Das Selbstmordattentat
Genese, religiöse Motivation und Publizität.
2
Inhaltsverzeichnis
1. Erkenntnisinteresse
2. Genese und religiöse Motivation des
Selbstmordattentats von den
Assassinen zu den Attentätern des
11. September
3. Publizität des Selbstmordattentats
die symbiotische Beziehung zwischen
Terroristen und Medien
4. Quellen Literatur
5. Anhang: Militante Gruppen mit
Selbstmordkommandos im Überblick
3
1. Erkenntnisinteresse
In den letzten 20 Jahren haben 17 Gruppierungen aus nicht weniger als 14 verschiedenen Ländern der Welt auf die eine oder andere Weise das Instrument des Selbst- mordattentats eingesetzt. Sie haben rund 400 Operatio- nen durchgeführt, bei denen über 5000 Menschen getötet, weiter etwa 20000 Menschen verletzt worden sind und ein beträchtlicher wirtschaftlicher Schaden entstanden ist. 1 Kaum ein Tag vergeht an dem wir in den Medien nicht von neuerlichen Selbstmordanschlägen erfahren. Mal ist es Irak, mal Israel, aber immer öfter sind auch Orte betrof- fen, die auf der Weltkarte einst als frei von sich selbst op- fernden Terror und politischer Gewalt bezeichnet werden durften.
Spätestens seit den Anschlägen von New York und Wa- shington im Herbst 2001 ist das Phänomen des Selbst- mordattentats reger Inhalt der westlichen Medien, des wissenschaftlichen Diskurses und der öffentlichen Diskus- sion. Das Datum markiert weiterhin eine Zäsur des inter- nationalen Terrorismus hin zu einem transnationalen Ter- rorismus 2 .
Keine High-Tech-Armeen mit Atomwaffen waren nötig, um die Anfangskatastrophe des 21. Jahrhunderts zu be- wirken, sondern bloß 19 junge, religiös fehlgeleitete, Män- ner mit Teppichmessern. Die Tatsache, dass Attentäter die Türme von Manhattan und das Pentagon angegriffen hatten, war für viele Beobachter ein Schock, besonders nachdem bekannt wurde, dass es sich bei den Attentätern nicht um gescheiterte Persönlichkeiten aus ärmlichsten Verhältnissen handelte, sondern teilweise um studierte und dem Mittelstand angehörige Mitglieder unserer – der westlichen - Gesellschaft.
Das Ausmaß der Zerstörung, welche die Attentate vom
11. September 2001 anrichteten, haben islamistische Ter-
roristen bisher nicht wieder erreicht, doch dafür hat die Methode der Männer um Mohammed Atta Karriere ge- macht, denn auch nach dieser Zäsur haben wir es immer wieder mit großen Anschlägen zu tun bekommen, wenn
1
Vgl. Kümmel, Gerhardt: Das Lächeln der Freude - Selbstmordatten- tate als Selbstopfer, in: IFDT, Nr. 1/2004, S. 1.
2
Zum Wandel vom internationalen zum transnationalen Terrorismus vgl.: Schneckener, Ullrich: Netzwerke des Terrors. Charakter und Strukturen des transnationalen Terrorismus, in: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), S 42/02.
4
auch nicht mit weiteren entführten Flugzeugen, so doch mit ähnlicher tödlicher Effizienz.
Djerba, Karatschi, Mombasa, Riad, Casablanca, Kabul – das sind seit den Anschlägen in den USA nur einige Tator- te auf der Karte des Terrors. Diese waren offenbar darauf ausgerichtet, hohe Opferzahlen zu generieren und alle nutzten hierfür das Mittel des Selbstmordattentats. 3 In den letzten Monaten wurde aber besonders Irak immer und immer wieder durch Autobomben erschüttert. Am Steuer des Unglücksfahrzeugs saß meist ein Mann, der bereit war, für diese Mission sein Leben zu opfern. Aber auch Frauen werden immer öfter für Himmelfahrtskom- mandos vorgesehen und erfüllen diese auf ebenso über- zeugende und erschreckende Weise, wie der Anschlag von Tschetschenen auf die Moskauer Oper im Oktober 2002 zeigte.
