1. Einleitung
„Du must mit der betrubede slac und in swerer leide an dir anderweide durch my ere und durch min lob dich
bewisen alsam Job, der in gedult sich hette ergeben.“ 1
Dies sagt Gott zu Eustachius, um ihn auf seine Prüfung durch den Teufel vorzubereiten. Gott verweist hier auf die Hiobgeschichte, um ein Beispiel mit ähnlichem Verlauf zu nennen.
Die Parallele zwischen der biblischen Hiobgeschichte und der Eustachiuslegende aus dem Väterbuch ist nicht zu übersehen. Der Dichter der Eustachiuslegende macht mit Verweisen auf das Buch Hiob auf diese Ähnlichkeit aufmerksam. Doch worin bestehen die Parallelen und worin die Unterschiede zwischen diesen beiden christlichen Erzählungen? Beschränkt sich die Ähnlichkeit der beiden Erzählungen auf die direkten Verweise des Dichters in der Eustachiuslegende auf das Hiobbuch, oder gibt es darüber hinaus weitere Parallelen?
In einem ersten Teil dieser Untersuchung sollen die typischen Elemente einer Märtyrerlegende, wie sie die Eustachiuslegende ist, besprochen werden. Weiter wird das Väterbuch vorgestellt, um dann den Inhalt der Eustachiuslegende zusammenzufassen. Auch wird der Inhalt des Hiobbuches zusammengefasst, um eine Ausgangslage für den Vergleich zu schaffen. In einem zweiten Teil werden die Stellen in der Eustachiuslegende genauer betrachtet, an denen direkt auf Hiob verwiesen wird, um zu untersuchen, ob die Handlungen an diesen Stellen parallel zum Hiobbuch verlaufen. Dann wird der Dialog zwischen Eustachius in seiner Legende und Hiob in der Bibel mit Gott verglichen, um auf diese Weise weitergehende Parallelen oder Unterschiede zwischen der Eustachiuslegende und dem Hiobbuch festzustellen.
2. Hauptteil
2.1 Die Märtyrerlegende
Die Märtyrerlegende stellt eine grosse Untergattung der Legenden mit spezifischen Elementen dar. Im Gegensatz zu anderen Legenden lassen die Märtyrerlegenden meist
1 Reissenberger, Das Väterbuch, S.535.
2
einen historischen, lokal bestimmten Handlungsort erkennen. 2 Dem Martyrium geht meist ein Prozess voraus, in dem der Heilige durch Verhör, Verlockung oder Folterung zum Verlassen des christlichen Glaubens bewegt werden soll. Der Märtyrer beweist sich aber gegen seine Richter, oft der Kaiser selbst, wie bei Eustachius, mit Weisheit und Demut durch die Kraft Gottes. Dieser Widerstand lässt die Richter umso mehr seinen Tod fordern. Hier setzt in der Märtyrerlegende oft die Erzählung vom „unzerstörbaren Leben“ ein. Die Tötungsversuche des Machthabers am Märtyrer scheitern immer wieder an dessen wunderbaren Kräften. So sterben zum Beispiel Eustachius und seine Familie nicht, als sie einem Löwen vorgeworfen werden. Erst nachdem die Macht Gottes genug bewiesen worden ist und der Heilige mit seinem Tod einverstanden ist, lässt er sich töten. 3 Der Hinrichtungsprozess ist also nicht nur mit Folter verbunden, sondern auch mit Wundern. Die Zahl der erlittenen Folterungen zeigt noch mehr Glaubenskraft und Opferbereitschaft des Heiligen, während die Zahl der durch Wunder überlebten Tötungsversuche oder die Wunder beim Verhör die Macht Gottes bestätigen. 4
