 Ebd.: S. 602.
24 Müller 1988: S. 97.
25 Knopf 1987: S. 76.
26 Ebd.
27 Über Friedrich Dürrenmatt. Hrsg. von Daniel Keel. 4., verbesserte und erweiterte Auflage. Zürich:
Diogenes 1990. S. 159.
28 Brock-Sulzer 1986: S. 80.
29 Dürrenmatt, Friedrich: Sätze über das Theater. In: Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe in 29
Bänden. Band 24: Essays, Gedichte und Reden. Zürich: Verlag der Arche 1980. S. 199.
30 Dürrenmatt 1991a: S. 599.
31 Ebd.: S. 600.
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Thomas Schiller, 2003, Die Figur Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie "Der Besuch der alten Dame" - Unter Berücksichtigung des Grotesken, München, GRIN Verlag GmbH
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