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WAS IST KULTUR?
Über die Kontroverse um ein wissenschaftliches Konzept, und ob es möglich ist,
dieses aufzugeben
Inhalt:
A E i n l e i t u n g 3
B H a u p t t e i l 4
1. D i e K o n t r o v e r s e
4
1.1. Die Kritik am Kulturkonzept
4
1.1.1. Verschiedenste Definitionen
4
1.1.2. Personifizierung
1.1.3. Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit
1.1.4. Homogenität und innere Geschlossenheit
1.1.5. Othering
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1.2. Argumente für die Beibehaltung
9
2. Die Lösung
10
2.1. Die Abschaffung des Kulturkonzeptes
10
2.2. Die Modifikation des Kulturkonzeptes
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3. Die Durchführbarkeit der Abschaffung
12
C S c h l u s s 1 3
D Literaturverzeichnis 14
3
A Einleitung
In der Postmodernen Ethnologie, beginnend in den 1970ern, kam eine gewisse Skepsis gegenüber den bis dato als selbstverständlich geltenden Methoden und den zugrunde liegenden Konzepten auf: Es wurde unter anderem in Frage gestellt, mit wel- chem Recht der Ethnologe sein „Studienobjekt“ erforschen und seine Ergebnisse - als wahr postuliert - in einer Repräsentation fixieren darf.
Zwar gewann die ethnologische Disziplin durch die Beschäftigung mit diesen problematischen Fragestellungen neue Einsichten, die das Fach nachhaltig und vermutlich unwiderruflich prägten.
Doch muss man sich bewusst sein, dass die meisten postmodernen Ansätze noch immer Diskussionen in den Reihen der Experten auslösen.
Somit wird klar, dass es im Allgemeinen nicht darum gehen kann, eine bestimmte Theorie durch Abwägen von Argumenten als einzig wahre zu postulieren. Es geht lediglich darum, darzustellen, welche Kontroversen es um bestimmte „Selbstverständ- lichkeiten“ wie Methoden der Feldforschung - oder gar Feldforschung per se -, wissenschaftliche Repräsentation des Erforschten, und verschiedene Konzepte oder Begrifflichkeiten gibt, und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Ich möchte in meiner Abhandlung insbesondere auf das Kulturkonzept eingehen und anhand der in der wissenschaftlichen Literatur geäußerten Kritik, sowie einigen Ansätzen von Befürwortern des Konzepts herausarbeiten, welche Möglichkeiten existieren, mit diesem wissenschaftlichen Konstrukt umzugehen. Oder ist es gar besser, es vollständig aufzugeben? Selbst wenn das der vernünftigere Weg wäre, ist es praktisch überhaupt möglich, das Konzept „Kultur“ abzuschaffen?
Bevor man sich diesen Fragestellungen nähert, gilt es zunächst, die Hauptkritik- punkte zu präsentieren, die gegenüber bestimmten Anwendungen des Begriffs „Kultur“, oder auch dem Konzept an sich geäußert wurden.
4
B Hauptteil
4. Die Kontroverse 4.1. Die Kritik am Kulturkonzept
4.1.1. Verschiedenste Definitionen
Was ist Kultur?
An der Beantwortung dieser Frage haben sich Ethnologen seit langer Zeit versucht, und sie sind zu den verschiedensten Ergebnissen gelangt. Davon zeugt auch das Werk von Kroeber und Kluckhohn (1963), in dem über hundert inhaltlich teilweise stark differierende Definitionen abgedruckt sind.
Für Roger Sanjek 1 , der von Borofsky (1994:313) zitiert wird, ist Kultur:
„(…) under continuous creation – fluid, interconnected, diffusing, interpenetrating, homogenizing, diverging, hegemonizing, resisting, reformulating, creolizing, open rather than closed, partial rather than total, crossing its own boundaries, persisting where we don’t expect it to, and changing where we do” (622)
Diese Definition macht deutlich, wie viele Attribute sich dem Begriff „Kultur“ zuordnen lassen und dass es wohl unmöglich ist, sämtliche Merkmale in einer Umschreibung zu vereinen, ohne Widersprüche hervorzurufen. Für einige Wissenschaftler mag das schon Grund genug sein, dem Kulturbegriff skeptisch gegenüberzustehen. Für die meisten Kritiker des Konzeptes sind es aber die teilweise irreführenden Definitionen, welche unerwünschte und falsche Konnotationen beinhalten, die als problematisch eingestuft werden. Darauf will ich im Folgenden näher eingehen, indem ich auf den Vorwurf seitens mancher Ethnologen zu sprechen komme, gewisse Verwendungen des Begriffs stellten „Kultur“ als Ding, ja als lebendiges Wesen dar.
1
Sanjek, Roger 1991: The Ethnographic Present. In: Man 26,4: 607-628
5
1.1.2. Personifizierung
Robert Borofsky weist in „Assessing Cultural Anthropology“ (1994:245) auf die Gefahr hin, die seiner Meinung nach dem Begriff „Kultur“ innewohnt: Er wird in einer Art und Weise verwendet, die „Kultur“ als Wesen, als lebendiges Ding erscheinen lässt. Auch Keesing (1994:301) kritisiert, dass durch den „all-inclusive“ Gebrauch des Begriffs, also Ausdrücken wie „die balinesische Kultur“, diese automatisch als ein konkretes Ding verstanden wird:
„I will suggest that our conception of culture almost irresistibly leads us into reification and essentialism. (…) Of course, we profess that we don’t really mean that ‘Balinese culture’ does or believes anything, or that it lives on the island of Bali (…); but I fear that our common ways of talk channel our thought in these directions”
Zwar lenkt Keesing ein, dass unter Ethnologen bereits ein stärkeres Bewusstsein dieser Problematik vorhanden ist (1994:303).
Dennoch befürchtet er, diese Verwendung, die längst in den populären Sprachgebrauch übergegangen ist, könnte bei den Menschen des erforschten Volkes oder der erforschten Gemeinschaft eine Haltung gegen den Wissenschaftler auslösen. Dieser würde dann als Dieb angesehen werden, der ihre Kultur „auf dem akademischen Markt“ verkauft (307), und würde somit unerwünscht sein.
Eine weitere negative Eigenschaft eines solchen verdinglichenden Kulturbegriffs sind die Implikationen von Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit, die entstehen können, wenn man eine kulturelle Einheit einmal als solche identifiziert und als gegeben postuliert hat. Welche Auswirkungen das hat, wird im nächsten Kapitel erörtert.
Arbeit zitieren:
Silke Stadler, 2005, Was ist Kultur?, München, GRIN Verlag GmbH
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