Das Selbstmordattentat als postmoderne und globalisierte Waffe will nicht so recht von Menschen der westlichen Welt begriffen werden, egal wie viele Artikel auch immer sich um eine Annäherung an das Phänomen bemühen. Es steht heute mehr als je zuvor in der Geschichte als sinnbildliche, ultimative Macht der Ohnmächtigen. 4 Der Wille oder die Bereitschaft, sich für eine bestimmte „Sache“, für eine bestimmte Idee oder ein übergeordnetes Ziel zu opfern, ist den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa seit den vernichtenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert zu Recht verloren gegangen. Ein Glück, muss man sagen, aber gerade diese Tatsache macht ein Ver- stehen der jüngsten Terrorakte in New York, Beslan, Bali, Djerba, Istanbul, Madrid oder London, welche nur die me- dienwirksamsten Beispiele für brutale Attentate in unserer Zeit sind, kaum möglich. Auch wenn nicht in allen Fällen ein Selbstmordattentat für den unmittelbaren Anschlag vorgesehen war (z.B. London, Madrid), waren die Täter doch in allen Fällen dazu bereit, ihr Leben für „ihre“ Missi- on zu opfern. Sie begingen das Attentat mit der Gewiss- heit, bei Erfüllung der gestellten Aufgabe sterben zu kön- nen. Und sie taten es aus tiefster Überzeugung und mit Stolz erfüllt.
Den eigentlichen „Kulturschock“ erleidet der Westen da- her nicht durch die Morde der Attentäter als solche, son- dern durch den radikal verstörenden Umstand, dass der Vernichtungswille dieses Feindes offenbar über den eige-
3
Vgl. Schneckener, Ullrich: Selbstmordanschläge als Mittel asymmet- rischer Kriegsführung, in: SWP- Aktuell 27, Juli 2003, S. 1.
4
Vgl. Bittner, Jochen: Jung, rebellisch, explosiv, in: Die Zeit vom 21. Juli 2005, S. 8.
5
nen Lebenstrieb triumphiert, dass er für den Untergang seines Gegners offenbar jeden Preis zu zahlen bereit ist. 5
Der Aufsatz soll das wieder „in Mode“ gekommene Phä- nomen des Selbstmordattentats punktuell beleuchten. Steht im nächsten Kapitel vor allem die kurze Betrachtung der geschichtlichen Herkunft im Zentrum, welche mit dem Schwerpunkt der Analyse des religiöse motivierten, radi- kal islamistischen Selbstmordattentats unserer Zeit endet, schließt der Aufsatz im Kapitel 3 mit einer Untersuchung der Publizität der Selbstmordstrategie terroristischer Ver- einigungen.
In den Medien waren zahlreiche Stimmen zu hören, die den Islam insgesamt brandmarkten und dieser Religion die Verantwortung für das grausame Verhalten der mus- limischen Terroristen gaben. 6 Auch diesem Vorurteil soll der Aufsatz entgegenwirken.
Im Anhang findet der Leser eine Übersicht militanter Gruppierungen mit Selbstmordkommandos.
2. Genese und religiöse Motivation
des Selbstmordattentats – von den
Beim Phänomen des Selbstmordattentats kann ein religiö- ser aber auch ein faktischer Link unterschieden werden. Viele terroristische Gruppen in Vergangenheit und Ge- genwart weisen, hauptsächlich bedingt durch die Konfes- sion ihrer Mitglieder, eine starke religiöse Komponente auf. Für sie überragt die religiöse Motivation alles Übrige, und tatsächlich stellt das religiöse „Gebot“ zu terroristi- schen Handeln die wichtigste Besonderheit des aktuellen Terrorismus dar. Religion und Terrorismus haben eine
5
Vgl. Jongen, Marc: Bluthochzeit mit Gott, in: Der Tagesspiegel vom 30. Juli 2005, S. 23.
6
So findet der „Clash Of Civilizations“, der Kampf der Kulturen, den der Autor Samuel P. Huntington in seinem gleichnamigen Buch be- schwört, in erster Linie in den Feuilletons der Zeitungen von New York bis Islamabad statt.
6
lange gemeinsame Geschichte. Der religiöse Terrorismus erfasst seit den 80er Jahren Elemente alle wichtigen Welt- religionen und in manchen Fällen auch kleinere Sekten und Kulte. 7 Trotzdem ist die Verbindung zwischen Religion und Terro- rismus nichts Neues. Bis zum 19. Jahrhundert lieferte die Religion tatsächlich die einzige Rechtfertigung für Terro- rismus. 8 Doch dazu später mehr.
Erst ein neues Verständnis von Nationalismus und Selbst- bestimmung haben die Akzentverschiebung und den Wandel der Motivation für terroristische Aktivitäten her- beigeführt 9 .
