Universität Trier, Fachbereich II – Germanistik
Germanistische Linguistik - Proseminar II:
Einführung in die gegenwartsbezogene Sprachwissenschaft:
Sprachgeschichte des Deutschen: Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart
Sommersemester 2004, 5. Fachsemester
Sprache in der Politik: Schlagwörter in der DDR
von: Julia Rauland
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Bemerkungen zur Auswahl der Korpustexte 2
3. Was sind Schlagwörter? 2
4. Textanalyse
4.1. Otto Grotewohl: Die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten der DDR auf der gemeinsamen Tagung der Provisorischen Volks- und Länderkammer 4
4.2. Walter Ulbricht: Rundfunk- und Fernsehansprache zu den Maßnahmen am 13. August 1961 8
4.3. Erich Honecker: Rede auf der 8. Tagung des Zentralkomitees der SED 10
4.4. Erich Honecker: Bericht des ZK der SED an den X. Parteitag der SED 13
5. Besonderheiten des Schlagwortgebrauchs in der politischen Sprache der DDR 15
6. Fazit 18
1. Einleitung
In der Politik ist die Sprache nicht nur ein harmloses Mittel zur Kommunikation. Sie kann in den Händen der Herrschenden zu einem gefährlichen Werkzeug zur Manipulation der Bevölkerung werden. In der neueren Geschichte Deutschlands stellt neben dem gezielten Missbrauch von Sprache durch die Nationalsozialisten der politische Sprachgebrauch in der DDR ein typisches Beispiel für den Versuch einer Steuerung der Meinungen von Menschen durch Sprache dar. Innerhalb der politischen Sprache wird hierbei einigen zentralen Wörtern eine besondere Bedeutung zugemessen: Den Schlagwörtern. Diese Begriffe, welche in der Regel prägnant den Standpunkt einer Gruppe ausdrücken, waren gerade in den politischen Texten der DDR ein häufig angewandtes Mittel der Propaganda. Aufgrund der großen Bedeutung der Schlagwörter in der politischen Sprache der DDR scheint eine systematische Untersuchung des Gebrauchs dieser Wörter anhand zentraler Texte interessant und notwendig.
Dabei soll die Frage beantwortet werden, wann Schlagwörter in politischen Texten eingesetzt werden, welcher Art diese Schlagwörter sind und welcher Zweck damit verfolgt werden soll. Entsprechend dieser Fragestellung erhebt die Analyse nicht den Anspruch einer vollständigen Auflistung aller verwendeten Schlagwörter und deren Einteilung in Untergruppen. Eine solche Absicht verbietet sich ohnehin durch die große Zahl der verwendeten Begriffe mit Schlagwortcharakter. Vielmehr sollen Gesetzmäßigkeiten im Einsatz von Schlagwörtern aufgedeckt werden, welche Aufschluss über die Taktik der DDR-Führung zur Meinungslenkung durch Sprache geben.
Dazu werde ich nach einer Beschreibung des Korpus, der die Grundlage meiner Analyse bildet, eine Einführung darüber geben, wie das Schlagwort definiert ist und die Unterteilung in Schlagwortgruppen vorstellen, welche die Wissenschaft zur präziseren Klassifizierung von Schlagwörtern bereitstellt. Auf Grundlage der darauf folgenden Analyse der vier Korpustexte sollen anschließend in einer vergleichenden Betrachtung die bei der Analyse hervorgetretenen Besonderheiten des Schlagwortgebrauchs der DDR beschrieben werden. Schließlich werden die Ergebnisse der Arbeit in einem abschließenden Fazit zusammengefasst.
