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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Übersetzung Seite 4
3. Kritischer Kommentar Seite 5
4. Interpretation Seite 6
4.1 Inhaltswiedergabe Seite 6
4.1.1 Bestimmung des räumlichen und zeitlichen Rahmens Seite 6
4.1.2 Die Figurenkonstellation Seite 7
4.1.3 Die Frage nach dem lyrischen Ich Seite 9
4.2 Aufbau der Doppeldeutigkeit Seite 10
4.2.1 „Obszön“ - Versuch einer Begriffsklärung Seite 11
4.2.2 Die Rolle der Metapher Seite 12
4.2.3 Oswalds Spiel mit dem Obszönen Seite 13
5. „Ain graserin“ - eine Pastourelle ? Seite 14
6. Fazit Seite 15
7. Literaturverzeichnis Seite 17
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1. Einleitung
„Für ihn ist Liebe immer leibhaftig, irdisch, das ursprüngliche Naturverhältnis wird nachdrücklich in seine Rechte eingesetzt und emanzipiert sich von gesellschaftlichen Tabus.“ 1 Diese Behauptung soll die folgende kurze Abhandlung einleiten, welche sich ebenfalls mit Oswald von Wolkensteins Verhältnis zu Sexualität, Natürlichkeit und Gesellschaft in seiner Zeit und dessen dichterischer Umsetzung auseinander setzt. Am Beispiel des um 1408 2 entstandenen Liedes „Ain graserin“ 3 soll ein Aspekt dieser Beziehung herausgearbeitet und auf Tauglichkeit geprüft werden: das Obszöne. Zu Beginn erfolgt eine eigenständige Übersetzung des Liedes. Dabei auftretende Probleme und Sonderheiten werden danach diskutiert. In wieweit die von Oswald verwendeten Stilmittel, welche für die Wirkung der graserin evident sind, mit in die Übertragung einfließen konnten, w ird ebenfalls besprochen. Die interpretatorische Annäherung beschäftigt sich zunächst mit der räumlichen und zeitlichen Disposition, sowie mit der Figurenkonstellation, bevor der Aufbau der Zweideutigkeiten des Liedes erkundet wird. Dazu gehört eine Bestimmung des Obszönitätsbegriffes und die Darlegung der Rolle des Metaphorischen. Anschließend erfolgt die Untersuchung am Text. Die Frage, welcher Gattung das Lied zugeordnet werden kann, soll in einem gesonderten Kapitel thematisiert werden. Den Abschluss bilden eine Einordnung des graserin - Themas in das Oeuvre des Wolkensteiners, sowie ein Fazit dieser Arbeit. Im Rahmen der Abhandlung steht stets das Textwerk der Handschrift B im Fordergrund. Ein Vergleich mit den Handschriften A, c, F, welche das Lied ebenfalls beinhalten, kann nicht stattfinden. Auch die musikalische Ausformung wird vernachlässigt.
1 Wolkenstein, Oswald v.: Leib- und Lebenslieder. Ausgewählt und übertragen von Hubert Witt. Leipzig 1982 ( = Sammlung Dieterich, Bd. 397), S. 195 (Nachwort).
2 Vgl. Wolkenstein, Oswald v: Die Lieder. Mittelhochdeutsch - Deutsch. 2.Auflage. In Text und Melodien neu übertragen und kommentiert von Klaus J. Schönmetzler. Essen 1990, S.442 (Kommentar).
3 Klein, Karl Kurt (Hrsg.): Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. 3., neubearb. u. erw. Auflage. Tübingen 1987 ( = Altdeutsche Textbibliothek, Nr.55), S. 202-203. In dieser Arbeit in Klammern vorkommende Verweise beziehen sich auf diese Quelle.
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2. Übersetzung
Eine Graserin [lief] durch kühlen Tau
mit weißen, nackten, zarten Füßlein [und] hat mich erfreut in einer grünen Aue; das bewirkte ihre Sichel, braun behaart, als ich ihr half, das Gatter zu rücken, 5
es fest gegen die Verschränkungen zu drücken, es zu lenken, zu versenken in den Pfriem, gut bewährt, damit das Fräulein
fortan ohne Sorge [sei], ihre Gänschen nicht zu verlieren.
II.
