Inhaltsübersicht:
1 Einleitung S 3
2 Die beiden Fassungen im Vergleich S 3
2.1 Die erste Fassung von 1810 S 3
2.2 Die zweite Fassung von 1811 S 4
2.3 Die Titelwahl S 4
2.4 Der Umfang S 6
2.5 Der Grund der Reise S 9
2.6 Die Mutter der Brüder S 10
2.7 Die Vorsteher des Irrenhauses S 11
2.8 Der Tuchhändler Veit Gotthelf S 11
2.9 Die Äbtissin S 12
3 Die yz-These S 14
4 Umfeld und Hintergrund Kleists S 15
Anmerkungen S 17
Literaturverzeichnis S 20
1 Einleitung
In der vorliegenden Arbeit vergleiche ich die beiden unterschiedlichen Fassungen der Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Eine Legende.“ von Heinrich von Kleist aus den Jahren 1810 und 1811. Diese Arbeit widmet sich weniger den stilistischen Unterschieden als vielmehr den inhaltlichen Unterschieden. Den Schwerpunkt möchte ich auf den unterschiedlichen Schlussteil legen, der in den beiden Fassungen von Grund auf verschieden ist.
In einer kurzen Einführung in die Erscheinungsgeschichte der beiden Fassungen möchte ich die Begleitumstände erläutern, unter denen die beiden Fassungen erschienen sind und Erläuterungsversuche antreten, die Publikation einer Novelle in zwei verschiedenen Fassungen zu erklären.
2 Die beiden Fassungen im Vergleich
2.1 Die erste Fassung von 1810
Die erste Fassung der Novelle erschien 1810 in den „Berliner Abendblättern“ vom 15. bis 17. November in den drei Nummern 40, 41 und 42 unter dem Titel „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Eine Legende. (Zum Taufangebinde für Cäcilie M....)“. Die Widmung in Klammern unter dem eigentlichen Titel deutet darauf hin, dass es sich um ein Paten- und Taufgeschenk Kleists für Cäcilie Müller, die am 27. Oktober 1810 geborene Tochter seines Freundes Adam Müller, handeln könnte ( 1 ). Hinzu kommt, dass der erste Teil am 15. November 1810 erschien, einen Tag vor der Taufe Müllers Tochter. Auf ein gesichertes Entstehungsdatum lässt dieser Vermerk jedoch nicht schließen ( 2 ). Also verrät diese Fassung ein gewisses Zugeständnis Kleists an Adam Müller. Dieser war 1805 bei einem kurzen Aufenthalt in Wien zum Katholizismus konvertiert. Seine Konversion hatte
Müller jedoch der Öffentlichkeit verschwiegen, weil er für ein Amt im preußischen Staatsdienst kandidieren wollte. So ist es durchaus möglich, dass das Taufgebinde für die kleine Cäcilie mit Rücksicht auf die religiöse Einstellung Müllers verfasst wurde. Des weiteren darf man wohl auch davon ausgehen, dass Kleist der Taufe als einem höchst sakralen Akt mit seiner Erstfassung Rechnung trug.
2.2 Die zweite Fassung von 1811
Die zweite Fassung der Novelle erschien 1811 in Heinrich von Kleists „Erzählungen. Zweiter Theil.“ unter dem Titel „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik (Eine Legende)“. Diese zweite Fassung ist damit eine der letzten Arbeiten in Kleists Leben.
2.3 Die Titelwahl
Die beiden Erzählungen unterscheiden sich bereits im Titel (Vgl. erste Fassung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Eine Legende. (Zum Taufangebinde für Cäcilie M....)“ und „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik (Eine Legende)“). „Eine Legende“ steht in der ersten Fassung also noch nicht in Klammern. Walter Hinderer ( 3 ) geht davon aus, dass Kleist einen „Aufruf Herders mit seiner Gattungsbezeichnung in Klammern befolgt und in komplexer Form `ein durchaus zu Lesendes` hergestellt, eine Legende“ geschaffen hat, also eine Antilegende ( 4 ).
Cäcilie war der dritte Vorname von Adam Müllers Tochter, deren vollständiger Name Isodora Maria Cäcilia Kunigunde lautete. Nach Walter Hinderer ist es möglich, dass Cäcilie „als freundschaftliche Referenz für Kleists Text gewählt wurde ( 5 ).
Die zweite Fassung erschien 1811 in Heinrich von Kleists „Erzählungen. Zweiter Theil.“. Die erste Fassung kann also als ein gelegenheitsbezogener, zweckdienender Text verstanden werden. Wohingegen die zweite Fassung von einem weitgehend autonom scheinenden Autor ausgebaut wurde und die Rücksichtnahme auf Dritte außen vor bleiben konnte.
