Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Landnutzung in Amazonien
2.1 Terra- firme
2.1.1 Probleme bei der Besiedelung
2.1.2 Extraktion und Sammelwirtschaft
2.1.3 Das System der shifting cultivation
2.1.4 Dauerkulturen
2.1.4.1 Fallbeispiel Kautschuk
2.1.4.2 Fallbeispiel Tomé- Acu
2.2 Várzea
2.2.1 Besiedelung
2.2.2 Extraktion und Sammelwirtschaft
2.2.2.1 Fischfang
2.2.2.2 Holzeinschlag
2.2.3 Jahreskulturen
2.2.4 Dauerkulturen
2.3 Viehzucht
2.4 Wandel in der Landnutzung am Beispiel Baixo Alegre (Mato Grosso)
3 Agrarkolonisation und Migration
3.1 Kautschukboom und wirtschaftliche Stagnation
3.2 Desenvolvimentismo
3.3 1960 1975 : Phase der Okkupation
3.3.1 Besiedelung an der Transamazônica
3.3.2 Migration
3.4 1975 1990 : Phase der Modernisierung und Förderung privater Großprojekte
3.4.1 Expansion der Rinderweidewirtschaft
3.4.2 Die Verdrängung der Kleinbauern in Mato Grosso
3.5 Ab 1990 : Der Staat zieht sich zurück
4 Strukturelle Analyse der Betriebe
4.1 Betriebsgröße
4.1.1 Wandel der Betriebsgrößenstruktur am Beispiel Ouro Preto (Rondônia)
4.1.2 Auswirkungen der ungleichen Landverteilung: ökonomisch, sozial und
ökologisch
4.2 Eigentumsstruktur
4.2.1 Wandel der Eigentumsverhältnisse in Rondônia und Mato Grosso im
Vergleich
4.2.2 Überblick über aktuelle Trends der Eigentumsstruktur in Amazonien
5 Globalisierung versus Entwicklung?
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Einleitung
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt das brasilianische
Amazonien, das größte zusammenhängende und bisher auch unerschlossene Regenwaldgebiet der Welt, einen Entwicklungsboom bisher ungekannten Ausmaßes. Fernstraßenbau, kleinbäuerliche Agrarkolonisation, die Expansion riesiger Rinderfarmen und die Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe kennzeichnen diesen Entwicklungsboom insbesondere. Folgen sind zahlreiche Interessen- und Landkonflikte, die Verdrängung der indigenen Bevölkerung, ein hoher Grad der Verstädterung durch Verdrängung der Kleinbauern und nicht zuletzt die zunehmende Zerstörung der letzten „grünen Lunge“ der Welt. In der vorliegenden Arbeit wird der Gang der Erschließung
und die Entstehung der heutigen Agrarstruktur nachvollzogen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die aktuelle Landnutzung zu beschreiben. Dabei soll es jedoch nicht so sehr darauf ankommen, in welchen Regionen welche Nutzpflanze tatsächlich angebaut wird. Vielmehr soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten mit welchen Konsequenzen dem Landwirt bei der Produkt- und Produktionswahl geboten sind und welche Faktoren diese Entscheidung im Einzelnen beeinflussen. Auch gilt es, einen Blick darauf zu werfen, wer, wann und wieso den Raum besiedelte. Ziel dieser Untersuchung ist es, aus den daraus resultierenden Informationen die verschiedenen sozialen und ökonomischen Strukturen darzustellen und auch zu erklären. Da es unvermeidbar war, das Thema Migration ständig bei der Erklärung der anderen Punkte aufzugreifen, widme ich diesem Punkt speziell nur einen kurzen Absatz im Rahmen der Agrarkolonisation. In einem letzten Schritt werde ich mich der Betrachtung der
Eigentumsverhältnisse sowie den unterschiedlichen Betriebsgrößen zuwenden und versuchen die Entwicklung dieser anhand erarbeiteter Informationen zu erklären, sowie aktuelle Trends herauszuarbeiten. Auf eine Analyse der in der Landwirtschaft Beschäftigten wird aufgrund fehlender Information verzichtet.