2. Bemerkungen zur Auswahl der Korpustexte
Wie schon in der Einleitung erwähnt, stützt sich meine Analyse der Schlagwörter auf einen Korpus von vier ausgewählten Texten aus dem politischen Sprachgebrauch der DDR. Bevor ich mit der Analyse beginne, ist es notwendig diese Dokumente näher zu beschreiben und zu erläutern, warum gerade sie ausgewählt wurden. Zuerst fällt auf, dass es sich ausschließlich um politische Reden handelt. Dies schien deshalb sinnvoll, weil nur hier ein Publikum, meist das Volk selbst, direkt angesprochen wird, also ein direkter Bezug zwischen Sprecher und Empfängern besteht, der es dem Redner eher ermöglicht sein Publikum beispielsweise durch gezielten Einsatz bestimmter Schlagwörter zu beeinflussen. Des Weiteren stellte die politische Rede in der DDR ein Kerninstrument der Beeinflussung des Volkes durch den Staat dar und spiegelt somit die politische Sprache der Regierung konkret wider.
Die Auswahl der Texte erfolgte außerdem nach den Kriterien der Beispielhaftigkeit und der Repräsentativität. Mit Beispielhaftigkeit ist hier gemeint, dass typische Schlagwörter der DDRZeit enthalten sind, an denen sich eine Analyse festmachen lässt. Weiterhin sollen die Texte aber auch repräsentativ den politischen Sprachgebrauch von vier Jahrzehnten DDR-Geschichte widerspiegeln, weshalb vier Texte ausgewählt wurden, die - möglichst breit gestreut - die Periode der sozialistischen Herrschaft abdecken. Auch die Tatsache, dass die gewählten Texte in Bezug auf Redner, Publikum, Gegenstand und zeitgeschichtlichen Kontext variieren, ist beabsichtigt und soll eine möglichst breite Sicht auf den Analysegegenstand ermöglichen.
3. Was sind Schlagwörter?
Um eine Untersuchung der Texte in Bezug auf Schlagwörter durchführen zu können, muss zunächst geklärt werden, was in der Forschung unter diesem Begriff verstanden wird, wobei auch die Subklassifikationen zu berücksichtigen sind, mit denen Schlagwörter im allgemeinen unterteilt werden.
Die erste und bis heute am weitesten verbreitete Definition des Schlagwortes gab Otto Ladendorf im Jahre 1900 in seinem Historischen Schlagwörterbuch, mit dem er die moderne Schlagwortforschung im Wesentlichen begründete. Unter Schlagwörtern versteht er „Ausdrücke und Wendungen […], denen sowohl eine prägnante Form wie auch ein gesteigerter Gefühlswert eigentümlich ist, insofern sie nämlich entweder einen bestimmten Standpunkt für oder wider ein Streben, eine Einrichtung, ein Geschehnis nachdrücklich betonen oder doch wenigstens gewisse Untertöne des Scherzes, der Satire, des Hohnes und dergleichen deutlich mit erklingen lassen“1 Später wurde in Anlehnung an Ladendorf betont, im Schlagwort müsse sich ein Programm einer bestimmten Gruppe kondensieren, es müsse das Komplizierte auf das Typische reduzieren.2 Weiterhin ist sich die Wissenschaft darin einig, dass Schlagwörter im Gegensatz zu geflügelten Worten keine vollständigen Wendungen sein können, sondern meist nur aus einem oder zwei Wörtern bestehen.3
Schließlich wird noch eine persuasive, propagandistische Absicht betont, die den Schlagwörtern innewohnt sowie die Appellfunktion solcher Wörter, die, weil sie ideologische Differenzen ausdrücken, parteiisch sind und entweder Zustimmung oder Ablehnung beim Adressaten hervorrufen sollen.
[...]
1 Ladendorf, Otto, Historisches Schlagwörterbuch. Ein Versuch. Straßburg/Berlin 1906. [Nachdr. Hildesheim 1968], S. XIX.
2 Vgl. Dieckmann, Walther, Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. 2. Aufl. Heidelberg 1975, S. 103.
3 Vgl. Kaempfert, Manfred, Das Schlagwörterbuch. In: Hausmann, Franz Josef/ Reichmann, Oskar/ Wiegand, Herbert Ernst/ Zgusta, Ladislav (Hrsg.), Wörterbücher. Dictionaries. Dictionnaires. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie. Berlin/New York 1990, S. 1200.
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Julia Rauland, 2006, Sprache in der Politik: Schlagwörter in der DDR, Munich, GRIN Publishing GmbH
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