Die Vorgeschichte des Märtyrers bis zu seiner Hinrichtung variiert in verschiedenen Legenden. Gewisse Legenden beschränken sich darauf, nach den Angaben zu Herkunft und Stand des Heiligen bloss vom unmittelbaren Verhaftungsgrund vor dem Verhör zu berichten. Die Verhaftungsgründe sind jedoch ähnlich: Auffällige christliche Lebensführung, Profiliertheit durch ein kirchliches Amt, der Wunsch sich für schwächere Christen einzusetzen, die Verweigerung, einem heidnischen Gott zu opfern, wie es bei Eustachius der Fall ist, oder einfach der Befehl Gottes, sich dem Martyrium auszusetzen. Die Vorgeschichte verbindet sich in einigen Legenden auch mit einer Rückblende bis zur Kindheit, damit die Exemplarität des Heiligen besser dargestellt werden kann. In der Vorgeschichte werden zum Teil auch Themen eingebunden, die nicht unbedingt der christlichen Tradition angehören. So liegt in der Eustachiuslegende das Schwergewicht der Geschichte vor dem Martyrium eher in der Tradition des hellenistischen Familienromans mit der typischen Trennungs- und Wiederfindungsszene der Familie. 5 Die Nachgeschichte der Hinrichtung besteht meistens in der Bestattung des heiligen Leichnams, wie bei Eustachius, und im Tod des Richters als Strafe Gottes. Die Nachgeschichte lässt im
2 Woesler, Die Legende, S.236.
3 Woesler, Die Legende, S.240.
4 Feistner, Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters, S.28.
5 Feistner, Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters, S.29-31.
3
Allgemeinen weniger Freiraum offen als die Vorgeschichte. 6 Ingesamt betrachtet ist das Schema der Märtyrerlegende substantiell und strukturell ziemlich konventionalisiert und auf ein eng begrenztes Repertoire stereotyper Elemente festgelegt, vor allem wenn der Freiraum der Vorgeschichte nicht benutzt wird. 7
Die Märtyrerlegenden waren während des gesamten Mittelalters sehr beliebt. Die Geschichten der Märtyrerlegenden mit dem typischen Erzählzusammenhang liess sich gut überblicken und memorisieren, dabei konnten spektakuläre Besonderheiten vorkommen wie zum Beispiel ein spezifischer Foltergräuel oder eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Bei der Eustachiuslegende wären diese Besonderheiten wohl die Begegnung mit dem Hirschen und die Trennungs- und Wiederfindungsgeschichte seiner Familie. Märtyrerlegenden boten zudem die Möglichkeit, Glaubensüberzeugung und Opferbereitschaft zu demonstrieren und stellten einen didaktischen Anknüpfungspunkt dar, indem dem Heiligen beim Verhör vor den Ungläubigen die theoretischen und praktischen Glaubensgrundlagen in den Mund gelegt wurden. 8 Schliesslich hatten Märtyrerlegenden auch die Funktion, politische Macht zu deklarieren, indem zum Beispiel ein Widerstand gegen einen ungläubigen Herrscher legitimiert werden konnte. 9
2.1.1 Das Väterbuch
Das Väterbuch, das am Ende des 13.Jh. entstanden war und dem Verfasser des „Passionals“ zugeschrieben wird, umfasst eine umfangreiche Sammlung von mittelhochdeutschen Legenden. Der Dichter beschreibt in ihnen das Leben der Altväter. Die Altväter waren die ersten Mönche, die sich in die Wüste und in die Einsamkeit zurückzogen, um ein Vorbild für die Gemeinschaft darzustellen. Aber im Laufe der Arbeit erweiterte sich die Aufgabe des Dichters und er schilderte zur Erreichung seines Zweckes auch andere Persönlichkeiten, die ein weltabgewandtes, gottseliges Leben führten und als Muster dienen konnten. Den Abschluss findet das ganze Werk in einer Schilderung des jüngsten Gerichts. Der Hinweis auf das letzte Gericht ist ein wirksames Mittel, um