Die Literaturrecherche betreffend war es nicht einfach herauszufiltern, welche Schriften und welche Informationen tatsächlich für die Thematik relevant sind. Hauptsächlich werde ich mich auf die Arbeiten des Geographischen Instituts der Universität Tübingen stützen. Dabei insbesondere auf die im Jahr 2002 erschienene Dissertation von Martina Neuburger, die Arbeit
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von Karl Henkel über den Bundesstaat Pará aus dem Jahr 1994 sowie die verschiedenen Aufsätze von Gerd Kohlhepp. Bei der Landnutzung berufe ich mich auf die etwas ältere Arbeit von Fearnside über die Landwirtschaft in Amazonien. Wegen fehlender aktueller Literatur über die strukturellen Betriebsverhältnisse, werde ich versuchen, die aus den Agrarzensen des IBGE 1 gewonnenen Daten selbständig zu interpretieren und sie mit der Entwicklung in Verbindung zu bringen. Ein großes Problem war die große Anzahl von ausschließlich portugiesischer Literatur. So wird im Zusammenhang mit Migration sehr oft auf die Arbeiten von Santos verwiesen. Weitere vielzitierte portugiesische Studien über die Landwirtschaft sind die Arbeiten von Velho. Das nächste Problem bei der Literaturrecherche war das plötzliche Verschwinden einige Werke aus der Universitätsbibliothek, so z. B. der Band `Brasilien` der Tübinger Geographischen Studien oder die Aufsatzsammlung `Brasilien - heute`, herausgegeben von Briesemeister mit einem vielzitierten Aufsatz von Gerd Kohlhepp über die Industrialisierung und die mit ihr einhergehende Verdrängung der Kleinbauern.
Innerhalb des Amazonasgebietes variieren sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen Gegebenheiten sehr stark. Auf Grund der begrenzten Kapazität der Arbeit und der unendlichen Mannigfaltigkeit des Amazonasgebietes sah ich mich deshalb gezwungen, teilweise stark zu pauschalisieren. Diese kommt vor allem bei Erklärung der Landnutzung in einem sehr weitläufigen Gebrauch der Begriffe terra-fírme, várzea sowie shifting culivation zum Ausdruck.
Auch die Regierung hat bei den Besiedelungsaktionen ökologisch gesehen das Gleiche getan, was sich in zahlreichen Fehltritten und einer großen
Diskrepanz zwischen Plan und Durchführbarkeit äußert. Zwar ist es im Gegensatz zur Regierung nicht meine Aufgabe, Patentlösungen für brasilianische Probleme vorzulegen, doch möchte ich ausdrücklich auf die starke Vereinfachung der Thematik hinweisen, die dem Leser stets bewusst sein sollte.
1 Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística
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Landnutzung in Amazonien
Bei vielen Versuchen das amazonische Becken für Nahrungsmittel- oder auch Handelswarenproduktion in Wert zu setzen waren lediglich kurzlebige Erfolge zu verzeichnen. Als bildhaft hierfür ist die Besiedelung der Zona Bragantina zu sehen. Die 1908 eröffnete Bahnstrecke Belém - Braganca bot vornehmlich Siedlern aus dem ariden Nordosten oder dem Süden des Landes die infrastrukturelle Möglichkeit, sich in diesem Gebiet niederzulassen. Nach der Rodung der Fläche betrieben sie eine Art der Landwechselwirtschaft, was dazu führte, dass die Siedler die degradierten Felder schon nach wenigen Jahren wieder verlassen mussten. 2 Heute ist ein Großteil des Gebietes von minderwertigem Sekundärwald (capoeira) überzogen. Auch die Bemühungen der Großindustrie Feldfrüchte für die Vermarktung in großen Plantagen zu etablieren, schlugen meistens fehl. Zu nennen ist hier beispielsweise die Kautschukplantage der Fordlandia entlang des Rio Tapajos.
