Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 2
1. Lemberg bis 1772. 2
2. Lemberg unter den Habsburgern. 3
3. Krieg und Bürgerkrieg. 6
4. Erinnerungskultur und städtische Öffentlichkeiten. 8
Schlu ß. 11
Literaturverzeichnis. 13
1
Einleitung
Lemberg, Lwów, L`viv - zu allen Zeiten wurde die Stadt, von der hier die Rede sein soll, von Einwohnern und Belagerern, von Händlern und Reisenden, Herrschern und Beherrschten mit jeweils eigenen Namen bedacht. Ich habe mich im Rahmen dieses Aufsatzes für die durchgehende Verwendung des deutschen Namens Lemberg entschieden, da mir dieser im Gegensatz zum polnischen Lwów oder ukrainischen L`viv neutraler erschien und einer eventuellen Parteinahme im Konflikt, um den es hier gehen soll, vorbeugt. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der Stadt bis 1772 und unter den Habsburgern bis 1914, wende ich mich dem polnisch-ukrainischen Kampf um Lemberg im Herbst 1918 zu, um dann mein Augenmerk auf die verschiedenen Erinnerungskulturen und städtischen Öffentlichkeiten der Zwischenkriegszeit zu legen, die ich anhand zweier Thesen von Christoph MICK und von Anna Veronika WENDLAND beleuchten möchte. MICK behandelt Lemberg als Fallbeispiel für Totengedenken und die Konstruktion nationaler Identitäten über Totenkult und Kriegsdeutung, die sich in osteuropäischen Staaten komplizierter als in westeuropäischen vollziehen würden, da „ethnische und religiöse Konflikte die Leistungsfähigkeit herkömmlicher Symbole überforderte(n)“ 1 . In enger Verbindung dazu steht WENDLANDS These von Lemberg als einer Stadt mit nationalisierten, „durch ethnisch-konfessionelle Identitätskonstrukte vorstrukturierte(n), teilweise voneinander abgeschottete(n) Teilöffentlichkeiten“ 2 .
Am Schluß soll ein kurzer Ausblick auf zweiten Weltkrieg und Entwicklung bis zur Gegenwart stehen.
1. Lemberg bis 1772
Lemberg wurde um 1250 als Bollwerk gegen die Mongolen von dem ruthenischen Fürsten Danylo Romanovyč gegründet, der gerade die Fürstentümer Volhynien und Halyč unter seiner Herrschaft vereinigt hatte. Schon früh erfolgte, bedingt durch die günstige Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsstraßen und gefördert durch ruthenische Fürsten, die Ansiedlung von Deutschen, Italienern, Griechen, Polen, Armeniern, Juden, Tataren u.a. 3 .
1 Mick: 189.
2 Wendland 2002: 150.
3 Isabel Roeskau-Rydel, „Die Stadt der verwischten Grenzen“. Die Geschichte Lembergs von der Gründung bis
zur ersten Teilung Polen (1772), in Fäßler u.a.: 18-20.
2
Diese Entwicklung verstärkte sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Stadt unter König Kazimierz III dem polnischen Königreich einverleibt wurde und da für die folgenden 400 Jahre auch verbleiben sollte. Häufig wurde von polnischer Seite dieser Zeitpunkt als zweite, eigentliche und wichtigere Gründung Lembergs gesehen, das seit damals stets seinen dezidiert polnischen Charakter bewahrt hätte und niemals Zweifel an seiner Zugehörigkeit zu Polen hat aufkommen lassen 4 .
Unter der Herrschaft Kazimierz erlebte die Stadt einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung, begünstigt durch das 1356 verliehene Magdeburger Stadtrecht, das Lemberg bedeutende Privilegien sicherte.
In den folgenden Jahrhunderten begründete sich der Mythos Lembergs als Bollwerk der westlichen (in diesem Falle polnisch-litauischen) Zivilisation und des Christentums gegen barbarische Horden jeglicher Couleur aus dem Osten. Die Stadt war periodisch wiederkehrenden Belagerungen durch Tataren, Kosaken, Türken u.a. ausgesetzt, denen es aber nicht gelang, Lemberg einzunehmen, und von denen sich die Einwohner häufig durch Zahlung hoher Summen befreien mußten 5 .
Diese Lösegeldzahlungen trugen (neben den neuen Seehandelswegen) nicht unwesentlich zum allgemeinen Niedergang Lembergs im 18. Jahrhundert bei, ebenso wie 1704 die Einnahme und Plünderung durch die Schweden 6 .