Als ich die Schöne beim Steigen über den Zaun erblickte, wurde mir eine kurze Weile zu lang, bis ich ihr den Verdruss zwischen zwei Gatterschranken abwenden konnte. Mein kleines Äxtlein hatte ich ihr zuvor 5 hoch zu Dienste gewetzt,
angetrieben, befeuchtet, wie dem auch gewesen sei, aufhäufen half ich ihr das Gras.
„Reiß´ Dich nicht los, mein Schatz !“ „Oh! Das werd´ ich nicht, lieber Jensel.“
III.
Als ich den Klee abgemäht hatte und all ihre Lücken gut verschloss, gierte sie dennoch, dass ich jäte erneut im unteren Feld; zum Lohn wollte sie mir aus Rosen flechten 5 und binden ein Kränzlein. „Schwenke, schwinge mir den Flachs! Hege ihn, wenn Du willst, dass er wächst!“ „Herzliebe Gans, wie herrlich steht Dir Dein Schnäbelchen.“
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3. Kritischer Kommentar
In der vorliegenden Übersetzung wurde versucht, den mittelhochdeutschen Text möglichst präzise in Wortwahl und Satzstruktur ins Neuhochdeutsche zu übertragen und ihn dennoch dem heutigen Textverständnis anzupassen. Einige kritische Anmerkungen sind dazu erforderlich. So findet die Arbeitsbezeichnung graserin, also eine jener „Mägde, die frühmorgens das damals wertvolle, weil rare Futtergras rupften oder mit der Sichel schnitten“ 4 , heute keine Entsprechung mehr. „Das Wort ist mit der Tätigkeit historisch geworden“ 5 und wurde daher unverändert wiedergegeben. In (I;1) wurde anstelle der Elision ein passendes Verb der Fortbewegung einsetzt. 6 Eine zusätzliche Konjunktion ist in (I;3) eingefügt worden. Die Herleitung des Nomens seul von sûl wurde mit Verweis auf Marold verworfen, welcher siuwele als Ursprung bevorzugt und mit „Holzstöpsel, der zur Befestigung des Gatters in eine Krampe gesteckt wird“ übersetzt. 7
Die doppelte Verneinung in (I;9) an sorg nicht fliesen ist für die Übertragung etwas problematisch, was vermutlich an zwei Inhaltsebenen der Wendung gensel fliesen liegt. Auf der wörtlichen Ebene ergäbe sie wenig Sinn, sollte die Gänsehüterin doch darauf bedacht sein, ihre Gänse nicht zu verlieren. Auf metaphorischer Ebene, welche auf den Verlust der Jungfernschaft anspielt 8 , erschließt sich der Zweck dieser Doppelnegation. Eine ähnliche Ambiguität bildet zeunen in (II;1): Das Verb ziunen steht für die Handlung des Zäunens an sich ebenso wie für den bildhafteren Vorgang des Steigens über den Zaun. 9 Hier wurde sich für die zweite Variante entschieden, denn sie erhöht das visuellerotische, voyeuristische Spannungsmoment, welches für den Handlungsverlauf grundlegend ist, denn „Oswald liebt die Frau mit den Augen, ehe er ihr mit allen Sinnen begegnet, schildert ihre erregende Wirkung auf Seele und Leib.“ 10 In III;4 der niedern peunt wurde sich abermals an Marold orientiert, der die vermutlich süddeutsche Wendung mit „untere Wiese“ vorschlägt. 11
4 Kühn, Dieter: Ich Wolkenstein. Eine Biographie. Frankfurt am Main 1988, S. 206.
5 Ebd.
6 Vgl. Marold, Werner: Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein. Bearbeitet und herausgegeben von Alan Robertshaw. Innsbruck 1995 (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe, Bd.52), S.203.
7 Vgl. Ebd.
8 Vgl. Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Zugleich als Supplement und al phabetischer Index zum Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Benecke-Müller-Zarncke. 3 Bde. 1872-1878; Nachdruck mit einem Vorwort von Kurt Gärtner. Stuttgart 1992, Band 1, S.863.
9 Vgl. ebd., Bd 3, S. 1143.
10 Wolkenstein, Os wald v. 1982: S.197.
11 Vgl. Marold, S. 203.
Arbeit zitieren:
Thomas Schiller, 2004, Das Obszöne im Lied 'Ain graserin' von Oswald von Wolkenstein - Eine Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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