Im Gegensatz dazu wussten jedoch die Indigenen und die caboclos um die ökologische Beschaffenheit des Amazonasgebietes. Die Landwechselwirtschaft dieser Gruppen war lange Zeit ertragreich genug, um diese Bevölkerung mit Reis, Bohnen, Mais und Früchten zu versorgen. Die geringe Bevölkerungsdichte erlaubte ihnen, ihre Felder lange genug brachliegen zu lassen, so dass sich der Boden wieder in den natürlichen Nährstoffkreislauf einfügen und nach etlichen Jahren erneut bestellt werden konnte. Ihre Proteine erhielten sie in Form von Fisch aus den Flüssen oder gejagtem Wild. Einige von ihnen sammelten sporadisch Nüsse oder andere Waldprodukte und verkauften diese auf den lokalen Märkten. Leider wird der Gruppe der caboclos heute oft Verachtung entgegengebracht, anstatt von ihnen über die Beschaffenheit der Wälder Amazoniens zu lernen. 3
Landschaftsökologisch stehen sich in Amazonien zwei Bereiche gegenüber 4 , deren unterschiedliche Naturausstattung ebenso unterschiedliche Nutzungsformen hervorgebracht hat. Diese beiden Bereiche - terra-firme und várzea - sollen im Folgenden beschrieben werden.
2 Siehe Kap. 2.1.3
3 Barrow, C. (1990): Environmentally Appropriate, Sustainable Small- farm Strategies for Amazonia, S. 363
4 Eine gute Übersicht über die Böden und die Vegetation ist u.a. zu finden bei: Pires, J. M./ Prance, G.T. (1985): The Vegetation types of the Brazilian Amazon, S. 133
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Terra- Firme 5
98,5% des amazonischen Gebietes entfallen auf die Hochwasserfreien Terra- firme Böden. Lange Zeit sah man in dem üppigen Wuchs des Regenwaldes ein Sinnbild für die hohe Fruchtbarkeit des Bodens, doch verdankt die Vegetation ihre Üppigkeit nicht dem Boden, sondern allein den hohen Niederschlägen. Nach Sioli gehören sogar 90% der Böden der Terra- firme zu den unfruchtbarsten der Welt. 6 Der Großteil der Nährstoffe befindet sich hier in der mächtigen Vegetationsdecke über dem Boden und kehrt im natürlichen Nährstoffkreislauf früher oder später auch wieder dorthin zurück. Das hat zur Folge, dass bei der Rodung, hier zumeist durch Fällen und anschließendem Abbrennen der Baumreste, ein großer Teil der geringen Nährstoffsubstanz der Sandsteinböden vernichtet wird. 7
Besiedelung
Trotz schlechter Bedingungen leben schon lange Zeit Menschen in diesen Gebieten. Sie ernährten sich zuerst hauptsächlich von Extraktion und Jagd, später auch zu einem geringen Teil von der Landwirtschaft. 8 Die Indigenen und caboclos ließen sich in früheren Zeiten zumeist entlang der Flüsse nieder, an denen sie ihre Nahrung durch Fischfang ergänzen konnten. Die Siedler, die sich seit den 30er Jahren in den Terra- firme Gebieten liedergelassen hatten, bepflanzten ihre Äcker nach der anfänglichen Brandrodung mit Jahreskulturen wie Reis, Mais oder Bohnen. 9
Im Laufe der 70er Jahre kamen Tausende von Pionieren nach Amazonien mit der Aussicht, ein Stück Land in den ausgewiesenen Ländereien an den neuerbauten Strassen zu kaufen. Diese waren zumeist Kleinbauern aus dem von Dürre geplagten Nordosten, den früheren Kaffeeplantagen Paranas oder anderen südlichen Gegenden, wo sie durch die Mechanisierung der großen Soja- und Zuckerrohrplantagen ihre Arbeit als Kleinbauern verloren haben und vertrieben wurden. Zwar übernahmen diese zumeist von den caboclos das System des Anbauflächenwechsels, doch pflanzten sie auf Empfehlung der Regierung 10 nicht die Bandbreite an Produkten an, wie ihre Nachbarn aus den caboclo- Familien. Ihr Ziel war nach dem anfänglichen Anbau von Jahreskulturen wie Mais, Reis oder Bohnen zur Subsistenzsicherung
