Theorieteil
Literatur im DaF – Unterricht
Das Lesen ist ein komplexer Prozess, bei dem der Leser unterschiedliche Ebenen der Sprache wahrnimmt und zueinander in Beziehung setzt. Er erkennt einzelne Strukturen und erarbeitet sich eine Bedeutung sowie einen Sinnzusammenhang. Diese „Sinnstiftung“ ist bei geübten Lesern in der Muttersprache ein automatisiertes Verhalten. Der Leseprozess ist demnach als aktiv zu bezeichnen. Aber nicht nur das, er ist auch interaktiv: Der Leser nimmt nicht nur neue Informationen auf, er tritt vielmehr in eine Interaktion mit dem Text, indem er seine Informationen aufnimmt, sie mit den eigenen verbindet, das Erlesene in sein Weltbild einordnet. Er ergänzt und erweitert die Textaussagen mit seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Wissen.
Die Interaktivität lässt einen Leser zwischen einem Sach- und einem Literaturtext unterscheiden. Die Literatur ruft neben den Gefühlen und Emotionen, die beim Lesen eines Sachtextes entstehen, (Überraschung, Ärger, Schuldgefühl, Scham) auch andere, spezifische Empfindungen wie: Irritation, Freude, Trauer, Aha- Erlebnisse hervor. Durch eine solche Emotionalität, die durchaus beabsichtigt ist, lässt sich der Leser stärker motivieren, er kann sich mit einem solchen Text stärker identifizieren, aus seiner eigenen Weltperspektive und seinen Erfahrungen schöpfen und damit die Textinformation einfacher aufnehmen.
Die subjektive Welt des Lesers wird durch literarische Texte stärker stimuliert, denn diese wirken durch ihre besonderen Merkmale als Indikator der Sprache selbst. Durch ihren Aufbau und ihre Eigenschaften wecken sie sowohl auf der sprachlichen, als auch auf der Inhaltsebene, immer wieder Irritationen, Beunruhigung, Fragen auf. Dem gegenüber stellt ein Leser seine Vorstellungen,
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Erfahrungen, Phantasien und Kenntnisse. Auf diese Weise bildet er bereits beim Lesen Hypothesen und Erwartungen, er belebt den Text durch sich selbst und wird erst durch ihn dazu befähigt. Die Motivation, die durch den Text erzeugt wird, hat oft zu Folge, dass der Leser seine Sprachschwierigkeiten zu überwinden sucht, um den Text auf allen Ebenen aufnehmen zu können. Dies bedeutet, dass der Lehrende hierbei nur die Rolle eines Wegweisers spielen kann, denn der Text selbst übernimmt seine Aufgaben: Er stellt selbst Fragen und ruft Erwartungen hervor. Oft liefert er ebenfalls die Antworten. Durch den Umgang mit literarischen Texten lernt der fremdsprachliche Leser nicht nur die Sprache kennen, er lernt sie auch so zu schätzen, als ob es seine eigene wäre. Denn jeder Leser und Lerner vergleicht die eigene und die fremde Sprache miteinander. Bei Sachtexten ist dies ein sinnloses Unterfangen, da sie sich lediglich an Fakten orientieren, versuchen sachlich und präzise zu wirken. Die Literatur allerdings nutzt die Sprache auf allen ihrer Ebenen. Sie enthält bestimmte Idiome, ist ambivalent, mehrdeutig, lückenhaft, polemisch, poetisch, rhetorisch etc. Die fremde Sprache spricht Gefühle an, ruft Emotionen hervor und ist damit der Muttersprache auf einem bestimmten Niveau verwandt.
Es lässt sich auf allen Sprachniveaus mit Literatur unterrichten. Bei den Fortgeschrittenen Lernern kann man sehr viel tiefer gehen, den Text analysieren, den Hintergrund erläutern (geschichtlich, biografisch etc.). Man ist in der Lage, den Lernern einen literarischen Text so zu präsentieren, dass sie (ähnlich den muttersprachlichen Schülern) sich in die Lage versetzt fühlen, eine selbstbewusste Interpretation vorzunehmen. Dies erreicht man, indem man die Lerner beim Lesen ständig dazu ermutigt, sich beim Leseprozess fortwährend ernst zu nehmen.