1772 schließlich wurde die Stadt im Rahmen der ersten Teilung Polens dem Habsburger Reich einverleibt und zur Hauptstadt des neu gebildeten Kronlandes Galizien und Lodomerien erkoren 7 .
2. Lemberg unter den Habsburgern
Nach Jahrzehnten des Niedergangs erlebte Lemberg unter der kaiserlich-königlichen Herrschaft einen neuen Aufschwung, sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht, einhergehend mit der Umwandlung in eine austro-deutsche Stadt mit österreichischungarischer Beamtenschaft und deutsch als offizieller Amts- und Unterrichtssprache. Konflikte in dieser Zeit (z.B. 1848) spielten sich vor allem zwischen den Einwohnern (Polen, Ruthenen und Juden gleichermaßen) auf der einen und der neoabsolutistischen Zentralre-
4 z.B.Bailly: 10.
5 Roeskau-Rydel: 22.
6 Ebd.: 26.
7 Ebd.: 40.
3
gierung auf der anderen Seite ab. Der deutsch-polnische Gegensatz spielte eine wichtigere Rolle als ethno-religiöse Zuordnungen 8 .
Im Zuge verschiedener Reformen und Umstrukturierungen der Habsburger Monarchie, erlangten Galizien und dessen Hauptstadt seit 1867 einen autonomen Status mit umfangreichen Selbstverwaltungsrechten und Vorherrschaft der polnischen Bürgerschaft und des Adels. War das Erscheinungsbild Lembergs bis dahin austro-deutsch dominiert, so erfolgte nun ein allmählicher „Polonisierungsprozeß“ der vor allem von konservativen ostgalizischen Gutsbesitzern und polnischen Nationaldemokraten getragen wurde und der sich in den 1880er/90er Jahren noch verstärkte 9 .
Polnisch verdrängte Deutsch als Amts-, Bildungs- und Umgangssprache, Straßen und Plätze wurden polnisch umbenannt, Denkmäler für polnische Helden, Dichter und Politiker errichtet 10 . Polen stellten die geistige und wirtschaftliche Elite der Stadt und verschafften Lemberg den Ruf der kulturellen Hauptstadt aller drei Teile des getrennten Polens 11 . Landtag, Universität und öffentliche Ämter waren polnisch dominiert, der Gouverneur meist ein Pole. Auch die jüdischen Eliten strebten nun nicht mehr die Assimilation ans Deutschtum an, sondern wurden, wie auch ein großer Teil der Deutschen in Lemberg selbst, „polonisiert“ 12 . Demgegenüber erwuchs aus dem ins Abseits gedrängten ruthenischen Bevölkerungsteil seit den 1870er Jahren eine ruthenisch-ukrainische Nationalbewegung, die zu Beginn hauptsächlich von der griechisch-katholischen (unierten) Kirche, der die meisten Ruthenen anhingen und über die sie sich als Ruthenen definierten, getragen wurde, aber auch zunehmend unter der ruthenischen Intelligenz Fuß faßte 13 . Russophile (im Rahmen panslawistischer Ideen einen Anschluß an Rußland anstrebende) und ukrainophile oder nationalpopulistische (einen eigenen ukrainischen Staat propagierende) Gruppen schufen sich ethnische Enklaven, wie z.B. 1864 das „Narodni Dom“, die Shevchenko-Gesellschaft, eine eigene Bank und Versicherungsgesellschaft, ein ruthenisches Nationalmuseum, eigene Cafes usw. Lemberg war keine ukrainische Stadt, aber die „Hauptstadt der ukrainischen sozialen Mobilisierung“ mit zahlreichen Institutionen und Sitz des griechisch-katholischen Metropoliten 14 . Das „nationale Erwachen“ der Ruthenen erfolgte dabei hauptsächlich über Bildungsarbeit auf dem Land
8 Binder: 69.
9 Mick: 191.
10 Binder: 66.
11 Mick: 191.
12 Binder: 66; Mick: 192.
13 Mick: 192.
14 Wendland 2002: 153.
4
Arbeit zitieren:
Kay Ramminger, 2004, Kriegserinnerungen und Teilöffentlichkeiten. Nationale Konflikte im Lemberg der Zwischenkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit, 22 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Kay Ramminger hat den Text Kriegserinnerungen und Teilöffentlichkeiten. Nationale Konflikte im Lemberg der Zwischenkriegszeit veröffentlicht
Kay Ramminger hat einen neuen Text hochgeladen
Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa?
Die Balkankriege und die öffen...
Florian Keisinger
0 Kommentare