5 Der Ausdruck wird hier sowohl für die Vegetation als auch die Böden gebraucht
6 Vgl. Sioli, H. (1984): Former and recent utilization of Amazonia and their impact on the environment, S. 676
7 Vgl. Wilhelmy, H. (1980): Amazonien als Lebens- und Wirtschaftsraum, S. 144
8 Vgl. Sioli, H. (1984), a. a. O., S. 676
9 Vgl. Barrow, C. (1990), a. a. O., S. 365
10 Vgl. Fearnside, P.M. (1985): Agriculture in Amazonia, S. 396
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eine Erweiterung zu marktorientierten, mehrjährigen Kulturen wie Kakao, Kautschuk, Kaffee oder auch Jute. 11
Die homogeneren Felder erlaubten ihnen dann zwar die Produktion von Überschüssen, die sie auf den lokalen Märkten verkaufen konnten, jedoch waren ihre Kulturen wesentlich anfälliger für Krankheiten und Schädlinge und hinterließen ein in größerem Maße verwüstetes Land. 12 Hinzu kamen die oft sehr hohen Transportkosten auf Grund der großen Distanzen zu den Märkten. Die Empfehlungen der Regierung, auf die sich die von den Naturgegebenheiten Ahnungslosen verlassen mussten, hatten einen beträchtlichen Anteil am Scheitern des Kolonisationsvorhabens. Dies wird unter anderen am Misserfolg von 1973 deutlich, als die Kolonisten an der Transamazonica, aufgrund einer bislang nicht für den Anbau in den Tropen getesteten Reissorte, einen Ernteausfall hatten. Für die gerade angesiedelten Bauern bedeutete dies einen harten Rückschlag. 13 Hinzu kamen zu hohe Erwartungen und voreilige Bankkredite für Saatgut und Dünger, durch den sich die fehlende Kenntnis über die Beschaffenheit der Böden zumindest teilweise und auf kurze Zeit substituieren ließ. 14 Fearnside bemerkt hierzu „colonists´ agriculture efforts (were) failing both agronomically and economically“ 15 . Für das kolonisierte Gebiet an der Transamazônica (siehe Kap. 3.3.1.) hat Moran aus genannten Gründen nachgewiesen, dass die caboclos eine doppelt so hohe Produktivität pro Hektar erreichten wie die Kolonisten in ihrer direkten Nachbarschaft. 16
Einen zweiten großen Unterschied zwischen den caboclos und den Pionieren entdeckt man bei der Betrachtung der Brachezeit. Während die caboclos die verlassenen Felder erst nach einigen Jahren - wenn sich capoeira etabliert und sich in den natürlichen Nährstoffkreislauf des Waldes eingegliedert hatte - wieder bestellten, rodeten die Kolonisten die sich regenerierenden Felder oft schon nach zwei Jahren, da sie nicht an einer nachhaltigen Nutzung interessiert waren. 17 Wie bereits erwähnt galt ihr Interesse vielmehr der schnellen Produktion von raschwachsenden Jahreskulturen als Lösung ihrer finanziellen Probleme, während sie darauf warteten, sich einen höheren Kapitalinput für Dauerkulturen oder Viehzucht leisten zu können bzw. terra- firme ihr
11 Vgl. Barrow, C. (1990), a. a. O., S. 365
12 Vgl. Sick, W.-D. (1993): Agrargeographie, S. 113
13 Vgl. Moran, E. F. (1981): Developing the Amazon, S. 137
14 Vgl. erstes Gossensches Gesetz. Siehe hierzu u. a. Baßeler, U./ Heinrich, J. (2001): Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft, S. 154
15 Fearnside, P. M. (1985), a. a. O., S. 396
16 Vgl. Moran , E. F. (1981), a. a. O., S. 142
17 Vgl. Sioli, H. (1984), a. a. O., S. 686
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Land gewinnbringend an jemanden zu verkaufen, der eine der genannten Wirtschaftsformen dort etablierte.