Bereits in der Anfänger- und Mittelstufe kann man und sollte es auch, mit Literatur arbeiten. Hier empfiehlt es sich allerdings, eine Art konkreter Interpretation vorzuziehen. Um den Leseprozess zu fördern und die Beteiligung zu verstärken, kann man Methoden wie
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Hypothesen bilden, Fortsetzungen schreiben oder etwa die Perspektiven von literarischen Figuren einnehmen, anwenden. Das führt natürlich zu keiner Textanalyse, doch werden die Lerner dadurch nicht entmutig, da sie die Möglichkeit haben, nicht nur den Text zu lesen, sondern ihn auch effektiv verändern und gestalten zu können. So äußern sie ihre eigene Welt durch den Einbezug von ihren Erwartrungen, Wünschen, Phantasien, Urteilen und Einstallungen. Der Text befähigt sie zu der subjektiven Sicht auf ein bestimmtes Thema. Durch die Literatur lernen sie ebenfalls die Sicht der Mitlerner kennen, so dass der Unterricht in einer Diskussion aufgeht. Neben der Sprache selbst also gewährt die Literatur sowohl die Einsicht in die fremde Kultur als auch in die Herzen der Mitmenschen.
Das Lese- und Textverstehen
Ein Leser steht nicht unter Druck. Die im Text enthaltenen
Informationen sind nicht flüchtig wie bei gesprochener Sprache, vielmehr sind sie ständig präsent. Der Leser hat also Zeit, sich in Ruhe und konzentriert mit dem Text auseinander zu setzen. Aus diesem Grund eignen sich Lesetexte zur Einübung von Verstehensstrategien. Das Lesen ist somit eine gute Übung für das spätere Hörverstehen. Bei einem Text hat der Leser alle Ebenen der Sprache vor sich präsent. Er muss den Text nicht linear aufnehmen. Vielmehr kann er querlesen, von Absatz zu Absatz springen, etc. Er muss sich dem Text nicht so weit anpassen wie der Hörer, der an die Linearität der gesprochenen Sprache gebunden ist. Leseverstehen eignet sich deswegen besser für die Erschließung komplexer, bzw. „schwieriger“ Texte und Textformen. Da der Leser nicht unter Zeitdruck steht, lassen sich mehrere verschiedene Teilhandlungen abarbeiten: Das Schließen von Verstehenslücken, Konzentration auf das Bekannte (und damit die leichtere Erschließung des Unbekannten, etwa in Sachtexten), das Erarbeiten von Hypothesen
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über den Textinhalt. Auch die Verstehensebenen können besser im Text erarbeitet werden, wie globales oder selektives Verstehen. Aus den hier genannten Gründen lassen sich Texte in schriftlicher Form leichter dekodieren als vergleichbare Hörtexte. Es kann hier, je nach Text, das Totalverständnis gefordert werden, was bei Hörtexten kaum möglich ist und kein sinnvolles Lernziel darstellen kann. Außerdem sind schriftliche Textformen weitaus komplexer, durchdachter, sorgfältiger geplant und sprachlich gut ausformuliert, so dass die Regeln der Grammatik und der allgemeinen Sprachkonventionen eingehalten werden, was das Verstehen, in Anlehnung auf bekannte Strukturen, durchaus erleichtern kann.
Lesestile
In der Literatur werden verschiedene Lesestile unterschieden, die von der Textsorte und der Leseintention abhängen. Sie ermöglichen dem Leser, eine unterschiedliche Tiefe des Lese- und Textverstehens zu erreichen.
• Totales Lesen: Der Inhalt des Textes soll bei dieser Methode möglichst ganz erfasst und verstanden werden.
• Selektives Lesen: Bestimmte Informationen sollen aus dem Text entnommen werden.
• Kursorisches Lesen: Die wesentlichen Aussagen eines Textes sollen erfasst werden, dabei will man aus wenigen Informationen möglichst viel über den Textinhalt erfahren.
• Orientierendes Lesen: Das Ziel ist es, festzustellen, ob ein bestimmter Sachverhalt in dem Text referiert wird, ob der Text relevante Informationen über ein bestimmtes Thema enthält.
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Bartosz Nowak, 2002, Literatureinsatz im DaF-Unterricht an Beispiel von Theodors Fontane John Maynard, Munich, GRIN Publishing GmbH
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