Bereits die Titelwahl zu Kleists Erzählung weist auf eine Mehrschichtigkeit der Geschehnisse hin. Im Gegensatz zu seinen anderen Erzählungen hat die Cäcilie-Novelle keinen eindeutigen Titel, der den Geschehensträger (wie bei „Die Marquise von O...“) oder das Hauptgeschehen (wie bei „Das Erdbeben von Chilie“) benennt und anzeigt. Der dreigliedrige Titel lässt, wie bereits Edmund Edel ( 6 ) erwähnte, darauf schließen, dass die drei Teile des gesamten Titels nicht gleich geartet sind. Durch die Disjunktion „oder“ im Titel kann man erkennen, dass es sich um zwei verschiedene Wirklichkeitsebenen handelt, die Kleist in seiner Erzählung behandelt. Der dritte Teil des Titels - „Eine Legende“ - ist hingegen keine weitere Wirklichkeitsebene, sondern gibt dem Leser die (religiöse) Sicht vor, die er bei der Lektüre der Erzählung immer im Auge behalten soll. Auf der einen Seite gibt es also ein real existierende Ebene - die der Gewalt der Musik - und auf der anderen Seite die unerklärliche Ebene, das religiös Unerklärbare: die heilige Cäcilie.
2.4 Der Umfang
Die in den „Berliner Abendblättern“ erschienene Fassung wurde, wie bereits erwähnt, in drei Ausgaben beziehungsweise Teilen publiziert. Beim Vergleich der ersten Teile des Schlusses aus den „Berliner Abendblättern“ mit dem entsprechenden Teil aus der Veröffentlichung in Kleists zweitem Erzählband, so sind kleinere stilistische Korrekturen festzustellen, durch die der Sinn und Inhalt der Erzählung nicht verändert wird und die nur auffallen, wenn man beide Fassungen genau vergleicht. Die einzige größere Korrektur ist die Wiedergabe der Äbtissin-Rede, auf die im nächsten Kapitel näher
eingegangen wird. Daher ist anzunehmen, dass Kleist beim Schreiben der ersten beiden Teile sorgfältig gearbeitet hat und genau das ausgedrückt hat, was er wollte. Diese These ist nur tragbar, wenn der dritte Teil in die Betrachtung einbezogen wird.
Den dritten Teil - das Schlussstück - aus den „Berliner Abendblättern“ dachte und formte Kleist von Grund aus neu. Die zweite Fassung besteht nun aus sechs Teilen. Man könnte also die ersten beiden Teile als Handlungseinheit betrachten und die Teile drei, vier und fünf ebenfalls. Wie bereits von Walter Hinderer ( 7 ) beschreiben, werden die beiden ersten Teile mit einer Zeitangabe eingeleitet, die dem Leser die historische Einordnung ermöglicht: „Ende des sechzehnten Jahrhunderts“ ( 8 ) und „als die Bilderstürmerei in den Niederlanden wütete“ ( 9 ). Auch die drei letzten Teile beginnen alle mit einer Zeitangabe: „Sechs Jahre drauf“ ( 10 ), „am Morgen des folgenden Tages“, ( 11 ) und „Drei Tage drauf“ ( 12 ).
Den zweieinhalb und den dreiviertel Seiten der Abendblätter stehen sechs und zwei Seiten der Buchfassung der Erzählungen gegenüber: Die zwei Seiten des Schlusses aber sind hier auf zweiundzwanzig Seiten angestiegen! Reinhold Steig kommt zu dem Schluss: „Auch hier das Nöthige zu thun, fehlte es Kleist im Drange der erregenden Verhandlungen mit der Staatskanzlei, die Müller’s Aufsatz `Vom Nationalcredit` hervorrief, an Ruhe, Zeit und Sammlung.
Erst für die Buchform der Erzählungen holte Kleist das Versäumte nach.“ ( 13 ).
Ursprünglich lautete nämlich der in den Ausgaben fehlende Schluss:
„Aber der Triumph der Religion war, wie sich nach einigen Tagen
ergab, noch weit größer. Denn der Gastwirth, bei dem diese vier Brüder wohnten, verfügte sich, ihrer sonderbaren und auffallenden Aufführung wegen, auf das Rathhaus, und zeigte der Obrigkeit an, daß dieselben, dem Anschein nach, abwesenden oder gestörten Geistes sein müßten. Die jungen Leute, sprach er, wären nach Beendigung des
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Jean-Pierre Winter, 2002, Kleists Cäcilien-Erzählungen - ein Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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