Um die Landnutzung in den Gebieten zu veranschaulichen, berufe ich mich nun auf das Beispiel der Untersuchungsregion 18 von Henkel - die Landwirtschaftlichen Aktivitäten in dieser Region spiegeln die allgemeinen Nutzungsformen Amazoniens wider. 19
Extraktions und Sammelwirtschaft
In der Untersuchungsregion erfolgt die Jagd mit wenigen Ausnahmen lediglich als Nebenerwerb, schon allein deshalb, da ausreichende und ergiebige Jagdreserven nur in wenigen Arealen des Altsiedellandes oder in Primärwäldern der Agrarfront vorkommen. Die Hauptjagdtiere sind das Reh und der Brüllaffe, wobei auch Gürteltiere, Faultiere und Wildschweine auf dem Speiseplan stehen. Neben der Fleischversorgung wird auch das Fell der Tiere genutzt. Die Jagd wird vor allem von den längeransässigen Bewohnern und hier insbesondere von den Paraensern betreiben, während sich die Nordestinos nur selten zur Jagd entschließen.
Fischfang wird in geringerem Maße betrieben, weil die Kommerzialisierung von Süßwasserfischen nur in geringem Umfang erfolgt. Auch liegt dies daran, dass die Hochseefischereizentren, wie beispielsweise Braganca, räumlich relativ nahe liegen und die Innlandsbevölkerung mit Fisch versorgen. Im Gegensatz zur Jagd bedeutet der Fischfang allerdings eine tägliche Nahrungsquelle, auf die viele Bauern neben der Landwirtschaft angewiesen sind.
Der große Vorteil der Jagd und des Fischfangs liegt im geringen wirtschaftlichen Input, da außer Waffen, Munition und Fischfanggerät nur der Produktionsfaktor Arbeit benötigt wird.
Von der Sammelwirtschaft soll hier, da sie in dem Untersuchungsgebiet von Henkel nur in Form von Lianen vorkommt, lediglich gesagt sein, dass sie nicht nur mit positiven Faktoren - wie zusätzliches Einkommen oder Devisenerwirtschaftung des Staates durch Export - verbunden ist. Beispiel hierfür ist die Extraktion von Palmherzen. Eine steigende Nachfrage aus dem Ausland
18 Diese liegt in der Mesoregion Leste Paraense, bildet die Mikroregionen Salgado, Bragantina Guajarina und Belém, umfasst eine Fläche von 41.915 qkm (3,4% der Staatsfläche Parás) und ist durchschnittlich etwa 130 km von Belém entfernt.
19 Vgl. Henkel, Karl (1984): Agrarstrukturwandel und Migration im östlichen Amazonien (Pará, Brasilien), S. 200
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ließen zwar Sammler, Industrie (Verarbeitung) und Staat (Deviseneinnahme) gleichermaßen profitieren, doch verteuerte sich der aus den Früchten gewonnene Saft, der insbesondere zu den Grundnahrungsmittel der unteren Bevölkerungsschichten gehörte, erheblich. 20 Die Formen der Extraktion und des Sammelns, der noch die Holzwirtschaft und die Goldsuche hinzuzufügen sind, stellen für die meisten Bauern lediglich eine Ergänzung zu ihrer eigentlichen Einkommensquelle, der Landwirtschaft, dar.
Um die folgende Beschreibung der Landnutzung unter dem richtigen Blickwinkel zu betrachten bedarf es an dieser Stelle zunächst einer Erklärung des für diese Gebiete typischen Betriebssystems - der shifting cultivation.
Das System der shifting cultivation
Bereits zu Beginn der Besiedelung der amazonischen terra- firme Bereiche wurden neue Flächen im System des Anbauflächenwechsels bewirtschaftet.