6 Feistner, Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters, S.28.
7 Feistner, Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters, S.31.
8 Feistner, Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelalters , S.90-91.
9 Woesler, Die Legende, S.240.
4
herbeizuführen, wieso das Leben, wie es die Altväter geführt hatten, zu befolgen ist. 10 Über den Dichter des Passionals und des Väterbuchs ist wenig bekannt. Man nimmt an, dass er, wegen seiner ausgebreiteten theologischen Bildung, ein Geistlicher war. 11 Das Väterbuch war sehr beliebt. Davon zeugen die alten Bibliothekskataloge und die vielen überlieferten Handschriftenbruchstücke. 12
2.1.2 Die Eustachiuslegende
Die Eustachiuslegende, die in der Legendensammlung des Väterbuchs enthalten ist, war in den katholischen Ländern im Mittelalter gut bekannt. 13 Als Wandererzählung, deren Wurzeln in den indisch-buddhistischen Kulturkreis zurückreichen, hat der Eustachius-Stoff nach seiner Verfestigung durch eine Übertragung ins Lateinische, die vermutlich in Rom unter Papst Gregor II. (715 n.Chr. - 731 n.Chr.) vorgenommen worden war, einen triumphalen Einzug in die lateinische, wie auch volkssprachliche Literatur des Abendlandes gehalten. Das lässt sich nicht nur an den vielen erhaltenen Abschriften sehen, sondern auch an ihrer früh erfolgten Rezeption, besonders in der altenglischen Hagiographie. 14
Der Inhalt der Eustachiuslegende im Väterbuch lässt sich wie folgt zusammenfassen: Placidus, ein Hauptmann der Armee Kaiser Trajans, ist ein guter, barmherziger Mann. Beim Jagen trifft er auf einen Hirschen mit einem Kreuz auf der Stirn. Der Hirsch gibt sich als Christus zu erkennen und fordert Placidus auf, sich taufen zu lassen. Seiner Frau ist Christus bereits in der Nacht zuvor im Traum erschienen. Zusammen mit ihren beiden Söhnen lassen sie sich vom Bischof Roms taufen: Placidus erhält den Namen Eustachius, seine Frau den Namen Theospita, und die Söhne werden Agapius und Theospitus genannt. Am nächsten Tag spricht Eustachius wieder mit dem Hirschen, der ihm erklärt, dass er wie Hiob vom Teufel geprüft werden wird. Wenn er treu an Gott glaube, werde er nach dem Leiden von Gott belohnt. Kurz danach verliert Eustachius sein ganzes Eigentum, und verlässt Rom mit seiner Familie. Als sie ein Gewässer überqueren müssen, besteigen sie eine Fähre. Der Fährmann merkt, dass Eustachius kein Geld besitzt und möchte Theospita
10 Reissenberger, Das Väterbuch, V.
11 Reissenberger, Das Väterbuch, VII.
12 Reissenberger, Das Väterbuch, XI.
13 Gerould, Forerunners, Congeners and Derivatives of the Eustace Legend, S.406.
14 Klein, Ein spätmittelalterliches Eustachius-Leben, S.56.
5
Arbeit zitieren:
Michiko Yamanaka, 2005, Die Eustachiuslegende und die biblische Hiobsgeschichte im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Körperdarstellungen in der vorkonstantinischen Märtyrerliteratur im Hi...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 30 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Michiko Yamanaka's Text Die Eustachiuslegende und die biblische Hiobsgeschichte im Vergleich ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Michiko Yamanaka hat den Text Die Eustachiuslegende und die biblische Hiobsgeschichte im Vergleich veröffentlicht
Michiko Yamanaka hat einen neuen Text hochgeladen
Wettbewerb und Risikostrukturausgleich im internationalen Vergleich
Erfahrungen aus den USA, der S...
Eberhard Wille, Volker Ulrich, Udo Schneider
Mose - Biblische Gestalt und literarische Figur
Thomas Manns Novelle "Das Gese...
Friedemann W. Golka
0 Kommentare