Die "Geburt des systematisierten Selbstmordangriffs" (Croitoru) liegt weit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun- derts und ist in Japan zu verorten, wo die Kriegerethik der Samurai in den japanischen Kamikaze-Fliegern des Zwei- ten Weltkriegs kulminierte. Aus kühler Kriegsökonomie ließ die japanische Armee 1944/45 etwa 2000 japanische Kamikaze-Flieger auf amerikanische Schiffe niedergehen. Das nationalsozialistische Deutschland hat dieses Werk- zeug importiert und zu Ende des Weltkrieges tatsächlich die ersten und gleichzeitig auch die letzten deutschen Kamikaze-Flieger zu einer tödlichen Mission entsandt. Während der japanischen Kolonialherrschaft über Korea, in den 1940er Jahren, wurde das Selbstmordattentat dort eingeführt, über den Zweiten Weltkrieg hinaus tradiert und im Korea-Krieg zu Beginn der 1950er Jahre einge- setzt. In Nordkorea wird der Mythos von den "Lebenden Bomben" noch heute hoch gehalten. Auch spielt Pjöng- jang als Unterstützer terroristischer Gruppierungen seit den 1970er Jahren eine große Rolle bei der Proliferation des Kampfmittels Selbstmordattentat, denn der Japani- schen Roten Armee Fraktion, die Ende Mai 1972 auf dem Flughafen in Tel Aviv ein Massaker mit 26 Toten und 80 Verletzten verübte, war bereits zuvor in Nordkorea Unter- schlupf gewährt worden. Gleiches gilt für die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), die für die drei betei- ligten Japaner in einem Lager im Libanon ein Spezialtrai- ning organisiert und ihnen bei ihrer Operation assistiert hatte. Über diese Verbindung und den regen Austausch zwischen eigenständigen Gruppierungen fand das Selbst- mordattentat als Waffe seinen Eingang in den Nahost-
7
Vgl. Hoffmann, Bruce: Terrorismus. Der unerklärte Krieg, Neue Ge- fahren politischer Gewalt, 4. Aufl., Frankfurt/M. 2002, S. 112.
8
Ebd., S. 115.
9
Ebd., S. 116.
7
Quote paper:
Mirko Berger, 2006, Das Selbstmordattentat - Genese, religiöse Motivation und Publizität., Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das Reich der Nizari-Ismailiten (Assassinen) unter Hasan-i Sabbah
In wie weit nutze Hasan-i Sabb...
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Selbstmordattentäter im Nahost-Konflikt
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Von Ohnmacht und Macht -Selbstmordanschläge als "letztes Mittel&q...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Die Macht der Ohnmächtigen - Warum Terroristen bei Anschlägen ihr Lebe...
Ein Erklärungsversuch
Termpaper, 27 Pages
Islamismus und seine Hintergrü...
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Das nichtstattgefundene Duell und seine Folgen in der Erzählung von F....
Termpaper, 16 Pages
Eine terroristische Organisati...
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholary Paper (Seminar), 32 Pages
Das Duell in der Frühen Neuzeit
History Europe - Other Countries - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Termpaper, 24 Pages
Tiersymbolik im "Parzival" Wolframs von Eschenbach
Das Beispiel der Elster
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 26 Pages
Islamistischer Terrorismus als globale Bedrohung
Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Das Motiv der Ehre in Schnitzlers "Leutnant Gustl" und Suder...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 15 Pages
Der deutsche Thronstreit 1198 - 1208
Ein Wechselspiel von Zufällen ...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Das Demokratiedefizit in der Europäischen Union
Die Gewaltenteilung und Govern...
Politics - International Politics - Topic: European Union
Essay, 11 Pages
Das Selbstverständnis Justinians als christlicher Herrscher
History - World History - Early and Ancient History
Termpaper, 13 Pages
Mirko Berger's text Das Selbstmordattentat - Genese, religiöse Motivation und Publizität. is now available as a printed book
Mirko Berger has published the text Das Selbstmordattentat - Genese, religiöse Motivation und Publizität.
Mirko Berger has uploaded a new text
Religion - Gewalt - Terrorismus
Religionssoziologische und eth...
Karl Gabriel, Christian Spieß, Katja Winkler
Lernkompetenz: Geschichte, Geografie, Politik, Religion
Bausteine für das 5. bis 10. S...
Realschule Enger
Religiöse Freiheit und staatliche Letztentscheidung
Die verfassungsrechtlichen Gar...
Stefan Muckel
Religionen als Friedensstifter...
Bernd Oberdorfer, Peter Waldmann
daniel jadanexfil
ist super will aber mehr von dem sehen bitte.
danke für den super text der ist toll aber ich möchte noch mehr bitte
on Monday, April 16, 2007-