Die Erschließung erfolgt dabei zuerst durch einen groben Ausschlag mit darauf folgendem Abbrennen der natürlichen Vegetation. Diese Form der Landwirtschaft - im Folgenden shifting cultivation 21 genannt - dient auch heute noch in den meisten Entwicklungsländern der Selbstversorgung. Nach zwei bis vier Jahren lässt der Ertrag jedoch nach, da sich nun die sinkende Speicherfähigkeit des Bodens für Nährstoffe als Folge der Rodung bemerkbar macht. Hatten die Siedler nicht die Möglichkeit, die Bodenqualität durch einen erhöhten Düngereinsatz 22 auszugleichen, wurden sie gezwungen, das Feld zu verlassen und benachbarte Areale für ihre Nutzung zu entwalden oder abzuwandern. Dieser Mobilitätszwang verhinderte die Entwicklung eines geländespezifischen agronomischen Wissens, wie die Indigenen es besitzen. 23 Die verlassenen Felder überziehen sich mit capoeira, falls die Bodenkrumme nicht schnell vom Regen abgetragen wird und die fossilen Böden - aus der Zeit eines pleistozän wechselfeuchten Klimas - an die Oberfläche treten. Diese sterilen Steinpflaster, überzogen von heideartiger Vegetation, können heute besonders auf den verlassenen Feldern privater terra- firme
20 Vgl. Henkel, K. (1994), a. a. O., S.204.
21 Zu dieser Begrifflichkeit, weiteren Kriterien und Definitionen siehe Henkel, K. (1994), a. a. O., S. 209/ 210.
22 Vgl. auch hierzu erstes Gossensches Gesetz, Baßeler, U./ Heinrich, J. (2001), a. a. O., S. 154.
23 Vgl. Barrow, C. (1990), a. a. O., S. 363.
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Kolonisationen, v.a. in der landwirtschaftlich am intensivsten genutzten und dichtbesiedelten Zona Bragantina, im östlichen Pará gelegen, beobachtet werden. 24
Bei geringer Bevölkerungsdichte stellt dieses System sich zwar durchaus als sehr gut an die natürlichen Gegebenheiten angepasst dar, wenn jedoch mit wachsender Bevölkerungsdichte sich die Ertragsfähigkeit in verkürzter Brachezeit (sinnvoll sind 20-30 Jahre) nicht mehr ausreichend regenerieren kann, kommt dieses System eher einem Raubbau gleich. 25 Die shifting cultivation wird von Agronomen auch deshalb oft abgelehnt, weil die Überschussproduktion wesentlich geringer als beispielweise bei der Plantagenwirtschaft 26 ausfällt und es den Bauern somit nur schwer möglich ist, sich in der Marktwirtschaft zu etablieren. Hinzu kommt das Problem der steten Entwaldung, wobei zu bemerken ist, dass der Großteil der entwaldeten Flächen Amazoniens auf das Konto der Rinderwirtschaft geht. 27
Der entscheidende Unterschied zwischen dieser Nutzungsform im Gegensatz zur Anlage von Dauerkulturen ist das Auskommen mit nur geringem äußeren Input. Vor der Ernte bedarf es keines Inputs in Form von Dünger, Pestiziden oder technischer Anlagen. Bei der Diskussion, ob dem Anbau von Grundnahrungsmitteln oder Exportprodukten den Vorzug eingeräumt werden soll, lassen sich grundsätzlich zwei nicht miteinander zu vereinbarende Positionen unterscheiden: Den staatlichen Stellen ist zum einen an der Grundnahrungsmittelproduktion gelegen, um die wachsenden Städte mit billigen Nahrungsmitteln versorgen zu können; andererseits bieten Exportprodukte eine zwar abnehmende, aber sichere Quelle für dringend benötigte Devisen. 28
Charakteristisches Zeichen aller amazonischen Betriebe, die shifting cultivation betreiben, ist der vorwiegende Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Mais, Bohnen und Maniok.
Dauerkulturen
Im Gegensatz zu der bereits erklärten shifting cultivation versprach sich ein Großteil der Bauern von der Pflanzung von Dauerkulturen, wie z.B. Kakao, Kaffee, Kautschuk oder schwarzem Pfeffer, regelmäßigere und wertvollere Erträge.
