Peter Ackroyd versucht in dem Roman Chatterton, dem Leser seine Vorstellung von Intertextualität in der Literatur darzulegen. Seine Vorstellung ist bestimmt durch den poststrukturalistischen Gedanken, dass Kunst und damit auch Literatur nur andere Kunst und nicht das Leben oder die Wirklichkeit widerspiegelt. Ackroyd betont, dass es falsch ist, Nachahmung und Imitation mit einer negativen Konnotation zu versehen, sondern dass genau daraus wahre Kunst entsteht. Er geht sogar so weit, Originalität in seinem Werk neu nach seinen Vorstellungen zu definieren, insofern, dass er Thomas Chatterton, die Titelfigur des Buches, als einen idealen intertextuellen Literaten stilisiert. Der wichtigste Punkt in Chatterton ist, dass, egal ob sie es zugeben oder nicht, alle Schriftsteller letzten Endes andere Werke kopieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Postmoderne und Metafiktion
2.1. Postmoderne
2.2. Metafiktion
3. Intertextualität
4. The Anxiety of Influence
5. Kunst erschaffen
6. Tod und Unsterblichkeit
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht, wie Peter Ackroyd in seinem Roman "Chatterton" das Konzept der Intertextualität verarbeitet und auf welche Weise seine Romanfiguren durch den kreativen Umgang mit literarischen Vorbildern versuchen, eigene Kunst zu erschaffen und ihre persönliche Identität zu finden.
- Intertextualität als grundlegendes literarisches Gestaltungsprinzip
- Die poststrukturalistische Neubewertung von Originalität und Imitation
- Die psychologische Dimension der "Anxiety of Influence" (Einflussangst)
- Das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch, Lebenswirklichkeit und Unsterblichkeit
- Die Verbindung von historischer Figur (Thomas Chatterton) und fiktiven Charakteren über verschiedene Zeitebenen hinweg
Auszug aus dem Buch
4. The Anxiety of Influence
Im Jahr 1973 veröffentlichte Harold Bloom sein Buch The Anxiety of Influence in dem er den psychologischen Konflikt untersucht, in dem ein Schriftsteller steht, wenn er versucht, Kunst zu erschaffen. Bloom sagt, dass ein Künstler in seinem kreativen Prozess durch seine zweideutige Beziehung zu den Künstlern, die ihn beeinflussen, behindert wird. Ein zu starker Einfluss anderer Künstler führt nur zu einem schwachen Derivat vorhandener Kunst. Nur durch ein hohes Maß an eigener Originalität kann ein Künstler anerkannt und damit unsterblich werden. Auf der einen Seite erzeugt das Wissen über den allgegenwärtigen Einfluss seiner Vorgänger in dem Künstler nun Angst. Auf der anderen Seite ist es nach der Intertextualitätstheorie nicht möglich, Kunst zu erzeugen, ohne von seinem Vorwissen beeinflusst zu werden (Bloom 1973, S.5ff).
Dies greift Peter Ackroyd in Chatterton in einem Dialog zwischen Harriet Scrope und Charles Wychwood auf (Ackroyd, S.100-101):
‘Well, you know these writers. They'll steal any...’ And her voice trailed off as she looked down at her trembling hands.
’Anything, that's right.’ He leant back in his chair, and smiled benevolently in her general direction. ‘It's called the anxiety of influence.’ [...]
’And of course it must be true of novelists, too.’ She paused, and licked her lips. ‘No doubt,’ she went on, ‘there are resemblances between my books and those of other writers.’
’You mean like Harrison Bentley?’
Harriet, die in ihren früheren Romanen die Plots von Bentleys Romanen zum Teil übernommen und modifiziert hatte, fühlt sich von Charles als Plagiatorin angeklagt und sieht ihr gesamtes künstlerisches Lebenswerk in Gefahr. Sie ist sehr überrascht, als Charles ihr sagt, dass nichts Besonderes daran ist, denn: “everyone does it.“ (Ackroyd, S.104).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert das Ziel der Arbeit, Ackroyds Verständnis von Intertextualität im Roman "Chatterton" zu analysieren und die Verbindung zwischen den Charakteren über drei Zeitebenen aufzuzeigen.
2. Postmoderne und Metafiktion: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen des postmodernen Diskurses und erläutert den Begriff der Metafiktion als literarische Reflexion des eigenen Schreibprozesses.
3. Intertextualität: Hier wird die Entwicklung des Intertextualitätsbegriffs von Julia Kristeva bis hin zu gegenwärtigen Theorien sowie der Grad der Intendiertheit von literarischen Bezügen beleuchtet.
4. The Anxiety of Influence: Das Kapitel untersucht den durch Harold Bloom geprägten psychologischen Konflikt der Einflussangst und wie die Romanfiguren durch dieses Phänomen in ihrem künstlerischen Schaffen gehemmt oder motiviert werden.
5. Kunst erschaffen: Hier wird analysiert, wie die Hauptcharaktere, insbesondere Thomas Chatterton und Philip Slack, durch den bewussten Einsatz intertextueller Methoden versuchen, originelle Kunst zu erzeugen.
6. Tod und Unsterblichkeit: Dieses Kapitel beleuchtet das Motiv des Todes und die Frage, inwieweit Kunst dem Künstler zu einer Form der Unsterblichkeit verhelfen kann, wobei die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung verschwimmen.
7. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht Ackroyds Absicht, Chattertons Signifikanz jenseits des romantischen Klischees in dessen intertextueller Dichtung zu verorten.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Chatterton, Peter Ackroyd, Postmoderne, Metafiktion, Anxiety of Influence, Harold Bloom, Literaturtheorie, künstlerischer Schaffensprozess, Unsterblichkeit, Thomas Chatterton, Romantik, Imitation, Originalität, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Roman "Chatterton" von Peter Ackroyd im Hinblick auf literaturwissenschaftliche Fragestellungen zur Intertextualität und zur Rolle des Autors.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten gehören das postmoderne Erzählen, der Einfluss von literarischen Vorläufern auf den kreativen Prozess sowie das Spannungsfeld zwischen Kunst und der Lebensrealität der Charaktere.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Ackroyd durch die Thematisierung von Intertextualität seine Charaktere in drei Zeitebenen verbindet und dabei das romantische Genie-Ideal dekonstruiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die poststrukturalistische Theorien (u.a. von Julia Kristeva, Roland Barthes und Harold Bloom) auf den Roman anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Postmoderne und Metafiktion, der Theorie der Intertextualität, der spezifischen "Einflussangst" der Figuren sowie der künstlerischen Praxis der Charaktere und ihrer Suche nach Unsterblichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Intertextualität, Postmoderne, Metafiktion, Anxiety of Influence und Ackroyds literarische Collage-Technik beschreiben.
Wie unterscheidet sich Philip Slack von anderen Charakteren im Roman?
Philip Slack fungiert als eine Art "Anti-Chatterton", der es im Gegensatz zu anderen Charakteren schafft, die Einflüsse der literarischen Tradition zu integrieren, statt an ihnen zu scheitern, und somit erfolgreich als Autor reüssiert.
Welche Bedeutung hat das Todesbild von Chatterton für die Charaktere?
Das Bild ist ein zentrales Motiv, das die Identitätsverschmelzung zwischen den Figuren (wie Meredith oder Charles) und der historischen Figur Thomas Chatterton symbolisiert und als Katalysator für deren Suche nach Unsterblichkeit dient.
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- Philipp Helle (Author), 2004, Intertextualität in Chatterton, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52520