24 Vgl. Wilhelmy, H. (1980): a. a. O., S. 145.
25 Vgl. Sick, W.-D. (1993),a. a. O., S. 116.
26 Gekennzeichnet durch einen hohen Arbeits- und Kapitaleinsatz bei marktwirtschaftlicher Orientierung, vgl. ebd. S. 100.
27 Vgl. Fearnside, P. M. (1985), a. a. O., S. 395.
28 Vgl. Henkel, K. (1994), a. a. O., S. 241.
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Die Kleinbauern gingen erstens davon aus, dass sich die hohen Kosten für das Anlegen einer Plantage und die permanent notwendige Nährstoffzugabe im Wert des Produktes niederschlagen werde. Zweitens nahmen sie an, dass die Degradierung des Bodens durch eine Eingliederung der Kultur in das Agroökosystem minimal sei. 29 Es dauerte jedoch nicht lange bis man begriff, dass die Dauerkulturen durch ihre hohe Anfälligkeit für Schädlinge und Krankheiten alles andere als dauerhaft waren und keine gesicherte Einkommensquelle darstellte. Entscheidendes Merkmal des Dauerkulturanbaus ist die Marktausrichtung und die damit einhergehende Marktabhängigkeit. 30 Zwar ist grundsätzlich davon auszugehen, dass das anfängliche Anlegen von Dauerkulturen aufgrund des hohen Kapitalbedarfs hauptsächlich in Regionen vorkam, in denen der Staat die Bauern finanziell unterstützte 31 - doch gibt es auch hier Ausnahmen: So widmeten sich zum Beispiel die Japaner und auch die Kolonisten in Agua Preta 32 von Beginn an dem Anbau von Pfeffer, aber dazu später mehr.
Als in den 80er Jahren die Preise von Kakao und Kaffee auf dem Weltmarkt fielen, die Preise für Dünger und Pestizide aber unverändert hoch blieben, konnten viele der Bauern, speziell in Rondônia, die hohen Kosten der Instandhaltung und Vermarktung ihrer Produkte nicht mehr tragen. 33 Sie waren zu erneuter Migration in die Stadt oder an die nächste Pionierfront gezwungen.
Fallbeipiel Kautschuk
Kautschuk bietet hier ein gutes Beispiel für das Schädlingsproblem der marktorientierten Monokulturen. Der einheimische Baum Helvea brasiliensis ist zwar sehr anfällig für einen bestimmten Pilzbefall, doch wurde durch ein weitgestreutes und vereinzeltes Wachstum der Bäume von Natur aus verhindert, dass der Pilz sich verbreitete und einer Epidemie gleichkam. 34 Die erste kommerzielle Kautschukplantage, im Jahr 1926 von der Fordlandia am Rio Tapajós errichtet, konnte bereits ab Mitte der 30er Jahre nicht mehr rentabel bearbeitet werden. Nachdem sie bereits nach ein paar Jahren vom Microcyclus befallen wurde, konnte sie wirtschaftlich nicht mit den Plantagen Südostasiens konkurrieren. 35 Allein der Hartnäckigkeit Fords und die
29 Vgl. Fearnside, P. M. (1985), a. a. O., S. 400.
30 Vgl. Henkel, K. (1994), a. a. O., S. 214.
31 wie es z.B. bei den Kolonisationsprojekten in Rondônia durch die CEPLAC 31 geschah.
32 Eine der von Henkel untersuchten Regionen.
33 Vgl. Barrow, C. (1990), a. a. O., S. 366.
34 Über die Diversität in Amazonien, siehe z.B. Fittkau, E. J. (1987): Tropische Regenwälder: Ihre ökologischen Probleme am Beispiel Amazoniens, S. 66.
35 Vgl. Barrow, C. (1990), a. a. O., S. 360.
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Quote paper:
Magister Artium Henning Grobe, 2004, Agrarstrukturwandel und Migration in Amazonien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
Die Maori - Erste Siedler Neuseelands
Ethnology / Cultural Anthropology
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Henning Grobe's text Agrarstrukturwandel und Migration in Amazonien is now available as a printed book
Henning Grobe has published the text Agrarstrukturwandel und Migration in Amazonien
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